Themar (Thüringen)

Bildergebnis für landkreis hildburghausen ortsdienst karte Themar ist heute ein Landstädtchen mit derzeit ca. 3.000 Einwohnern im Landkreis Hildburghausen im fränkisch geprägten Süden Thüringens - etwa 15 Kilometer nordwestlich von Hildburghausen bzw. etwa 15 Kilometer südlich von Suhl gelegen; die Stadt Themar ist heute Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Feldstein, der weitere 16 Gemeinden angehören (ohne Eintrag von Themar, Karte aus: ortsdienst.de/thueringen/landkreis-hildburghausen).

Themar um 1700 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Möglicherweise haben bereits im 13.Jahrhundert jüdische Familien in Themar gelebt. Urkundliche Belege für die Ansässigkeit von jüdischen Familien in Themar sind bis in die Neuzeit recht spärlich. Als Mitte der 1860er Jahre in der Nachbargemeinde Marisfeld ein Großbrand wütete und auch jüdische Familien obdachlos wurden, übersiedelten diese z.g.T. nach Themar und bildeten um 1865 hier eine eigenständige Gemeinde. Bereits kurzzeitig ansässig waren fünf Familien, die aus Bibra gekommen waren.

Um 1870 richtete die junge Gemeinde im Obergeschoss eines angemieteten Privathauses einen Betsaal ein; nach der offiziellen Konstituierung der Themarer Kultusgemeinde erwarb diese ein Wohnhaus in der damaligen Hildburghäuser Straße und weihte hier 1877 einen Synagogenraum feierlich ein. Jahre später wurde im gleichen Gebäude die jüdische Religionsschule samt Lehrerwohnung untergebracht; Elementarunterricht erhielten die Kinder an der christlichen Ortsschule.

                       Jüdisches Gemeindehaus Hildburghäuser Str. (hist. Aufn., um 1910 ?)

  aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 19.10.1899 u. vom 2.8.1900

Um 1900 soll der jüdische Religionslehrer auch als Lehrer an der hiesigen Bürgerschule unterrichtet haben.

Verstorbene Gemeindeangehörige wurden auf dem jüdischen Friedhof in Marisfeld begraben.

Juden in Themar:

         --- um 1865 .........................  6 jüdische Familien,

    --- 1871 ............................ 93 Juden (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1898 ............................ 97   “   (in 25 Familien),

    --- 1910 ............................ 58   “  ,

    --- 1913 ............................ 68   “  ,

    --- 1924 ........................ ca. 70   "  ,

    --- um 1930 ..................... ca. 95   “  ,

    --- 1935 ........................ ca. 70   “  ,*    *andere Angabe: ca. 50 Pers.

    --- 1938 ............................ 48   “  ,

    --- 1939 ............................ 33   “  ,

    --- 1943 ............................ keine.

Angaben aus: Karl-Heinz Roß/Hans Nothnagel, Die jüdische Gemeinde Themar - Ein fragmentarischer Überblick

In den 1870er Jahren des gab es sechs jüdische Geschäfte; eines war das Warenhaus S. M. Müller, das von den Gebrüdern Max und Leopold Müller geführt wurde. Die jüdischen Bewohner Themars hatten den gesamten Vieh- und Textilwarenhandel der Stadt in ihrer Hand und sollen vor 1933 in der kleinstädtischen Gesellschaft integriert gewesen sein.

Kaufhaus-Stern-ca-19206Marktplatz mit Geschäft von Samuel u. Jette Baer (hist. Aufn. um 1915)

Vom Boykott am 1.April 1933 waren auch die hiesigen jüdischen Familien in Themar betroffen.

Die knapp 50 jüdischen Bewohner, die im November 1938 noch im Orte lebten, mussten mitansehen, wie ihre Wohnungen und Geschäfte von SA- und NSSK-Angehörigen durchsucht und auch demoliert wurden. Die männlichen Bewohner brachte man vor das Rathaus, wo sie den „Volksgenossen“ als „Unglück Deutschlands“ vorgeführt wurden; auch Marisfelder Juden wurden hier zu Schau gestellt. Anschließend verschleppte man die Männer ins KZ Buchenwald. Dass das Synagogengebäude nicht in Brand gesetzt wurde, lag wohl daran, dass es inmitten einer geschlossenen Bebauung lag und die Gefahr eines Großbrandes bestanden hätte. 1942/1943 wurden die letzten etwa 20 jüdischen Einwohner Themars deportiert; die übrigen konnten zuvor noch rechtzeitig emigrieren.

