Rimpar (Unterfranken/Bayern)

  Bildergebnis für landkreis würzburg ortsdienst karteRimpar ist ein Markt mit knapp 8.000 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Würzburg – etwa zehn Kilometer nördlich von Würzburg gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/bayern/landkreis-wuerzburg).

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Rimpar - nahe Würzburgs - liegen vermutlich gegen Ende des 16.Jahrhunderts. Im Jahre 1577 wird der „Jude Schmul“ genannt, der mit Frau und Kindern in Rimpar wohnte und jährlich 40 Gulden Schutzgeld zu zahlen hatte und unter Repressionen seines Schutzherrn zu leiden hatte. Die hier lebenden Familien standen unter dem Schutz des reichsritterlichen Geschlechts derer von Grumbach. Im ausgehenden 17.Jahrhundert sollen in Rimpar fünf bzw. sechs jüdische Familien gelebt haben, die ihren Lebenserwerb mit dem Handel bestritten. Neben zwei wohlhabenderen, im Viehhandel tätigen Familien lebten die anderen in ärmlichen Verhältnissen und verdienten ihr schmales Brot nur durch Kleinhandel mit diversen Waren. Im Folgejahrhundert verdoppelte sich die in Rimpar ansässigen jüdischen Familien (vgl. dazu: Statistik).

Die Rimparer Synagoge wurde 1792 inmitten von Juden bewohnter Häuser in einer bislang genutzten Scheune eingerichtet und lag - nach Auflagen des hiesigen Pfarrers - etwas abseits von der Dorfstraße ( der Ort selber, auf welchen die Bettstuben angerichtet werden solle, wäre von der Gassen ab- und gegen das Feld gelegen, dahin alßo weit schicklicher, als die vorige gebauet werden könne “); sie ersetzte eine baufällig gewordene Betstube in einem Privathause. Für das Betreiben der Synagoge musste die Gemeinde ein jährliches „Bekenntnisgeld“ von zwei Gulden an das Hochstift abführen.

Mitte des 19.Jahrhunderts wurde dann das Synagogengebäude um eine Frauenempore erweitert; diese war über einen nebenstehenden achteckigen Treppenturm, dem einzigen seiner Art in Franken, zu erreichen.

Die ehem. Synagoge (Aufn. aus: Sporck-Pfitzer)  -  Hochzeitsstein

Neben der Synagoge verfügte die Kultusgemeinde auch über ein Gemeindehaus und eine Mikwe.

Bei der Erstellung der Matrikellisten hatten 23 jüdische Familienvorstände ihren Wohnsitz in Rimpar; von ihnen bestritt der Großteil seinen Lebensunterhalt mit Vieh- und Warenhandel aller Art.

Als die sog. „Hep-Hep-Unruhen” 1819 von Würzburg auf einige benachbarte Landgemeinden – so auch auf Rimpar - übergriffen, schändete der randalierende Mob die Synagoge und zerstörte Ritualien. Erst durch den Einsatz eines Militärkommandos konnte die Ruhe im Ort wiederhergestellt werden.

Außer dem Religionsunterricht erhielten die jüdischen Kinder gemeinsam mit allen anderen den Elementarunterricht an der katholischen Ortsschule; dafür musste die Kultusgemeinde einen festen Beitrag in die Gemeindekasse zahlen.

Auf den lange Jahre in Rimpar tätigen Lehrer Nathan Freund folgte 1868 Simon Buttenwieser, der neben der religiösen Unterweisung der Kinder auch als Vorsänger und Schächter tätig war. So hieß es in seinem mit der Gemeinde geschlossenen Kontrakt, dass ihm pro geschächtetem Rind 30 Kreuzer, pro Kalb, Ziege oder Schaf sechs Kreuzer Gebühren zuständen, die die Metzger an ihn zahlen mussten.

In Rimpar soll eine Zeitlang eine kleine orthodox geprägte „Vorbereitungsschule“ für die Lehrer- und Rabbinerausbildung bestanden haben.

Ihre Verstorbenen begrub die Judenschaft Rimpars auf dem jüdischen Bezirksfriedhof von Schwanfeld.*

*Anm.: Angelegt worden war diese jüdische Begräbnisstätte um 1580, nachdem die grumbachische Herrschaft dies gestattet hatte.

