Tuchel (Westpreußen)

  Bildergebnis für tuchel westpreußen landkarte Tuchel - seit 1772 preußisch (Kreis Konitz), im Südteil der Provinz Westpreußen gelegen (westlich von Marienwerder und nördlich von Bromberg) - ist heute die Kreisstadt Tuchola mit derzeit ca. 14.000 Einwohnern im Norden der polnischen Woiwodschaft Bromberg.

Als Tuchel im Zuge der 1.Teilung Polens (1772) an Preußen fiel, lebten in der Kleinstadt nur etwa 30 Juden. Im Laufe der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts nahm deren Zahl enorm zu (siehe Statistik); zeitweilig waren fast 40% der Gesamtbevölkerung des Ortes mosaischen Glaubens. Ihre Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt war erheblich. Seit den letzten Jahrzehnten des 18.Jahrhunderts spielte die Tuchproduktion und der -handel hier eine bedeutende Rolle. Neben zu Reichtum gekommenen Großhändlern für Getreide, Holz und Leder gab es auch zahlreiche Kleingewerbetreibende.

1843 erbaute die hiesige Judenschaft eine neue Synagoge an der heutigen Zamkowa-Straße.

Synagoge von Tuchel (hist. Ansichten)

Die jüdischen Kinder besuchten die öffentliche Elementarschule.

Die Anlage eines eigenen Friedhofs datiert in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts.

Zur Gemeinde Tuchel gehörten auch die im Landkreis lebenden jüdischen Familien.

Juden in Tuchel:

    --- 1767 .........................  33 Juden,

    --- 1813 ......................... 321   “  (in 80 Haushalten),

    --- 1816 ......................... 408   “  ,

    --- 1831 ........................ 497   “  (ca. 39% d. Bevölk.),

    --- 1837 ......................... 572   “  (ca. 40% d. Bevölk.),

    --- 1846 ........................ 758   “  (ca. 35% d. Bevölk.),

    --- 1867 ......................... 921   “  ,

    --- 1871 ......................... 851   “  ,

    --- 1876 ......................... 959   "  (ca. 31% d. Bevölk.)

    --- 1885 ......................... 576   “  (ca. 19% d. Bevölk.),

    --- 1895 ......................... 439   “  ,

    --- 1910 ......................... 253   “  (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1921 ......................... 118   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1926 .........................  72   “  ,

    --- 1931 .........................  45   “  .

Angaben aus: Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, S. 23 + S. 176

und                  Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, S. 750 f.

Mit Beginn der 1880er Jahre setzte auch in Tuchel - wie überall in den kleinen Landstädten - eine sich abzeichnende Emigration in die größeren wirtschaftlichen Zentren sein. So verkleinerte sich die Zahl der Angehörigen der Tucheler Gemeinde innerhalb von nur 15 Jahren (von 1880 bis 1895) um etwa die Hälfte.       

In Zusammenhang der Vorgänge in Konitz (Mord an einem Schüler) kam es im Frühjahr 1900 auch in Tuchel zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Nur mit Mühe konnte dem Mob durch Polizei und privat organisierte Schutztrupps Einhalt geboten werden.

Nach der Angliederung des westpreußischen Gebiets an den polnischen Staat 1920 setzte sich die Abwanderung von Juden fort. Anfang der 1930er Jahre war die jüdische Gemeinde Tuchel in Auflösung begriffen; die noch in der Stadt verbliebenen Familien nutzten nun die Kultuseinrichtungen der Konitzer Gemeinde. Ende der 1930er Jahre lebte nur noch eine einzige jüdische Familie in der Stadt. Die Besetzung durch deutsche Truppen im September 1939 besiegelte auch das Ende der Tucheler Judenschaft.

Während der ersten Kriegsmonate fanden bei Tuchel Massenexekutionen statt; unter den Ermordeten waren auch jüdische Familien. Die wenigen noch verbliebenen Juden im Landkreis Tuchel wurden im November 1939 „ins Generalgouvernement ausgesiedelt“. 1940 brannte die deutsche Besatzungsmacht die Synagoge nieder. Auch der jüdische Friedhof wurde zerstört, Grabsteine zum Wegebau benutzt.

 

 Im Jahre 1850 wurde in Tuchel Louis Lewin als Sohn eines jüdischen Schuhmachers geboren; er wuchs in Berlin auf, wo er auch seine akademische Ausbildung erhielt. In die Historie ging Louis Lewin als Begründer der Industrietoxikologie und modernen Suchtmittelforschung ein. Er starb 1929 in Berlin; sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.

 

Weitere Informationen:

Max Aschkewitz, Der Anteil der Juden am wirtschaftlichen Leben Westpreußens um die Mitte des 19.Jahrhunderts, in: "Zeitschrift für Ostforschung" 11/1962, S. 482 ff.

Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, in: "Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas", hrg. vom Johann Gottfried Herder-Institut No. 81, Marburg 1967

Abraham Wein (Hrg.), Enzyklopaedia of Jewish Communities. Poland, Band 6, S. 71/72

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, New York 2009, Teilband 3, S. 746 – 754

George Swankowskiego, Juden in Tuchel im Laufe der Jahrhunderte (Aufsatz in poln. Sprache)

Tuchola, in: sztetl.org.pl