Nach Angaben des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945“ sind nachweislich 42 gebürtige bzw. länger im Ort lebende jüdische Personen Opfer der „Endlösung“ geworden.

 

Das heute noch als Wohnhaus genutzte ehemalige jüdische Gemeindehaus hat die Zeiten überdauert.

Seit den 1990er Jahren erinnert nahe der Kirche in Themar ein Denkmal an alle Opfer der NS-Gewaltherrschaft.

Wir gedenken der jüdischen Familien von Themar und ehren alle Opfer der Diktaturen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

2013 wurden in Themar die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; nach zwei weiteren Verlege-Aktionen waren es mehr als 20 dieser Erinnerungssteine. Im Rahmen des St.Gallus-Marktes 2018 verlegte Gunter Demnig dann weitere elf in der Kleinstadt; ein Jahr später folgten nochmals 13 Steine, die vertriebenen bzw. ermordeten ehemaligen jüdischen Bewohnern Themars gewidmet sind. Derzeit sind in der Gehwegpflasterung insgesamt 52 Steine (an zwölf Standorten) vorhanden. In der Schulstraße und in der Friedensstraße sollen in naher Zukunft weitere zwölf Stolpersteine verlegt werden. 

                                                   "Stolpersteine" in der Bahnhofstraße (verlegt 2014)

 

[vgl.  Marisfeld (Thüringen)]

 

Weitere Informationen:

O. Stapf, Juden in Themar , (unveröffentlichte) chronistische Aufzeichnungen, Stadtarchiv Themar 1962

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 638/639

Karl-Heinz Roß/Hans Nothnagel, Die jüdische Gemeinde Themar - Ein fragmentarischer Überblick, in: H.Nothnagel (Hrg.), Juden in Südthüringen geschützt und gejagt, Band 2: Juden in den ehem. Residenzstädten Römhild, Hildburghausen und deren Umfeld, Verlag Buchhaus Suhl, Suhl 1998, S. 109 - 124

Gabriele Olbrisch, Landrabbinate in Thüringen 1811 - 1871. Jüdische Schul- und Kulturreform unter staatlicher Regie, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen - Kleine Reihe, Band 9, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2003, S. 47/48

Auskünfte durch die Stadtverwaltung Themar (Bürgermeister Hubert Böse), 2004

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Sömmerda 2007, S. 252

Hans Jurgen Salier, Themar: Geschichte in Daten, 2008

Themar, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Jüdische Gemeinde Themar, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Jüdische_Gemeinde_Themar

Sharon Meen, Their Voices Live on. Jewish Life in Themar, 2013, online abrufbar unter: judeninthemar.org; auch in Deutsch: „Ihre Stimmen leben noch - Jüdisches Leben in Themar“ (Anm.: gute Präsentation, die die jüdischen Familien Themars detailliert nennt und beschreibt)

Georg Vater (Red.), Sieben Stolpersteine gegen das Vergessen, in: „Südthüringer Zeitung“ vom 20.3.2014

Sharon Meen (Red.), Ihre Stimmen leben noch – Jüdisches Leben in Themar, online abrufbar unter: judeninthemar.org/november-2015 (Anm. Verlegung von elf Stolpersteinen für zwei jüdische Familien, Nov. 2015)

Auflistung der Stolpersteine in Themar, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Themar

Katharina Witter (Red.), Anmerkungen zur jüdischen Geschichte von Themar, Teil 1: Die jüdische Gemeinde Marisfeld als Vorläufer von Themar, in: "Jahrbuch des Hennebergisch-Thüringischen Geschichtsvereins", Band 32/2017, S. 165 - 186

Katharina Witter (Red.), Anmerkungen zur jüdischen Geschichte von Themar, Teil 2: Die jüdische Gemeinde Themar, in: "Jahrbuch des Hennebergisch-Thüringischen Geschichtsvereins", Band 33/2018, S. 195 - 208

Gerlinde Sommer (Red.), Der Tag, als die Stadt brannte – Gedenken und Erinnerung in Themar, in: „Thüringische Landeszeitung“ vom 29.8.2018

MDR Thüringen/maf (Red.), 13 Stolpersteine erinnern in Themar an jüdische Bewohner, in: mdr.de vom 27.11.2019

N.N. (Red.), Stolpersteine werden später verlegt, in: inSüdthüringen.de vom 15.5.2020