Tüchersfeld (Oberfranken/Bayern)

Datei:Pottenstein in BT.svg Das kleine Kirchdorf Tüchersfeld im Püttlachtal ist heute ein Ortsteil der Großgemeinde Pottenstein in der Fränkischen Schweiz - ca. 25 Kilometer südwestlich von Bayreuth gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Anfang des 18.Jahrhunderts erhielten jüdische Familien von der Gutsherrschaft, dem Reichsfreiherrn Groß von Trockau, die Erlaubnis, sich in einem geschlossenen Verband an dem unteren Burg oberhalb der kleinen Ortschaft Tüchersfeld niederzulassen. Laut einer 1742 erlassenen „Herrschaftlichen Verordnung für die Judenschafft zu Tügersfeldt” wurden in zehn Punkten Richtlinien für das gemeinsames Leben der Judenschaft in der Burg erteilt. Zeitlich befristete Schutzbriefe, die jeweils auf den Namen des Familienoberhauptes ausgestellt waren, garantierten der gesamten Familie das Bleiberecht. Während neun Wohnungen in jüdischen Besitz übergingen, mussten vier weitere vom Gutsherrn angemietet werden.

 Blick auf den „Judenhof” oberhalb der Ortschaft Tüchersfeld (Lithographie)

1813 wurde die Zahl der hier ansässigen Judenfamilien auf 18 festgesetzt. Zum überwiegenden Teil waren die Tüchersfelder Juden Händler mit Schnittwaren, die auch in die weitere Umgebung ziehen mussten, um Absatz für ihre Waren zu finden.

Die Benutzung der um 1760/1765 eingerichteten Synagoge und des Backofens für die Mazzen-Herstellung wurde vom Schutzherrn gegen Entrichtung einer Gebühr gestattet. Ein Brand hatte zuvor einen um 1740 eingerichteten Betraum zerstört. Der neue Synagogenraum war in zwei Bereiche eingeteilt: in einen für Männer und einen wesentlich kleineren für Frauen. Der Raum war mit einer gewölbten Stuckdecke versehen, aber ansonsten sehr kärglich ausgestattet; dies lag daran, dass die Gemeinde ihr gesamtes Vermögen für die Decke ausgegeben hatte.

         http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2084/Tuechersfeld%20Synagoge%20011.jpgBlick auf die ehemalige Synagoge (hist. Aufn., um 1920, aus: Sammlung Peter Müller)

Ein eigenes Beerdigungsgelände stand in Tüchersfeld nicht zur Verfügung; Verstorbene wurden in Baiersdorf bzw. in Pretzfeld beerdigt.

Juden in Tüchersfeld:

         --- um 1755 .................... 44 Juden (in 8 Familien),

    --- 1813 ....................... 18 jüdische Familien,

    --- um 1825 ................ ca. 70 Juden (ca. 13% d. Bevölk.),

    --- 1852 ....................... 36   “  ,

    --- 1860 .......................  3 jüdische Familien,

    --- 1875 .......................  keine.

Angaben aus: Gerhard Ph.Wolf/Walter Tausendpfund, Tüchersfeld und der “Judenhof”, S. 191 ff.

Die jüdischen Familien lebten vom Schnittwaren-, Tuch- oder Kleiderhandel sowie vom Viehhandel. Mit der Aussicht auf bessere Lebensmöglichkeiten verließen um die Mitte des 19.Jahrhunderts die meisten jüdischen Familien Tüchersfeld.

Bis zu welchem Zeitpunkt sich die letzten Juden hier noch aufhielten, ist nicht bekannt. Über die letzte jüdische Bewohnerin berichtete ein Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" am 18. Oktober 1865, in dem es u.a. hieß: „Die kleineren Dorfgemeinden in Bayern sehen in Folge des liberalen Gesetzes, welches die Freizügigkeit gestattet, in sehr bedauerlicher Weise fast ihrer völligen Auflösung entgegen. So ist es vor einigen Wochen vorgenommen, daß in Tüchersfeld, einem kleinen Dorf in der Fränkischen Schweiz, woselbst eine arme kontrakte Jüdin, Tochter des verstorbenen Ortslehrers - eine körperlich ganz verkommene, aber geistig und sittlich exzellente Person - ... welche den alleinigen Rest der Gemeinde bildete, von der wohltätigen und gottesfürchtigen israelitischen Kommune Wannbach aufgenommen wurde und dort auf's Beste verpflegt und unterhalten wird. ...“ Vermutlich endete jüdisches Leben im „Judenhof“ von Tüchersfeld Anfang der 1870er Jahre; die Synagoge wurde nach 1872 profaniert.

 

Die ehemalige Synagoge ist seit den 1980er-Jahren ein Teil des im „Judenhof“ in Tüchersfeld eingerichteten „Fränkischen-Schweiz-Museum“. Die Gebäude des „Judenhofes“ waren vom „Zweckverband Fränkische Schweiz-Museum“ erworben und für etwa 2,7 Millionen DM restauriert worden. Die Bausubstanz des Synagogengebäudes blieb im wesentlichen erhalten; innerhalb des Gebäudekomplexes ist der aus dem 18.Jahrhundert stammende Synagogenraum äußerlich nur durch die mit Rundbogen versehenen Fenster erkennbar.

                       

                             Ehem. Synagoge im „Judenhof“                   Restaurierter Synagogenraum (Aufn. um 1995, aus: fraenkisch-schweiz-museum.de)

 

In Pottenstein – ca. 30 Kilometer südlich von Bayreuth – gründete sich unmittelbar nach Kriegsende eine jüdische Gemeinde, die sich aus ca. 90 DPs zusammensetzte und bis Anfang 1948 bestand. Die zumeist in beschlagnahmten Wohnungen untergebrachten Juden (in den meisten Fällen ehemalige Häftlinge des KZ Flossenbürg) gründeten den zionistischen Verein „Achida“; auch ein eigener Sportclub bildete sich. Mit der Auswanderung nach Palästina/Israel löste sich 1948 die jüdische Nachkriegsgemeinschaft in Pottenstein auf.

 

Weitere Informationen:

W.Tausendpfund/G.Ph.Wolf, Der Judenhof in Tüchersfeld - Eine jüdische Ansiedlung in der Fränkischen Schweiz, in: Landschaft und Geschichte - Das Fränkische-Schweiz-Museum, Festschrift anläßlich der Eröffnung am 24.Juli 1985, Bayreuth 1985, S. 61 - 80

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 237/238

Rainer Hofmann/Ilse Sponsel, Fränkische-Schweiz-Museum - Führer durch die Synagoge,1993

Gerhard Ph.Wolf/Walter Tausendpfund, Tüchersfeld und der “Judenhof”, in: Jüdisches Leben in der Fränkischen Schweiz, Schriftenreihe des Fränkische-Schweiz Vereins, Band 11, Palm & Enke, Erlangen 1997, S. 191 - 220

Tüchersfeld, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Abbildungen)

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 136/137

Jim G. Tobias, Die Jüdische Nachkriegsgemeinde: Ausgerechnet in Pottenstein, in: haGalil 5/2006

Das Fränkische Schweiz-Museum Tüchersfeld, online abrufbar unter: fraenkische-schweiz-museum.de