Zwettl/Waldviertel (Österreich)

Datei:Karte A Noe ZT 2017.svg Zwettl ist heute eine kleine Stadtgemeinde mit derzeit ca. 11.000 Einwohnern im Nordwesten des Bundeslandes Niederösterreich (Karte von Niederösterreich mit Bez. Zwettl, A., 2016, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Judenschaft von Zwettl gehörte vor 1892 der Israelitischen Kultusgemeinde Krems, danach der Gemeinde von Waidhofen/Thaya an; in Zwettl gab es zu keiner Zeit eine eigenständige Kultusgemeinde.

Zwettl im Waldviertel um 1672.jpg

Kupferstich der "Statt Zwetal" von Georg Matthäus Vischer, um 1670 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Aus dem Spätmittelalter liegen nur sehr wenige urkundliche Belege für jüdisches Leben in Zwettl; doch kann auf Grund der wenigen Zeugnisse davon ausgegangen werden, dass Juden - wenn auch vermutlich nur zeitweilig - in Zwettl ansässig und hier als Geldverleiher tätig waren. So finden sich im Stiftsarchiv Zwettl Hinweise auf zwei Juden namens Jesche und Abraham, die im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts in Zwettl ansässig waren und Geld an Kleinadelige und an das Kloster verliehen haben. Im Zuge eines von Pulkau ausgehenden Pogroms sollen 1338 jüdische Bewohner von Zwettl getötet worden sein.

Aus dem 16.Jahrhundert stammt der Hinweis auf die Existenz einer „Judengasse“. In den folgenden Jahrhunderten waren mit Sicherheit keine Juden in Zwettl ansässig, doch hielten sich jüdische Kleinhändler aus dem böhmisch-mährischen Grenzraum hier auf. Erstmals ließ sich eine jüdische Familie um 1850/1860 dauerhaft in Zwettl nieder; weitere folgten ihr nach. Spätestens um 1870 hatte sich in Zwettl ein „Cultusverein“ formiert, der seine gottesdienstlichen Zusammenkünfte in einem privaten Betraum abhielt. Ab 1898 diente den Zwettler Juden der Saal des Gasthauses „Zum Goldenen Hirschen“ als neuer Betraum.

Ein von Samuel Schidloff, dem Haupt des Kultusvereins, angekauftes Grundstück neben dem Syrnauer Friedhof diente ab Mitte der 1880er Jahre als Beerdigungsgelände; es wurde 1890 von der Chewra Kadischa in Zwettl ins Eigentum übernommen. In der Folgezeit wurden verstorbene Juden aus Stadt und Bezirk Zwettl auf diesem Friedhof begraben.

Bis in die 1880er Jahre war der jüdische Bevölkerungsanteil in Zwettl auf etwa 100 Personen angewachsen. Das Zusammenleben mit der christlichen Bevölkerungsmehrheit war von Spannungen geprägt; Ende des 19.Jahrhunderts gewann der Antisemitismus spürbar an Einfluss.

Anm.: In Schloss Rosenau, in unmittelbarer Nähe der Stadt Zwettl gelegen, lebte Georg Ritter von Schönerer, ein fanatischer Antisemit. Schönerer, 1870 zum Ehrenbürger von Zwettl ernannt, verbreitete regelmäßig in der „Zwettler Zeitung” Hetztiraden gegen alles Jüdische. Seit 1879 war Schönerer Führer der deutsch-nationalen Bewegung in Österreich; seine als „Schönerianer“ bezeichneten Anhänger waren insbesondere Burschenschaftler und Sudetendeutsche; die Ideen Schönerers haben auch Hitler maßgeblich beeinflusst.

Bereits Anfang des 20.Jahrhunderts ging der jüdische Bevölkerungsanteil im Waldviertel - so auch in Zwettl - deutlich zurück; 1906 lebten in Zwettl noch 15 Israeliten, die der Kultusgemeinde Waidhofen angehörten. Mitte der 1930er Jahre lebten im Ort nur noch fünf jüdische Familien.

Nach dem sog. „Anschluss” an das Deutsche Reich 1938 konnte das neue Regime auf die judenfeindliche Haltung eines Großteils der Bevölkerung zurückgreifen. Die wenigen jüdischen Familien verließen nun Zwettl; während einige emigrierten, versuchten die anderen in der Anonymität der Großstadt Wien abzutauchen; ihre Schicksale sind zumeist ungeklärt.

Der jüdische Friedhof in Zwettl wird heute von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gepflegt.

Jüdischer Friedhof in Zwettl (Aufn. 2009, aus: zwettl.gv.at)

Im Stadtmuseum Zwettl befindet sich heute ein Teil der „Sammlung Schönerer“, die zahlreiche antisemitische Bilder, Schriften und Objekte enthält.

 

[vgl. Waidhofen und Krems (Österreich)]

 

Weitere Informationen:

Josef Leutgeb, „Holocaust“ auch für Zwettler Juden, in: "Zwettler Kurier", No. 17 (1979), S. 8 - 12

Friedrich B. Polleroß, 100 Jahre Antisemitismus im Waldviertel, in: "Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes", Band 25/1983, Krems 1983

Friedel Moll, Der jüdische Friedhof in Zwettl, in: "Das Waldviertel", 37.Jg., Heft 4/1988, Zwettl 1988, S. 254 - 256

Friedel Moll, Von Zwettl nach Auschwitz - Spuren der jüdischen Familien Schidloff im Stadtarchiv Zwettl, in: "Das Waldviertel", 38.Jg., Heft 3/1989, Zwettl 1989, S. 218 - 234

Friedel Moll, Juden in Zwettl, in: Friedrich B. Polleroß (Hrg.), “Die Erinnerung tut zu weh” - Jüdisches Leben und Antisemitismus im Waldviertel, in: "Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes", Band 37/1995, Horn/Waidhofen 1996, S. 343 - 370

Friedel Moll, Juden in Zwettl - ein Nachtrag, in: "Das Waldviertel", 47.Jg., Heft 2/1998, Zwettl 1998, S. 148 - 157

Christoph Lind, “Der letzte Jude hat den Tempel verlassen ...” Juden in Niederösterreich 1938 - 1945, Mandelbaum-Verlag, Wien 2004, S. 219 ff.

Friedel Moll, Jüdisches Leben in Zwettl. Koexistenz und Verfolgung. vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Mit Beiträgen von Eveline Brugger, Christoph Lind und Barbara Staudinger, in: "Zwettler Zeitzeichen 13", Zwettl 2009

Stadtarchiv Zwettl (Hrg.), Judenverfolgung während der NS-Zeit (beinhaltet Kurzbiografien der jüdischen Opfer), online abrufbar unter: zwettl.gv.at/Judenverfolgung_waehrend_der_NS-Zeit

Friedrich Polleroß (Hrg.), Jüdische Familien im Waldviertel und ihr Schicksal, in: "Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes", Band 58, Waidhofen a.d.Thaya 2018