Posen/Warthe (Posen/Westpreußen)

http://www.preussenweb.de/provinz/posenkarte.jpgDer Kreis Posen-Ost  Ausschnitte aus hist. Karten (aus: preussenweb.de und wikiwand.com/de/Kreis_Posen-Ost)

Posen (poln. Poznań) war bereits im 10.Jahrhundert Sitz der polnischen Herzöge und eines Bischofs. Bis 1772 gehörte Posen zu Großpolen. In Folge der 1.Teilung Polens (1772) fiel der ‘Netzedistrikt’ an Preußen; mit der 2. Teilung Polens (1793) fiel das gesamte Posener Gebiet an Preußen und hieß nun „Südpreußen”. Während der Napoleonischen Kriege gehörte die Region zur Verwaltungseinheit ‚Großherzogtum Warschau’. Nach dem Wiener Kongress 1815 entstand aus Großteilen der Region die preußische Provinz Posen, die bis 1918 Bestand hatte. Durch den Versailler Vertrag kam diese weitestgehend an den neu gebildeten polnischen Staat; lediglich kleine Gebiete im Westen verblieben im deutschen Staatsgebiet und wurden mit den Restgebieten Westpreußens zur „Grenzmark Polen-Westpreußen“ zusammengefasst. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurde das Posener Land zum „Reichsgau Posen“, ab 1940 ‘Wartheland’.

Das polnische Poznań ist heute die Hauptstadt der polnischen Woiwodschaft Großpolen mit etwa 540.000 Einwohnern

Erste urkundliche Hinweise auf Ansiedlungen von Juden in Posen stammen aus den Jahren um 1380. Doch vermutlich siedelten sich hier schon früher Juden ab; denn gegen Ende des 14.Jahrhunderts gab es in Posen schon ein vollständig organisiertes jüdisches Gemeindewesen. Es gilt als wahrscheinlich, dass die jüdischen Zuwanderer Flüchtlinge aus Deutschland waren, die sich in den Jahren der Pestpogrome in Richtung Osten abgesetzt hatten. In Posen lebten die Juden in einem eigenen Wohnbezirk in der Nähe des Dominikanerklosters; dabei achtete der Stadtrat streng auf die Einhaltung der Ghettogrenzen; die Folge war eine drückende Enge in der „Judenstadt“. Großbrände vernichteten mehrfach die Ghettosiedlung, aber auch andere Stadtteile; häufig waren Brände Auslöser von blutigen Übergriffen und Plünderungen jüdischen Eigentums durch die christliche Bevölkerung. Die Juden Posens verdienten ihren Lebensunterhalt im Groß- und Kleinhandel. Die wenigen Großhändler, die häufig auch als Wirtschaftsberater und Finanziers die Geschäfte des Adels tätigten, handelten über die Landesgrenzen hinweg vor allem mit den Rohstoffen des Landes: Holz, Getreide und Wolle. Kleinhändler und Hausierer, aber auch Handwerker der verschiedensten Branchen, waren in Posen stark vertreten; die meisten Handwerker waren Schneider, Kürschner und Metzger.

Wegen ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit kam es zwangsläufig zu Konflikten mit der christlichen Kaufmannschaft, die den jüdischen Handel auf das Ghetto beschränken wollte. Der wirtschaftliche Konkurrenzkampf war auch ein Grund für die blutigen Ausschreitungen in Posen um die Mitte des 15.Jahrhunderts; in den folgenden Jahrzehnten musste die Posener Gemeinde erhebliche Finanzmittel aufwenden, um das Ghetto gegen Angriffe abzusichern; der Posener Magistrat versuchte wiederholt, die jüdische Konkurrenz einzudämmen bzw. loszuwerden.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Poznan_Braun_Hohenberg.jpg

Ansicht von Posnania (Posen), um 1620 (Abb. aus: en.wikipedia.org)

