Sandersleben (Sachsen-Anhalt)

Datei:Arnstein in MSH.svg Sandersleben ist mit derzeit ca. 2.000 Einwohnern ein Ortsteil der Stadt Arnstein im Landkreis Mansfeld-Südharz – ca. 35 Kilometer nordwestlich von Halle/Saale gelegen (Karte TUBS, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In der Kleinstadt Sandersleben im Mansfelder Land waren seit Ende des 17.Jahrhunderts Juden beheimatet. Damit war Sandersleben nach Dessau die erste Stadt im Fürstentum, die zu dieser Zeit „Schutzjuden“ in ihren Mauern duldete. Die jüdischen Familien durften Grundstücke und Häuser besitzen, waren aber - wie überall - vom Handwerk und der Landwirtschaft ausgeschlossen, sodass sie ihren Lebensunterhalt im Handel - vor allem mit Wolle und Getreide -, einige auch im Geldverleih bestritten.

Eine Synagoge muss um 1745 entstanden sein. Als das Gebäude von den Behörden als baufällig erklärt worden war, hielt die Gemeinde ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte in einem angemieteten Saale statt. Im Dezember 1830 konnte die Judenschaft Sanderslebens an der Ecke Kanalstraße/Kiethof ihr neues Synagogengebäude einweihen. Es bot - mit einer Empore versehen - mehr als 150 Personen Platz. Der Landesherr, Herzog Leopold Friedrich von Anhalt-Dessau, hatte mit einem Geldgeschenk von 800 Talern zur Finanzierung des Baues beigetragen. Zur Einweihungsfeier erklangen deutsche und jüdische Lieder - ein Zeichen dafür, dass sich die Gemeinde zum reformierten Ritus bekannte. Gegenüber der Synagoge errichtete man die neue jüdische Schule, die bis 1918 bestanden hat; bereits gegen Mitte des 18.Jahrhunderts ist in Sandersleben eine israelitische Schule nachweisbar.

Wohl um 1730 wurde in Sandersleben der „alte“ jüdische Friedhof nahe der Bergstraße angelegt; 1852 stellte der Herzog Leopold Friedrich von Anhalt für die Anlage einer neuen Begräbnisstätte ein kleines Areal zur Verfügung.

Bis 1849 gehörte die Judenschaft von Sandersleben zur jüdischen Gemeinde Dessau.

Juden in Sandersleben:

        --- 1753 ............................  33 jüdische Familien,

    --- 1770 ............................ 170 Juden (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1807 ............................ 178   “  ,

    --- 1818 ............................ 142   “  ,

    --- 1843 ............................  92   “  ,

    --- 1885 ............................  42   “  ,

    --- 1905 ............................  24   “  ,

    --- 1910 ............................  22   “  ,

    --- 1925 ............................   8   “  ,

    --- 1932/33 .........................   9   “  ,

    --- 1938 (Nov.) .....................   2   “  ,

    --- 1939 (März) .....................   keine.

Angaben aus: Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, S. 226/227

An dem Wirtschaftsboom in Sandersleben im 18. Jahrhundert - die Kleinstadt wurde damals „Klein-Leipzig“ genannt - hatten jüdische Familien einen wesentlichen Anteil. Um 1795 erreichte der jüdische Anteil an der kleinstädtischen Bevölkerung immerhin ca. 10%. Der dann ab ca. 1830 sich abzeichnende Rückgang der jüdischen Einwohner von Sandersleben mag mit der Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Situation verbunden gewesen sein; denn mit dem Einzug der industriellen Entwicklung waren ihnen die traditionellen Erwerbsmöglichkeiten entzogen worden.

