Rüdesheim/Rhein (Hessen)

Datei:Rüdesheim am Rhein in RÜD.svg Rüdesheim am Rhein mit derzeit fast 10.000 Einwohnern ist ein weltbekannter Weinort im Rheingau-Taunus-Kreis – gegenüber Bingen am südlichen Tor zum Mittelrheintal gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im Zusammenhang mit der Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Mainz 1096 wird erstmals die Existenz von Juden in Rüdesheim erwähnt; danach soll der Erzbischof von Mainz den spärlichen Rest der Mainzer Gemeinde mit dem Schiff nach Rüdesheim habe bringen lassen, um diesen vor den ‚Kreuzfahrern’ zu retten. Als sie zur Taufe gezwungen werden sollten, begingen einige Juden Selbstmord; die restlichen wurden erschlagen.

Weitere Hinweise auf Juden in Rüdesheim liegen wieder aus der Zeit des 14. Jahrhunderts vor, als das Erzstift dem Ritter Thilmann von Rüdesheim die hier (und in Bingen) ansässigen Juden verpändete (1337). Zwei Jahrzehnte später erlaubte der Mainzer Erzbischof einer jüdischen Familie, sich in Rüdesheim niederzulassen – gegen Entrichtung eines jährlichen Betrages von zehn Gulden. 

Rüdesheim a. Rhein - Stich von M.Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst Ende des 17.Jahrhunderts haben dann wieder einzelne jüdische Familien in Rüdesheim gelebt. Denn als die Juden in Hessen-Nassau immer mehr bürgerliche Rechte bekamen, siedelten sich zunehmend jüdische Familien in Rüdesheim an.

Obwohl die wenigen Juden in Geisenheim und Winkel jeweils über eigene Beträume verfügten, nahmen sie gemeinsam an den Gottesdiensten in Rüdesheim teil. Seit 1842/1843 stand in Rüdesheim in der Grabenstraße eine neue Synagoge, die insgesamt etwa 70 Personen Platz bot. Sie war von Familien beider Orte gemeinsam finanziert worden; Jahre später ging das Gebäude in den Besitz der Gemeinde über.

Über die Einweihung einer neuen Thorarolle berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ in ihrer Ausgabe vom 2.Sept. 1892 mit pathetischen Worten wie folgt: "Vom Rhein, im August. Am rechten Ufer des Rheins, wo rebumkränzte Hügel sich in anmuthigen Linien hinziehen, wo sagenumsponnene Burgen ins herrliche Rheinthal hinabschauen und Deutschland stolzes Nationaldenkmal von der Höhe herab seine Grüße winkt, liegt das liebliche, von Touristen fleißig besuchte Städtchen Rüdesheim, ... Rüdesheims Mauern umschließen aber auch eine aufblühende israelitische Gemeinde, die in diesen Tagen eine schöne Feier - die Einweihung einer neuen Thorarolle - festlich begangen hat. Der Festzug in die schön geschmückte Synagoge, die stimmungsvolle Weihepredigt des zur Leitung der Feier berufenen Bezirksrabbiners Herrn Dr. Silberstein aus Wiesbaden, der ergreifende Vortrag der Gebete seitens des greisen Vorbeters, Herrn Rotschild. Alles machte auf die dichtgedrängte Festversammlung, unter der sich nahezu sämmtliche Honoratioren der Stadt befanden, einen tiefen Eindruck. Tief ergreifend war es insbesondere, als der Festredner darauf hinweis, wie vor nahezu 800 Jahren - 1096 - auf Rüdesheims Boden das Blut jüdischer Männer und Frauen geflossen, die die Treue gegen die Thora ... mit dem Leben bezahlten. Die Feier war ein wahrhaftiger Kiddusch haschem (Anm.: Heiligung des Gottesnamens) und die Theilnahme zahlreicher gebildeter Christen dorch wohl ein Beweis, daß unser Städtchen sich von der Krankheit des Antisemitismus frei erhalten hat."

Zur Besorgung religiöser Aufgaben in der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Eine langjährige Tätigkeit am Ort konnte Salomon Rothschild aufweisen, der beinahe ein halbes Jahrhundert (von 1846 bis 1893) in Rüdesheim das Lehreramt inne hatte. Nach dessen Tode erschien dann die folgende Stellenanzeige:

                                   aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 10.Juli 1893

Über einen eigenen Lehrer verfügte die Gemeinde nach dem Ersten Weltkrieg aber nicht mehr.