Im 17./18.Jahrhundert war die Posener Judenschaft die größte in Großpolen; der Posener Rabbiner war zugleich Landesrabbiner. Damit war die Posener jüdische Gemeinde aufs engste mit der Gesamtorganisation der Judenheit Polens verknüpft, der sog. „Vierländersynode“. Diese musste u.a. die Aufbringung und Zahlung der Kopfsteuern regeln, die allen Juden in Polen auferlegt waren. Nach Auflösung der „Vierländersynode“ trat an Stelle der Gesamtbesteuerung wieder die Einzelsteuer. Im Laufe des 18.Jahrhunderts hatte die Posener Gemeinde hohe finanzielle Lasten zu tragen, die sich aus Abgaben an verschiedene territoriale und kirchliche Institutionen zusammensetzten; zudem verschlechterten Kriegskontributionen und die Folgen der Pest weiterhin die Lebensbedingungen für die Posener Judenschaft.

Nach dem Nordischen Krieg verlor Posen seine führende Stellung innerhalb der polnischen Judenschaft an Lissa.

 Der 1761 in Eisenstadt geborene Akiba ben Mose Eiger der Jüngere wirkte von 1814 bis 1837 in Posen als Rabbiner in Posen und galt als größte talmudische Autorität seiner Zeit. Bereits als Kind hatte er seine Geburtsstadt verlassen und wurde von seinem Onkel erzogen; nach religiösen Studien nahm Akiba Eiger 1791 das Rabbinat in Märkisch-Friedland an; ab 1814 übte er die gleiche Funktion in Posen aus, die er bis zu seinem Tode 1837 bekleidete.

Nachdem Posen 1793 preußisch geworden war, rückte die hier lebenden polnischen Juden langsam näher an den deutschen Kulturkreis heran.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Juden Posens war Ende des 18.Jahrhunderts noch groß; sie waren führend im Handel mit Landesprodukten ein und auch ein Großteil des Detailhandels war in jüdischer Hand. Auf den großen Messen waren Posener Kaufleute ebenfalls vertreten.

Schutzbrief für den Posener Händler Moses Boas Eduard von 1798

Nach dem großen Stadtbrand von 1803, der fast 300 Häuser vernichtete, ordnete die preußische Regierung die Aufhebung des ghettoartigen jüdischen Wohnbezirks an. Jüdische Familien durften sich nun überall in der Stadt niederlassen, allerdings nur eine bestimmte Anzahl Häuser erwerben; ein Teil der Juden bevorzugte aber weiterhin seinen althergebrachten Wohnbezirk. Ab den 1830er Jahren konnten Posener Juden sog. Naturalisationsbriefe erwerben, die ihnen die bürgerlichen Freiheiten zusicherten; damit besaßen sie das städtische Wahlrecht bzw. konnten sich zum Stadtverordneten wählen lassen. Ab 1850 waren alle Posener Juden im Besitz der staatsbürgerlichen Rechte. In den revolutionären Wirren im März 1848 verbreiteten sich Gerüchte, dass die polnische Bevölkerung gewaltsam gegen die hiesigen Juden vorgehen würde; daraufhin verließen zahlreiche jüdische Einwohner Posen. Zur Beruhigung der verängstigten Judenschaft ließ das polnische Nationalkomitee Ende März 1848 auch in deutscher Sprache einen Appell veröffentlichen: 

Brüder Israeliten !

Es hat sich das Gerücht verbreitet, als hege das polnische Volk unserer Stadt die Absicht, Gewalttaten an Eurer Person und Eigenthum zu verüben. Wir versichern Euch, daß dieses Gerücht unbegründet und nichtig sei. ... Seid daher getrost, verlasset nicht Eure Geschäfte und lasset Euch in dem Vertrauen, daß die polnische Nation stets Eure Religion und Gebräuche geehrt, so wie den Schutz der für sich in Anspruch genommenen Rechte auch Euch angedeihen lasse, durch die von böswilligen Menschen verbreiteten Gerüchte nicht irre leiten. Das volle Bürgerrecht ... garantieren auch wir unseren Brüdern Israeliten, und bitten Dieselben in Gemeinschaft mit uns unser gemeinschaftliches Interesse zu unterstützen.

