Rüthen (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Rüthen in SO.svg Rüthen ist heute eine Kleinstadt im Südosten des Kreises Soest; außer der Kernstadt gehören ihr noch weitere 14 Ortschaften an (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit Mitte des 15.Jahrhunderts wohnten Juden - urkundlich nachweisbar - in Rüthen; bereits um 1270 sollen vermutlich einzelne hier gelebt bzw. sich aufgehalten haben. Seit ca. 1585 waren dann kontinuierlich Juden in Rüthen ansässig, wie das Kämmereiregister der Stadt verzeichnet. Die sich im Laufe des 17.Jahrhundert hier bildende kleine Gemeinde existierte bis in die NS-Zeit; sie erreichte ihren Höchststand mit etwa 80 Mitgliedern um 1840.

Die jüdischen Familien verdienten ihren Lebensunterhalt zumeist als Fleischhauer/Metzger und im Kleinhandel. Von den im Bereich der Landbürgermeisterei Rüthen lebenden jüdischen Personen gingen 17 dem Hausierergewerbe nach, 13 ernährten sich vom Handel, drei vom Handwerk, einer betrieb Landbau. Im Laufe des 19.Jahrhunderts kam dann immer mehr Viehhandel und Textilhandel auf.

Stets war der Rüthener Stadtrat darauf bedacht, die Zahl der jüdischen Familien möglichst klein zu halten; so wurden verschiedenste Reglementierungen in Bezug auf deren Ansässigkeit getroffen.

Eine 1796/1798 erstmals erwähnte Synagoge an der Hochstraße wurde 1834 durch einen Stadtbrand zerstört; schon ein Jahr später weihten die Rüthener Juden gegenüber dem zerstörten Gebäude Ecke Hochstraße/Königstraße einen unscheinbaren Neubau ein. Neben dem Betraum mit Frauenempore waren im Hause auch das Schulzimmer und die Lehrerwohnung untergebracht.

                           Synagogengebäude in Rüthen (hist. Aufn., um 1937)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten auch eine seit ca. 1820 nachweisbare Schule und eine Mikwe.

Im Bereich der mittelalterlichen Stadtgrabens, am Rande der nördlichen Stadtmauer am Hachtor („Judenhagen“), verfügte die Judenschaft über ein Beerdigungsareal; es war ihr 1625 per Ratsbeschluss von der Stadt zugewiesen worden, dort, „wo ihre Altvorderen begraben sind“ – ein Hinweis, der darauf schließen lässt, dass der Friedhof älteren Datums sein könnte. Die älteste noch vorhandene Grabstelle eines „Aaron Abraham, Sohn von Jakob” stammt von 1680. Ein weiterer um 1700 angelegter Friedhof befand sich in Rüthen-Oestereiden, der von den Familien des ehemaligen Gerichtsbezirks Rüthen und späteren Amtes Altenrüthen genutzt wurde. Die letzte Beisetzung soll hier im Jahr 1910 stattgefunden haben.

1854 wurde der Synagogenbezirk Rüthen-Anröchte ins Leben gerufen; laut Statut von 1858 bestand dieser aus der Stadt Rüthen und den Bürgermeistereien Altenrüthen und Anröchte.

Juden in Rüthen:

         --- um 1630 .......................   4 jüdische Familien,

    --- um 1730 .......................   9     “       “    ,

    --- 1810 ..........................  41 Juden,

    --- 1818 ..........................  41   "  ,

    --- 1824 .......................... 104   "  ,*     *  in der Landbürgermeisterei Rüthen

    --- 1840 ..........................  78   “  ,**      ** andere Angabe: 47 Pers.

    --- 1871 ..........................  43   “  ,

    --- 1895 ..........................  37   "  ,

    --- 1910 ..........................  43   “  ,

    --- 1925 ..........................  28   “  ,

    --- 1933 ..........................  29   “  ,

    --- 1939 ..........................   9   “  ,

    --- 1942 ..........................  12   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk Arnsberg, S. 568

und                 Friedhelm Sommer (Bearb.), Rüthen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, S. 679

Anm: Einzelne demografische Angaben in beiden Publikationen differieren voneinander.

Rüthen - hist. Aufn. um 1900 (Aufn. Hermann Luyken, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten noch etwa 35 jüdische Bewohner im Ort.

