Rüsselsheim (Hessen)

Groß-Gerau (Landkreis) Karte Rüsselsheim (Main) ist mit derzeit ca. 60.000 Einwohnern die größte Stadt des Kreises Groß-Gerau – innerhalb des Rhein-Main-Gebietes im Südwesten von Frankfurt/Main gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/gross-gerau).

Blick auf Rüsselsheim gegen Mitte des 17.Jahrh. (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Da es Anfang des 17.Jahrhunderts in Rüsselsheim eine Synagoge gegeben haben soll, müssen hier bereits in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges jüdische Familien gelebt haben. Auch das älteste erhaltene Rüsselsheimer Kirchenbuch deutet darauf hin, dass bereits in der ersten Hälfte des 17.Jahrhunderts eine Judengemeinde im Ort bestanden hat; dort findet sich nämlich ein Auszug einer im Jahre 1632 erlassenen „Judenordnung“. Die ersten urkundlichen Nennungen von jüdischen Bewohnern stammen allerdings erst aus der Zeit um 1700; bei diesen schriftlichen Belegen handelte es sich zumeist um von der Landesherrschaft ausgestellten Schutzbriefe bzw. von ihr verlangten Schutzgelder.

Das Alter der alten Rüsselsheimer Synagoge lässt sich nicht genau bestimmen. 1845 wurde an der Mainzer Straße ein Synagogenneubau im romanischen Stil eingeweiht; ein Teil der Baukosten war durch Spenden aufgebracht worden; im gleichen Gebäude waren auch Schule und Mikwe untergebracht.

                        Synagoge in Rüsselsheim (hist. Abb., aus: "Der Israelit", Febr. 1928)

mögliches Aussehen des Innenraumes – Visualisierung (Abb. Stiftung Alte Synagoge) 

Im Jahre 1929 wurde die Synagoge neu eingeweiht, nachdem eine gründliche Renovierung des Gebäudes erfolgt war. Ein Großteil der Kosten hatte die Firma Opel übernommen. In einem Artikel der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 26.Sept. 1929 hieß es:

Synagogenweihe in Rüsselsheim. Wie wir seinerzeit bekannt gaben, hat die Firma Opel der jüdischen Gemeinde in Rüsselsheim zu einer gründlichen Renovierung ihrer Synagoge verholfen. An einem der letzten Sonntage konnte die neu ausgestattete Synagoge unter Beteiligung der ganzen Gemeinde und vieler auswärtiger Gäste, wie der nichtjüdischen Bürger der Stadt, eingeweiht werden. Die Gemeindevorstände überbrachten die Thorarollen in die Synagoge, die unter Gesängen des Herrn Lehrer Stern in den heiligen Schrein gehoben wurden. Nach weiteren Gebeten begrüßte der Vorsteher der Gemeinde, Herr Kaufmann Mayer, die Festversammlung. Es wurden dann mehrere Begrüßungen der staatlichen, städtischen und kirchlichen Behörden verlesen. Herr Bezirksrabbiner Dr. Binheim, Darmstadt, hielt darauf die Weiherede, worauf noch Herr Rabbiner Levi – Mainz, im Namen der Mainzer Gemeinde eine Ansprache hielt. Herr Kommerzienrat Kronenberger sprach im Namen des Landesverbandes und dankte insbesondere dem Hause Opel für die hochherzige Stiftung. ... Mit entsprechenden Gebeten erhielt die würdige Feier ihren Abschluß.

Zur Synagogengemeinde Rüsselsheim gehörten seit Mitte des 19.Jahrhunderts auch die Juden aus dem nahen Raunheim und Bauschheim, zeitweilig auch die Juden der Orte Bischofsheim, Ginsheim und Königstädten. Die offizielle Bezeichnung der jüdischen Gemeinde lautete um 1920/1930 „Israelitische Religionsgemeinde Rüsselsheim mit Raunheim”. Die zahlreichen Ausschreibungen für die Lehrerstelle in der Gemeinde machen deutlich, dass diese häufigem Wechsel ausgesetzt war:

 

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 2.Juni 1869 und vom 28.Aug. 1878

Ein eigener jüdischer Friedhof existierte in Rüsselsheim nicht; vielmehr wurden die verstorbenen jüdischen Bewohner auf einem Teil des städtischen Waldfriedhofs beigesetzt.

Hinsichtlich ihrer religiösen Orientierung wandelte sich die Rüsselsheimer Gemeinde: Zunächst war sie streng orthodox ausgerichtet und unterstand dem Rabbinat Darmstadt II; in den 1920er Jahren trat sie zum religiös-liberalen Rabbinat Darmstadt I über.

