Schlawe a.d. Wipper (Hinterpommern)

  Das hinterpommersche Städtchen Schlawe ist die heutige polnische Kreisstadt Slawno mit derzeit knapp 13.000 Einwohnern nordöstlich von Köslin/Koszalin (Abb. Ausschnitt aus einer hist. Karte).


Schlawe  a.d. Wipper auf der Lubinschen Karte von 1618 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Lebte im Laufe des 18.Jahrhunderts nur eine jüdische Großfamilie in Schlawe - es war die des Bernd Philip - , so wuchs die Zahl der jüdischen Zuwanderer zu Beginn des 19.Jahrhunderts stark an. Um 1812 wohnten in Schlawe schon 17 jüdische Familien. Um 1900 erreichte die Zahl der Gemeindemitglieder mit mehr als 250 Personen ihren Höchststand.

Nachdem im Jahre 1846 das Bethaus - auf dem Hinterhofgelände in der Mühlenstraße – durch Brand vernichtet war, konnte zwei Jahre später an gleicher Stelle ein Neubau eingeweiht werden; dieser wurde 1870 vergrößert, um der gestiegenen Zahl der Gemeindemitglieder Rechnung zu tragen.

Eine eigene Begräbnisstätte legte man in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts an; sie befand sich zwischen Jahnstraße und Stolper Vorstadt.

Juden in Schlawe:

    --- um 1750 ........................   2 jüdische Familien,

    --- 1812 ...........................  17     “       “    ,

    --- 1831 ....................... ca. 170 Juden,

    --- 1843 ........................... 208   "  ,

    --- 1852 ....................... ca. 190   "  ,

    --- 1861 ........................... 250   “  ,

    --- 1871 ....................... ca. 250   “  ,

    --- um 1900 .................... ca. 265   “  (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1925 ....................... ca. 120   “  ,*    *andere Angabe: 90 Pers.

    --- 1932 ....................... ca.  80   “  (in 20 Familien),

--- 1939 (Mai) ................. ca.  20   “  .

Angaben aus: Gustav Kratz, Die Städte der Provinz Pommern (Reprint 1996), S. 353f.

und                M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 65

und                Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern (Statistik S. 252)

        

Schlawe – Stolper Tor, hist. Aufn, um 1920  und  Kösliner Vorstadt - Postkarte um 1910 (Abb. aus: wikipedia.org gemeinfrei)

Im Wirtschaftsleben der Stadt spielten jüdische Unternehmen eine wichtige Rolle; allein um den Markt gab es sechs Geschäfte jüdischer Besitzer, in der Mehrzahl Textilhandlungen. Zudem gehörte die Stadtmühle sowie eine kleine Konservenfabrik jüdischen Familien.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Schlawe etwa 80 Bewohner mosaischen Glaubens. In den folgenden Jahren verließ der Großteil von ihnen die Stadt; die meisten - vor allem wohlhabende Familien - emigrierten, vor allem nach Palästina, einige auch nach Übersee. Der letzte Kantor der Gemeinde, Hermann Kaufmann, verließ Schlawe 1935 und ging nach Palästina.

Gewalttätige antijüdische Ausschreitungen in Schlawe waren bereits im August 1937 zu verzeichnen, als SA-Angehörige und uniformierte HJ durch die Stadt zogen und die jüdischen Besitzer aus ihren Geschäften schleppten; einige wurden verprügelt. Während der „Kristallnacht“ im November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört, einige jüdische Männer in "Schutzhaft" genommen und ins KZ Sachsenhausen verbracht. Im Laufe des Jahres 1942 wurden alle noch in Schlawe lebenden jüdischen Bewohner - außer einer „in Mischehe“ lebenden Person - deportiert.

Kurz vor Einmarsch der Roten Armee (März 1945) wurde das Synagogengebäude – hier waren gegen Kriegsende sowjetische Kriegsgefangene untergebracht – in Brand gesetzt und zerstört.