Eine jüdische Elementarschule bestand um 1800 nicht; nur relativ wenige Kinder wohlhabender Familien besuchten christliche Schulen. So wuchsen viele Kinder ohne regelmäßigen Unterricht auf; nicht einmal die Hälfte aller Kinder erhielt eine Grundbildung an jüdischen Privatschulen. Im Laufe des 19.Jahrhunderts drängten dann immer mehr jüdische Schüler an die höheren Posener Lehranstalten.

                                          1855/1857 erbaute Synagoge in Posen (hist. Aufn.)

Unweit der in den 1850er Jahren erbauten alten Synagoge wurde 1907 ein gewaltiger Synagogenbau am Wronker-Platz fertiggestellt, der das Zentrum der konservativ ausgerichteten Posener Judenschaft war.

       Ähnliches Foto Wronker Platz mit Synagoge (hist. Postkarte)

Den Einweihungsfeierlichkeiten am 5.9.1907 wohnten viele Rabbiner und Vorsteher von Gemeinden der Provinz Posen bei; auch die Spitzen der Stadtverwaltung und der Königlichen Zivil- und Militärverwaltung zählten zu den Ehrengästen. Die Festpredigt hielt der Gemeinderabbiner Dr. Wolf Feilchenfeld. Die Errichtung einer solch imposanten Synagoge muss auch vor dem Hintergrund der preußischen Politik in den Ostgebieten mit hohem polnischen Bevölkerungsanteil gesehen werden. Die Juden tendierten in Westpreußen und Posen seit Jahrzehnten zur deutschen Seite und wurden „durch entsprechende freundliche Behandlung in diesem Verhalten bestärkt”.

  Neue Synagoge am Wronker Platz, hist. Postkarte (aus: deutsche-schutzgebiete.de)

Die religiös-liberalen Kreise innerhalb der Posener jüdischen Gemeinde versammelten sich in einer kleineren Synagoge der sog. Brüdergemeinde in der Dominikanerstraße.

Langjähriger Rabbiner der liberalen Brüdergemeinde war Philipp Bloch (geb. 1841 in Tworog/Schlesien), der seit seiner Berufung (1871) nahezu ein halbes Jahrhundert (!) dort wirkte und sich große Anerkennung erwarb. Bloch galt als führendes Mitglied der „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands“ und zählte zu den Gründungsmitgliedern der „Gesellschaft zur Förderung derWissenschaft des Judentums“. Philpp Bloch starb 1923 in Berlin; sein Grab findet man auf dem Jüdischen Friedrich Berlin-Weißensee.

Um 1900 gab es in Posen fast 30 jüdische Vereine; darunter u.a. ein „Kranken-Verpflegungs- und Beerdigungsverein“, den „Israelitischen Frauenverein“, einen „Jüdischen Töchterverein“, den „Verein zur Erziehung jüdischer Mädchen“ und den „Talmud-Thora-Verein“. 1860 gehörten zur Synagogengemeinde Posen 29 Ortschaften mit etwa 7.600 Einwohnern.

Juden in Posen:

         --- um 1530 ...................... ca.  3.000 Juden (knapp 50% d. Bevölk.),

    --- um 1635 ...................... ca.  1.500   “  ,

    --- um 1700 ...................... ca.  2.300   “  ,

    --- um 1790 ...................... ca.  3.000   “  ,

    --- 1805 ......................... ca.  3.500   “  (ca. 23% d. Bevölk.),

    --- 1817 .............................  4.025   “  (ca. 18% d. Bevölk.),

    --- 1831 .............................  5.471   “  ,

    --- 1848 ......................... ca.  7.700   “  (ca. 17% d. Bevölk.),

    --- 1861 ......................... ca.  7.950   “  ,

    --- 1871 .............................  7.325   “  (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1890 .............................  6.126   “  (ca. 9% d. Bevölk.)

    --- 1895 .............................  5.810   “  ,

    --- 1900 .............................  5.988   “  (ca. 5% d. Bevölk.)

    --- 1913 ......................... ca.  5.600   “  ,

    --- 1918 ......................... ca.  5.600   “  (3,6% d. Bevölk.),

    --- 1921 .............................  2.131   “  (ca. 1% d. Bevölk.)

    --- um 1930 ...................... ca.  2.000   “  ,

    --- 1939 ......................... ca.  1.500   “  ,

    --- 1940 .............................    keine.

