Roth/Lahn (Hessen)

Datei:Marburg Biedenkopf Weimar.png Roth an der Lahn - derzeit ca. 800 Einwohner - ist heute ein Ortsteil der Kommune Weimar (Landkreis Marburg-Biedenkopf) - etwa zwölf Kilometer südlich von Marburg gelegen (Karte Andreas Trepte, 2006, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.5).

1494/1495 liegen erste Belege für die Anwesenheit von Juden in Roth vor. Spätestens seit der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts lebten dauerhaft jüdische Familien in Roth, das zu den Besitzungen der Schenken zu Schweinsberg gehörte. Eine jüdische Gemeinde bildete sich im Laufe des 18.Jahrhunderts. Als die Zahl der jüdischen Familien im Dorfe stark angewachsen war, kam es zu Beschwerden der christlichen Bevölkerung, die zur Ausweisung bzw. Abwanderung von Juden führten; denn Kraft der Anordnung des hessischen Landgrafen, der in den 1740er Jahren „seine“ Juden erfassen ließ, verlor der Großteil der in Roth lebenden jüdischen Familien das Aufenthaltsrecht. Um 1770 waren von 13 Familien nur noch vier in Roth verblieben.

Gegen 1880 bildete die dortige jüdische Gemeinde den Hauptsitz der Synagogengemeinde Roth, Fronhausen und Lohra; später kamen auch die Juden aus Oberweimar hinzu; danach bildeten die Juden aus Fronhausen und Lohra eine autonome Synagogengemeinde.

[vgl.  Fronhausen (Hessen)]

Um 1835 wurde in der Lahnstraße eine neue Synagoge gebaut, die einen durch Blitzschlag zerstörten Vorgängerbau ersetzte. Bei der Finanzierung des Baues war es zu heftigen Differenzen zwischen den Juden aus Lohra und Fronhausen gekommen, die in der Rother Gemeinde zusammengeschlossen waren. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurde eine Mikwe rückwärtig dem Synagogengebäude angefügt. Bereits zu Beginn des 18.Jahrhunderts muss in Roth eine Religionsschule bestanden haben, aus der sich um 1830/1840 eine Elementarschule entwickelte; diese besuchten auch die jüdischen Kinder aus den beiden Nachbarorten Lohra und Fronhausen. Zu Beginn der 1880er Jahre musste die Elementarschule wegen Schülermangels aufgegeben werden. Die neu gegründete Schule in Fronhausen diente den Rother Kindern bis 1899 als Unterrichtsstätte.

Die jüdische Gemeinde in Roth nutzte bereits im 18.Jahrhundert ein kleines Friedhofsgelände, das sich auf dem Geiersberg - hoch über dem Tal der Lahn - befand; hier wurden zeitweilig auch verstorbene Juden aus Fronhausen und Lohra begraben.

Juden in Roth:

         --- um 1670 .........................  4 jüdische Familien,

    --- um 1710 .........................  6     “       “   (mit 33 Pers.),

    --- 1737 ............................ 55 Juden (in 13 Familien),

    --- um 1765 .........................  4 jüdische Familien,

    --- 1835 ............................ 20 Juden,

    --- 1852 ............................ 33   “  ,

    --- 1861 ............................ 43   “  ,

    --- 1905 ............................ 38   “  ,

    --- 1933 ............................ 32   “  (in 6 Familien),

    --- 1937 ............................ 21   “  ,

    --- 1940 ............................ 12   “  ,

    --- 1941 ............................ 11   “  ,

    --- 1942 (Aug.) ..................... 10   “  ,

             (Sept.) ....................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 236

und                 Die ehemaligen Synagogen im Landkreis Marburg-Biedenkopf, Marburg 1999, S. 103

Die Juden Roths lebten mehrheitlich in äußerst bescheidenen Verhältnissen; ihren Lebensunterhalt verdienten sie zumeist im sog. „Nothandel“ (Hausieren), als Metzger und Viehhändler; bis ins beginnende 20.Jahrhundert betrieb ein Teil der jüdischen Gewerbetreibenden seinen Handel noch im Umherziehen. Die jüdischen Familien im nahen Fronhausen waren dagegen meist wohlhabender.

