Wetter (Hessen)

Der Kreis Marburg 1905 Bildergebnis für marburg biedenkopf karte ortsdienst Wetter mit derzeit ca. 9.000 Einwohnern ist eine Kleinstadt im hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf - ca. 15 Kilometer nördlich von Marburg gelegen (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905, aus: wikipedia.org, CCO und Kartenskizze 'Kreis Marburg-Biedenkopf', aus: ortsdienst.de/hessen/marburg-biedenkopf).

Wetter – Stich M.Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erste Hinweise darauf, dass Juden in Wetter gelebt haben, stammen aus der ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts. Im 15./16.Jahrhundert werden sie auch namentlich genannt - und zwar im Zusammenhang von Geldleistungen, die von ihnen erbracht werden mussten. Dauerhafte Ansässigkeit von Juden in Wetter ist seit Beginn des 17.Jahrhunderts zu verzeichnen; allerdings wohnten in der Folgezeit stets nur sehr wenige Familien - nicht mehr als fünf - im Ort. Ursprünglich war die Ortschaft Goßfelden Sitz der jüdischen Gemeinde, zu der neben Wetter auch Caldern und Sterzhausen zählten. Erst um 1880 wurde Wetter neuer Sitz der Kultusgemeinde, da wegen des Rückgangs der Gemeindemitglieder keine Gottesdienste mehr in Goßfelden abgehalten werden konnten.

Eine Synagoge in Wetter wurde 1897 mitten in der Altstadt, „Im Wasserloch“, errichtet und im September des gleichen Jahres eingeweiht. Das zweigeschossige, fast würfelförmige Fachwerkgebäude war mit einem auffälligen Dachaufbau versehen; die Gefache waren mit Backsteinen ausgemauert.

                                            http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20197/Wetter%20Synagoge%20050.jpg

Synagogengebäude in Wetter (Zeichnung) und Aufn. um 1985 (aus: Th. Altaras)

                  Über die Einweihung der Synagoge berichtete die „Oberhessische Zeitung“ am 11.9.1897:

Gestern fand hierselbst die feierliche Einweihung der neu erbauten Synagoge statt. Kurz nach 3 Uhr Nachmittags bewegte sich ein Festzug durch fast sämtliche Straßen unserer Stadt. Denselben eröffneten die Stadtratsmitglieder, sowie Gerichts- und sonstige Behörden, dann folgten Schulkinder, Musik, drei junge Mädchen und die Schlüsselträgerin. Die drei Thorarollen wurden unter einem Baldachin getragen. Hinter diesem gingen der Provinzial-Rabbiner, Herr Dr. Munk, welcher, nachdem er zuvor eine Ansprache gehalten, die Synagoge öffnete. Mit Gesang, Predigt, Gebet für den Landesfürsten u.s.w. fand die schöne Feier ihren Schluß. Zu erwähnen ist noch, daß die Synagoge ein Altertum birgt, nämlich die kunstvoll gearbeitete heilige Lade.

Die kleine jüdische Schule wurde um 1900 geschlossen. 

Der jüdische Friedhofs wurde Mitte des 18.Jahrhunderts auf dem Wollenberg - an der Gemarkungsgrenze zu Sterzhausen - angelegt; er diente auch den Juden aus Caldern, Goßfelden und Sterzhausen als Begräbnisstätte.

Im 19.Jahrhundert war die jüdische Gemeinde Wetter mit den Gemeinden der Dörfer Sterzhausen, Goßfelden und Caldern vereinigt worden.   

Juden in Wetter:

        --- um 1640 ........................  4 jüdische Familien,

--- um 1770 ........................  5     “       “    ,

    --- 1827 ........................... 16 Juden,

    --- 1835 ........................... 18   “  ,

    --- 1861 ........................... 24   “  ,

    --- 1890 ........................... 61   “  ,

    --- 1905 ........................... 66   “  ,

    --- 1925 ........................... 80   “  ,

    --- 1933 ........................... 87   “   (in 17 Familien),

    --- 1940 ....................... ca. 50   “  ,

    --- 1943 ........................... keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 2, S. 363

und                 Alfred Höck, Zur Geschichte der Juden in Wetter, Hrg. Stadt Wetter 1992

Ihren Lebenserwerb verdienten die Wetterer Juden zumeist im Vieh-, aber auch im Produkten- und Textilhandel; als Nebenerwerb betrieben die meisten Juden des Ortes eine kleine Landwirtschaft.

