Wanne-Eickel (Nordrhein-Westfalen)

    Die Ortschaft Wanne-Eickel ist seit ihrer Eingemeindung (1975) ein Stadtteil von Herne – im nördlichen Ruhrgebiet gelegen, ca. 20 Kilometer nordwestlich von Dortmund bzw. nordöstlich von Essen entfernt (Karten: Daniel Ulrich, 2004, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 und TUBS, 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Früheste Spuren jüdischen Lebens in Wanne stammen erst aus der Mitte des 18.Jahrhunderts. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts ließen sich einige jüdische Familien dauerhaft in Eickel nieder. Die erste nachweisbare jüdische Familie, die auf dem Gebiet der ehemaligen Stadt Wanne-Eickel ansässig wurde, ist die seit 1806 hier lebende Familie des Metzgers Abraham Leeser (aus Sobernheim stammend). In der Zeit der beginnenden Industrialisierung zogen weitere jüdische Familien nach.

Von dem Lehrer Max Fritzler stammt die Aussage (aus den 1920er Jahren): „ kann die Judengemeinde in Wanne-Eickel auf keine große Vergangenheit und lange Tradition zurückblicken. … In Wanne-Eickel gab es nur vereinzelt alteingesessene Juden. ... 1924 bestand aber eine festgefügte Gemeinde mit Synagoge, Schule, Friedhof und Vereinen. Die Gemeinde mit Einschluss der ostjüdischen Mitglieder war durchweg liberal, und es hat trotz mancher Gegensätze ... keine religiösen oder politischen Kämpfe gegeben. ...

Die jüdische Bevölkerung gehörte bis Ende 1907 offiziell zur Synagogengemeinde Bochum. Bereits in den Jahrzehnten zuvor hatte sich die Wanner Judenschaft bemüht, eine eigene Synagogengemeinde zu bilden; doch scheiterte dieser Versuch zunächst, weil zum einen „die im Amtsbezirk Wanne wohnenden Israeliten allein nicht hinreichend leistungsfähig” waren und zum anderen die Bochumer Gemeinde auf eine weitere Zugehörigkeit der Wanner Juden bestand. Erst nachdem sich die Eickeler Juden mit den Juden von Wanne zu einem Verband zusammengeschlossen hatten, wurde im Herbst 1907 die neue autonome Synagogengemeinde Wanne-Eickel gegründet. Zunächst dienten den wenigen jüdischen Männern private Räumlichkeiten dazu, ihren religiösen Pflichten nachzukommen; an hohen Feiertagen suchte man die Synagoge in Bochum auf. Unmittelbar nach der Gründung der selbstständigen Kultusgemeinde begann man mit dem Bau einer eigenen Synagoge in der Heinrichstraße, der heutigen Langekampstraße, die 1910 eingeweiht wurde.

 Synagoge (hist. Aufn. und Aquarell von Fred Hartwig, Herne)

Im neuen Synagogengebäude befand sich auch die jüdische Volksschule und eine Lehrerwohnung; auf ein rituelles Bad hatte man verzichtet.

Ab Mitte des 19.Jahrhunderts soll eine kleine jüdische Begräbnisstätte im Eickeler Bruch bestanden haben, doch war diese in einem schlechten Zustand; erst nach der Abnabelung von der Bochumer Gemeinde wurde der Friedhof gepflegt und 1931 dann mit einer Mauer umfriedet.

Jüd. Friedhof Wanne-Eickel (Aufn. Arnoldius, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Zur Gemeinde gehörten auch die Juden aus Holsterhausen und Röhlinghausen.

Juden in Wanne-Eickel:

    --- 1850 ............................  16 Juden,

    --- 1899 ............................  14 jüdische Familien (ca. 170 Pers.),

    --- 1927 ............................ 276 Juden,

    --- 1930 ............................ 316   “  ,

    --- 1933 ............................ 193   “  ,

    --- 1934 ............................ 172   “  ,

    --- 1937 ............................ 124   “  ,

    --- 1939 (Mai) ......................  59   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: K.Tohermes, Sie werden nicht vergessen sein - Geschichte der Juden in Herne u. Wanne-Eickel

und                 R. Piorr (Hrg.), “Nahtstellen, fühlbar, hier ..” Zur Geschichte der Juden in Herne u. Wanne-Eickel, S. 49  

Die jüdische Gemeinde fühlte sich eng mit der Monarchie verbunden, wie aus einem Bericht aus der „Wanner Zeitung” vom 7.August 1914 hervorgeht:

S t i f t u n g e n !

Die Synagogengemeinde von Wanne-Eickel hat am 5.August 1914, vormittags 9 Uhr, gemäß der Verordnung unseres Kaisers in der Synagoge einen allgemeinen Gottesdienst abgehalten, um in dieser ernsten und schweren Zeit Gott anzurufen und dessen Hilfe für Kaiser und Reich zu erflehen. Nach dem Gottesdienst fand eine allgemeine Kundgebung der anwesenden Besucher des Gotteshauses dahin statt, das gesamte Barvermögen der Synagogen-Gemeinde und ihrer Wohltätigkeitsvereine zur Linderung der Kriegsnot den politischen Gemeinden Wanne und Eickel ... zur Verfügung zu stellen. ...

