Rödelsee (Unterfranken/Bayern)

Datei:Rödelsee in KT.svg Rödelsee ist eine Weinbaugemeinde mit derzeit ca. 1.700 Bewohnern innerhalb der Verwaltungsgemeinschaft Iphofen im unterfränkischen Landkreis Kitzingen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Wurzeln einer jüdischen Gemeinde in Rödelsee bei Kitzingen liegen im Anfang des 16.Jahrhunderts. In dem unter verschiedenen Grundherrschaften stehenden Dorf entwickelte sich alsbald eine relativ große Gemeinschaft, der um 1580/1600 fast 20 Familien angehörten.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen der Kultusgemeinde in Rödelsee gehörten eine aus der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts stammende Synagoge, eine Mikwe und ein Friedhof; auch eine jüdische Schule war vorhanden. 1851 wurde eine neue Synagoge erbaut, die der Initiative des langjährigen Kultusvorstehers Lehmann Frank geschuldet war; dessen Verdienste für die Rödelseer Gemeinde würdigte ein Artikel, der anlässlich seines Todes in der Zeitschrift „Der Israelit“ am 1.Mai 1878 erschien:

Rödelsee, Unterfranken ... Herr Lehmann Frank ... ging am 4. Nissan in das bessere Jenseits. Das Leben dieses Biedermannes sollte wirklich als Muster gelten. Er glänzte in der Familie, in der Gemeinde, im Judenthum, und als Mensch besonders ob seiner vorzüglichen Eigenschaften und Tugenden. Durch ihn entgeht der Familie ihre Hauptstütze, der Lenker und Führer des Haushaltes. Die Gemeinde verliert an ihm ihr schönstes Mitglied. Er unterzog sich gerne der ihm obliegenden Pflichten, übertrat nie einen Taanit (Fasten), war stets bereit, dem Frieden und der Eintracht Opfer zu bringen und legte fortwährend einen für den Grad seiner religiösen Bildung höchst anerkennenswerten Sinn für Anstand und Ordnung beim Gottesdienste an den Tag. Er bekleidete lange die Stelle eines Cultusvorstehers. Er wirkte viel Gutes in dieser seiner Stelle. Die Gemeinde verdankt ihm die neue Synagoge und die gar nicht zu schätzenden Gemeindestatuten. Er hielt die Ordnung im Gebethause streng aufrecht. ... Als Geschäftsmann war er streng solid, rechtschaffen im wahren Sinne des Wortes. Durch seinen offenen Sinn stieß er manchmal an, aber die Vielen, mit denen er zu verkehren hatte, rühmen ihm nach, daß sie gerne mit ihm umgegangen, was sich auch durch das ehrenwerthe und zahlreiche Gefolge zu seinem Grabe bekundete. Noch nie sah man einen solchen Leichenzug hier; Juden und Nichtjuden aus Nah und Fern eilten herbei, dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. ...

Zwischen Rödelsee und Iphofen - am Fuße des Schwanberges - liegt das von einer Mauer umgebene große jüdische Friedhofsgelände. Diese Begräbnisstätte muss bereits Anfang des 15.Jahrhunderts angelegt worden sein (erstmalige Erwähnung im Jahre 1432). In einem Privileg von 1563 (d.h. erster urkundlicher Beleg) hatte Wilhelm Moritz von Hessberg den Juden ausdrücklich die Nutzung dieses Geländes zugestanden; darin hieß es: daß sie ihr begrebnus zur Rötelsehe am Steig daß man nach Iphoven gehet, aufrichten ...“ In einem Schutzbrief von 1602 wurde den Juden zudem gestattet, ihren „Judenacker“ mit einer Mauer zu umfrieden und ein Tahara-Haus zu errichten.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Areal mehrfach erweitert, so dass es letztlich eine Fläche von nahezu 19.000 m² umfasste. Dieser Bezirksfriedhof wurde von zahlreichen, auch weiter entfernt gelegenen Gemeinden genutzt. Neben Rödelseer Juden wurden hier auch Verstorbene aus Großlangheim, Hohenfeld, Hüttenheim, Kitzingen, Kleinlangheim, Mainstockheim, Marktbreit, Segnitz, Sommerhausen, Sommerach, Wiesenbronn und anderen Orten zur letzten Ruhe gebettet.

 

Grabmale des jüdischen Friedhofs (Aufn. Förderverein der ehem. Synagoge Kitzingen e.V.)

Das Tahara-Haus stammt aus dem Jahre 1602. Eine sich aus 18 Personen zusammensetzende Chewra Kadischa sorgte für die Bestattung der Toten; die Mitglieder des Beerdigungsvereins wurden von den jeweiligen Gemeinden gewählt, die in Rödelsee ihre Verstorbenen bestatteten.

In der Zeit von 1850 bis in die 1930er Jahre wurden hier mehr als 1.200 Verstorbene zur letzten Ruhe gebettet.

