Stavenhagen (Mecklenburg-Vorpommern)

Mecklenburgische Seenplatte Karte Stavenhagen ist heute eine Kleinstadt mit derzeit ca. 6.000 Einwohnern im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte; seit 1949 führt sie die Bezeichnung „Reuterstadt“ vor ihrem Namen (Karte aus: ortsdienst/mecklenburg-vorpommern/mecklenburgische-seenplatte).

Um 1820 bestand in Stavenhagen die fünftgrößte jüdische Gemeinde im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin - nach Schwerin, Güstrow, Parchim und Waren.

Erste Ansiedlungen von jüdischen Familien in Stavenhagen lassen sich seit der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts urkundlich nachweisen. Eine der ersten Familien war die von Moses Levin, die sich 1757 in der Stadt - damals zum Herzogtum Mecklenburg-Schwerin gehörig – angesiedelt hatte. Ein herzoglicher Schutzbrief erlaubte, in Stavenhagen zu leben, dort Handel zu treiben und zwei „unbeweibte Knechte“ in Dienst zu nehmen. Für dieses zeitlich befristete Privileg zahlte Moses Levin jährlich zwölf Taler. Ende der 1760er Jahre lebten bereits elf jüdische Familien in Stavenhagen.

Anm.: Bereits wenige Jahre später hob der Herzog dieses „liberale Gesetz“ in seinem Herrschaftsgebiet wieder auf, nachdem es massive Proteste seitens der Ritterschaft und einiger Städte gegeben hatte. Als 1849 ein erneuter Versuch in Angriff genommen worden war, die jüdische Bevölkerung der christlichen annähernd gleichzustellen, scheiterte dieser jedoch abermals an den Ständen. Erst nach dem Beitritt Mecklenburg-Schwerins zum Norddeutschen Bund (1867) erhielten die Juden ihre Bürgerrechte.

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts (vermutlich nach 1820) errichtete die Judenschaft Stavenhagens auf einem Hinterhofgelände in der Malchiner Straße eine Synagoge; das rechteckige Fachwerkgebäude war an das jüdische Gemeindehaus angebaut und besaß zwei Eingänge: der eine führte zur Frauenempore, der andere zum eigentlichen Synagogenraum.

                Modell der Synagoge in Stavenhagen (Abb. Förderverein)

Auf dem Synagogengrundstück soll sich ab Ende der 1850er Jahre auch die Mikwe befunden haben. Das Gemeindehaus war das Wohnhaus des Lehrers/Schächters und wurde später teilweise auch an Privatpersonen vermietet.

Etwa einen Kilometer nordöstlich der Kleinstadt - auf einer Anhöhe im Stadtholz - bestand seit den 1760er Jahren ein kleines Beerdigungsareal, das später mehrfach erweitert wurde.

Als sich die jüdische Gemeinde Malchin 1925 auflöste, schlossen sich die wenigen dort verbliebenen Juden der Gemeinde in Stavenhagen an.

[vgl. Malchin (Mecklenburg-Vorpommern)]

Juden in Stavenhagen:

         --- um 1765 ........................   8 jüdische Familien,

    --- 1797 ...........................  11     “        “   ,

    --- 1810 ...........................  86 Juden,

    --- 1843 ........................... 130   “  ,

    --- um 1860 ........................ 145   “  ,

    --- 1890 ...........................  57   “  ,

    --- 1910 ...........................  32   “  ,

    --- um 1930 .................... ca.  20   “  ,

    --- 1935 ...........................  13   “  ,

    --- 1939 ...........................   9   “  ,

    --- 1941 (Mai) .....................  10   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ....................  keine.

Angaben aus: Maschinenmanuskripte zur jüdischen Geschichte Stavenhagens (Fritz-Reuter-Literaturmuseum)

Mitte des 19.Jahrhunderts hatte die jüdische Gemeinde mit beinahe 150 Angehörigen ihren personellen Zenit erreicht; doch in den Jahrzehnten nach 1860 erfolgte ein deutlicher Rückgang des jüdischen Bevölkerungsteils von Stavenhagen auf Grund von Ab- und Auswanderung; bis 1890 hatte sich die jüdische Ortsbevölkerung um zwei Drittel reduziert. Als die Synagoge 1926 letztmalig renoviert wurde, zählte die hiesige Judenschaft nur noch ca. 30 Angehörige.

Gottesdienste sollen angeblich bis 1935 im Ort abgehalten worden sein; doch kann an dieser Aussage gezweifelt werden, da bereits Ende der 1920er Jahre kein Minjan mehr erreicht wurde.