Die Zuwanderung jüdischer Arbeitskräfte aus Osteuropa stellte die Gemeinde nach dem Ersten Weltkrieg vor größere Probleme. Deren Integration in das hiesige Gemeindeleben war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, da die religiös-orthodoxen „Ostjuden“ auf die Ausübung der Gottesdienste in ihrer gewohnten Form bestanden und deshalb auch eigene Betstuben besaßen.

Im März 1933 kam es in der Stadt zu antisemitischen Ausschreitungen der lokalen SA und zu „wilden“ Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte; dabei wurden einige jüdische Bewohner körperlich attackiert und zur Flucht aus Wanne-Eickel genötigt. Auch nach dem offiziellen Boykott vom 1.4.1933 wurden jüdische Geschäfte in Wanne-Eickel weiter gemieden; dadurch wurden zahlreiche kleine Geschäftsinhaber in den wirtschaftlichen Ruin getrieben.

Von der Ausweisung Juden polnischer Staatsangehörigkeit Ende Oktober 1938 war auch eine unbekannte Zahl von Juden aus Wanne-Eickel betroffen. Am 10.November 1938 setzten Brandstifter das Synagogengebäude in Flammen. Wenige Tage später wurden die noch stehengebliebenen Umfassungsmauern und Innenwände abgebrochen. Bis Kriegsbeginn hatten die meisten der Anfang der 1930er Jahre hier lebenden Juden den Ort verlassen, ein Großteil war in westliche Nachbarländer emigriert. Insgesamt fielen 130 Juden aus Wanne-Eickel der Shoa zum Opfer.

Nach Kriegsende kehrten nur wenige überlebende Juden nach Wanne-Eickel zurück. Da sich wegen der geringen Zahl keine selbständige Kultusgemeinde dauerhaft gründen konnte, bildeten die Wanne-Eickeler Juden gemeinsam mit denen aus Gelsenkirchen eine Gemeinde. Nach der kommunalen Neugliederung 1975 gehörten die wenigen Juden aus Wanne-Eickel zur Kultusgemeinde Herne - Bochum - Recklinghausen.

Am Sportpark Wanne in der Hauptstraße - etwa 700 Meter vom historischen Synagogenstandort entfernt - erinnert seit 1976 ein Gedenkstein mit einer Bronzetafel an die verfolgten jüdischen Bürger von Wanne-Eickel.

Zur Erinnerung an die Synagogengemeinde in Wanne-Eickel und an die jüdischen Bürger dieser Stadt,

die in den Jahren 1933 – 1945 Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f6/Gedenkstein_J%C3%BCdische_Gemeinde_Herne-Wanne.JPG/1280px-Gedenkstein_J%C3%BCdische_Gemeinde_Herne-Wanne.JPG Aufn. A. 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0

Anm.: Zum 75. Jahrestag des Novemberpogroms 1938 wurde diese Gedenktafel an ihren historischen Ort (Langekampstraße) verbracht.

Jüngst haben Schüler/innen des Eickeler Gymnasiums mehrere Erinnerungstafeln an einigen Stellen der Stadt aufgestellt, die an das Leben und Sterben der Wanne-Eickeler Juden erinnern.

[vgl.   Herne (Nordrhein-Westfalen)]

 

Weitere Informationen:

Unsere Stadt unter dem Nationalsozialismus - Die Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung in Herne und Wanne-Eickel - Ausstellung der Stadt Herne zum 30.Jan. 1933, Hrg. Oberstadtdirektor der Stadt Herne, Herne 1983

Christiane Schulte, Synagogengemeinde Wanne-Eickel und Herne 1887 - 1933. Examensarbeit für das Lehramt für die Sekundarstufe II, Ruhruniversität Bochum, 1984

B. Dorn/M. Zimmermann, Bewährungsprobe. Herne und Wanne-Eickel 1933 - 1945. Alltag, Widerstand, Verfolgung unter dem Nationalsozialismus, Bochum 1987

Kurt Tohermes (Bearb.), Sie werden nicht vergessen sein - Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel, Hrg. Oberstadtdirektor der Stadt Herne, Herne 1987

F.Braßel/M.Clarke/C.Objartel-Balliet (Hrg.), “ Nichts ist so schön wie ...” Geschichten und Geschichte aus Herne und Wanne-Eickel, Essen 1991

Ralf Piorr (Hrg.), Eine Reise ins Unbekannte - Ein Lesebuch zur Migrationsgeschichte in Herne und Wanne-Eickel, Essen 1998

Ludger Heid, Arbeit und Alltag ostjüdischer Arbeiter im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, in: Kirsten Menneken/Andrea Zupancic (Hrg.), Jüdisches Leben in Westfalen, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 132- 142

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 538 - 540

Ralf Piorr (Hrg.), “Nahtstellen, fühlbar, hier ... - Zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel, Klartext-Verlag, Essen 2002

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 187 – 193

Hubert Schneider, Erinnern für die Zukunft: Die Einrichtung von „Judenhäusern“ und ihre Funktion bei der Vertreibung von Juden: Das Beispiel Herne und Wanne Eickel, in: Mitteilungsblatt des Bochumer Bürgervereins vom 15.9. 2011

N.N. (Red.), Herne bevorzugt eigene Form des Gedenkens, in: "WAZ - Westdeutsche Allgemeine Zeitung" vom 14.8.2013