Bojanowo (Posen)

 In Bojanowo (poln. Bojanowo, derzeit ca. 3.000 Einw.) – einer Kleinstadt auf halben Wege zwischen Rawitsch und Lissa, während des Zweiten Weltkrieges trug diese kurzzeitig den Ortsnamen Schmückert – geht erste jüdische Ansässigkeit bis ins beginnende 18.Jahrhundert zurück. Die jüdischen Familien standen unter dem Schutz der Stadtgründer und -herren, der Familie Boyanowski, die gegen jährliche Geldzahlungen Wohn- und Handelsrechte garantierte; gleichzeitig waren noch Zahlungen an die Obrigkeit und an die Stadt zu leisten.

Die hier beheimatete Herstellung von Stoffen führte gegen Ende des Jahrhunderts immer mehr jüdische Händler hierher, die aufgekaufte Stoffe in den preußischen Landen zum Verkauf brachten. In etwa gleichzeitig ließen sich dann auch weitere jüdische Familien in Bojanowo nieder, die vermutlich um 1790/1800 eine Gemeinde gründeten. Ihren Lebensunterhalt bestritten die meisten im Handwerk (Weber u. Schneider) und im allgemeinen Handel.

Eine erste aus Holz errichtete Synagoge soll bereits um 1795 existiert haben. Bei einem Stadtbrand von 1857 fiel diese – wie viele andere Gebäude Bojanowos auch – dem Großfeuer zum Opfer. Bereits zwei Jahre später konnte die jüdische Gemeinde ihr neues Synagogengebäude einweihen; die feierliche Weihezeremonie führten die Rabbiner von Rawitsch und Breslau gemeinsam durch.

  Synagoge von Bojanowo - Ausschnitt hist. Bildpostkarte (Abb. aus: wikipedia.org, CCO) 

Seit 1817 verfügte die Gemeinde auch über ein eigenes Friedhofsgelände, das an der Landstraße nach Breslau lag; zuvor waren Verstorbene in Lissa begraben worden.

Juden in Bojanowo:

    --- um 1775 .................... ca.  10 jüdische Familien,

--- 1793 ..........................  151 Juden (ca. 6% d. Bevölk.),

--- 1835 ..........................  304   “   (ca. 13% d. Bevölk.),

--- 1849 ..........................  253   “   (ca. 11% d. Bevölk.),

--- 1864 ..........................  173   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

--- 1895 ..........................   64   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

--- 1900 ..........................   58   "  ,

--- 1905 ..........................   64   “  ,

--- 1923 ...................... ca.   20   “  ,

--- 1938 ..........................   18   “  .

Angaben aus: Bojanowo, in: sztetl.org.pl

Bojanowo - Markt mit ev. Kirche und Schmuckert-Denkmal. 1916 (68901502).jpgMarktplatz Bojanowo, hist. Karte (Abb. aus: wikipedia.org, CCO)

Dass jüdische Geschäftsleute in der Stadt großes Ansehen besaßen, kam in deren Zugehörigkeit in kommunalen Gremien zum Ausdruck.

Abwanderung zahlreicher jüdischer Familien führte im letzten Viertel des 19.Jahrhunderts zu einem Niedergang der Gemeinde, deren verbliebene Angehörige sich nach Ende des Ersten Weltkrieges der Gemeinde von Lissa anschlossen.

Ende der 1930er Jahre lebten kaum noch jüdische Bewohner in der Kleinstadt; sie wurden ins "Generalgouvernement umgesiedelt". Nur sechs gebürtige bzw. länger in Bojanowo ansässige Juden konnten die Shoa überleben.

In den Jahren 1941/1942 bestand in der Nähe Bojanowos (in Golina Wielka) ein Zwangsarbeitslager für Juden.

 

Das Synagogengebäude überdauerte den Zweiten Weltkrieg äußerlich fast unbeschadet; es diente danach unterschiedlichsten Zwecken. Inzwischen ist das mehrfach umgestaltete Gebäude als Kulturdenkmal eingetragen; gegenwärtig ist es im privaten Besitz und beherbergt eine Kunstgalerie.

  Bojanowo synagoga 02.JPG

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Galeria zdjęć Bojanowo und Dawid Gallus, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0 pl)

Von dem 1940 zerstörten und in kommunistischer Zeit dann eingeebneten Friedhof sind heute keinerlei Relikte mehr vorhanden. Ein dort in den 1990er Jahren errichtetes Denkmal erinnert heute an die jüdischen Opfer.

 

Weitere Informationen:

Robert Baumhauer, Geschichte der Stadt Bojanowo, in: „Aus dem Posener Lande. Blätter für Heimatkunde” No. 1/1908

Aron Heppner/Isidor Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin-Bromberg 1909

Bojanowo, in: sztetl.org.pl