In der Pogromnacht vom November 1938 wurden die beiden jüdischen Geschäfte demoliert und das Synagogengebäude in Brand gesetzt; ein Nachbar, dessen Anwesen vom Feuer bedroht war, löschte den Brand, sodass das jüdische Gotteshaus nicht zerstört wurde. Im Frühjahr 1939 ging das Synagogengrundstück in den Besitz eines hiesigen Handwerksmeisters über, der einen Teil des Gebäudes als Tischler-Werkstatt, den anderen bis in die 1980er Jahre als Wohnraum nutzte. Während des Pogroms verwüsteten Nationalsozialisten auch das jüdische Friedhofsgelände, setzten die Friedhofshalle und den Leichenwagen in Brand; fünf Jahre später wurde das gesamte Beerdigungsareal eingeebnet und anschließend aufgeforstet, so dass alle Spuren des einstigen jüdischen Friedhofs getilgt wurden.

Acht jüdische Einwohner Stavenhagens wurden Mitte Juli 1942 deportiert; nur ein einziger, der hochbetagtre Max Michael Nathan*, soll noch in der Stadt zurückgeblieben sein.

* Max Nathan (geb. 1860) betrieb am Ort ein Textilgeschäft (Am Markt); er war drei Jahrzehnte lang Vorsteher der jüdischen Gemeinde und fast ebenso lange Vorsitzender des Stavenhagener Handelsvereins gewesen. 1942 übersiedelte er nach Hamburg, wo er im ehem. jüdischen Waisenhaus unterkam. Kurz vor seiner Deportation nach Theresienstadt verstarb er (April 1943).

 

Das einst als Synagoge genutzte Fachwerkhaus - auf dem Hinterhofgelände in der Malchiner Straße – stand seit den 1980er Jahren leer und war fast völlig verfallen; das auf dem Grundstück stehende ehemalige Gemeindehaus wurde bereits saniert. Für die anstehende Sanierung der einstigen Synagoge gründete man 2011 für diesen Zweck den Förderverein „Zur Pflege der jüdischen Kultur und Geschichte“, der die Trägerschaft für die angestrebte Herrichtung des Synagogen-Grundstücks als Gedenkstätte und Begegnungszentrum übernahm. Aus dem Leader-Förderprogramm der EU wurden dem Verein „Alte Synagoge Stavenhagen“ erhebliche Geldmittel zur Verfügung gestellt. Baubeginn war im Dezember 2012, die Eröffnung der Synagoge als Begegnungszentrum geschah 2017. "Die alte Synagoge Stavenhagen soll ein Ort der Begegnung und der Kultur werden. Ausstellungen und Vorträge in der Synagoge sollen an das vielfältige jüdische Leben in Stavenhagen und Mecklenburg erinnern und die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Nationalsozialismus fördern. Der Verein möchte die Synagoge und das Nebengebäude auch für Austausch, Weiterbildung und offene Jugendarbeit nutzen und so die demokratische Alltagskultur in Stavenhagen und seinem Umland stärken und Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus entgegenwirken." (Verein "Alte Synagoge Stavenhagen e.V.")

marodes Synagogengebäude (Aufn. Roland Rossner, 2011, Dt. Stiftung Denkmalschutz)

Bereits im Oktober 2015 wurde mit einem festlichen Konzert das Bauende des restaurierten Synagogengebäudes begangen; verantwortlich für die Rekonstruktion war das Berliner Architektenbüro Ruiken & Vetter. Zwei Jahre später konnte dann der gesamte Synagogenkomplex der Öffentlichkeit übergeben werden.

Beginn des Innenausbaues (Aufn. Roland Rossner, Dt. Stiftung Denkmalschutz)

Restauriertes Gebäude (Aufn. Bernd Wüstneck, 2015 aus: nordkurier.de) Die Synagoge in Stavenhagen: Am Freitag findet hier zum ersten Mal ein Konzert statt.

Bis heute fehlen in der Reuterstadt Stavenhagen weitere sichtbare Hinweise auf die frühere Existenz einer jüdischen Gemeinde. Nur eine Tafel weist auf die 1942 eingeebnete israelitische Begräbnisstätte hin; über den Verbleib der Grabsteine des einstigen jüdischen Friedhofs gibt es keinerlei Angaben. Seit den 1990er Jahren ist das Gelände, das zwischenzeitlich als Sportstätte genutzt wurde, wieder als 'Jüdischer Friedhof' ausgewiesen.

Mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ erinnert Stavenhagen an die deportierten und ermordeten jüdischen Bewohner der Reuterstadt; so sind in die Gehwegpflasterung am Amtsbrink und in der Malchiner Straße elf Steine eingefügt worden.