Aufrufe zum Boykott jüdischer Geschäfte wurden bei der einheimischen Bevölkerung zunächst nur wenig beachtet. Um diesem Zustand abzustellen, ging die NSDAP-Ortsgruppe alsbald dazu über, „Boykottbrecher“ zu ermitteln und diese dann öffentlich anzuprangern. Nach verbalen Angriffen auf die „Parasiten des Deutschtums“ und behördlichen Willkürmaßnahmen häuften sich seit 1935 auch gewalttätige Übergriffe auf das Eigentum jüdischer Familien.

Während des Pogroms 1938 wurden an sechs Geschäften jüdischer Besitzer Scheiben eingeschlagen, Inneneinrichtung verwüstet und auch Personen geschlagen

Da ein Teil des Synagogengebäudes an einen „arischen“ Kleinhändler (als Gemüseladen) vermietet war, wurde das Haus in der „Kristallnacht“ im November 1938 nicht zerstört, die Inneneinrichtung aber demoliert und auf die Straße geworfen. Der jüdische Friedhof hingegen wurde während der NS-Zeit geschändet und gegen Kriegsende durch Bombeneinwirkung teilzerstört.

Das letzte in Rüthen bestehende Geschäft, das Textilhaus der Familie Stern, schloss Anfang 1939. 1938/1939 gelang noch den zahlreichen Angehörigen der Familien Pollack und Stern (insgesamt ca. 20 Pers.) ihre Emigration. Vor ihrer Ausreise hatte sich die Stadt Rüthen alle unbebauten Grundbesitz vertraglich gesichert.

Im „Judenhaus“ von Albert Stern waren die noch hier lebenden jüdischen Bewohner Rüthens (etwa zehn Pers.) ghettoisiert; sie wurden 1942 deportiert - einige ins Ghetto Zamosc, andere nach Theresienstadt. Alle sollen in den Ghettos/Lagern im besetzten Polen umgekommen sein.

 

Heute erinnert noch der ca. 1.800 m² große jüdische Friedhof - etwa 80 Grabsteine sind noch erhalten geblieben - und eine Gedenktafel an der Königsstraße daran, dass es früher in Rüthen eine jüdische Gemeinde gegeben hat. Es ist der älteste, original erhalten gebliebene Begräbnisplatz im kurkölnischen Sauerland.

                 alter jüdischer Friedhof in Rüthen (Aufn. Stadtarchiv Rüthen)

Anfang der 1950er Jahre wurde der Friedhof auf Drängen der jüdischen Gemeinde Lippstadt-Soest von der Stadt Rüthen wieder hergerichtet; etwa drei Jahrzehnte später wurde er in die Denkmalliste der Stadt eingetragen. 1996 wurde am Friedhof von der Stadtverwaltung eine bronzene Mahn- und Erinnerungstafel für die jüdischen NS-Opfer von Rüthen angebracht.

Zum Andenken an unsere jüdischen Bürgerinnen und Bürger,

die in den Jahren 1933 - 1945 gedemütigt, entrechtet, vertrieben u. ermordet wurden.

(Es folgen Namen)

...............

Anm.: Als erste Kommune Nordrhein-Westfalens hat die Stadt Rüthen 2009 in Zusammenarbeit mit dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte die Dokumentation der auf einer Gesamtfläche von ca. 1800m² befindlichen mehr als 200 Grabstätten (80 Grabsteine sind davon noch erhalten) vornehmen lassen.

Seit 1988 erinnert eine Tafel am einstigen Standort der Synagoge in der Königsstraße mit den Worten: "An diesem Ort befand sich die Rüthener Synagoge, die am 9./10. November in der so genannten 'Reichskristallnacht' von Nazis verwüstet wurde."

Dem damaligen Ortspfarrer in Rüthen war es gelungen, unmittelbar nach dem Pogrom von 1938 eine Thorarolle in Sicherheit zu bringen. Er übergab diese dem Paderborner Bistumsarchivar, der die Rolle versteckte. Erst Ende der 1950er Jahre erinnerte man sich sie und übergab sie der Jüdischen Gemeinde Paderborn.

Insgesamt elf sog. „Stolpersteine“ (Stand 2019) erinnern in den Gehwegen Rüthens an jüdische NS-Opfer; fast alle sind Angehörigen der Familie Pollack (Mittlere Straße) gewidmet.