Juden in Rimpar:

    --- 1675 ..........................    5 jüdische Familien/Haushalte,

    --- 1698 ..........................    6 jüdische Familien,

    --- 1721 ..........................    5     “        “   ,

    --- 1762 ..........................   11     “        “   ,

    --- um 1790 .......................   14     "        "   ,

    --- 1814 ..........................  114 Juden (ca. 9% d. Dorfbev.),

    --- 1832 ..........................  130   “   (ca. 8% d. Dorfbev.),

     --- 1852 ..........................  147   “   (in 34 Familien),

     --- 1867 ..........................  142   “  ,

    --- 1880 ..........................   83   “   (ca. 4% d. Dorfbev.),

    --- 1900 ..........................   67   “   (ca. 3% d. Dorfbev.),

    --- 1910 ..........................   46   “  ,

    --- 1925 ..........................   47   “  ,

    --- 1933 ..........................   54   “  ,

    --- 1937 ..........................   46   “  ,

    --- 1939 ..........................   15   “  ,

    --- 1942 (Febr.) ..................    9   “  ,

             (Okt.) ...................    keine.

Angaben aus: Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, S. 74

und                 Synagogen-Gedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, Mehr als Steine ..., S. 789

Zu Beginn der NS-Zeit lebten noch etwa 50 Juden in Rimpar. Vom Boykott jüdischer Geschäfte am 1.4.1933 war in Rimpar die jüdische Metzgerei Juda Frank betroffen.

In der Nacht vom 9./10.November 1938 wurde die Synagoge aufgebrochen und die gesamte Inneneinrichtung demoliert sowie die Ritualien zerstört. Anschließend wurden Wohnungen von Juden beschädigt. Nach dem Novemberpogrom wurden alle noch in Rimpar lebenden jüdischen Familien gezwungen, in die beiden „Judenhäuser“ in der Kirchstraße und Berggasse einzuziehen. Mittlerweile hatte aber ein Großteil der Rimparer Juden seinen Heimatort bereits verlassen. Die letzten in Rimpar verbliebenen jüdischen Bewohner wurden Ende April 1942 - via Würzburg - nach Izbica bei Lublin deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind 30 gebürtige bzw längere Zeit in Rimpar wohnhaft gewesene jüdische Personen Opfer des Holocaust geworden (namentliche Nennung der betreffenden Personen siehe: alemannia-judaica.de/rimpar_synagoge.htm).

Vor der Großen Strafkammer Würzburg standen 1949 fünf Männer, die wegen schweren Land- und Hausfriedensbruch sowie schwerer Sachbeschädigung in Rimpar während der Novembertage 1938 angeklagt waren. Wegen Beweismangels wurde das Verfahren eingestellt.

 

Das ehemalige Synagogengebäude existiert noch; es befindet sich in Privatbesitz und wird als Lagerraum bzw. Stallung genutzt. Derzeit werden Überlegungen angestellt, das in einem unhaltbaren Zustand befindliche Gebäude zu sanieren; dabei gilt es vor allem, die noch vorhandenen Wandmalereien im Innenraum und den angebauten Treppenturm (er war Zugang zur Frauenempore) zu erhalten.

Treppenturm – ehem. Zugang zur Frauenempore (Aufn. Norbert Schwarzott)

Nach einem jüngst vom Rimparer Marktgemeinderat gefassten Beschluss (2019) soll das ehemalige Synagogengebäude abgerissen und ins Fränkische Freilandmuseum Fladungen transloziert werden; nun hat der Zweckverband Fränkisches Freilandmuseum Fladungen die Entscheidung getroffen, das inzwischen marode Gebäude - wegen zu hoher Kosten - nicht in seinen Bestand zu übernehmen. Deshalb ist man nun seitens der Rimparer Gemeinde bemüht, das Gebäude der Nachwelt zu erhalten.

Eine 1989 im Innenhof des Rathauses angebrachte Gedenktafel erinnert an die Synagoge und die einstige Kultusgemeinde von Rimpar:

In Rimpar bestand bis 1942 eine Jüdische Kultusgemeinde,

Synagoge Marktplatz 7,

die in der Pogromnacht außen beschädigt und innen verwüstet wurde.

Zur Erinnerung an unsere ehemaligen jüdischen Mitbürger.

2008 wurden an fünf Standorten in Rimpar 13 sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an ehemalige jüdische Bewohner erinnern sollen.

Rimpar Stolperstein Frank, Josef.jpgRimpar Stolperstein Frank, Else.jpgRimpar Stolperstein Frank, Fränzi.jpgRimpar Stolperstein Frank, Margot.jpgRimpar Stolperstein Frank, Inge.jpg

Rimpar Stolperstein Schwab, Pauline.jpgRimpar Stolperstein Schwab, Theodor.jpg verlegt Lömmelsgasse u. Kirchenstr. (Aufn. bcr, 2018, aus: commons.wikimedia.org CC BY-SA 4.0)

Rimpar beteiligt sich – wie zahlreiche andere unterfränkische Kommunen – am Projekt „DenkOrt Deportationen 1941-1944“; Schüler/innen des Gymnasiums Veitshöchheim fertigten eine Koffer-Skulptur an, die im Innenhof von Schloss Grumbach und als Doublette am Gedenkort in Würzburg ihren Platz findet.

