Sandhausen (Baden-Württemberg)

Datei:Sandhausen in HD.svg Sandhausen mit derzeit ca. 15.000 Einwohnern ist eine Kommune im Rhein-Neckar-Kreis - etwa acht Kilometer südlich von Heidelberg gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Mitte des 18.Jahrhunderts ist der erste Jude urkundlich nachweisbar, der im kurpfälzischen Sandhausen wohnte; er hieß Lazarus. Die zu Beginn des 19.Jahrhunderts in Sandhausen lebenden jüdischen Familien waren arm und verdienten zunächst ihren Lebensunterhalt im Kleinsthandel; erst später handelten sie mit Tabak, Wein, Hopfen und Vieh und hatten auch wesentlichen Anteil an der hier aufblühenden Zigarrenindustrie. Ihre Wohnungen lagen mitten im Dorfe.

1845 erwarb die jüdische Gemeinde ein Gebäude in der Bahnhofstraße, das nun als Synagoge und Schule genutzt wurde; der Kauf dieses Hauses überforderte die Finanzkraft der hiesigen Judenschaft, sodass „eine Sammlung von milten Beiträgen bei den israelitischen Glaubens-Genossen zum Behufe ihres Synagogen- und Schulhausbaues” durchgeführt wurde. Das Wachstum der Gemeinde machte alsbald eine Vergrößerung des Synagogenraumes notwendig; so entschloss man sich 1867, die nicht mehr genutzte ‚alte Kirche’ der Reformierten zu kaufen und sie zu einer Synagoge umzufunktionieren.

                  Bei der Einweihung der Synagoge hielt der Bezirksrabbiner Salomon Fürst eine Rede, in der es u.a. hieß:

„ ... Wie alles auf Erden dem Wechsel unterworfen ist, so war es auch die Bestimmung dieses Hauses. Als evangelische Kirche wurde es erbaut, bestimmt und geweiht, als israelitische Synagoge wurde es erworben, eingerichtet und eingeweiht. Dieses Haus war nichts anderes als ein Gotteshaus und die Himmelspforte. Oder wie ? Sollte der Israelit dieses Haus, als es noch Kirche war, nicht als Gotteshaus betrachtet haben, weil unser aller Vater auf eine andere Weise darin verehrt wurde, wie Israel ihn in der Synagoge verehrt ? Dies Haus war als Kirche nichts anderes als ein Gotteshaus und die Himmelspforte, worin Gott der Vater aller Menschenkinder verehrt und zu ihm gefleht wurde. Es gereicht der hiesigen israelitischen Gemeinde zur Ehre, daß sie dieses Haus ... als nunmehr ihr Gotteshaus und ihre Himmelspforte erworben. Dieses Haus ist auch jetzt nichts anderes als ein Gotteshaus. Die so zahlreiche Teilnahme ehrenwerter Nicht-Israeliten an der Feier dieser Synagogenweihe bezeugt auf die herrlichste und erfreulichste Weise, daß sie alle in der Synagoge nichts anderes als eine Himmelspforte erkennen.“

Als 1881 die evangelische Kirche Sandhausens renoviert wurde, konnten deren Gottesdienste einige Monate lang in der Synagoge abgehalten werden.

     Synagoge rechts im Bild - hist. Bildpostkartenausschnitt (Sammlung J. Hahn)

Auch über eine Mikwe, die in einem kleinen abseits gelegenen Haus untergebracht war, verfügte die jüdische Gemeinde.

Bereits zu der Zeit, in der die Judenschaft noch über keinen gemeinsamen Betraum verfügte, bezahlte man einen Religionslehrer zur Unterweisung der eigenen Kinder; doch ließ es die finanzielle Lage kaum zu, einen Lehrer dauerhaft zu verpflichten.

      

Anzeigen aus: "Großherzoglich Badisches Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom  7.Jan. 1846 und „Der Israelit“ vom 30.Okt. 1890

Ihre Verstorbenen begruben die Sandhausener Juden auf dem jüdischen Friedhof in Wiesloch

Die Gemeinde Sandhausen war dem Rabbinatsbezirk Heidelberg zugeteilt.

Juden in Sandhausen:

        --- 1765 .............................   4 jüdische Familien,

    --- 1802 .............................   3     “        “   ,

    --- 1825 .............................  34 Juden (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1875 ......................... ca. 100   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1900 .............................  42   “  ,

    --- 1910 .............................  30   “   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1925 .............................  24   “  ,

    --- 1933 .............................  18   “  ,

    --- 1936 .............................  18   “  ,

    --- 1940 .............................   6   “  .

Angaben aus: Rudi Dorsch, Israelitische Gemeinde - Auszug aus dem Heimatbuch Sandhausen, S. 349

Als Wein-, Hopfen- und Tabakhändler sowie als Inhaber bzw. Teilhaber von Zigarrenfabriken hatten die Juden Sandhausens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der wirtschaftlichen Entwicklung des Ortes maßgebenden Anteil. Zu Beginn der 1930er Jahre existierten am Ort noch drei Viehhandlungen und mehrere Zigarrenfabriken, die von jüdischen Unternehmern betrieben wurden. Zwar kam es in den ersten Jahren der NS-Herrschaft noch zu keinen antisemitischen Vorfällen, doch erzielte die antisemitische Hetze des NSDAP-Ortsvereins erste „Erfolge“: Die eingeschüchterte Bevölkerung brach die Kontakte zu jüdischen Familien ab und wagte auch nicht mehr, weiter Geschäfte mit ihnen zu machen.