                               eine Geschäftsanzeige (aus: „Oberhessische Zeitung” vom 6.11.1919)

Während des Novemberpogroms von 1938 war das Synagogeninnere schwer demoliert worden; die Thorarolle wurden aus der Lade herausgerissen und zerstört; zuletzt holte man den Davidstern vom Gebäudedach herunter.

Quittung an das Weltjudentum

Wetter, 10. Nov.   Spontaner Protest und flammende Empörung der Einwohner äußerten sich in Angriffen auf jüdisches Besitztum, insbesondere auf die Synagoge, deren Fenster zerstört und deren Inneneinrichtung in Mitleidenschaft gezogen wurden.

(aus: „Oberhessische Zeitung” vom 11.11.1938)

Das Synagogengebäude ging alsbald in Kommunalbesitz über, wurde zwangsversteigert und danach von einem Privatmann als Lagerraum genutzt.

1940 beschwerte sich der stellvertr. Bürgermeister über den verwahrlosten Zustand des israelitischen Friedhofs und forderte dessen Aufhebung. Mit einer Verfügung des Kasselaner Regierungspräsidenten vom Dez.1940 wurde der jüdische Totenhof geschlossen und angeordnet, dass „die jüdischen Toten aus Wetter“  in Marburg zu beerdigen seien. Wenig später wurde der Friedhof geschändet, Grabsteine demoliert und teilweise abtransportiert.

Von den etwa 80 bis 90 Juden, die zu Beginn der NS-Zeit noch in Wetter lebten, emigrierten bis 1938/1939 mindestens etwa 35 Personen in die USA; wer zurückblieb, der wurde 1942 über Marburg/Kassel nach Riga deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden insgesamt 40 aus Wetter stammende bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene jüdische Bewohner Opfer der "Endlösung" (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/wetter_synagoge.htm).

 

Der teilzerstörte jüdische Friedhof wurde nach 1945 wieder in einen ansehnlichen Zustand gebracht; heute erinnern auf dem Gelände noch etwa 50, teils beschädigte Grabsteine an die einst bestehende jüdische Gemeinde von Wetter.

 

Jüdischer Friedhof in Wetter (Aufn. Heinrich Stürzl, 2020, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

In den letzten Jahrzehnten kam es hier wiederholt zu massiven Grabschändungen.

Am Eingang des Rathauses wurde 1992 eine Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus enthüllt.

                                  Gedenktafel am Rathaus von 1992 (Aufn. J. Hahn, 2008)

Der Tafeltext lautet: "Die Stadt Wetter gedenkt der Menschen, die unter der menschenverachtenden Gewaltherrschaft des nationalsozialistischen Regimes wegen ihrer Volkszugehörigkeit, ihres Glaubens, ihrer Überzeugung oder ihres Widerstandes verfolgt, gefoltert, verschleppt und ermordet wurden. Die Opfer mahnen uns: 'Wehret den Anfängen!' "

Nachdem die Stadt Wetter im Jahre 2000 das inzwischen baufällig gewordene ehemalige Synagogengebäude erworben hatte, wurde es im Rahmen der Altstadtsanierung grundlegend restauriert. 2005 gründete sich der „Träger- und Förderverein ehemalige Synagoge Wetter e.V.“, der sich für den Erhalt der ehemaligen Synagoge und deren Nutzung als Gedenkstätte, Lernort und Stätte kultureller Begegnungen einsetzt.

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Ehem. Synagogengebäude nach der Restaurierung, links: Westseite (Aufn. Stadt Wetter), rechts: Ostseite (Aufn. J. Hahn, 2008)

 

 

Seit 1910 bestand in Goßfelden - für kaum mehr als ein Jahrzehnt - eine Synagogengemeinde, zu der auch die Orte Caldern und Sterzhausen zählten. Anfänge jüdischer Ansässigkeit sollen allerdings bis ins beginnende 18.Jahrhundert zurückreichen.

              aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums“ vom 5. Juli 1882

Auf Grund rückläufiger Zahl der jüdischen Gemeindeglieder löste diese sich Anfang der 1920er Jahre bereits wieder auf; die in den drei Orten lebenden Juden der “Restgemeinde“ gehörten fortan zur Gemeinde von Wetter. Nachweislich 13 gebürtige bzw. längere Zeit in Goßfelden bzw. Sterzhausen lebende jüdische Bewohner wurden Opfer der „Endlösung“.