 Rimpar ist der Geburtsort von Heinrich Lehmann, dem Gründer der US-Investmentbank Lehman Brothers. Im Alter von 23 Jahren wanderte er zusammen mit seinen beiden Brüdern Emmanuel und Henry 1844 nach Nordamerika aus, wo er zunächst ein Gemischtwarengeschäft in Montgomery/Alabama begründete. Zusammen mit seinem Bruder Emanuel erweiterte er die Geschäftstätigkeit über den Handel mit Baumwolle hin zum Bankgeschäft. - Nach dem Sezessionskrieg wurde der Firmensitz nach New York verlagert. Hier entstand nach einigen Jahrzehnten wechselvoller Firmengeschichte die Investmentbank Lehmann Brothers, die weltweit vertreten war. 2008 musste sie im Zuge der Finanzkrise Insolvenz anmelden. 

 

Weitere Informationen:

Alfons Arnold, Rimpar. Beiträge zur fränkischen Heimat- und Landesgeschichte, dargestellt am Schicksal seiner Menschen und am Werdegang des Dorfes, Rimpar 1964/1969 (drei Teile)

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 392/393

Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, Hrg. Landkreis Würzburg, Echter-Verlag, Würzburg 1988, S. 72 - 74

Christoph Daxelmüller, Jüdische Kultur in Franken, Echter Verlag, Würzburg 1988, S. 43 f.

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 116

Roland Flade, The Lehmans - From Rimpar to the New World. A Family History, Würzburg 1996

Rimpar, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- und Bilddokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: "Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg", Band 13, Würzburg 2008, S. 274/275 

Nadja Hoffmann (Red.), RIMPAR. Stolpersteine gegen das Vergessen. Besondere Aktion will in Rimpar an ermordete jüdische Mitbürger erinnern, in: „Main-Post“ vom 17.9.2008

Kurt Mintzel (Red.), RIMPAR. Förderverein soll die ehemalige Synagoge retten. Nicht alles verfallen lassen, in: "Main-Post" vom 12.11.2008

Irene Konrad (Red.), Rimpar – Unterschriften für die Synagoge. Engagierte Rimparer wollen einen öffentlichen Zugang zum ehemaligen Gebetshaus, in: „Main-Post“ vom 14.10.2010

hon (Red.), Freundeskreis für die Synagoge, in: „Main-Post“ vom 22.12.2010

Christian Will, Auf jüdischen Spuren unterwegs in Rimpar Stolpersteine der Erinnerung, 2012, online abrufbar unter: igu-rimpar.de

Rebekka Denz (Red.), Rimparer Synagoge rottet weiter vor sich hin, in: „Main-Post“ vom 7.10.2014

Axel Töllner/Hans-Christof Haas (Bearb.), Rimpar, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 776 - 792

Auflistung der in Rimpar verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Rimpar

Gymnasium Veitshöchheim (Hrg.), Denkort Aumühle – wir sind dabei!, online abrufbar unter: gymnasium-veitshoechheim.de/news/denkort-aumuehle-wir-sind-dabei.html

Christian Ammon (Red.), Rimpar. Gedenken an Pogrom : Barfuß durch den Ort gejagt, in: "Main-Post" vom 15.11.2018

Christian Ammon (Red.), Rimparer Synagoge soll ins Rhöner Freilandmuseum, in: "Main-Post" vom 4.3.2019

Israel Schwierz (Red.), Soll die Synagoge aus Rimpar verschwinden?, in: haGalil.com vom 10.3.2019

Hanns Friedrich (Red.), Keine Synagoge inm Freilandmuseum, in: "Main-Post" vom 20.3.2019

Klaus Richter (Red.), Konzept für die Synagoge gesucht, in: "Main-Post" vom 3.6.2019

Hanns Friedrich (Red.), Rimparer Synagoge zu desolat fürs Fladunger Museum, in: "Saale-Zeitung" vom 28.12.2019

Lena Berger (Red.), Rimparer Koffer am "DenkOrt Deportationen" am Hauptbahnhof, in: "Main-Post" vom 15.6.2020

Christian Ammon (Red.), Jüdisches Erbe: Die ungewisse Zukunft der Rimparer Synagoge, in: "Main-Post" vom 19.6.2020