               Stavenhagen Stolperstein Hans Jacobsohn 01.jpgStavenhagen Stolperstein Kaete Jacobsohn 01.jpgStavenhagen Stolperstein Erich Jacobsohn 01.jpgStavenhagen Stolperstein Heinz Jacobsohn 01.jpgAufn. J.H.Janßsen, 2018, aus: wikipedia.org, CCO

Isaac Salomon hatte mit seinem Wollhandel ein beachtliches Vermögen erwirtschaftet. Er rief eine Familienstiftung ins Leben, die seine Söhne später an den Magistrat der Stadt übergaben. In seinem Roman „Ut mine Stromtid“ machte Fritz Reuter den in Stavenhagen lebenden Isaac Salomon zum Vorbild einer der Hauptfiguren, den „alten Moses". „ ... Der alte Mann war recht und gerecht durch das Leben gegangen, und recht und gerecht ging er auch aus dem Leben. Er starb gefestigt in seinem Glauben, und wie er verstorben war, gaben sie ihm zu seinem Sarge jene Bretter, die dem Stamme Juda zustehen, denn er war aus dem Stamme Juda. (…) und zahlreiche Christenmenschen folgten dem Sarge zum Friedhof, für den Moses selber noch die Einfriedung aus Eichenholz gestiftet hatte (…).“ (aus der hochdeutschen Übersetzung „Das Leben auf dem Lande“)

 

Weitere Informationen:

Angelika Hergt, Schwerin et Al.: Zeugnisse jüdischer Kultur, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 617/618

Jürgen Borchert/Detlef Klose, Was blieb ... Jüdische Spuren in Mecklenburg, Verlag Haude & Spener, Berlin 1994

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 460

Rosemarie u. Marc Oliver Rieger, Synagoge Stavenhagen - Ein kurzer Überblick über die Geschichte, in: www.math.cmu.edu/~rieger/geschichte.html

Auswertung von Archivmaterialien (Maschinenmanuskripte um 1995/1998), Fritz-Reuter-Kulturmuseum

Norbert Francke/Bärbel Krieger, Schutzjuden in Mecklenburg. Ihre rechtliche Stellung, ihr Gewerbe ...., Hrg. Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg u. Vorpommern e.V., Schwerin 2002

Auskünfte von Cornelia Nenz (Direktorin des Fritz-Reuter-Literaturmuseums), Stavenhagen, 2004

Bernd Kasten, Verfolgung und Deportation der Juden in Mecklenburg 1938 – 1945, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2008, S. 73/74

Heidemarie Gertrud Vormann, Bauhistorische Studien zu den Synagogen in Mecklenburg - Dissertation an der Technischen Universität Braunschweig, Braunschweig 2010

Eckhard Kruse, 145 Juden lebten einst in Stavenhagen, in: synagoge-stavenhagen.de (2011)

Heidi Vormann, Synagogen in Mecklenburg – Eine baupflegerische Untersuchung, in: "Schriftenreihe der Bet Tfila-Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa", Band 20, Braunschweig 2011

Carola Nathan, Baufällig. doch nicht verloren, in: "Magazin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz", Band 22, Juni 2012, S. 22 - 26

Auflistung der in Stavenhagen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Stavenhagen

Alte Synagoge Stavenhagen (Hrg.), Wiederaufbau der alten Synagoge in Stavenhagen, online abrufbar unter: synagoge-stavenhagen.de/Wiederaufbau/Wiederaufbau.html (Stand 2015)

Alte Synagoge gerettet, in: focus.de/regional vom 16.10.2015

Ehemaliges jüdisches Gotteshaus. Gerettete Synagoge soll Kulturzentrum werden, in: „Nordkurier“ vom 16.10.2015

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges jüdisches Leben in Stavenhagen, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 7.5.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Stavenhagen

Spurensuche in der Stavenhagener Synagoge, aus: ndr.de vom 26.5.2016

Auflistung der in Stavenhagen verlegten Stolpersteine, in: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Stavenhagen

Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Der Synagogenkomplex in Stavenhagen wird feierlich wiedereröffnet, Artikel vom 13.7.2017 (online abrufbar)

N.N. (Red.), Synagoge Stavenhagen wird Kulturzentrum, in: „Hamburger Abendblatt“ vom 15.7.2017

Marc Oliver Rieger (Red.), Neue Perspektiven für eine alte Synagoge: Die ehemalige Synagoge Stavenhagen als authentischer Ort der Erinnerung, in: "MEDAON – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung", Ausg. 12/2018

Alte Synagoge Stavenhagen e.V., Jüdische Grabsteine entdeckt, in „Reuterstädter Amtsblatt“, Band 4/2018, 7, S. 15

Eckhard Kruse (Red.), Spendenaktion. Grabstein für letzten Stavenhagener Juden, in: „Nordkurier“ vom 18.8.2019

Dorothee Feudenberg-Hübner, Geschichte der jüdischen Gemeinde Stavenhagen 1750-1942, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern u. Verein Alte Synagoge Stavenhagen e.V., Schwerin 2020