Angaben aus: J. Jacobson, Zur Geschichte der Juden in Posen

und                 A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und ..., S. 771 f.

 https://europeana1914-1918.s3.amazonaws.com/attachments/138163/13545.138163.large.jpgAlter Markt und Rathaus (hist. Postkarte, um 1915)

In wirtschaftlicher Hinsicht waren die Posener Juden für die Stadt lebenswichtig; obwohl 1910 nur 4% aller Einwohner Juden waren, brachten sie fast 25% der gesamten Steuern auf. Dagegen waren sie politisch bedeutungslos; nur zwei Juden gehörten zeitweilig dem Stadtrat an. Durch zunehmende Abwanderung von Juden, die um 1850 immerhin noch etwa 20% der Einwohnerschaft Posens ausmachten, verschob sich das nationale Verhältnis zugunsten der Polen. Das Ende der deutschen Herrschaft 1918 besiegelte auch das Ende der Posener Gemeinde als einer deutsch-jüdischen Institution. Jüdisch-nationale bzw. -konservative Kreise versuchten zwar, sich die Rechte einer nationalen Minderheit zu sichern; doch kehrten die allermeisten Posen den Rücken und wandten sich vor allem den Zentren Berlin und Breslau zu. Gleichzeitig zogen vermehrt polnische Juden nach Posen.

Bevor deutsche Truppen Anfang Sept. 1939 in Posen einmarschierten, hatten bereits zahlreiche Juden Posen verlassen. Die Stadt wurde nun Hauptstadt des Warthegau, den man dem Großdeutschen Reich einverleibte. Im November 1939 verkündeten die NS-Behörden, dass die Stadt „judenfrei“ gemacht werden solle; einen Monat später setzten dann die Deportationen in die Städte/Ghettos des "Generalgouvernements" ein. Die meisten der ca. 2.800 Juden, die nach 1922 in der Provinz „Grenzmark Posen-Westpreußen“ gelebt hatten, wurden in den NS-Vernichtungslagern ermordet.

Anm.: Von Ende 1939 bis Mitte 1943 existierte das Arbeitslager „Stadtstadion“ mit 13 Außenstellen in den umliegenden Orten, wo Juden im Straßenbau beschäftigt waren.

 

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lebten einige hundert Juden in Poznań; doch entstanden dort keine religiösen jüdischen Institutionen mehr.

Das einstige Synagogengebäude - zunächst sollte es abgerissen werden („Eine Synagoge hat keinen Platz in einer Gauhauptstadt!“) - wurde während des Krieges umgebaut und dann als Schwimmhalle genutzt. Das äußere Erscheinungsbild - die hohe Kuppel wurde gekappt, die rote Backsteinfassade vollständig verputzt und die vorgelagerten Rundtürmchen verschwanden - wurde vollkommen verändert, um jegliche Erinnerung an die jüdische Kultur in der Stadt zu tilgen. Inzwischen ist das Gebäude, das zwischenzeitlich wieder im Besitz der jüdischen Gemeinde gewesen war, an einen privaten Investor übergegangen, der hier ein Hotel einrichten will (Stand 2020).

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. aus: Roweromaniak, 2007, aus: wikipedia.org, CC SA 2.5)

Neben dem Haupteingang erinnert heute nur eine kleine Tafel in knappen Worten an die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes.

      Modell der Posener Synagoge (K., 2015, aus: wikipedia.org, 2015, CC BY-SA 4.0) 

 https://uncoveringjewishheritage.files.wordpress.com/2014/12/dsc02561.jpg Denkmal für die in den Arbeitslagern Posens ermordeten Juden (Aufn. aus: anthropology.ua.edu)

Ein kleiner Bereich eines jüdischen Friedhofs wurde in den letzten Jahren wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht (gelegen in der Glogowska-Str.). Die dort 1803 angelegte Begräbnisstätte war im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten zerstört worden. Bei Erdarbeiten (2007) wurden mehrere alte Grabsteine freigelegt, ein Jahr später auf der wiederhergestellten Fläche weitere Steine aufgestellt, so auch ein Grabstein, der an den ehemaligen Posener Rabbiner Akiba Eger (gest. 1761) erinnern soll.