Die jüdische Gemeinschaft verfügte ab den 1890er Jahren über ein eigenes kleines Friedhofsgrundstück am Ort; daneben gab es noch Begräbnisplätze in den Gemarkungen von Eltville und Oestrich. Zuvor waren die Verstorbenen auf dem Rheingauer Judenfriedhof in der Gemarkung „Hallgarten“ beerdigt worden; im Mittelalter war Mainz der Begräbnisplatz. Auf dem Rüdesheimer Friedhof wurde auch Juden aus Geisenheim beerdigt.

Zur jüdischen Gemeinde Rüdesheim zählten auch die Familien aus Geisenheim und Winkel.

Juden in Rüdesheim:

        --- 1825 ...........................  24 Juden,

    --- 1842 ...........................  45   “  ,

    --- 1848 ...........................  16 jüdische Familien,

    --- 1871 ...........................  52 Juden,

    --- 1874 ........................... 109   “  ,*   * Gemeinde

    --- 1895 ...........................  43   “  ,

    --- 1910 ...........................  12 jüdische Familien,

    --- 1925 ...........................  40 Juden,

    --- 1933 ...........................  33   “  ,

    --- 1937 ...........................   3 jüdische Familien,

    --- 1938 (Dez.) ....................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 239

und                 Werner Lauter/Rolf Göttert, Die israelitische Zivil- und Kultusgemeinde in Rüdesheim am Rh.

Die Rüdesheimer Juden waren bereits Mitte des 19.Jahrhunderts in die hiesige kleinstädtische Bevölkerung integriert, wie die folgende Notiz des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, Moriz Sobernheim, in der Lokalzeitung zeigt.

                  Aus dem „Rheingauer Wochenblatt” vom 15.April 1843:

„ Es ist ein erfeuliches, wohlthuendes Zeichen der Zeit, wahrzunehmen, wie die trüben Wolken der Unduldsamkeit und Intoleranz vor der erscheinenden Morgenröthe der Aufklärung und der Vernunft schwinden. Immer mehr verliert der Unterschied des Glaubens seine Kraft und seine Einwirkung auf das bürgerliche Leben, immer weniger bedarf man ein Aushängeschild des Glaubens, um Antheil an das soziale Leben ... nehmen zu dürfen. Immer mehr sinkt die konfessionelle Scheidewand, die den Bürger vom Bürger, den Menschen vom Menschen trennt. ... Bei der am 31.März d.Js. stattgefundenen Einweihung des dahier neu erbauten Gotteshauses beehrten die Staats- und städtischen Beamten, sowie auch viele würdige Bürger diese Feierlichkeit mit ihrer Gegenwart. Alle hiesigen Einwohner traten nicht nur nicht störend, sondern hülfreichend, teilnehmend, ehrend, achtend und nachsichtig auf. Ja viele unterstützten sogar unsere arme Gemeinde und brachten ihre freiwilligen Opfer auf dem Altar der Liebe. ...

Jüdische Familien waren in Handwerken tätig, hatten aber auch als Weinkommissionäre wesentlichen Anteil am Aufschwung des Rheingauer Weinhandels.

    Lehrstellenangebote jüdischer Geschäftsleute von 1906

Nach dem Ersten Weltkrieg schrumpfte die jüdische Gemeinde stark zusammen; 1910 lebten noch zwölf Familien in Rüdesheim, 1921 waren es nur noch sechs, 1937 schließlich nur noch drei.

Nach 1933 verließ ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien die Stadt. In den frühen Morgenstunden des 11.11.1938 brachen auswärtige, in Zivil gekleidete SA-Männer gewaltsam die Synagoge auf und setzten das freistehende Gebäude in Brand. Dabei soll eine größere Menschenmenge die ‚Aktion’ verfolgt haben; einige Leute sich aktiv daran beteiligt haben. Parallel zur Brandstiftung an der Synagoge zogen u.a. SA-Angehörige aus Wiesbaden - teilweise total betrunken - durch die Straßen und demolierten Geschäfte und Wohnungen jüdischer Besitzer und versetzten deren Bewohner in Angst und Schrecken.

Wenige Tage nach dem Pogrom verließen die letzten jüdischen Bewohner Rüdesheim.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden insgesamt 20 aus Rüdesheim stammende bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene jüdische Bürger Opfer der NS-Gewaltherrschaft; von den in Geisenheim bzw. in Winkel gebürtigen Juden fanden zwölf bzw. neun Personen in der NS-Zeit einen gewaltsamen Tod (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/rudesheim_synagoge.htm).

