Schildesche (Nordrhein-Westfalen)

Bielefeld - Europa1900 Lage von Schildesche in Bielefeld Seit 1930 ist Schildesche als ein Stadtbezirk der kreisfreien Stadt Bielefeld eingemeindet (Ausschnitt aus hist. Karte, aus: europe1900.eu  und  Skizze Stadtteile von Bielefeld, TUBS, 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.0).

Ab der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts sind einige jüdische Familien in Schildesche nachweisbar; sie verdienten dort ihren ärmlichen Lebensunterhalt im Umfeld des adelig-freiweltlichen Stifts. Um 1730 mussten die Juden auf Grund einer Verordnung des preußischen Landesherrn vom „platten Landes“ in die „akzisebaren“ Städte ziehen; auch die Juden Schildesches waren von der Zwangsumsiedlung betroffen und verzogen in umliegende Städte. Erst etwa 70 Jahre später - im Zuge der Reformen im Kgr. Westfalen - siedelten sie sich erneut im Dorf an.

Der erste Hinweis auf eine angemietete Betstube stammt aus dem Jahre 1814; die kleine Gemeinde - zu ihr gehörten auch zeitweilig die Juden in Jöllenbeck - unterstand dem Bielefelder Bezirksrabbinat, war aber trotzdem als Filialgemeinde über einen längeren Zeitraum autonom.

Zu ihr zählten auch die Familien aus Brake, Vilsendorf und bis 1832 Nieder-Jöllenbeck.

Seit Beginn der 1840er Jahre (bis 1889) befand sich das mit ca. 20 Plätzen ausgestattete Bethaus in einem Anbau eines angemieteten Privathauses. Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte neben einer Mikwe auch eine seit 1826 nachweisbare Schule. Der Lehrer wurde von der Gemeinde besoldet; allerdings bestand die Schule nur wenige Jahre. 

Innerhalb der Schildescher Judenschaft traten in den 1840er Jahren erhebliche Differenzen zu Tage; während ein Teil der Gemeindeangehörigen an den tradierten Formen des Gottesdienstes festhalten wollte, war der andere Teil Neuerungen durchaus aufgeschlossen, konnte sich aber nicht durchsetzen. So wurde der Zustand der Gemeinde im Jahre 1842 wie folgt beschrieben: „ ... Die deutsche Sprache hat bis dahin bei dem Gottesdienst überall noch keinen Eingang gefunden; auch wird in der hiesigen Synagoge nicht gepredigt, und auch findet eine der Confirmation der Kinder in der christlichen Kirche nachgebildete Aufnahme derselben in die Gemeinde nicht statt. ...

Eine alte Flurbezeichnung „Judenkirchhof” deutet darauf hin, dass es auch – vermutlich seit dem 17.Jahrhundert - eine eigene Begräbnisstätte im Dorf gegeben hat, die gegen Mitte/Ende des 18.Jahrhunderts aufgegeben wurde. Seit dem 19.Jahrhundert wurden verstorbene Schildescher Juden auf dem israelitischen Friedhof in Bielefeld bestattet.

Juden in Schildesche:

    --- um 1690 ........................  5 jüdische Familien,

    --- 1737 ...........................  4     “        "   ,

     --- 1740 – 1809 .................... keine,

    --- 1812 ........................... 31 Juden,

    --- 1831 ........................... 40   “  ,

    --- 1849 ........................... 71   “  ,

    --- 1861 ........................... 58   “  ,

    --- 1876 ........................... 25   “  ,

    --- 1890 ........................... 17   “  ,

    --- 1924/25 ........................ 16   “  ,

    --- 1933 ...........................  4 jüdische Familien,

    --- 1942 (Aug.) ....................  keine.

Angaben aus: Kai-Uwe von Hollen, Die Juden in Schildesche im 19.Jahrhundert, S. 210

Um 1850 erreichte die Judenschaft Schildesches mit etwa 70 Personen ihre höchste Anzahl. Die damalige Berufsstruktur war im Wesentlichen vom Viehhandel und Schlachtgewerbe geprägt. Ende des 19.Jahrhunderts wanderten vermehrt Juden ab, besonders nach Bielefeld; so gab man 1889 den Betraum auf; doch bereits seit 1853 gehörten die Schildescher Juden der Bielefelder Synagogengemeinde an. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts lebten nur noch einzelne jüdische Familien im Dorf.

Während des Novemberpogroms wurde die Schlachterei von Sally Grünewald (Im Stift) geplündert und verwüstet.

Mit der Deportation der letzten in Schildesche lebenden Familie nach Theresienstadt im Juli 1942 endete jegliches jüdisches Leben im Ort.

 

Sieben sog. „Stolpersteine“ im Stadtteil Bielefeld-Schildesche (An der Stiftskirche u. Westerfeldstr.) erinnern seit 2020 an jüdische Opfer der NS-Gewaltherrschaft (Angehörige der Familie Grünwald). Insgesamt sollen künftig alle 26 verfolgten/ermordeten jüdischen Bewohner einen Stein erhalten. Im gesamten Stadtgebiet von Bielefeld findet man derzeit nahezu 200 "Stolpersteine" (Stand 2022).

[vgl. Bielefeld (Nordrhein-Westfalen)]

 

 

Weitere Informationen:

Bielefeld, Hrg. Stadtarchiv und landesgeschichtlicher Bibliothek (Ausstellungskatalog zur Ausstellung des Stadtarchivs zum 50.Jahrestag des Novemberpogroms von 1938), in: "Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte", Band 6, Bielefeld 1988

Kai-Uwe von Hollen (Bearb.), Die Juden in Schildesche im 19.Jahrhundert, in: Stefan Baumeier/Heinrich Stiewe (Hrg.), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, in: "Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold", Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2006, S. 205 – 215

Kai-Uwe von Hollen, Inklusion und Exklusion am Beispiel der Juden in Bielefeld-Schildesche, Magisterarbeit an der Universität Bielefeld, 2010

Kai-Uwe von Hollen (Bearb.), Bielefeld-Schildesche, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 275 – 277

Christine Panhorst (Red.), In Bielefeld sind Stolpersteine falsch verlegt worden, in: „NW - Neue Westfälische“ vom 13.3.2019

Initiative Stolpersteine Bielefeld e.V. (Hrg.), Stolpersteine in Bielefeld, online abrufbar unter: stolpersteine-bielefeld.de/aktuell.html

Burgit Hörttrich (Red.), Sieben neue Stolpersteine erinnern an Opfer und Verfolgte des Nazi-Regimes - „Sie dürfen niemals vergessen werden“, in: „Westfalen-Batt“ vom 3.9.2020

Marienschule Bielefeld (Hrg.), Marienschule beteiligt sich an Stolperstein-Initiative, Schulinfo vom 21.12.2020