Pößneck (Thüringen)

Schleiz 1905.jpg Saale-Orla-Kreis Karte Mit derzeit ca. 13.000 Einwohnern ist Pößneck die größte Stadt im Saale-Orla-Kreis im Freistaat Thüringen – ca. 35 Kilometer südlich von Jena gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte 'Landkreis Schleiz' von 1905, aus: de-academic.com/  und  Kartenskizze aus: ortsdienst.de/thueringen/saale-orla-kreis).

In Pößneck sollen im 14./15. Jahrhundert Juden gelebt haben, die dem Stadtherrn, den Grafen von Schwarzburg, schutzgeldpflichtig waren. So wurde berichtet, dass die hier lebenden Juden den Grafen von Schwarzburg als den damaligen Stadtherren (bis 1418) jährlich „vier fette Gänse“ zu liefern hatten. 
Nach der Pestzeit – Verfolgungen schien es 1348/1349 in Pößneck aber nicht gegeben zu haben - fanden 1372 wieder Juden in der Stadt Erwähnung. So sollen sie den Markgrafen von Meißen und den Landgrafen von Thüringen gegenüber als Darlehensgeber aufgetreten sein. Namentlich wird 1423/1425 der Jude Abraham von Pößneck als einer der Gläubiger dieser Grafen genannt.    

In den folgenden Jahrhunderten haben in der Kleinstadt vermutlich keine Juden gelebt, möglicherweise aber sich hier zeitweilig aufgehalten.

Saxonia Museum fuer saechsische Vaterlandskunde III 29.jpg

 Pößneck – Lithographie um 1840 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts lassen sich wieder jüdische Familien in Pößneck nachweisen; ihre Zahl blieb aber stets begrenzt, so dass sich hier keine eigenständige Gemeinde bildete. Im Hause des Kaufmanns David Binder war später ein Betraum untergebracht.

Juden in Pößneck:

--- um 1880 ........................ 20 Juden,

--- 1895 ........................... 51   “  ,

--- 1898 ........................... 20   “  ,

--- 1925 ........................... 16   “  ,

--- 1940 ...........................  ?   “  .

Angaben aus: Philipp Gliesing, Jüdisches Leben in Pößneck

Um 1895/1900 lebten in Pößneck ca. 50 jüdische Bewohner, zu Beginn der 1930er Jahre waren es nur noch etwa 15 Personen.

Jüdische Gewerbetreibende hatten gegen Ende des 19.Jahrhunderts mehrere Einzelhandelsgeschäfte und Textilgewerbebetriebe eröffnet; einzelne Juden waren auch im Verlagswesen oder in der Steuerberatung tätig. David Binder, der 1906 in die Kleinstadt kam, betrieb in der Breiten Straße „Binders Kaufhaus zur goldenen Ecke“ .

                                            (Kopie aus: "Pösnecker Heimatblatt“ No. 10/1998)

1933 lebten noch 16 jüdische Personen in Pößneck; in den folgenden Jahren verließ ein Teil von ihnen auf Grund der Folgen des Wirtschaftsboykotts und der Repressalien die Kleinstadt. Besonders war das Kaufhaus von David Binder Ziel der antisemitischen Stimmungsmache. Im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom 1938 wurde der jüdische Kaufmann – zusammen mit sieben weiteren Männern aus Pößneck – ins nahegelegene KZ Buchenwald verbracht, aus dem er Ende November 1938 wieder entlassen wurde. Im Dezember 1938 gab er sein Geschäft auf; nur einen Monat später verstarb er an den Folgen eines Schlaganfalls.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind nachweislich zwölf gebürtige bzw. über eine längere Zeit hinweg in Pößneck lebende Personen mosaischen Glaubens Opfer der Shoa geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/poessneck_juedgeschichte.htm).

 

Sog. „Stolpersteine“ erinnern seit 2008 an die Opfer der „Endlösung“; weitere acht wurden 2014 und zehn 2021 verlegt, so dass derzeit insgesamt mehr als 20 Steine in der Gehwegpflasterung sich befinden.

Stolpersteine für die Familie Binder.jpg Stolperstein für Familie Benjamin.jpg

„Stolpersteine" für Familie Binder, Breite Str. und Ehepaar Falkenstein (Aufn. K.Jobst, 2019, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Weitere Informationen:

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band II

Anna-Ruth Löwenbrück, Juden in Thüringen, in: "Thüringen. Blätter zur Landeskunde", Sömmerda/Jg. 1995

Philipp Gliesing/Dennis Günthel, Die Reichspogromnacht in Deutschland am Beispiel des Gaues Thüringen und die Folgen für die Juden in Pößneck, Seminarfacharbeit am Staatl Gymnasium „Am Weißen Turm“, Pößneck 2001 (online abrufbar unter: stadt-ranis.de)

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Band 8 (Thüringen), Frankfurt/M. 2003, S. 226  

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2007, S. 207/208

Marius Koity (Red.), Freude trotz aller Trauer, in: „Ostthüringer Zeitung“ vom 9.5.2008 (betr. Stolpersteine in Pößneck)

Philipp Gliesing, „Einkäufe bei David Binder einstellen“. Binders Kaufhaus in Pößneck, in: Monika Gibas, „Ich kam als wohlhabender Mensch nach Erfurt und ging als ausgeplünderter Jude davon.“ Schicksale 1933 – 1945, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung, 2. Aufl., Erfurt 2010, S. 105 - 114

Philipp Gliesing, Jüdisches Leben in Pößneck. Ein Wegweiser für Erinnerung, Verständigung und Zivilcourage. Ein Kooperationsprojekt des Kulturamtes der Stadt Pößneck und der ABC-Geschichtswerkstatt von Pößneck Alternativer Freiraum e.V., Backnang 2013 

Peter Cissek (Red.), Acht „Stolpersteine“ mehr in Pößneck, in: „Ostthüringer Zeitung - Ausgabe Schleiz“ vom 20.3.2014

Pößneck, in: alemannia-judaica.de

Marius Koity (Red.), Zehn weitere Stolpersteine für Pößneck, in: „Ostthüringer Zeitung“ vom 22.4.2021

Flora Hallmann (Red.), Flugdatenschreiber der Geschichte: Stolpersteine in Pößneck verlegt, in: „Ostthüringer Zeitung“ vom 4.5.2021