Zwei Wochen vor dem Novemberpogrom 1938 erwarb die Kommune Sandhausen das hiesige Synagogengrundstück; ein Brandanschlag unterblieb deshalb. Trotzdem kam es in Sandhausen zu einer „Judenaktion“, die von auswärtigen SA-Angehörigen unter Führung eines NS-Oberarztes der SA Heidelberg durchgeführt wurde; der SA-Trupp drang gewaltsam in zwei jüdische Häuser ein und zerstörte dort das Mobiliar; auch die Inneneinrichtung der Synagoge wurde völlig demoliert.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20388/Sandhausen%20KK%20MZ%20Gutheim%20Johanna.jpg J-Kennkarte für Johanna Gutheim geb. Wahl, ausgestellt in Frankfurt/M. 1939

Die letzten sieben jüdischen Bewohner Sandhausens wurden Ende Oktober 1940 im Rahmen der sog. „Bürckel-Aktion“ nach Gurs deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden insgesamt 17 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort wohnhaft gewesene jüdische Bürger Opfer der „Endlösung(namentliche Nennung der Opfer siehe: alemannia-judaica.de/sandhausen_synagoge.htm).

 

Seit 1961 erinnert ein schlichter Gedenkstein neben dem Haus der früheren Synagoge an die Angehörigen der einstigen jüdischen Gemeinde von Sandhausen; der Stein trägt die Inschrift:

Denn Tag und Nacht beweine ich die Toten. Jer. 8,23

Den Juden Sandhausens und ihrer Synagoge zum Gedenken.

Verfolgt durch die Nationalsozialisten kamen sie in den Jahren 1933 - 1945

ums Leben oder wurden ihrer Heimat beraubt.

Das bereits zum Abbruch bestimmte ehemalige Synagogengebäude diente bis 1960 als Lagerraum, nach einer Renovierung kurzzeitig als Bücherei und für andere Einrichtungen der Kommune. Mittlerweile werden im Gebäude kulturelle Veranstaltungen abgehalten.
Sandhausen Alte Synagoge 20130602.jpg   

Front- und Seitenansicht der ehem. Kirche/Synagoge (Aufn. R. Stricker, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 2.0  und  J. Hahn, 2004)

Im Frühjahr 2017 wurden in der Waldstraße und in der Hauptstraße Sandhausens acht sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige zweier jüdischer Familien erinnern.

          Im Rahmen des ökumenischen Mahnmal-Projekts zum Gedenken an die Deportation der badischen Juden hat eine Firmgruppe der Katholischen Gemeinde Sandhausen einen Memorialstein gestaltet, der einer von mehr als 100 Steinen in der zentralen Gedenkstätte in Neckarzimmern ist (Abb. aus: mahnmal-neckarzimmern.de).

 

Unter den acht Ehrenbürgern Sandhausen befinden sich drei Personen mosaischen Glaubens - so die beiden Zigarrenfabrikanten Lehmann Mayer und Max Mayer (seit 1863) und Alexander Kann (geb. 1863), der zunächst als Lehrer in Sandhausen und später als Bankier in Essen tätig war. Wegen seiner Verdienste für die Bevölkerung Sandhausens – er versorgte im Kriegsjahr 1917 die Menschen seines ehemaligen Wohnortes mit Brennmaterial – hatte er die Ehrenbürgerschaft erhalten.

 

Weitere Informationen:

Emil Lacroix, Die ehemalige reformierte Kirche, spätere Synagoge zu Sandhausen (Kreis Heidelberg), Instandsetzung und Umbau, in: "Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg", 6 (1963), Heft 1, S. 20 - 24

F. Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden. Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 251/252

Heidrun Dorsch, Alltag im Nationalsozialismus - Unterdrückung und Verfolgung der Juden in Sandhausen. Schülerwettbewerb um den Preis des Bundespräsidenten 1981 (Maschinenmanuskript)

Rudi Dorsch, Die israelitische Gemeinde, in: Heimatbuch Sandhausen, 1985

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 478 f.

Sandhausen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 413 - 415

Christiane Twiehaus, Synagogen im Großherzogtum Baden (1806-1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien, in: "Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg", Heidelberg 2012, S. 72 - 75

Verlegung von Stolpersteinen in Sandhausen – FEG-Schüler treffen Zeitzeugen, in: "Internet-Zeitung. Leimen – Nußloch – Sandhausen" vom 19.4.2017

Sabine Hebbelmann (Red.), Bei der Verlegung läutete die Friedensglocke, in: „Rhein-Neckar-Zeitung“ vom 3.5.2017

M.G.Schweigler/B.Hamann/R.W.Maier (Bearb.), Stolpersteine für die jüdischen Familien Wahl und Freund, 2.Aufl., Sandhausen 2019

Stolpersteine-Sandhausen. Das Projekt, online abrufbar unter: stolpersteine-Sandhausen.de

Wilfried Hager (Red.), Vor 102 Jahren wurde Alexander Kann Ehrenbürger von Sandhausen, in: leimenblog.de (Internet-Zeitung vom 2.9.2020)