Zwittau (Mähren)

 File:Map cz Svitavy kroton.svg - Wikimedia Commons Zwittau - in Grenzlage des böhmisch-mährischen Hügellandes und ehemals überwiegend von deutscher Bevölkerung bewohnt – ist das heutige tschechische Svitavy mit derzeit ca. 17.000 Einwohnern (Ausschnitt aus hist. Karte aus: zwittau.de/karten/karten-boehmen-maehren - Ausschnitt aus hist. Karte, aus: wikipedia.org, PD-alt-100 und Kartenskizze 'Lage von Svitavy' innerhalb Tschechiens (Abb. aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei).

Zwittau nach einem Originale aus dem 17. Jahrhundert

Ansicht von Zwittau im 17.Jahrhundert (Abb. aus: zwittau.de)

Zwittau - 1256 erstmals urkundlich erwähnt - ist eine der ältesten Städte im heutigen Tschechien; für ihre Gründung waren deutsche Kolonisten verantwortlich, die der Bischof von Olmütz ins Land geholt hatte. Nach 1850 wandelte sich das bis dahin überwiegend ländliche Zwittau zu einem Zentrum vor allem der Textilindustrie; es wurde deswegen auch das „mährische Manchester“ genannt.

In Zwittau war eine der jüngsten jüdischen Gemeinden in Mähren beheimatet; sie gründete sich offiziell erst in den Jahren 1888/1890. Bis um 1840/1850 waren in Zwittau anscheinend überhaupt keine Juden ansässig; so soll für die Stadt ein Ansiedlungs-, ja sogar ein nächtliches Aufenthaltsverbot für Juden bestanden haben; nur tagsüber durften jüdische Händler in der Stadt tätig sein.

Die ersten Familien - es waren Kleinhändler aus den Orten Boskowitz und Gewitsch - ließen sich 1850 in Zwittau nieder. Etwa 20 Jahre später lebten hier bereits so viele Familien, dass ein Minjan-Verein gegründet werden konnte. Deren Angehörige versammelten sich zu gottesdienstlichen Zusammenkünften in einem angemieteten Betraume. Im Jahre 1902 wurde ein repräsentativer Synagogenbau errichtet, der auf eine wohlhabende Gemeinde schließen ließ.

                        Synagoge Zwittau (Aufn. um 1905)

1892 konnte auch ein Beerdigungsgelände in Nutzung genommen werden, das an der Straße nach Mährisch Trübau (tsch. Morawská Trebová) gelegen war; zuvor waren Verstorbene auf den jüdischen Friedhöfen in Boskowitz bzw. Gewitsch begraben worden.

http://static2.akpool.de/images/cards/45/455123.jpg Stadtplatz in Zwittau (hist. Postkarte)

Anfang der 1930er Jahre lebten etwa 170 Juden in Zwittau. Nach der Annexion des Sudetenlandes durch NS-Deutschland flüchteten die meisten aus der Stadt. Die zurückgebliebenen Juden wurden später deportiert; nur einige überlebten im Ghetto Theresienstadt. Während der „Kristallnacht“ hatten ortsansässige Nationalsozialisten die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört, anschließend das Gebäude niedergerissen.

                                               Synagogenruine (Aufn. aus: zanikleobce.cz) 

Mehr als 150 Juden Zwittaus wurden Opfer der „Endlösung“.

 

Seit 2003 befindet sich der jüdische Friedhof, der in der NS-Zeit demoliert worden war und in den Folgejahrzehnten verödete, wieder in einem ansehenswerten Zustand; seitdem erinnert auch ein Mahnmal an die jüdischen Opfer des Holocaust.

 Židovský hřbitov, Svitavy, 2.JPG

Jüdischer Friedhof in Svitavy und Denkmal (beide Aufn. J., 2011 aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0) 

Svitavy gehört zu den Orten in Tschechien, die am sog. "Stolperstein"-Projekt teilnehmen.

