Schildberg (Posen)

Silesia Map https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ea/Kreis_Schildberg_1905.jpg

Schildberg/Wartheland - am Südostrand der ehem. preußischen Provinz Posen, ca. 20 Kilometer nördlich von Kempen gelegen - ist das poln. Ostrzeszów mit derzeit ca. 14.000 Einwohnern (Ausschnitte aus hist. Landkarten: links: Schildberg am rechten oberen Kartenrand - rechts: Schildberg im Südteil des Reg.bezirks Posen).

In Schildberg/Wartheland sind jüdische Familien seit Mitte des 17.Jahrhunderts nachweisbar; sie bestritten ihren Lebenserwerb zumeist als Handwerker und Kleinhändler; einige wenige waren Getreidegroßhändler. Doch noch ehe Schildberg Stadtrechte erhielt, sollen sich bereits im Laufe des 12.Jahrhunderts jüdische Händler hier im Salzhandel hier betätigt haben (?).

Einige Juden lebten auch in der Nachbarsiedlung Borek, die später zu einem Vorort von Schildberg wurde.

Nach 1815/1820 setzte ein deutlicher Zustrom jüdischer Familien aus dem ländlichen Umland nach Schildberg ein; innerhalb nur eines Jahrzehnts verdoppelte sich die Zahl der Gemeindeangehörigen.

Nachdem bei einem Großbrand auch die Synagoge vernichtet worden war, erbaute man eine neue, die 1822 eingeweiht wurde.

Synagoge in Schildberg (Repro Jan Taylor, Abb. aus: sztetl.org.pl)

Eine jüdische Schule muss seit den 1840er Jahre hier existiert haben. Noch kurz nach der Jahrhundertwende ließ man ein neues Schulgebäude erstellen - zu einer Zeit, als die Zahl der jüdischen Kinder schon deutlich geringer geworden war.

Ein eigener Friedhof soll erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts (möglicherweise aber schon bereits in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts) vorhanden gewesen sein; zuvor waren Verstorbene auf Friedhöfen in Kempen (Kępno) und im Dorfe Doruchów begraben worden.

Eine jüdische Schule muss seit den 1840er Jahre in Schildberg existiert haben.

Juden in Schildberg:

    --- um 1740 .................... ca.  80 Juden,

    --- 1820 ....................... ca. 150   "  ,

    --- 1835 ....................... ca. 300   “  ,

    --- 1846 ........................... 310   “  ,

    --- 1855 ....................... ca. 400   “  ,

    --- 1870 ........................... 404   “  ,

    --- 1890 ........................... 392   “  ,

    --- 1900 ........................... 342   "  ,

--- 1910 ........................... 235   “  ,

--- 1921 ........................... 122   “  ,

--- 1925 ....................... ca.  20   “  ,*    * hier dürfte es sich um die Anzahl der Familien handeln

--- 1931 ....................... ca. 120   "  ,

--- 1938 ...........................  30   “  .

Angaben aus: Ostrzeszów, in: sztetl.org.pl

Die jüdische Bevölkerung erreichte in den 1880er Jahren mit mehr als 400 Personen ihren höchsten Stand; infolge Abwanderung – besonders in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg - sank danach die Zahl der jüdischen Bewohner stetig.

 Ostrzeszów, Rynek.jpg  

Stadtmitte von Schildberg (hist. Aufn., Regionalmuseum und hist. Postkarte, um 1900)

1939 lebten hier nur noch 15 Bewohner mosaischen Glaubens; sie wurden alsbald ins "Generalgouvernement" deportiert, wo sich ihre Spuren verloren. Angeblich haben nur zwei von ihnen die sog. "Endlösung" überlebt.

 

Synagoga od strony Piekar, stare zdjęcia - Synagogengebäude kurz vor dem Abriss (Aufn. aus: dziejeostrzeszowa.pl/)   

Das Synagogengebäude wurde Anfang der 1970er Jahre abgerissen; an dieser Stelle ist heute noch eine Baulücke; nur ein kleiner Hinweis an der Hauswand des Nachbargebäudes weist darauf hin, dass hier ehemals eine Synagoge gestanden hat.

Ein unscheinbares, kaum mehr lesbares Relief an einer Gebäude-Außenmauer weist auf den einstigen Wohnsitz des Rabbiners hin; im Keller dieses Gebäudes soll sich eine Mikwe befunden haben.

         Hinweis auf den ehem. Wohnsitz des Rabbiners im Mauerwerk (Aufn. 2013)

Das ehemalige jüdische Begräbnisgelände – es wurde während der Kriegsjahre und in den Jahren danach – geschändet und zerstört, Grabsteine "verschwanden". Gegenwärtig erinnert auf dem als Grünfläche gestalteten Gelände nichts mehr an dessen einstige Bestimmung. Im Jahre 2008 wurden Grabsteinrelikte vom jüdischen Friedhof aufgefunden; sie wurden in einem Denkmal, das an die einstige jüdische Gemeinde erinnern soll, verbaut.

Ismar Elbogen.jpg Ismar Elbogen (geb. 1874) wuchs als Sohn eines jüdischen Grundschullehrers in Schildberg auf. Seine Ausbildung absolvierte er an der Breslauer Universität und am dortigen Jüdisch-Theologischen Seminar. Nach der Jahrhundertwende wirkte er mehr als drei Jahrzehnte an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Nach seiner Emigration in die USA setzte er seine Lehrtätigkeit am Jewish Theological Seminary in New York bis zu seinem Tode (1943) fort. Zu seinen Hauptwerken zählen „Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung“ (1913), „Die Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates“ (1919) und „Geschichte der Juden in Deutschland“ (1935).

 

 

Weitere Informationen:

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909

Festgottesdienst zur Einweihung der Synagoge in Schildberg: am 21. September 1913/19 (Festschrift)

Ostrzeszów, in: sztetl.org.pl

Ostrzeszów, in: kirkuty.xip.pl

Dzieje Ostrzeszów, Synagoga i inne obiekty żydowskie, online abrufbar unter: dziejeostrzeszowa.pl (mit Aufn. vom Abriss des Synagogengebäudes)

Guide to the Records of the Ostrowo Jewish Community Council 1822 – 1919, online abrufbar unter: digifindingaids.cjh.org/?pID=131220

Angaben von Jan Taylor (2017)