Bollendorf (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für Irrel Eifelkreis Der Ort Bollendorf a. d. Sauer – nahe der Grenze zu Luxemburg gelegen - ist heute Teil der Verbandsgemeinde Irrel im Eifelkreis Bitburg-Prüm (Karte S., 2007, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Eine erstmalige Nennung weniger jüdischer Bewohner in Bollendorf, einem Dorf unmittelbar an der Grenze zu Luxemburg, stammt aus den 1840er Jahren. Die wirtschaftliche Entwicklung dieses „Arbeiter-Dorfes“ war ab 1860/1870 von der hier boomenden Steinindustrie bestimmt. In diesem Zusammenhang brachte der Handel mit Zugtieren eine Einnahmequelle, die von jüdischen Händlern erschlossen wurde. Dies führte auch dazu, dass im ausgehenden 19.Jahrhundert ein deutlicher Zuzug jüdischer Familien nach Bollendorf stattfand; zeitweise war jeder zehnte Einwohner Bollendorfs mosaischen Glaubens. Ihre ökonomische Situation war - insgesamt gesehen - recht gut. Pferde-, Vieh- und Handel mit Waren des alltäglichen Bedarfs waren wirtschaftliche Basis der hier ansässig gewordenen Familien.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20238/Bollendorf%20Synagoge%20120.jpg Bollendorf (hist. Aufn., um 1910)

Die vor dem Ersten Weltkrieg aufstrebende jüdische Gemeinde ließ am Ort einen aus Sandstein gefertigten Synagogenbau auf einem Gartengelände in der Kirchstraße errichten, der für knapp 100 Personen ausgelegt war.

synagogue.jpg Synagoge in Bollendorf (hist. Aufn. aus: kehilalinks.jewishgen.org/bollendorf)

Die wöchentlichen Sabbatgottesdienste wurden von einem ortsansässigen Vorbeter geleitet, zu besonderen Anlässen kam ein Rabbiner aus Luxemburg, Trier oder Bitburg ins Dorf.

Auch die Anlage eines kleinen Friedhofareals südöstlich des Dorfkerns - hinter der Flurgemarkung “Vor der Heide” - stammte etwa aus der gleichen Zeit; es war mit einer Bruchsteinmauer umgeben.

Juden in Bollendorf:

        --- 1843 .........................   6 Juden,

    --- 1848 .........................  13   “  ,

    --- 1895 .........................  66   “  ,

    --- 1910 ......................... 110   “  (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1925 .........................  73   “  ,

    --- 1932 .........................  65   "  ,

    --- 1938 ..................... ca.  50   “  ,

    --- 1943 .........................  keine.

Angaben aus: Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff, Synagogen. Rheinland-Pfalz und Saarland, S. 123

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Bollendorf noch etwa 50 bis 60 jüdische Bewohner, die in das dörfliche Leben integriert waren.

Eine während des Novemberpogroms von der SA und Angehörigen eines nahen Arbeitsdienstlagers getätigte Brandlegung am Synagogengebäude führte zur vollständigen Vernichtung des Gotteshauses. Zuvor war die Inneneinrichtung demoliert und auf die Straße geworfen worden. Die Ruine wurde dann Ende der 1950er Jahre abgerissen. Gleichzeitig waren mehrere NS-Rollkommandos von "Westwall-Arbeitern" in den Dorfstraßen ausgeschwärmt und in die Läden und Privathäuser der jüdischen Familien eingefallen; dort schlugen sie alles kurz und klein. Wer sich ihnen entgegenstellte, wurde verprügelt. Der kleine jüdische Friedhof wurde geschändet, Grabsteine herausgebrochen und auf einem nahen Feld verteilt. Zuvor waren die Namen jüdischer Gefallener des Ersten Weltkrieges vom Ehrenmal getilgt worden. Tags darauf mussten die verängstigten Bollendorfer Juden die Trümmer beseitigen. Einige Familien flohen in den folgenden Tagen über die nahe Grenze. Kurz vor Kriegsbeginn wurden die Juden Bollendorfs aufgefordert, das in der sog. „Roten Zone“ liegende Dorf zu verlassen; nach zwei Monaten durften sie hierher zurückkehren. Vermutlich wurden die letzten im Dorf verbliebenen jüdischen Bewohner 1942 oder 1943 (?) deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden 43 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort wohnhaft gewesene jüdische Bürger - es waren fast ausschließlich Angehörige der weitverzweigten Familie Levy - Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betreffenden Personen siehe: alemannia-judaica.de/bollendorf_synagoge.htm).