  cmentarz żydowski w Poznaniu

alte Grabanlage und wiederangelegtes Begräbnisareal (Aufn. aus: inyourpocket.com/poznan/Jewish-Poznan und K. Bielawski, aus: kirkuty.xip.pl)

 

 

In Kurnik (poln. Kórnik, derzeit ca. 8.000 Einw.) - nur einige Kilometer südöstlich von Posen gelegen - lebten jüdische Familien vermutlich seit Ende des 17.Jahrhunderts. In der Folgezeit bildete sich hier eine sehr große jüdische Gemeinde heraus, die um 1840 fast 1.200 Angehörige zählte; das entsprach fast 50% der Gesamtbevölkerung. Die aus Holz gebaute Synagoge stammte aus dem Jahre 1767.

                                                        Synagoge in Kurnik (hist. Aufn.)          

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wanderten vermehrt Juden besonders in große deutsche Städte ab; kurz vor dem Ersten Weltkrieg lebten in Kurnik nur noch etwa 100 jüdische Bewohner. Die etwa 35 noch bei Kriegsbeginn im Ort lebenden Juden wurden alsbald nach Lodz vertrieben. Synagoge und jüdischer Friedhof wurden zerstört. 

vgl. dazu: Kurnik  (Posen)

 

 

In Schroda (ältere Bezeichnung auch Neumarkt, poln. Środa Wielkopolska, derzeit ca. 23.000 Einw.) – ca. 30 Kilometer südöstlich von Posen - ließen sich nach der Annexion Preußens (1793) jüdische Familien nieder. Alsbald gründete sich hier eine Gemeinde, die gegen Mitte des 19.Jahrhunderts mehr als 300 Personen zählte. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten eine um 1870 erbaute Synagoge und eine eigene Schule; ein Friedhof war bereits um 1800 angelegt worden.

Ende der 1930er Jahre lebten in der Kleinstadt noch ca. 50 Juden, die nach der deutschen Okkupation zumeist ins Generalgouvernement deportiert wurden. Der jüdische Friedhof wurde zerstört, Grabsteine zweckentfremdet und ein Teil des Geländes als Kiesgrube benutzt. Das Synagogengebäude blieb erhalten; bis Anfang der 1970er Jahre als Lagerhaus benutzt dient es nach mehrfachen Umbauten heute als Bibliothek.

  Ehem. Synagoge - rechts im Bildhintergrund (aus: sztetl.org.pl)

An der Außenwand des Gebäudes erinnert heute eine Tafel an dessen einstige Verwendung als Synagoge. 

vgl. dazu: Schroda (Posen)

 

 

In Bu(c)k (poln. Buk, derzeit ca. 6.000 Einw.) - westlich von Posen gelegen - gab es eine jüdische Gemeinde, deren Anfänge zu Beginn preußischer Herrschaft liegen und die sich um 1840/1850 aus etwa 250 Angehörigen zusammensetzte; gegen Ende des 19.Jahrhunderts waren es knapp 300 Personen. Anfang der 1880er Jahre ließ die hiesige Judenschaft eine Synagoge im neuromanischen Stil errichten; diese ersetzte ein Gebäude, das kurz nach seiner Fertigstellung während der Revolutionszeit (1848) von polnischen Bewohnern zerstört worden war. Grund für die Zerstörung war das deutsch-freundliche Verhalten der jüdischen Minderheit. Auch zahlreiche von jüdischen Familien bewohnte Häuser wurden demoliert bzw. unbewohnbar gemacht.

  restauriertes Synagogengebäude in Buk (Aufn. Region Wielkopolska, um 2005

Juden in Buk:

--- 1808  ...................... 118 Juden,

--- 1840 ...................... 241   “  ,

--- 1880 ...................... 266   “  ,

--- 1921 ......................  70   “  ,

--- 1938 .................. ca.  30   “  .

Angaben aus: Buk, in: sztetl.org.pl

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts nahm der jüdische Bevölkerungsanteil in Buk deutlich ab; 1939 lebten hier nur noch ca. 30 Juden, die noch im gleichen Jahre ins „Generalgouvernement“ abgeschoben wurden.