Juden in Rüsselsheim:

    --- 1713 .........................  22 Juden,

    --- 1770 .........................  10 jüdische Familien,

    --- 1784 .........................  46 Juden,

    --- 1817 ......................... 105   “   (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1830 .........................  83   “  ,

    --- 1858 ......................... 123   “   (ca. 6 % d. Bevölk.),

    --- 1871 ......................... 124   “  ,

    --- 1880 ......................... 112   “  ,

    --- um 1903 .................. ca.  60   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1925 .........................  59   “  ,

    --- 1930 .........................  54   “   (0,5% d. Bevölk.),

    --- 1933 .........................  47   “  ,

    --- 1939 (Mai) ...................  13   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ..................   2 Jüdinnen.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen, Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 241

und                 Museum der Stadt Rüsselsheim (Hrg.), Juden in Rüsselsheim (Katalog), S. 5

Durch ihre Tätigkeit als Geldverleiher und Makler waren viele Rüsselsheimer Juden um 1800 in gewisser Weise wohlhabend geworden. Doch im Laufe des 19.Jahrhunderts änderte sich - durch Zuzug von ärmeren Familien - die Sozialstruktur der Rüsselsheimer Judenschaft merklich; um 1900/1930 arbeiteten die meisten hiesigen jüdischen Einwohner als kleine Kaufleute und Händler.

Aus den Erinnerungen des evangelischen Pfarrers Emil Fuchs, der etwa 10 Jahre in Rüsselsheim lebte und die hiesige Judenschaft folgendermaßen charakterisierte: „ ... Zur traditionsverbundenen Schicht gehörten auch die Juden Rüsselsheims. Es waren einige alte Judenfamilien, seit uralten Zeiten mit dem Bauerntum als Vieh- und Getreidehändler verbunden, nun in mancherlei größeren oder kleineren Lieferungsgeschäften tätig. Sie waren vor allem die Träger des Handels nach außen und lieferten auch für Handwerker und Kaufläden der kleineren Orte ringsum. Die Juden stellten jene merkwürdige Mischung von unermüdlichem und gerissenem Geschäftsgeist und persönlicher Anständigkeit und Biederkeit dar, wie man sie oft bei dem Juden der kleinen Stadt findet. So waren sie gerne gesehen und lebten in Freundschaft mit allen. ..” (aus: Emil Fuchs, Mein Leben, Leipzig 1957, S. 149)

  

eine Geschäftsanzeige von 1868 und eine „Richtigstellung“ von 1876

In Rüsselsheim - einem „Industriedorf“ mit hohem Arbeiteranteil und damit überwiegend sozialdemokratisch orientiert - spielte vor 1933 der Antisemitismus nur eine Nebenrolle; dieser manifestierte sich nur in einer Ortsgruppe des „Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes”. Bereits wenige Wochen nach der NS-Machtübernahme im Januar 1933 begann aber auch die Rüsselsheim die antisemitische Propaganda Früchte zu tragen. Vorläufiger Höhepunkt der antijüdischen Hetze waren auch hier die Novembertage des Jahres 1938. Während des Pogroms wurde die Synagoge durch einen SA-Trupp mit einem Rammbock aufgebrochen und die Inneneinrichtung vollständig demoliert; einer totalen Zerstörung entging das Gebäude nur deshalb, weil ein „arisches“ Ehepaar hier zur Miete wohnte. Auch Wohnungen jüdischer Bürger waren Angriffen ausgesetzt.

                 Aus einer Meldung der lokalen „Mainspitze” vom 17.12.1938:

Der Rüsselsheimer Judentempel verschwindet.

Die hiesige Synagoge wurde von dem Architekten Ferdinand Wagner käuflich erworben. Wagner erstellt an dieser Stelle der Mainzerstraße demnächst ein zweistöckiges Wohnhaus, ... Mit den Abbrucharbeiten wird sofort begonnen, ... Das Verschwinden der Rüsselsheimer ‘Judenschule’ wird hier allgemein mit Freuden begrüßt.

Zu Kriegsbeginn hatten die allermeisten jüdischen Bewohner Rüsselsheim bereits verlassen; nur noch neun hielten sich in der Stadt auf; sie mussten in das Haus der jüdischen Familie Gottschall umziehen, das zum „Judenhaus“ erklärt worden war. Im Laufe des Jahres 1942 wurden sieben Hausbewohner deportiert. Nur eine „in Mischehe” verheiratete Jüdin überlebte die NS-Zeit in Rüsselsheim. Mindestens 34 Rüsselsheimer jüdischen Glaubens wurden Opfer der „Endlösung“.

