Roth (Mittelfranken/Bayern)

Datei:Roth in RH.svg Roth – derzeit knapp 25.000 Einwohner - ist heute Kreisstadt des gleichnamigen mittelfränkischen Landkreises - gelegen in der Metropolregion Nürnberg am nördlichen Rand des Fränkischen Seenlandes (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Wurzeln der jüdischen Gemeinde von Roth (bei Nürnberg) liegen in der Mitte des 16.Jahrhunderts; ein Jude wurde in Roth bereits 1414 erwähnt. Ein markgräflicher Schutzbrief für einen jüdischen Arzt datiert im Jahre 1535; dessen zeitliche Befristung wurde auf weitere zehn Jahre verlängert; nach dem Tode wurde der Schutz auf seinen Schwiegersohn Jakob übertragen. Dieser gilt als eigentlicher Gründer der Rother Gemeinde: In seinem Hause befand sich damals der Betraum, und er gilt als Stifter des Friedhofs in Georgensgmünd.

In dem 1548 ausgestellten Schutzbrief für den Juden Jakob hieß es:

1548, 15. Juni. Des Markgrafen Georg Friederichs zu Brandenburg Regenten und Räthe erlauben auf Absterben des Nathan Juden, dem Markgraf Georg im Jahre 1542 10 Jahre zu Roth zu wohnen erlaubt hatte, nunmehr dessen Tochtermann Jacob Juden, jene 10 Jahre zu Roth auszusitzen. Dagegen soll derselbe das baufällige Haus wieder in Stand setzen. Auch geben sie Jacob Juden, seinem Weibe, seinen Kindern und Ehehalten Geleit und Sicherheit und die Erlaubnis, allenthalben im Lande auf ungestohlene und rechtschaffene Pfänder zu leihen und von einem jeden Gulden Hauptsumma wöchentlich einen Häller weißer Münz zu Abzins oder Gesuch zu nehmen; jedoch sollen sie ohne der Amtleute und eines Rats zu Roth Vorwissen über ein viertel Jahr nicht leihen, und daneben auch redliche Kaufhändel treiben, jedoch nur auf Widerruf.
Geben zu Onoltzbach (Ansbach) am Tag Vitj. 1548.

Zu Beginn des 17.Jahrhunderts setzte sich die israelitische Gemeinde aus zehn Familien zusammen, deren Wohngebiet sich in der Judengasse, der heutigen Kugelbühlstraße, befand. Ihre Blütezeit besaß die Rother Gemeinde in den Jahrzehnten vor und nach 1800.

Seit 1737 war ein neuerrichtetes Synagogengebäude in der heutigen Kugelbühlstraße Mittelpunkt des religiösen Lebens; im hinteren Teil des Hauses befand sich der Betsaal, im vorderen befanden sich Unterrichtsraum und Wohnung des Lehrers/Vorsängers. Zuvor waren Gottesdienste in einem Betsaal in einem Privathause abgehalten worden.

Religiös-rituelle Aufgaben der Gemeinde waren einem angestellten Lehrer übertragen.

 

 

 

zwei Stellenausschreibungen für einen Schächter, aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 1.1.1861 und "Der Israelit" vom 3.3.1875

Ob bis Ende der 1920er Jahren Gottesdienste hier stattgefunden haben, ist nicht bekannt; doch vermutlich reichte die Zahl der jüdischen Männer in Roth zu damaliger Zeit dafür kaum noch aus. Neben der Synagoge besaß die Gemeinde ein Gemeindehaus mit einer eigenen Elementarschule sowie eine Mikwe. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Elementar- in eine reine Religionsschule umgewandelt.
Auf dem um 1560 angelegten jüdischen Friedhof in Georgensgmünd fanden auch Verstorbene aus Roth ihre letzte Ruhe.

Die Gemeinde Roth gehörte zum Rabbinatsbezirk Schwabach, dann zu dem von Ansbach.