Das ehemalige Synagogengebäude – die Inneneinrichtung war während der NS-Okkupation zerstört worden - diente danach verschiedensten Zwecken (Werkstatt, Sporthalle). Ende der 1980er Jahre wurde das Gebäude von der „Nissenbaum-Familien-Stiftung“ übernommen und umfassend restauriert. Seit 2009 ist es im Besitz der Kommune. Das vor dem Ort liegende Friedhofsgelände, dessen Anlage gegen Mitte des 19.Jahrhunderts datiert, befindet sich heute in einem verwahrlosten Zustand. 

vgl. dazu: Buk (Posen)

 

 

Im ca. 30 Kilometer nordwestlich von Posen gelegenen Samter (poln. Szamotuly, derzeit ca. 19.000 Einw.) existierte im 18./19.Jahrhundert eine relativ große jüdische Gemeinde, die um 1820 immerhin fast die Hälfte der Kleinstadtbevölkerung stellte. Erste Hinweise auf jüdische Ansiedlung reichen bis zu Beginn des 15.Jahrhunderts zurück. Nach einem Brand, der das jüdische Viertel vernichtete (um 1635), verließen die Juden den Ort; sie kehrten zu Beginn des 18.Jahrhundert zurück und bildeten eine neue Gemeinde. Um 1870 lebten fast 1.000 Juden in Samter; einige wohlhabende Familien besaßen Fabriken, wie eine Möbelfabrik und mehrere Mühlenbetriebe. Anfang der 1920er Jahre lebten in der Stadt noch ca. 260 jüdische Personen (ca. 4% d. Bev.); ein Großteil hatte bereits die Stadt - unter dem Druck des wachsenden Antisemitismus in Polen - in Richtung Deutschland verlassen. Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurden die verbliebenen jüdischen Bewohner von den NS-Besatzungsbehörden ins „Generalgouvernement“ vertrieben. 

vgl. dazu: Samter (Posen)

 

 

In Murowana Goslin (poln. Murowana Goślina, derzeit ca. 10.000 Einw.) – in ca. 30 Kilometer Entfernung nördlich Posens – war als „adlige Stadt“ gegründet worden. Von Deutschen und Polen bewohnt lebten um 1800 lebten in der Kleinstadt ca. 250 jüdische Einwohner. Nach dem großen Stadtbrand errichtete die Gemeinde 1847 ihr neues Synagogengebäude. Das im Baustil des Historismus errichtete Gotteshaus wurde 1940 von den deutschen Besatzungsbehörden zerstört.

Synagoge von Murowana Goslin (Aufn. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

 

 

In Wongrowitz (poln. Wagrowiec, derzeit ca. 25.000 Einw.) - ca. 50 Kilometer nordöstlich von Posen gelegen - wuchs seit Ende des 18. Jahrhundert eine große jüdische Gemeinde heran, die Mitte des 19.Jahrhunderts aus mehr als 800 Angehörigen bestand. Infolge zunehmender Abwanderung in größere Städte reduzierte sich die Judenschaft von Wongrowitz ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts erheblich. Anfang der 1930er Jahre lebten noch ca. 200 Juden in der Kleinstadt. Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurden die Wongrowitzer Juden „ins Generalgouvernement umgesiedelt“; die 1807 erbaute Synagoge wurde zerstört. Zur Zeit der deutschen Besatzung hieß der Ort „Eichenbrück“. Der aus dem frühen 19.Jahrhundert stammende jüdische Friedhof ist heute als Parkanlage gestaltet und weist nur noch wenige, in einer Reihe stehende Grabsteine auf.

