Theilheim (Unterfranken/Bayern)

Datei:Waigolshausen in SW.svg Das unterfränkische Dorf mit seinen derzeit ca. 750 Einwohnern ist heute Ortsteil der Gemeinde Waigolshausen im Landkreis Schweinfurt, etwa zwölf Kilometer südlich der Kreisstadt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts betrug der jüdische Bevölkerungsanteil in Theilheim fast 50%.

Die ersten urkundlichen Hinweise auf Ansässigkeit von Juden in Theilheim stammen aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. Die Juden, die sich im Dorfe ansiedelten, waren vermutlich aus dem Herrschaftsbereich der Bischöfe und der Reichsstadt Schweinfurt vertrieben worden; allerdings dürfte ihre Anzahl noch im 17.Jahrhundert sehr gering gewesen sein. Neben den jährlichen Schutzgeldzahlungen an die jeweiligen Domherren des Domkapitels in Würzburg mussten die hiesigen Juden bis 1806 auch den sog. Leibzoll entrichten, der bei Betreten eines fremden Territoriums fällig war. Die Zahl der Matrikelstellen war für Theilheim auf 38 begrenzt - eine der höchsten im bayrischen Raum.

Anm.: Alle Juden mussten sich - gemäß dem bayrischen "Judengesetz von 1813" - registrieren lassen und wurden zahlenmäßig den einzelnen Orten zugewiesen. Die Matrikelnummer konnte dabei nur auf den ältesten Sohn vererbt werden; die übrigen Nachkommen besaßen keine Niederlassungsrechte.

Die bestehenden Spannungen zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung eskalierten Anfang der 1830er Jahre; die ortsansässigen christlichen Bewohner bangten um ihre bäuerliche Existenz, auch fürchteten sie, von dem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil majorisiert zu werden. In verschiedenen Eingaben wurde die Forderung nach einer Reduzierung des jüdischen Anteils auf maximal ein Drittel der gesamten Dorfbevölkerung gestellt; so hieß es u.a.:

... Nach dem dermaligen Vermögensstande der Juden zu urtheilen, wird bald der größte Theil der Feldgüter in den Händen der Juden seyn, ... und so wird man bald kaum noch einen mittelmäßig Begüterten unter den Christen antreffen. ... Wenn es dermal schon der Fall ist, daß die Juden durch die ihnen zu Gebothe stehenden Mittel an Gelde, Einigkeit, an Verschlagenheit, an besonderer Thätigkeit etc. für sich ein solches Übergewicht [zu bilden wissen], so ist die geäußerte Besorgnis gewiss nicht überflüssig. ...” [Und so beschloss die christliche Gemeindeversammlung] “bey höchster oder allerhöchster Stelle um Verringerung der Judenschutze auf einen Drittheil der Anzahl der gesamten aktiven Gemeindemitglieder dahier allerunterthänigst nachzusuchen.

Da die Matrikelzahl unangetastet blieb, wurde diese Beschwerde vermutlich abgelehnt. Die jüdische Gemeinde Theilheims war für ihre Angehörigen sowohl Religionsgemeinschaft als auch Organ der politischen Selbstverwaltung; im Dorfe unterhielt die Gemeinde zeitweilig eine eigene Schule, eine Synagoge und eine Mikwe. Über einen eigenen Rabbiner verfügte die hiesige Gemeinde nicht; an ihrer Spitze stand der sog. „Judenvorgänger“, der das innergemeindliche Leben organisierte sowie für das Armenwesen und die Gemeindefinanzen verantwortlich war.

Stellenangebote der Theilheimer Gemeinde von 1879, 1890 und 1903:

 

1872 errichtete die jüdische Gemeinde einen Synagogenneubau, der an gleicher Stelle ein seit 1732 genutztes Gotteshauses ersetzte.   

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2088/Theilheim%20Synagoge%20100.jpgSynagogengebäude (Aufn. um ? , aus: I. Schwierz)          

Über einen eigenen Friedhof verfügte die Theilheimer Judenschaft nicht; ihre Verstorbenen beerdigte sie auf dem jüdischen Friedhof in Schwanfeld.

Um 1930 unterstand die Theilheimer Gemeinde dem Bezirksrabbinat Schweinfurt.

Juden in Theilheim:

        --- 1697 ........................   6 jüdische Haushalte,

    --- 1732 ........................  10 jüdische Familien,

    --- um 1755 ................. ca.  30     “       “    ,

    --- 1817 ........................ 209 Juden (34 Familien, fast 46% !),

    --- 1857 ........................ 215 Juden,

    --- 1867 ........................ 225   “   (ca. 42% d. Dorfbev.),

    --- 1880 ........................ 211   "  ,

    --- 1890 ........................ 164   “   (ca. 32% d.    “    ),

    --- 1900 ........................ 116   “   (ca. 23% d.    “    ),

    --- 1910 ........................  83   “   (ca. 16% d.    “    ),

    --- 1925 ........................  81   “  ,

    --- 1933 ........................  70   “  ,

    --- 1939 ........................  47   “  ,

    --- 1942 (Jan.) .................  43   “  ,

             (Juni) .................  keine.