Vom ehemaligen jüdischen Friedhof waren bis in die jüngere Vergangenheit kaum noch Spuren zu entdecken; die meisten Grabsteine auf dem von Vegetation überwachsenen Gelände sollen in den 1960er Jahren abgeräumt und zum Wegebau benutzt worden sein. Im Rahmen der 700-Jahrfeier von Slawno (2017) ließ dann die Kommune das Friedhofsgelände als Park und Gedenkort wiederherstellen. Die noch auf dem Gelände verstreuten Grabsteinrelikte wurden als Lapidarium zusammengestellt; zudem informiert eine mehrsprachig abgefasste Gedenktafel über die Geschichte des „Guten Ortes“ wie folgt: „In Erinnerung an die jüdische Gemeinde im Kreis Schlawe, die seit 1812 bestand. 1938 haben die Nazis alle Synagogen und jüdischen Friedhofskapellen durch Brandstiftung völlig zerstört. 1942 wurden die letzten Juden aus Schlawe transportiert, die meisten in Todeslager im Osten. Nur die Reste dieses Friedhofs bestehen noch.“      

Jüdischer Friedhof Schlawe - LapidariumIlustracja(Aufn. MO, 2019, aus: pl.wikipedia.org, CC BY 3.0)

 

 

    Rügenwalde um 1620 (Abb. aus: wikipedia.org, PD-alt)

Das nahe der Ostseeküste, nordwestlich von Schlawe gelegene Rügenwalde (poln. Darlowo/ Woiwodschaft Koszalin, derzeit ca. 13.500 Einw.) besaß eine kleine jüdische Gemeinde, deren Wurzeln im beginnenden 18.Jahrhundert liegen. Der erste mit einem Privileg ausgestattete Jude war Gottschalk Wulff. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten ein Friedhofsgelände, das nach 1800 ca. drei Kilometer südlich Rügenwaldes am Ortseingang von Rußhagen (poln. Rusko) angelegt worden war, und eine um 1830/1840 erbaute Synagoge in der Großen Mühlenstraße, die später baulich noch eine Erweiterung erfuhr.

Juden in Rügenwalde:

    --- 1752 .........................   5 jüdische Familien,

    --- 1782 .........................  22 Juden,

    --- 1812 .........................  33   “  ,

    --- 1831 .........................  43   “  ,

    --- 1843 .........................  51   "  ,

             .........................  67   “  ,*   * gesamte Gemeinde

    --- 1852 .........................  40   "  ,

             .........................  84   “  ,*

    --- 1861 .........................  68   "  ,

             ......................... 117   “  ,*

    --- 1885 .........................  85   "  ,

             .........................  98   “  ,*

    --- 1909 ..................... ca.  50   "  ,

             .........................  80   “  ,*

    --- 1925 .........................  42   "  ,

    --- 1933 .........................  23   "  ,

    --- 1939 .........................  12   "  .

Angaben aus: Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern (Statistik S. 252)

und                Darlowo, aus: sztetl.org.pl

                Rügenwalde/Wipper - Postkarte um 1900 (aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Einflussreicher jüdischer Unternehmer in Rügenwalde war Selig Borchardt, der hier um 1850 eine bedeutende Getreidehandelsfirma gegründet hatte (ab 1900 in den Händen der Gebrüder Adolf u. Albert Rubensohn). Die beiden Kaufleute Leopold Cohn und Emil Dallmann waren in der Kommunalpolitik tätig.

Nach der Jahrhundertwende ging die Zahl der in Rügenwalde lebenden jüdischen Bewohner stark zurück. Als Anfang der 1930er Jahre nur noch etwa 35 Juden hier lebten*, gab man alsbald das Synagogengebäude auf; auch die Gemeinde bestand bald nicht mehr.

* Angaben der Familien bzw. Einzelpersonen siehe: Die jüdische Glaubensgemeinde in Rügenwalde, in: ruegenwalde.com/juedische_gemeinde.htm

Während des Novemberpogroms sollte auch hier das Synagogengebäude abgefackelt werden, doch ein Schild mit der Aufschrift „Arisches Eigentum“ hielt die Täter von ihrem Vorhaben ab.

1939 lebten in Rügenwalde noch zwölf Bewohner mosaischen Glaubens, deren weiteres Schicksal unbekannt ist.

Grabsteine von Verstorbenen verschiedener Konfessionen sind heute in einer Art Lapidarium an der Mauer der katholischen St. Marienkirche aufgestellt.

 

Weitere Informationen:

Carlheinz Rosenow, Die jüdische Glaubensgemeinde in Rügenwalde, in: Chronik der Hansestadt Rügenwalde in Pommern, o.O. 1980

M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”. Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 65/66

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 1104/1105 und S. 1147

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 3, Teil III, S. 672 – 688 (Rügenwalde) und S. 719 – 733 (Schlawe)

M. Poprawska/J. Sroka, Księga śmierci i życia (Das Buch von Tod u. Leben). Cmentarz Komunalny w Sławnie, Sławno 2009

Slawno und Darlowo, in: sztetl.org.pl

Darlowo, in: kirkuty.xip.pl