Mit der NS-Machtübernahme 1933 endeten die gutnachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Juden und Christen auch in Roth. Während des Novemberpogroms von 1938 wurde das Synagogengebäude zwar nicht in Brand gesetzt, doch der Innenraum total verwüstet; verantwortlich für die Ausschreitungen sollen auswärtige NSDAP-Anhänger gewesen sein. Im Frühjahr 1939 ging das Synagogengebäude in Privathand über und wurde fortan als Lagerraum genutzt. Zu Zerstörungen von Anwesen bzw. Gewalttaten gegenüber Rother Juden kam es aber nicht. Die letzten verbliebenen Juden aus Roth wurden vermutlich im Laufe des Jahres 1942 deportiert.

Auf dem südlich des Ortes liegenden jüdischen Friedhof befinden sich heute noch ca. 45 Grabsteine. Durch den Verkauf eines Teils des Begräbnisgeländes an Anlieger wurde dessen Fläche (ca. 2.500 m²) um ein Drittel verkleinert.

Jüdischer Friedhof in Roth (Aufn. A. Trepte, 2006 und H. Stürzl, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das ehemalige Synagogengebäude war nach dem Krieg eine lange Zeit ein verwahrloster Schuppen, den Landwirte nutzten; dieser kam in den 1990er Jahren in den Besitz des Landkreises Marburg-Biedenkopf und wurde mit hohem Kostenaufwand grundlegend saniert und restauriert. Das 1998 der Öffentlichkeit übergebene Gebäude dient heute als Lernort und Stätte kultureller Begegnung; es wird von dem Arbeitskreis Landsynagoge Roth e.V. getragen.

Restaurierte Synagoge in Roth (Aufn. A.Trepte, 2005 aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.5 und gedenken-in-hessen.de, 1998/1999)

Eine Tafel an einer Außenwand informiert wie folgt:

Zur Geschichte der jüdischen Bürger in Roth

1594/95 Ersterwähnung von Juden in Schenk. Eigen.

Ende 17.Jh. Erster jüdischer Religionslehrer in Roth

1710 lebten 6 jüdische Familien in Roth

1737 lebten 13 jüdische Familien in Roth

1823 Erwähnung der Synagogen-Gemeinde Roth-Fronhausen-Lohra

1832 Zerstörung der Synagoge durch Brand

Ab 1833 Neubau einer Synagoge an gleicher Stelle

1938 Zerstörung der Synagoge in der Reichspogromnacht

1939 Zwangsverkauf an die Anlieger

1941/42 Deportation der jüdischen Familien

1993 Außensanierung des Gebäudes

1995 Erwerb der Synagoge durch den Landkreis Marburg-Biedenkopf

1997 Innensanierung des Gebäudes

Im Zusammenhang mit dem Erwerb des Gebäudes wurde 1995 auf Initiative des Landkreises das „Projekt Landsynagoge Roth” ins Leben gerufen und an der Gesamtschule Weimar-Niederwalgern angesiedelt. Schwerpunkt des Projektes lag in der historischen Dokumentation und zugleich pädagogischen Aufarbeitung des vorliegenden Materials zur Geschichte der jüdischen Gemeinden der Region. Der „Arbeitskreis Landsynagoge Roth“ war einer der Hauptpreisträger des Hessischen Denkmalschutzpreises des Jahres 2005; ein Jahr später errang er den Ersten Förderpreis Hessische Heimatgeschichte.

Derzeit findet man in den Gehwegen von Roth etwa 30 sog. „Stolpersteine“ (Stand: 2019), die die Erinnerung an ehemalige jüdische Familien wachhalten sollen, so z.B. an zwei Standorten der Lahntalstraße.

"Stolpersteine" für Fam. Stern, Unter der Linde (Aufn. Fritz Schaub, 2010)

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Band 2, S. 236/237

Alfred Höck, Juden im Marburger und Kirchhainer Gebiet nach einer Übersicht aus dem Jahre 1838, in: Heimatjahrbuch Marburg/Biedenkopf 1979, S. 145

Herbert Kosog, Die Juden von Roth, in: Heimatwelt. Aus Vergangenheit u. Gegenwart, Heft 5, Hrg. Gemeindeverwaltung Weimar, Weimar 1979, S. 11 - 21

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ?, Königstein 1988, S. 106 f. und S. 201 (Neubearb. 2007, S. 86 – 89 u. S. 245 - 247)

Ewald Bachmann, Das Prinzip Hoffnung. Drei ehemalige Synagogen im Landkreis Marburg-Biedenkopf, in: Spirita. Zeitschrift für Religionswissenschaft 3.Jg., 1/1989, S. 48 - 51

B.Händler-Lachmann/U.Schütt, ‘Ich seh se heute noch, wie se da ruff machten’ - Die Geschichte der jüdischen Familie Ransenberg, in: Jahrbuch 1991 des Landkreises Marburg-Biedenkopf, Marburg 1991, S. 111 f.