 

Gegenüber der zerstörten Synagoge in der Grabenstraße steht heute eine zweisprachige Gedenktafel. Ihre Texte lauten:

Die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft Rüdesheim-Geisenheim stand von 1843 - 1938 an der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie wurde am 11.November 1938 nach der Pogromnacht zerstört.

The Synagogue of the Israeli Religious community of Rüdesheim-Geisenheim was situated on the opposite roadside from 1843 to 1938. It has been destroyed on November 11, 1938, after the pogrom night.

Der kleine jüdische Friedhof in Rüdesheim erinnert heute noch an die einstige israelitische Gemeinde.


Eingang zum jüdischen Friedhof von Rüdesheim (Aufn. J. Hahn, 2008)

 Um das Andenken an den Kantor Josef Jacob (1875–1942) wach zu halten (er war von 1899 bis 1911 Lehrer/Kantor in Rüdesheim), wurde 2001 eine bronzene Gedenktafel an der Außenmauer des Pfarrgartens angebracht und der Kantor-Josef-Jacob-Platz feierlich eingeweiht

Seit 2020 erinnern in den Gehwegen von Rüdesheim 13 sog. „Stolpersteine“ an Opfer der NS-Herrschaft.

 

2015 wurden in Geisenheim zwölf sog. „Stolpersteine“ verlegt. Sie sollen an die ehemaligen jüdischen Bewohner erinnern, die während der NS-Zeit verfolgt wurden; weitere fünf Steine und eine sog. „Stolperschwelle“ für 200 ehemalige Zwangsarbeiterinnen (sie waren im Lager Stolpereck interniert und in der Rüstungsproduktion eingesetzt) folgten 2019.

Noch Anfang der 1930er Jahre hatten in Geisenheim ca. 20 Menschen mosaischen Glaubens gelebt; deren Synagoge* und Friedhof befanden sich in Rüdesheim.

*Im 19.Jahrhundert besaß die kleine jüdische Gemeinschaft eine Betstube im Ort.

http://www.rheingau-echo.de/sites/default/files/imagecache/Detailed/articlemedia/2015/10/22/gue_43_2015_ge_steine_2.jpg "Stolpersteine" in Geisenheim (Aufn. aus: "Rheingau-Echo", 2015)

 

Auch die wenigen jüdischen Bewohner von Winkel gehörten zum Synagogenbezirk Rüdesheim.  vgl. auch dazu: Eltville (Hessen)

 

In Lorch – im äußersten Westen des Rheingau-Taunus-Kreises und wenige Kilometer von Rüdesheim rheinabwärts – sind jüdische Bewohner nach den Verfolgungen erstmalig 1363/1364 bezeugt. Die Erzbischöfe von Mainz verbrieften ihnen Schutz und Wohnrecht; die individuell ausgestellten Schutzbriefe galten aber nur wenige Jahre. Verstorbene Lorcher Juden wurden in Mainz begraben. Im 15.Jahrhundert muss die dauerhafte Ansässigkeit durch eine Vertreibung beendet worden sein. Vereinzelt sind Juden in Lorch Mitte des 17. und zu Beginn des 18.Jahrhunderts erwähnt.

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 239/240

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 760/761 (Lorch)

Werner Lauter/Rolf Göttert, Die israelitische Zivil- und Kultusgemeinde in Rüdesheim am Rhein - Die Geschichte einer Minderheit, Hrg. Stadtarchiv Rüdesheim a.Rh., 1988

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, S. 351

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 303 f.

Rüdesheim mit Geisenheim und Winkel, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Rolf Göttert; Unvergessene Schande: Die Kristallnacht 1938, in: "Notizen aus dem Stadtarchiv - Beiträge zur Rüdesheimer Stadtgeschichte", No. 106/ 2007

Walter Hell, Die Juden von Winkel und ihr Schicksal im Dritten Reich - Aufsatz (online abrufbar)

Barbara Dietel (Red.), Erste Stolpersteine in Oestrich-Winkel verlegt, in: „Wiesbadener Kurier“ vom 29.8.2013

Thorsten Stötzer (Red.), Stolpersteine erinnern an Geisenheimer Nazi-Opfer, in: „Wiesbadener Kurier“ vom 15.10.2015

Oliver Koch (Red.), Geisenheim bekommt weitere Stolpersteine, in: „Wiesbadener Tageblatt“ vom 13.4.2019

N.N. (Red.), In Geisenheim werden weitere Stolpersteine verlegt, in: „Wiesbadener Tageblatt“ vom 7.8.2019

Lisa Bolz (Red.), Erste Stolpersteine in Rüdesheim verlegt, in: "Wiesbadener Kurier“ vom 5.2.2020