                     Annonce des Warenhauses Goldstein (um 1895)

Die wenigen jüdischen Einwohner Sanderslebens waren bereits Wochen nach der NS-Machtübernahme von ersten Repressalien betroffen. Am 1.April 1933 hatten SA- und SS-Angehörige die Schaufenster von zwei jüdischen Geschäften des Ortes mit antijüdischen Parolen beschmiert und hinderten Kaufwillige am Betreten der Läden; dabei soll es zu Rangeleien gekommen sein. In den Folgejahren nahmen die „Belästigungen“ der jüdischen Einwohner weiter zu; so sollen aufgehetzte Schüler des öfteren Juden auf offener Straße mit Steinen beworfen und verunglimpft haben.

Während der Pogromnacht wurde die Synagoge in der Kanalstraße, deren Außenfront im Jahre 1935 noch renoviert worden war, in Brand gesteckt und fast völlig zerstört. Die Feuerwehr durfte nicht löschen, so dass das Gebäude völlig ausbrannte. Später wurde die Ruine dem Erdboden gleich gemacht; sogar die Fundamente ließ man ausgraben.  (Anm.: Anders als in den allermeisten Orten vollzog sich in Sandersleben das Zerstörungswerk nicht unter den Augen organisierter Massenaufläufe, sondern verlief „in aller Stille“ ab.)                      

Den Ablauf der „Aktionen“ in Sandersleben teilte der Bürgermeister seiner vorgesetzten Dienststelle wie folgt mit:

„ ... Gemäß der mündlichen Besprechung mit dem Herrn Landrat heute morgen beim Brand der jüdischen Synagoge erstatte ich folgenden Bericht. Die beiden jüdischen Einwohner, das Ehepaar Adler, waren ... in Schutzhaft genommen, ... war ihnen anheim gestellt worden, Sandersleben zu verlassen. Sie haben angegeben, daß sie zu ihren Verwandten nach Blumentahl wollten. Sie sind 18.20 Uhr von hier abgefahren unter Lösung einer Fahrkarte nach Bremen. Die Inneneinrichtung der jüdischen Synagoge ist in den Morgenstunden des 10.November 1938 von unbekannten Tätern zerstört worden. ... ein Brand ... hat ... die Synagoge soweit zerstört, daß nur noch die Umfassungsmauern stehen. Die Feuerwehr ist sofort alarmiert und hatte vollauf zu tun, die Nachbargebäude zu schützen und auch nach Möglichkeit, den Brand selbst zu bekämpfen. ... Die in dem jüdischen Gewerbebetrieb Adler befindlichen Warenvorräte habe ich sichergestellt und im Rathause ordnungsgemäß verpackt untergebracht. ... Die Wohnung und das Geschäft des Adlers sind versiegelt. “

       

Synagogengebäude nach dem Pogrom (hist. Aufn., Stadtmuseum/-archiv Sandersleben)

Die Synagogentrümmer wurden während der Kriegsjahre abgetragen, das Grundstück später neu bebaut. Nachdem die letzte jüdische Familie endgültig die Stadt verlassen hatte (1939), galt auch Sandersleben als „judenrein”.

                   In einer Pressemitteilung der Zeitung „Der Mitteldeutsche” vom 27.2.1939 hieß es:

Das letzte Jüdische Geschäft, das bis vor noch kurzer Zeit hier bestand, ist nun verschwunden. Morgen ... verlegt Frau E.M. ihr bisher in ihrem Grundstück auf dem Weinberg betriebenes Textilgeschäft in das ehemals jüdische Geschäft Sedanplatz 6. Damit ist Sandersleben frei von Juden.

 

Einziges authentisches Zeugnis der jüdischen Geschichte Sanderslebens ist heute das mit einer Mauer umgebene ca. 400 m² große Areal des (neuen) jüdischen Friedhofs an der Bergstraße mit seinen ca. 50 Grabstätten.

 

Eingangspforte und Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. P. Puschendorf, aus: stadtmuseum-sandersleben.de)

Vom alten Friedhof, der bis in die erste Hälfte des 19.Jahrhunderts belegt worden war, gibt es heute keine sichtbaren Relikte mehr.