Stolperstein für Salomon 'Sally' Pollack Stolperstein für Abraham 'Albert' PollackStolperstein für Hedwig Pollack geb. NeuwaldStolperstein für Emma Pollack verh. SchlösserStolperstein für Erna Pollack verh. TannenbaumStolperstein für Anita Pollack"Stolpersteine" für Angehörige der Familie Pollack (Aufn. Gmbo, 2019, aus: wikipedia.org, CCO)

 

In Oestereiden – heute Ortsteil von Rüthen - haben seit dem 18.Jahrhundert einzelne jüdische Familie gelebt. Im Laufe des 19.Jahrhundert erreichte deren Personenzahl kaum 20 Köpfe.

Heute erinnert ein ca. 700 m² großes Friedhofsgelände an der Ringerstraße/Im Rosengarten - angelegt gegen Ende des 18.Jahrhunderts und bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges genutzt -, an hier lebende jüdische Familien des unmittelbaren Umlandes (so auch aus Heddinghausen und Efflen); nur vier ältere Grabsteine sind noch vorhanden. Während der Kriegsjahre war der Friedhof „abgeräumt“ worden, um auf dem Gelände Notunterkünfte zu errichten. Nach 1945 wurden die Baracken wieder entfernt und einige wenige noch aufgefundene Grabsteine wieder hier aufgestellt.

Jüdischer Friedhof Oestereiden (Aufn. D. Schäfer, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

[vgl. Anröchte (Nordrhein-Westfalen)]

 

Weitere Informationen:

Eduard Mühle (Red.), Bildung der Synagogenbezirke im Kreis Lippstadt 1847- 1855), in „Lippstädter Heimatblätter“, 64/1984, S. 119 ff.

Walter Dalhoff/Franz Kookem, 775 Jahre Stadt Rüthen, Rüthen 1975

10.Klasse des Städt. Gymnasiums Rüthen (Bearb.), Als die Synagogen brannten. Die ‘Reichskristallnacht’ in Rüthen, in: "Rüthener Hefte", No. 20, Rüthen 1987/88, S. 70 - 74

Friedhelm Sommer, Chronologischer Abriß der Geschichte der Juden in Rüthen, Rüthen 1994 (Maschinenmanuskript)

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S.468/469

Wolfgang Bockhorst/Wolfgang Maron (Hrg.), Geschichte der Stadt Rüthen, in: "Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte", Band 37, Paderborn 2000

Hans Günther Bracht, Familie Pollack. Ein Beitrag zur Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung der Rüthener Juden, in: "Lippstädter Heimatblätter", 81/2001, S. 161 - 168

Ulrich Grun, Der ‘Judenhagen’ in Rüthen. ‘Wichtiger als die Synagoge’ - Seit 1625 Begräbnisstätte, in: "Heimatblätter des Kreises Soest 2003", S. 76 f.

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 567 - 572

Auskünfte der Stadt Rüthen (Stadtarchiv) von 2005

Pogromnacht: Die SS kam im Morgengrauen. Jüdische Synagoge in der Hochstraße wurde verwüstet. Pfarrer Norbert Schule rettete die Thora-Rolle, in: "Der Patriot - Lippstädter Zeitung" vom 9.11.2006

Friedhelm Sommer, Ein steinernes Archiv mit weltweitem Zugang. Die Online-Edition der jüdischen Friedhöfe in Rüthen, in: "Sauerland. Zeitschrift des Sauerländer Heimatbundes", 4/2009, S. 175 – 177

Nathanja Hüttenmeister, Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Rüthen durch das Salomon-Ludwig-Steinheim-Institut, 2009

Hermann J. Krämer (Red.), Die jüdischen Friedhöfe in der Stadt Rüthen. Wege und Anmerkungen zu ihrer wissenschaftlichen Erschließung, in: "Heimatblätter. Geschichte, Kultur und Brauchtum im Kreis Soest und in Westfalen", Sept/Okt. 2010

Tanja Frohne (Red.), Jüdisches Leben in Rüthen, in: „Der Westen“ vom 29.7.2014

Rüthen - Fünf Stolpersteine für fünf Schicksale, in: "WAZ - Westdeutsche Allgemeine Zeitung" vom 7.8.2015

Friedhelm Sommer (Bearb.), Rüthen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 674 – 684

Ursula Olschewski (Bearb.), Rüthen-Oestereiden, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 685/686

Armin Obalski (Red.), „Hier müsst ihr mich schon raus tragen“, in: "WAZ - Westdeutsche Allgemeine Zeitung" vom 16.4.2016 (betr. Verlegung von „Stolpersteinen“)

Auflistung der in Rüthen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Rüthen