Stolperstein für Emil Freund (Svitavy).jpgStolperstein für Arnost Freund (Svitavy).jpg Stolperstein für Albert Meller (Svitavy).jpg Stolperstein für Louise Hermanova (Svitavy).jpgStolperstein für Olga Mellerova (Svitavy).jpg

fünf "Stolpersteine" (alle Aufn. Chr. Michelides, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Der 1908 in Zwittau geborene Oskar Schindler, Sohn einer wohlhabenden katholischen Familie, folgte als ‚Glücksritter’ der deutschen Okkupationsarmee und ließ sich Ende 1939 in Krakau nieder. Dort übernahm er einen „jüdischen“ Betrieb und mietete von der SS billige jüdische Arbeitssklaven. Dank seines umfangreichen Beziehungsgeflechts zu lokalen Nazi-Größen und seiner Kontakte zum KZ-Kommandanten von Plaszow, Amon Göth, konnte er die ihm zugewiesenen Zwangsarbeiter vor der Vernichtung bewahren. Bei der Liquidierung seines Betriebes vor der anrückenden Roten Armee ließ er die etwa 1.200 jüdischen Arbeitskräfte nach Brünnlitz evakuieren, wo diese gegen Kriegsende befreit wurden. Oskar Schindler wanderte nach 1945 mit seiner Frau nach Südamerika aus. Wirtschaftlich ruiniert, kehrte er später nach Deutschland zurück. Völlig mittellos starb er in Hildesheim; er fand seine letzte Ruhe auf dem römisch-katholischen Friedhof in Jerusalem. In der Allee der „Gerechten unter den Völkern“ in Yad Vaschem ist Oskar Schindler ehrendes Angedenken gewahrt. - Schindlers Lebensgeschichte verarbeitete der australische Schriftsteller Thomas Keneally in seinem Roman „Schindler’s Ark“; darauf basierend drehte 1994 Steven Spielberg seinen Film „Schindlers Liste“. Anlässlich der Vorpremiere des Spielfilms in Svitavy wurde 1994 eine Gedenktafel gegenüber dem Geburtshaus Oskar Schindlers enthüllt mit der tschechisch-deutschen Aufschrift: „Dem unvergessenen Lebensretter 1.200 verfolgter Juden.“

Denkmal für Oskar Schindler (Aufn. L., 2009, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

 

 

In Leitomischl (tsch. Litomysl, derzeit ca. 10.000 Einw.) - etwa 15 Kilometer nordwestlich von Zwittau gelegen - entstand in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts auch eine jüdische Gemeinde; bereits im 15./17.Jahrhundert sollen sich in Leitomischl zeitweilig jüdische Familien aufgehalten haben, sich aber nicht dauerhaft ansiedeln haben dürfen. Zu den kultischen Einrichtungen gehörten ein Friedhof aus dem Jahre 1876 und eine 1909/1910 erbaute Synagoge. Anfang der 1930er Jahre lebten im ostböhmischen Leitomischl etwa 165 Juden; während des Zweiten Weltkrieges wurde die Gemeinde völlig liquidiert.

                                   Synagoge in Leitomischl (hist. Aufn.)

[vgl. Leitomischl (Böhmen)]

 

In der etwa 15 Kilometer südöstlich von Zwittau gelegenen Ortschaft Gewitsch (tsch. Jevicko, derzeit knapp 3.000 Einw.) gab es seit dem Ende des 16. Jahrhunderts einen von Juden bewohnten Ghettobezirk.

[vgl. Gewitsch (Mähren)]                                

 

 

Weitere Informationen:

Carl Lick, Die Geschichte der Stadt Zwittau, Zwittau 1910

Felix Kanter (Bearb.), Geschichte der Juden in Zwittau, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart - Ein Sammelwerk, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn 1929, S. 586 - 588

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 124

David M. Crove, Oskar Schindler, Eichborn-Verlag, Frankfurt/M. 2005

Jörg Osterloh, Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938 - 1945, in: "Veröffentlichungen des Collegium Carolinum", Band 105, Verlag R. Oldenbourg, München 2006

Kristallnacht in Svitavy, online abrufbar unter: holocaust.cz/en/sources/jcom/kristalovanoc/kristallnacht-in-svitavy/

R. Fikejz/V. Velešík, Chronik der Stadt Svitavy, Svitavy 2006

International Jewish Cemetery Project – Czechoslowakia

Jewish Families from Svitavy (Zwittau), Moravia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-Families-from-Svitavy-Zwittau-Moravia-Czech-Republic/13177

Auflistung der in Svitavy verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: commons.wikimedia.org/wiki/Category:Stolpersteine_in_Svitavy

Jewish Families from Litomyšl, Bohemia, Czech Republic, online abrufbar unter: geni.com/projects/Jewish-families-from-Litomy%25C5%25A1l-Bohemia-Czech-Republic/15341