 

 

Im heute ca. 350 Einwohner zählendem Dorf Oberasphe - seit 1974 Ortsteil der Kommune Münchhausen, wenige Kilometer nördlich von Wetter - lebte eine kleine jüdische Gemeinschaft, die maximal sieben Familien zählte; zu Beginn der 1930er Jahre waren es nur noch drei. Erste schriftliche Hinweise auf jüdisches Leben stammen aus der Zeit um 1720; danach gab es ein „Judenhaus“ am Ort, das von den Herren von Dersch zur Verfügung gestellt worden war. Verstorbene wurden bis ins beginnende 20.Jahrhundert auf dem jüdischen Friedhof in der Gemarkung Frohnhausen beerdigt. 

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20243/Oberasphe%20Synagoge%20150.jpg  Ehem. Synagoge, Skizze Walter Wagner (aus: alemannia-judaica.de)

Während des Novemberpogroms wurde der Synagogenraum völlig demoliert. Ende August 1942 wurden die letzten Oberaspher Juden nach Theresienstadt deportiert;

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem fielen mindestens 21 gebürtige bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene jüdische Dorfbewohner der "Endlösung" zum Opfer (namentliche Nennung der Opfer, in: alemannia-judaica.de/oberasphe_synagoge.htm).

Nach Kriegsende kehrte eine jüdische Familie nach Oberasphe zurück, um dann drei Jahre später in die USA zu emigrieren.

Ein kleiner Friedhof - dieser wurde erst Anfang der 1920er Jahre angelegt - erinnert heute noch an die einstige Gemeinde. 

vgl. Oberasphe (Hessen)

 

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 148 und S. 363

Gail Larrabee, Die Synagogengemeinde Wetter, in: "Heimatbuch des Landkreis Marburg-Biedenkopf 1979", S. 89 ff.

Hans Huber, Die Synagogengemeinde Wetter, in: "Heimatbuch des Landkreis Marburg-Biedenkopf 1982", S. 96 - 98

G.Rehme/K.Haase, Zur Geschichte der Juden in Marburg und Umgebung nach 1933, Marburg 1982

Alfred Höck, Zur Geschichte der Juden in Wetter, Hrg. Stadt Wetter, Marburg 1992

B.Händler-Lachmann/U.Schütt, “unbekannt verzogen” oder “weggemacht”. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933 - 1945, Marburg 1992

Barbara Händler-Lachmann, Jüdische Friedhöfe und Synagogen im Landkreis Marburg-Biedenkopf, in: "Kultusführer des Landkreises Marburg-Biedenkopf", Marburg 1994

B.Händler-Lachmann/H.Händler/U.Schütt, Purim, Purim, ihr liebe Leut, wißt ihr was Purim bedeut ? Jüdisches Leben im Landkreis Marburg im 20.Jahrhundert, Marburg 1995, S. 28/29

Wetteraner Geschichtsfreunde (Hrg.), Spaziergang durch Wetter. Stichwort: Synagoge, Wetter 1997

Brigitte Diehle, Die Juden von Wetter und Umgebung vor 1933 und in der Zeit des Nationalsozialismus, Wetter 1997

Kreisausschuß d. Landkreises Marburg-Biedenkopf (Hrg.), Die ehemaligen Synagogen im Landkreis Marburg-Biedenkopf, Marburg 1999

Wetter (Hessen), in: alemannia-judaica.de (mit einigen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Goßfelden, in: alemannia-judaica.de

Oberasphe mit Niederasphe und Wollmar, in: alemannia-judaica.de

Horst Wagner/Reiner Naumann/Mark Engelbach, Die Oberaspher Juden, o.O. 2006

Maria Wüllenkemper, Die ehemalige Synagoge in Wetter, in: "Denkmalpflege & Kulturgeschichte", 1/2007, S. 26 - 29

Der Geschichtsverein Battenberg e.V. eröffnete 2011 eine Dokumentation zum jüdischen Leben im Oberen Edertal (dabei wurden Einzelschicksale von jüdischen Familien dokumentiert, darunter auch das Schicksal der Familien Bachenheimer und Lehrberger aus Wetter)

Träger- u. Förderverein ehemalige Synagoge Wetter e.V., online unter: synagoge-wetter.de (Anm. u.a. Informationen zu Veranstaltungen des Vereins)

Klaus Görzel (Red.), Archivarin Pätzold auf den Spuren jüdischen Lebens in Wetter, in: „WP – Westfalenpost“ vom 24.10.2022