Westhofen (Elsass)

Kreis Erstein.png Der unterelsässische Ort Westhofen mit derzeit ca. 1.600 Einwohnern - etwa 30 Kilometer westlich Straßburgs gelegen - ist das heutige französische Westhoffen (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905, aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

In Westhofen, seit 1332 mit Stadtrechten ausgestattet, existierte bereits im Mittelalter eine jüdische Gemeinde. Innerhalb der Westhofener Judenschaft Gemeinde bestanden erhebliche soziale Unterschiede; so sollen mehrere sehr wohlhabende Familien Geldverleih und Kreditgeschäfte in der Region betrieben haben. Im 19.Jahrhundert war eine Integration in die dörfliche Gesellschaft festzustellen.

Im Laufe ihrer Geschichte unterhielt die jüdische Gemeinde in Westhofen mehrere Synagogen; die erste war bereits in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gebaut worden; mehr als ein Jahrhundert später erfolgte ein Neubau. Das heute noch bestehende Synagogengebäude wurde im Jahre 1876 eingeweiht; dessen Standort war vermutlich der eines älteren Synagogenbaues.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20104/Westhofen%20Elsass%20Israelit%2027091876.jpg

aus der Zeitschrift „Der Israelit" vom 27.9.1876

 

Synagoge (Aufn. R. Hammann, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0) und Eingangsportal (Aufn. J. Hahn, 2004)

                             Synagogeninnenraum (Aufn. Claude Weill, 1999) 

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20453/Westhoffen%20Das%20juedische%20Blatt%2019140724.jpgStellenangebot für eine Kantor-Stelle (aus: "Das jüdische Blatt" vom 24.7.1914)

Ein jüdischer Friedhof wurde in Westhofen vermutlich bereits im 15.Jahrhundert angelegt; die ältesten erhaltenen Grabsteine stammen aus dem Jahr 1559.

Westhofen war lange Zeit Sitz eines Bezirksrabbinats, dem die Gemeinden Balbronn, Odratzheim, Scharrachbergheim, Tränheim unterstanden; 1924 wurde es aufgelöst.

Juden in Westhofen:

        --- um 1680 .................. ca. 100 Juden,

    --- um 1690 ......................  37 jüdische Familien,

    --- 1785 ......................... 282 Juden (in 58 Familien),

    --- 1807 ......................... 208   “  ,

    --- 1820 ......................... 215   “  ,

    --- 1846 ......................... 196   “  ,

    --- 1861 ......................... 180   “  ,

    --- 1910 ......................... 147   “  ,

    --- 1936 .........................  79   “  ,

    --- 1939 .........................  63   "  ,

    --- 1953 .........................  38   “  ,

    --- 1965 ..................... ca.  20   "  .

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 41

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20453/Westhoffen%20Israelit%2019020327.jpg     

Verkaufsanzeigen aus den Jahren 1902 und 1915

Nach der deutschen Okkupation wurden die in Westhofen verbliebenen jüdischen Bewohner nach Südfrankreich „umgesiedelt“, von hier aus wurden die meisten in die Vernichtungslager deportiert. Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem fielen mindestens 23 Westhofener jüdischen Glaubens der NS-Gewaltherrschaft zum Opfer (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/westhoffen_synagogue.htm).

Während der deutschen Besatzungszeit wurden die Synagoge und der jüdische Friedhof geschändet und teilweise zerstört. 

 

Nach Kriegsende kehrte ein Teil der überlebenden früheren jüdischen Einwohner zurück; Mitte der 1960er Jahre zählte man 19 Personen mosaischen Glaubens im Ort.

Das bis heute ohne Inneneinrichtung bestehende Synagogengebäude soll vom endgültigen Verfall gerettet werden; Studenten der Wiesbadener Fachhochschule haben 2002 in einer Bauaufnahme das Gebäude dokumentiert und wollten damit einen Anstoß für dessen Restaurierung geben.

Der jüdische Friedhof, der während der deutschen Besatzungszeit teilzerstört wurde, ist heute in einem recht gepflegten Allgemeinzustand.

  

Blick aufs Friedhofsgelände (Aufn. Ralph Hammann, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Alsace%203/Westhoffen%20Cimetiere%20107.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Alsace%203/Westhoffen%20Cimetiere%20101.jpg Grabmale mir reicher Ornamentik (Aufn. J. Hahn, 2004)

2019 wurden die Grabstätten mit Hakenkreuzen von „Unbekannten“ beschmiert.

Mehr als 100 jüdische Gräber im Elsass geschändet | DiePresse.com Geschändete Grabstätten (Aufn. P. Hertzog, AFA, Dez. 2019)

 

Hinweis: Im gleichnamigen pfälzischen Westhofen war seit Ende des 17.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde beheimatet; um 1850 erreichte diese mit etwa 50 Personen ihren zahlenmäßigen Höchststand.

 

 

Weitere Informationen:

Paul Assall, Juden im Elsaß, Ester Verlag Moos GmbH, Bühl-Moos 1984, S. 56 – 58

Anny Bloch/Muriel Klein-Zolty, La communauté juive de Westhoffen, repères, traces, disparition, in: "Revue des scienes sociales de la France de l’Est", No. 18 (1990/1991), S. 28 - 36

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992

Claude Weill, Le dernier Juif de Westhoffen, Auszug aus: "Nouvel Observateur", n° 1825 du 28 octobre au 3 novembre 1999

Ludger Fittgau, Im Elsass gerät die jüdische Geschichte in Vergessenheit - Die Fachhochschule Wiesbaden will die verfallenen Synagogen restaurieren (Sendung im "Deutschlandfunk" vom 31.8.2004)

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 386

Westhoffen, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

N.N. (Red.), Antisemitische Tat im Elsass – Unbekannte schänden mehr als 100 jüdische Gräber, online anrufbar unter: „Stuttgarter Nachrichten“ vom 3.12.2019

Amir Wechsler (Red.), Déjà-vu im Elsass – Erneut wurde ein jüdischer Friedhof geschändet, in: „Jüdische Allgemeine“ vom 15.12.2019