Juden in Rödelsee:

        --- um 1585 .....................  18 jüdische Familien,

    --- um 1800 ......................  16     “       “    ,

    --- 1816 ......................... 112 Juden (ca. 15% d. Bevölk.),

    --- 1830 ......................... 122   “ ,

    --- 1880 .........................  85   “   (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- 1890 .........................  55   “  ,

    --- 1900 .........................  46   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1910 .........................   8   “  ,

    --- 1925 .........................   3   “  ,

    --- 1933 .........................   4   “  ,

--- 1937 .........................   6   “  .

Angaben aus: Rödelsee, aus: alemannia-judaica.de

Auf den Matrikellisten von 1817 erschienen in Rödelsee insgesamt 21 Familienvorstände; ihren Lebenserwerb bestritten sie zumeist im Vieh- und Kleinhandel („Schmusen“). Bedingt durch die Abwanderung, vor allem nach Kitzingen, reduzierte sich ab den 1870er Jahren die Zahl der jüdischen Familien Rödelsees erheblich. Um 1907/1908 löste sich die jüdische Kultusgemeinschaft schließlich auf; die wenigen verbliebenen Juden gehörten fortan zur Gemeinde in Großlangheim.

Bereits vor und dann während der NS-Zeit kam es zu Friedhofsschändungen.

               Artikel aus der „CV-Zeitung“ vom 8.11.1929

Diesbezüglicher Höhepunkt war die Brandlegung der Leichenhalle im November 1938 durch SS-Angehörige aus Kitzingen; das stark beschädigte Gebäude wurde schließlich 1950 niedergelegt. Auch das schon lange nicht mehr benutzte Synagogengebäude wurde beschädigt, die Inneneinrichtung herausgeschleppt und verbrannt, noch vorhandene Ritualien zerstört.

Das ehemalige Synagogengebäude wurde dann in den 1960er Jahren abgerissen, um einem neuen Wohnhaus Platz zu machen.

Der mit einer massiven Steinmauer umgebene Rödelseer Friedhof besitzt heute noch mehr als 2.500 Grabsteine in fünf Gräberfeldern und gehört damit zu eine der größten jüdischen Begräbnisstätten Bayerns. In der Mitte steht ein schwarzer granitener Gedenkstein mit der folgenden Inschrift:

Den Toten zur Ehre

und zum ewigen Gedenken an die jüdischen Bürger aus Rödelsee und Umgebung,

die in den Verfolgungsjahren 1933 - 1945 grausam umgekommen sind.

Uns Lebenden zur Mahnung, den kommenden Geschlechtern zur eindringlichen Lehre.

 

Blick vom Friedhof in Richtung Rödelsee  -  Taharahaus (beide Aufn. Reinhardhauke, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Mit Förderung des europäischen Leader-Entwicklungsprogramms für den ländlichen Raum soll in den kommenden Jahren das Gemeinschaftsprojekt „Netzwerk jüdischer Friedhof Rödelsee“ ins Leben gerufen werden. Damit soll die Bedeutung dieses historischen Bestattungsortes für die Geschichte und Kultur der Region sichtbar werden.

Stolpersteine: Sie erinnern an Juden, die deportiert und ermordet wurden.Für vier ehemalige jüdische Bewohner Rödelsees wurden „Stolpersteine“ verlegt (Aufn. Irina Wandler).

 

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinaen in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 393

Hans Bauer, Judenfriedhöfe im Landkreis Kitzingen, in: Im Bannkreis des Schwanbergs. Jahrbuch des Landkreises Kitzingen (1979), S. 71 - 74

Harm-Hinrich Brandt (Hrg.), Zwischen Schutzherrschaft und Emanzipation, in: Studien zur Geschichte der mainfränkischen Juden im 19.Jahrhundert, Band 39, Würzburg 1987

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 116/117

Christian Reuther/Michael Schneeberger, „Nichts mehr zu sagen und nichts zu beweinen“ - Ein jüdischer Friedhof in Deutschland, Edition Hentrich, Berlin 1994

Rödelsee, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten, meist personenbezogen – und Seite zum jüdischen Friedhof in Rödelsee)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 200

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Unterfranken, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 156 − 161

Winzergemeinde Rödelsee (Hrg.), Der jüdische Friedhof bei Rödelsee, online abrufbar unter: roedelsee.de/de/freizeit-tourismus/wanderwege-in-und-um-roedelsee/wein-und-wahrheit/gedenken-juedischer-friedhof/

Rödelsee – ein jüdischer Friedhof in Weinfranken - Nur noch Steine zeugen vom jüdischen Landleben in Franken, in: hagalil.com vom 20.10.2017

Auflistung der in Rödelsee verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Rödelsee

Walter Braun (Red.), „Netzwerk jüdischer Friedhof Rödelsee“ vorgestellt, in: inFranken.de vom 21.11.2018