                      Ehem. Synagogengebäude (hist. Aufn., um 1935)

Am ehemaligen Synagogengebäude erinnert heute eine Gedenktafel sowohl an die verschleppten und ermordeten Juden Rüsselsheims als auch an alle Opfer der NS-Zeit; die längere Inschrift lautet:

Mahnung für Gegenwart und Zukunft

Dem Andenken an die während der NS-Zeit verfolgten jüdischen Bürger Rüsselsheims.

Der mahnenden Erinnerung an die Zerstörung der Rüsselsheimer Synagoge am 10.November 1938

Dem Gedenken an die Rüsselsheimer Bürger, die wegen ihrer Gegnerschaft zum NS-Regime Konzentrationslager, Leid, Angst und Tod erleiden mussten.

...

Die 2008 gegründete „Stiftung Alte Synagoge“ in Rüsselsheim „bewahrt die Erinnerung an die Geschichte und Geschicke der Rüsselsheimer Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens. Das Leitmotiv ihres Handelns lautet „Begegnen, Erinnern, Forschen“. Im Mittelpunkt der Stiftungsarbeit steht neben der Erforschung der Geschichte der jüdischen Gemeinde die Förderung des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses der in Rüsselsheim lebenden Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion.

In den Straßen von Alt-Rüsselsheim findet man heute zahlreiche sog. "Stolpersteine", die an ehemalige Bewohner erinnern, die während der NS-Zeit verfolgt, verschleppt und ermordet wurden. Seit 2007 sind bisher in die Gehwege ca. 55 Steine verlegt worden (Stand: 2018); weitere sollen noch folgen.

„Stolpersteine“ in Rüsselsheim (Aufn. Jens Etzelsberger)

Anm.: 2016 wurde in Rüsselsheim erstmals eine sog. „Stolperschwelle“ verlegt. Dieser längliche „Stolperstein“ erinnert vor dem historischen Opel-Portal an die mehr als 7.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die das Unternehmen im Zweiten Weltkrieg beschäftigte.

Neben der Teilnahme am sog. „Stolperstein“-Projekt will die Stiftung dauerhaft das alte Synagogengebäude an der Mainzer Straße für die Zukunft sichern.

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 287 f.

Magistrat der Stadt Rüsselsheim (Hrg.), Dokumente zur NS-Zeit, Rüsselsheim 1979

Wolfram Heitzenröder (Bearb.), Juden in Rüsselsheim – Katalog zur Ausstellung, hrg. vom Museum der Stadt Rüsselsheim, Rüsselsheim 1980

Thomas Frickel, Rüsselsheims erster Opelhändler hieß Moses Linz, in: ‘Rüsselsheimer Echo’ vom 1.11.1988

Thomas Frickel, “ ... da Juden nicht bei Ariern wohnen dürfen.”, in: ‘Rüsselsheimer Echo’ vom 4.11.1988

Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, Hrg. vom Kreisausschuß des Kreises Groß-Gerau, 1990, S. 253/254 und S. 266 f.

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 174/175

Jüdisches Leben in Rüsselsheim“ – Ausstellung in sieben Bahnen, Stiftung Alte Synagoge, Rüsselsheim 2009

Jens Scholten, Jüdisches Leben in Rüsselsheim - Einladung zu einem Rundgang, Verlag Medien & Dialog, Haigerloch 2011

Rolf Strojec (Hrg.), Rüsselsheim setzt Stolpersteine – Lebensläufe, Dokumente und Materialien zu Verfolgung und Widerstand 1933 – 1945, online abrufbar unter: stolpersteine-ruesselsheim.de (mit detaillierten Personendaten)

Rüsselsheim, in: alemannia-judaica (u.a. mit zahlreichen aktuellen Informationen zur Gedenkkultur)

Markus Jäger (Red.), Wiederherstellung der Alten Synagoge in Rüsselsheim schreitet voran – Einweihung im September, in: „Main-Spitze“ vom 14.6.2016

Robin Göckes (Red.), Alte Synagoge: Die Spuren der Geschichte, in: „Rüsselsheimer Echo“ vom 15.6.2016

André Domes (Red.), Bewegte Geschichte sichtbar gemacht: Sanierung der Alten Synagoge in Rüsselsheim abgeschlossen, in: „Main-Spitze“ vom 20.3.2017

Magistrat der Stadt Rüsselsheim (Red.), Stolpersteine erinnern an dunkles Kapital der Geschichte, in: focus.de vom 25.5.2018