Angaben aus: Maschinenschriftliches Manuskript “Die jüdische Gemeinde in Theilheim”

und                 Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 408

Mitte des 19.Jahrhunderts übten die 38 durch Matrikel zugelassenen Haushaltsvorstände die folgenden Berufe aus: zehn Kleinhändler, drei Engros- und Detailhändler, vier Landwirte, acht Handwerker und 13 Hausierer. Ab den 1870er Jahren wanderten vor allem jüngere jüdische Bewohner ab.

Das Ende der jüdischen Gemeinde in Theilheim kündigte sich in den Morgenstunden des 10.November 1938 an, als auswärtige SA-Angehörige das Synagogengebäude in Brand steckten; die Inneneinrichtung wurde dabei fast völlig vernichtet. Die Täter stürmten Häuser jüdischer Bewohner, demolierten das Mobiliar und plünderten auch. Der katholische Pfarrer, der in seiner Sonntagspredigt die antijüdischen Ausschreitungen verurteilte, wurde denunziert und für drei Tage inhaftiert; doch auch zahlreiche andere Dorfbewohner hatten wenig Verständnis für die Gewalttaten gezeigt. Die knapp 40 zu Kriegsbeginn noch in Theilheim lebenden Juden wurden größtenteils Ende April 1942 - über Würzburg - nach Izbica bei Lublin deportiert, die restlichen neun Personen Ende September 1942 nach Theresienstadt verschleppt. Nur ein einziger jüdischer Dorfbewohner soll sich Anfang November 1942 noch in Theilheim aufgehalten haben.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2094/Theilheim%20Synagoge%20201.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20108/Theilheim%20Synagoge%20207.jpg

Ehemaliges Synagogengebäude in Theilheim (Aufn. Jürgen Hanke, 2004 und J. Hahn, 2007)

An dem ehemals als Synagoge genutzten Gebäude am Kreuzgraben erinnert eine Gedenktafel mit folgender Inschrift an die einstige jüdische Gemeinde der Ortschaft:

Dieses Gebäude diente der Jüdischen Kultusgemeinde Theilheimals Synagoge und wurde 1938 zerstört.

Zur Erinnerung und zum Andenken an unsere ehemaligen jüdischen Mitbürger.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2094/Zell%20Raw%20Mendel%2001.jpgSeit 1997 ist eine Straße in Theilheim nach Mendel Rosenbaum, dem ‚berühmtesten Sohn’ der Gemeinde, benannt. Rosenbaum (geb. 1782 in Theilheim) - auch unter dem Namen „Mendel Zell“ bekannt - gründete 1822 in Zell bei Würzburg – gemeinsam mit seinen erwachsenen Söhnen Jona und Eliahu Rosenbaum - eine orthodoxe Talmud-Religionsschule (Jeschiwa); einer seiner ersten Schüler, Moses Weißkopf, amtierte später als Rabbiner in Paris. Als wirtschaftliche Basis in Zell diente ein Handel mit Kolonialwaren und eine Nagelschmiede; daneben war Rosenbaum in das Unterzeller Unternehmen von Koenig & Bauer (Schnelldruckpressen-Fabrik) involviert. Mendel Rosenbaum und seine Söhne und beeinflussten von hier wesentlich die Entwicklung des religiös-orthodoxen Judentums im bayrischen Raume. Mendel Rosenbaum erhielt 1854 beim bayrischen König Maximilian II. Eine Audienz, bei der er erreichen konnte, dass die noch bestehenden, für Juden geltenden Handelsbeschräkungen aufgehoben wurden. Mendel R. starb 1868 in Zell.

 

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, Oldenbourg-Verlag, München 1979, S. 408 - 410

Harm-Hinrich Brandt (Hrg.), Zwischen Schutzherrschaft und Emanzipation, in: Studien zur Geschichte der mainfränkischen Juden im 19.Jahrhundert, Band 39, Würzburg 1987

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 125

Konrad Roth, Die jüdische Gemeinde in Theilheim, in: 900 Jahre Theilheim mit Dächheim 1094-1994, hrg. von der Festgemeinschaft "900 Jahre Theilheim", Würzburg 1994, S. 100 - 104 

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - eine Dokumentation, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, S. 611/612

Die jüdische Gemeinde in Theilheim”, in: maschinenschriftliches Manuskript zur 900 jährigen Jubiläumsfeier Theilheims, S. 305 ff.

Theilheimer Juden - Ansprache des Archivars Christian Schaub anlässlich des Besuches von Ignaz Bubis (17.Juni 1994)

Theilheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13, Würzburg 2008, S. 242 - 244