Juden in Roth:

         --- 1610 ........................  10 jüdische Familien,

    --- 1665 ........................   4     “       “    ,

    --- 1714 ........................  16     “       “    ,

    --- 1809 ........................ 197 Juden,

    --- 1837 ........................ 200   “   (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1867 ........................ 153   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1880 ........................  98   “  ,

    --- 1900 ........................  43   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1910 ........................  32   “  ,

    --- 1925 ........................   5 jüdische Familien,

    --- 1933 ........................  19 Juden,

    --- 1936 ........................   keine.

Angaben aus: Roth (b. Nürnberg), in: alemannia-judaica.de

Seitdem Nürnberg die Niederlassung von Juden wieder erlaubt hatte, zogen ab 1860 die meisten jüdischen Einwohner Roths in die nahe Großstadt.

Mit dem Aufkommen der Nationalsozialisten verstärkte sich antijüdische Stimmung in der Kleinstadt, sodass die wenigen noch hier lebenden Familien keine Zukunft in Roth mehr sahen. Der Boykott - auch HJ-Angehörige wurden vor jüdischen Geschäften als Posten aufgestellt - hatte sie in der Folgezeit in den wirtschaftlichen Ruin getrieben.

Anm: So sollen – fußend auf einem im "Stürmer" abgedruckten Aufsatz einer neunjährigen Schülerin (Sept. 1935) - auch „Kinder-Posten“ vor jüdischen Geschäften in Roth gestanden haben, die jeden potentiellen Kunden mit dem Ruf "Nichtjuden! Schämt Euch, beim Juden kauft Ihr ein, pfui Teufel!" das Einkaufen madig machten.

Bis Ende 1935 verließen alle jüdischen Einwohner die Stadt, nachdem sie ihren Besitz verkauft hatten. Nach dem Wegzug der letzten jüdischen Einwohner (Ende Dezember 1935) wurde die Stadt für „judenfrei“ erklärt.

           Zeitungsmeldung vom 8.Jan. 1936

 Zerstörter Synagogeninnenraum (hist. Aufn. 1935) 

Etwa zeitgleich wurde der Innenraum der Synagoge demoliert; das Gebäude wurde an Privatleute verkauft und blieb erhalten; nach Kriegsende wurde es zu einem Amts- und Wohnhaus umgebaut. Seit jüngster Zeit wird das Haus auch für kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden 15 aus Roth stammende jüdische Bewohner Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/roth_bei_nuernberg_synagoge.htm).

 

Unmittelbar nach Kriegsende kamen vorübergehend einige jüdische DPs in der Stadt. 1946/1947 lebten hier knapp 30 Personen, die jedoch nach 1948 auswanderten - vermutlich überwiegend nach Palästina/Israel.

Vor der ehemaligen Synagoge erinnert heute ein Gedenkstein namentlich an die 15 ermordeten jüdischen Bewohner Roths.

Für das Stadtmuseum Roth wurde im Therapiezentrum Schloss Cronheim ein Modell der ehemaligen Synagoge in Roth erstellt.

 Die Synagoge in Roth bei Nürnberg (Mittelfranken)Modell des Synagogengebäudes (Aufn. aus: juden-in-baden.de)

 

Weitere Informationen:

Johann Georg Mayer, Geschichte der Stadt Roth am Sand, Roth 1994 (Reprint der Ausgabe von 1903)

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, München 1979, S. 219 – 220

Alfred Mäyer, Geschichte der Juden im Oberamte Roth, in: "Nachrichten für die jüdischen Bürger Fürths", 1988/1989, S. 24 – 26 bzw. S. 21 - 23

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 185

Ralf Rossmeissl, Jüdische Heimat in Roth, Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung 1996/1997

Roth/Bayern, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

H.-Chr. Haas/A. Hager, Roth, in: Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band II: Mittelfranken, Kunst Verlag Josef Fink, Lindenberg 2010, S. 535 – 541

Hans-Peter Süss, Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken, in: "Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands", Band 25, Büchenbach 2010, S. 121 - 123