 

Der bekannte Talmudlehrer Joachim Heinemann (1747-1828) - genannt Rabbi Meinster - unterhielt in Sandersleben eine jüdische Privatschule mit Pension. Dessen Sohn Jeremias Heinemann (1778-1855) war später Mitglied des „Königlich Westphälischen Konsistoriums der Israeliten“ zu Kassel. Ein weiterer Sohn, der Rabbiner Carl Heinemann, rückte die jüdischen Reformbewegung in Schweden ins Licht der Öffentlichkeit.

Der in Dessau geborene Joseph Wolf (1762-1826) war Gründer der Talmudschule in Sandersleben. Er war Mitherausgeber der ersten jüdischen Zeitschrift in deutscher Sprache. Wolf soll es auch gewesen sein, der die erste Predigt in deutscher Sprache gehalten hat.

Gotthold Salomon (Abb. aus: wikipedia.org)   Die beiden, an der Dessauer jüdischen Schule unterrichtenden Lehrer, Moses Philippson (1775-1814) und Gotthold Salomon (1784-1862), stammten aus Sandersleben; letztgenannter soll zu den „eindrucksvollsten jüdischen Kanzelrednern des 19.Jahrhunderts“ gezählt haben. Spuren von Moses Philippson, der ab dem Alter von zwölf Jahren die rabbinische Hochschule in Halberstadt besuchte, führen auch nach Braunschweig, Frankfurt/M. und Bayreuth, ehe er nach Dessau kam. Philippson war auch Herausgeber einer hebräischen Zeitschrift, die in seiner Druckerei in Dessau hergestellt wurde. Dessen Sohn Ludwig (1811-1889) war ein bekannter Rabbiner (u.a. in Magdeburg) und jahrzehntelang Herausgeber der "Allgemeinen Zeitung des Judentums".

 

Weitere Informationen:

Max Goldstein, Sandersleben, in: "Jüdisches Gemeindeblatt für Anhalt und Umgebung", 25. Ausg., Dessau 1930

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 205

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 591

Peter Puschendorf, Zur Geschichte der Juden in Sandersleben, in: "Mitteilungen des Vereins für Anhaltinische Landeskunde", 3/1994, S. 125 - 150

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag, Wernigerode, S. 225 - 229

Peter Puschendorf (Bearb.), Sandersleben, in: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 174 - 181

Peter Puschendorf, Juden in Sandersleben: Das Ende der Gemeinde und die Zerstörung ihrer Synagoge durch die Nationalsozialisten, in: "Mitteilungen des Vereins für Anhaltinische Landeskunde", 9/2000, S. 97 - 104

Peter Puschendorf, Sanderslebener Juden als Mitgestalter gesellschaftlichen Lebens, in: Anhalt, deine Juden ...- Dessauer Herbstseminar 2000 zur Geschichte der Juden in Deutschland, Hrg. Moses-Mendelssohn-Gesellschaft Dessau e.V., Heft 13/ 2002, S. 21 - 38

Peter Puschendorf, Pogromnacht. Die Synagoge sank in Schutt und Asche, in: „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 12.11.2003

Julia Seidler, Der Hamburger Prediger Gotthold Salomon (1784–1862) und sein Wirken für das Reformjudentum - Magisterarbeit, Berlin 2004

Bernd G. Ulbrich (Bearb.), Nationalsozialismus u. Antisemitismus in Anhalt. Skizzen zu den Jahren 1932 bis 1942, edition RK, Dessau 2005

Bernd G. Ulbrich (Bearb.), Die Zerstörung der Synagogen in Anhalt, November 1938, online abrufbar unter: mendelssohn-dessau.de/wp-content/uploads/ulbrich_zerstoerung_synagogen_1938.pdf

Peter Puschendorf, Die Kaufmannsfamilie Goldstein in Sandesleben, in: "Mitteilungen des Vereins für Anhaltinische Landeskunde", Band 17/2008, S. 240 - 245

Der jüdische Friedhof in Sandersleben, in: synagoge-eisleben.de (Bilddokumentation, März 2012)