Einzelne verbliebene Grabsteine Aufn. aus: wagrowiec1381.wordpress.com/2017/05/15/

 

 

In der ca. 30 Kilometer wartheabwärts von Posen gelegenen Kleinstadt Obernik (poln. Oborniki, derzeit ca. 18.000 Einw.) sind Ansiedlung von Juden seit Mitte des 16.Jahrhunderts nachweisbar; die hiesigen Juden verdienten ihren Lebensunterhalt zum einen als Holz- und Salzhändler, zum anderen als Handwerker. Nach der preußischen Annexion 1793 wuchs die jüdische Gemeinde bis auf ca. 400 Angehörige 1880 an; 1920 waren es noch etwa 140 Personen. Zu dieser Zeit verließen die allermeisten jüdischen Familien die Stadt; 1939 lebten hier nur noch 60 Juden, die noch im gleichen Jahre ins „Generalgouvernement“ abgeschoben wurden. Ab 1940 befand sich in der Stadt ein Arbeitslager, in dem Juden aus dem weiteren Umland zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. 

Vom jüdischen Friedhof sind heute keine Überreste mehr vorhanden.

vgl. dazu:  Obernik/Warthe (Posen)

 

 In Neutomysl bzw. ab 1875 Neutomischel (poln. Nowy Tomysl, derzeit ca. 14.500 Einw.) - ca. 50 Kilometer westlich von Posen – lebten um 1800 noch keine jüdischen Familien; ihr Zuzug erfolgte erst ab den 1830er Jahren. Bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts machte die Zahl der jüdischen Bewohner ca. 150 Personen aus; danach setzte deren Abwanderung ein. 1861 wurde die lokale Synagoge eingeweiht; deren Bau war erst durch eine Spende eines wohlhabenden Juden ermöglicht worden.

                                                    Synagoge in Neutomischel (hist. Aufn.)

Die wenigen noch verblieben jüdischen Einwohner wurden während der NS-Zeit deportiert. Das Synagogengebäude wurde zerstört, die Relikte abgetragen.

 

 

In Moschin (poln. Mosina, derzeit ca. 12.000 Einw.) - ca. 20 Kilometer südlich von Posen - existierte eine kleine jüdische Gemeinde. die in den 1850er Jahren sich bildete. Wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg bestand die Gemeinde aus ca. 110 Angehörigen (etwa 5% d. Bevölkerung). Das aus dem letzten Viertel des 19.Jahrhunderts stammende Synagogengebäude ist bis auf den heutigen Tag erhalten. Obwohl während des Zweiten Weltkrieges das Gebäude teilzerstört worden war, wurde es nach 1945 wieder instandgesetzt und diente jahrzehntelang als Ladengeschäft und Wohnhaus. Nach jüngster Restaurierung befindet sich im Gebäude das lokale Museum.

            Ehem. Synagoge in Mocina (Aufn. um 2012, aus: polskaniezwykla.pl)

Vom jüdischen Friedhof sind kaum Spuren mehr zu finden; er war während der Kriegsjahre demoliert worden.

 

 

Weitere Informationen:

Joseph Perles, Geschichte der Juden in Posen, Breslau 1865

A.Warschauer, Die Entstehung einer jüdischen Gemeinde, in: "Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland", Jg. 1890, Heft (1890), S. 170 - 181

Bernhard Breslauer, Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen, Berlin 1909

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909 (1912), S. 273 – 279 und S. 771 – 873

Max Kollescher, Jüdisches aus der deutsch-polnischen Übergangszeit Posen 1918 – 1920, Berlin 1925

A. Posner, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Familien in Samter während der letzten 100 Jahre, Selbstverlag, Jerusalem 1948

J. Jacobson, Zur Geschichte der Juden in Posen, in: G.Rhode (Hrg.), Geschichte der Stadt Posen, Neuendettelsau 1953, S. 243 f.

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 478 ff. und Teil 2, Abb. 428 - 430

Sophia Kemlein, Die Emanzipation der Juden im Großherzogtum Posen 1815 - 1848, Magisterarbeit an der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1987

Ulrich Hutter-Wolandt, Juden in Posen - Ein Überblick, in: Zur Geschichte der deutschen Juden. Ostdeutschland - Böhmen - Bukowina, Kulturpolitische Korrespondenz 61/1993, S. 24 - 26

Cornelia Östreich, Posener Juden nach Amerika - eine Minderheit im Umbruch und ihre Auswanderung (bis 1870), Philosophische Dissertation, Hamburg 1994