B.Händler-Lachmann/U.Schütt, “unbekannt verzogen” oder “weggemacht”. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933 - 1945, Marburg 1992

B.Händler-Lachmann/U.Schütt, Jüdische Friedhöfe und Synagogen, in: Kulturführer Marburg-Biedenkopf, Hrg. Kreisausschuß des Landkreises, Marburg 1995, S. 137 f. (überarb. Auflage, 2000)

B.Händler-Lachmann/H.Händler/U.Schütt, ‘Purim, Purim, ihr liebe Leut, wißt ihr was Purim bedeut ?’ Jüdisches Leben im Landkreis Marburg im 20.Jahrhundert, Marburg 1995, S. 26/27

Michael Neumann, Wir brauchen Denk-Räume. Zur Restaurierung der Synagoge von Roth an der Lahn (Kreis Marburg-Biedenkopf), in: Denkmalpflege & Kulturgeschichte, Wiesbaden, Jg. 1998, Heft 2, S. 2 - 4

Kreisausschuß des Landkreises Marburg-Biedenkopf (Hrg.), Die ehemaligen Synagogen im Landkreis Marburg-Biedenkopf, Marburg 1999, S. 103 – 113, S. 156 und S. 164 - 166

Cornelia Dörr, Die ehemaligen Synagogen im Landkreis Marburg-Biedenkopf, in: Hessische Heimat 50/2000, Heft 1, S. 37 f.

www.ub.uni-marburg.de/sy-roth/

Ehemalige Landsynagoge Roth, in: Gedenkstätten-Rundbrief No. 95, 6/2000, S. 37

Roth (Hessen), in: alemannia-judaica.de

Landsynagogen. Zwischen Kulturdenkmal, Gedenkstätte und Lernort. Eine Dokumentation der Tagung in Waren an der Müritz, April 2002, S. 24/25

Festausschuß 700 Jahre Roth (Hrg.), 700 Jahre Roth. Dorfgeschichte in Texten und Bildern 1302 - 2002, Marburg 2002

B. Wagner/D. Bertram/F. Damrath/F. Wagner, Die jüdischen Friedhöfe und Familien in Fronhausen, Lohra und Roth, Marburg 2009

Annegret Wenz-Haubfleisch, Baugeschichte der Synagoge in Roth. Aufsatz von 2011 (online abrufbar unter: landsynagoge.de)

Annegret Wenz-Haubfleisch, Die jüdische Gemeinde in Roth, ihre Synagoge und ihr Friedhof, in: Die ehemalige Landsynagoge Roth und Gedenkstätte und Museum Trutzhain, hrg. von Monika Hölscher (= Hessische Geschichten 1933 - 1945, 2), Wiesbaden 2013, S. 2 - 6

Internetportal „Landsynagoge Roth“, in: synagoge-roth.de (mit detaillierten Angaben zur jüdischen Geschichte Roths und ihrer Familien)

Annegret Wenz-Haubfleisch: Vom Holzdepot und Getreidespeicher zur Gedenk-, Lern- und Begegnungsstätte, in: Die ehemalige Landsynagoge Roth und Gedenkstätte und Museum Trutzhain, hrg. von Monika Hölscher (= Hessische Geschichten 1933 - 1945, 2), Wiesbaden 2013, S. 11 - 15

Annegret Wenz-Haubfleisch (Bearb.), Gedenkbroschüre Stolperstein-Verlegung in Weimar-Roth am 24./25. August 2013, Hrg. Arbeitskreis Landsynagoge Roth e.V. (Anm.: enthalten die Biografien der Opfer)

Arbeitskreis Landsynagoge Roth e.v. (Hrg.), Namen und Schicksale – Stolpersteine Roth, online abrufbar unter: http://neu.stolpersteine-roth.de/pages/arbeitskreis-landsynagoge/

Gesa Coordes (Red.), Mittelhessen. Synagoge - Werkstatt - Kornspeicher, in: "Gießener Anzeiger" vom 14.6.2018