Ulrich Haustein, Die Assimilation der Posener Juden, in: Joachim Rogall, Deutsche Geschichte im Osten - Land der großen Ströme, Berlin 1996, S. 263 - 280

Zbigniew Dworecki, Ludność żydowska w Poznaniu w latach 1918 - 1939, in: Żydzi w Wielkopolsce na przestrzeni dziejów, ed. Jerzy Topolski u. Krzysztof Modelski, Poznán 1999, 2. Aufl., S. 189 - 211

Sophia Kemlein, Die Posener Juden 1815 - 1848: Entwicklungsprozesse einer polnischen Judenheit unter preußischer Herrschaft, Hamburg 1997

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 659, S. 923 und S. 1019/1020 und Vol. 3, S. 1421

Zbiginiew Pakula, The Jews of Poznan, in: Library of Holocaust Testimonies, London/Oregon, 2001 (2003)

Franz Fichtl, Mietvillen und Villen im ‘neuen’ Posen (1902 - 1919). Eine sozialgeschichtliche Inventarisation unter besonderer Berücksichtigung ihrer jüdischen Eigentümer und Bewohner, in: Klaus Guth (Hrg.), Deutsche - Juden - Polen zwischen Aufklärung und Drittem Reich, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2005, S. 199 - 266

Michael Alberti, Die Verfolgung und Vernichtung der Juden im Reichsgau Wartheland 1939 - 1945, hrg. vom Deutschen Historischen Institut Warschau, Quellen und Studien, Band 17, Wiesbaden 2006

Gabriele Lesser (Red.), Sprengt die Synagoge“. Polen: Ein Mitglied der Regierungspartei fordert den Abriß eines ehemaligen Gotteshauses – die jüdische Gemeinde will dort ein Zentrum für Toleranz errichten, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 27.7.2006

Anna Michałowska-Mycielska, The Jewish community: authority and social control in Poznan and Swarzedz, in: Wydawn. Univ. Wrocławskiego, Wroclaw 2008

Sybille Korte, Baden im Gebetsraum, in: "Berliner Zeitung" vom 14.6.2008

Thomas Serrier, Zwischen Inklusion und Exklusion: jüdische Erinnerungen im Spannungsfeld der deutschen und polnischen Nationsbildungen in der Provinz Posen des Kaiserreichs. In: M. Aust/K.Ruchniewicz/S.Troebst (Hrg.), Verflochtene Erinnerungen. Polen und seine Nachbarn im 19. und 20. Jahrhundert. Köln 2009, S. 173 – 188

Judith Kessler, Schulschwimmen im Bethaus - Aicja Kobus managt die Geschicke der Jüdischen Gemeinde im polnischen Poznań, in: "Jüdische Gemeinde zu Berlin" vom 1.6.2010 (abrufbar unter: jg-berlin.org)

Joanna Kupczyk,  Zelebriertes Bürgertum – Die kleine jüdische Gemeinde in Posen fühlte sich in der wilhelminischen Zeit dem deutschen Kulturkreis verbunden , in: "Tachles – Das jüdische Wochenmagazin" (Sonderbeilage: Jüdische Studien Basel). Jüdische Medien, Zürich Sept. 2014

Poznan, in: sztetl.org.pl

K. Bielawski (Red.), Poznan, in: kirkuty.xip.pl

Anna Michalowska, The Jewish Community: Authority and Social Control in Poznan und Swarzedz 1650 – 1793, Warschau 2015

Zbigniew Pakula/u.a. (Hrg.), The Jews of Poznan. Liberated memory, enslaved memory, in: „Miasteczko Poznan“ 3/2016, Poznan 2016

Beata Mache, Verflechtungen und Entflechtungen – Posener Heimat deutscher Juden 1919 – 1938, in: "Kalonymos – Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut an der Universität Duisburg-Essen", Heft 1/72016, S. 11 - 13

Rex Rexheuser, Juden im öffentlichen Raum einer christlichen Stadt. Posen im 16. bis 18 Jahrhundert, Harrassowitz-Verlag Wiesbaden 2017

Gabriele Lesser (Red.), Betten im Bethaus – Die Gemeinde Poznan verkauft ihre Synagoge an einen Hotel-Investor, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 3.1.2020