 

Nur wenige Bollendorfer Juden haben den Holocaust überlebt.

In den ersten Nachkriegsjahren wurde das kleinflächige Friedhofsgelände (ca. 270 m²) wieder in einen ansehenswerten Zustand gebracht. Inmitten des von einer Mauer eingefriedeten Areals - neben Bruchsteinen sind hier Relikte älterer Grabsteine verbaut - steht ein Gedenkstein, eine behauene Eingangssäule vom Vorgarten der ehemaligen Synagoge; auf dieser ist eine Erinnerungstafel an die jüdische Gemeinde angebracht.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20324/Bollendorf%20Friedhof%2012108.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20324/Bollendorf%20Friedhof%2012102.jpg

Das ummauerte Friedhofsgelände in Bollendorf (Aufn. J. Hahn, 2012)

Zudem sind an der Umfassungsmauer zwei Inschriftentafeln angebracht, die dem „Gedenken an die jüdischen Mitbürger von Bollendorf“ (mit Nennung der Namen incl. biografischen Daten) gewidmet sind.

Anlässlich der 1.300 Jahrfeier Bollendorfs wurde auf Vorschlag des „Arbeitskreises jüdische Geschichte“ das kleine jüdische Friedhofsgelände saniert und der Aktionskünstler Gunter Demnig mit der Verlegung von zunächst 24 sog. "Stolpersteinen" vor den Häusern der einstigen jüdischen Bewohner beauftragt; die Realisierung des „Stolperstein“-Vorhabens geschah im Juni 2016 und in einer zweiten Verlegungsaktion im Jahr 2017, bei der 18 Steine in das Gehwegpflaster eingelassen wurden.

Bollendorf Bachstraße 4 - Adelheid Mayer.jpgBollendorf Bachstraße 4 - Karl Mayer.jpgBollendorf Bachstraße 4 - Siegfreid Mayer.jpg Bollendorf Burgstraße 4 - Johanetta Levy.jpgBollendorf Burgstraße 4 - Klara Levy.jpg

verlegt in der Bachstraße u. Burgstraße (Aufn. Karl-Wilhelm Gellissen, 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Zeitgleich wurde eine Gedenktafel an dem Haus in der Lindenstraße angebracht, in dem die vierköpfige Familie des Bäckers Daniel Levy bis zu ihrer Flucht gelebt hatte.

Bollendorf Lindenstraße 10 Gedenktafel.jpg

Weitere Informationen:

Paul Colljung, 50 Jahre ‘Reichskristallnacht’. Die Juden in Bollendorf - 90 Jahre Zusammenleben, in: "Heimatkalender des Landkreises Bitburg-Prüm 1989", S. 47 - 53

Paul Colljung, Die Juden in Bollendorf. 90 Jahre Zusammenleben. Dokumentation von der Emanzipation bis zum Exodus jüdischer Mitbürger, in: "Heimatkalender des Landkreises Bitburg-Prüm 1997", S. 50 - 57 (oder in: "SACHOR - Beiträge zur jüdischen Geschichte in Rheinland-Pfalz", Heft 1/1992 - als PDF-Datei online abrufbar)

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 123

Bollendorf, in: alemannia-judaica.de

Suzanne Mayer Tarica (Bearb.), Bollendorf, in: kehilalinks.jewishgen.org/bollendorf (Abb. der Synagoge), 2011

Ein Dorf sucht seine Geschichte – Bollendorfer Gemeinderat beschließt die Verlegung von Stolpersteinen, in: volksfreund.de vom 5.7.2015

Christina Libeaux, Die Geschichte hinter den Namen. Bollendorfer Arbeitskreis beschäftigt sich mit jüdischer Geschichte, in: volksfreund.de vom 4.3.2016

Bettina Bartzen (Red.), Lebendige Geschichte in Bollendorf, aus: volksfreund.de vom 26.6.2016 (betr.: Stolpersteinverlegung)

Stolpersteine für Bollendorf. Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch – Faltblatt, hrg. von der AG Stolpersteine Bollendorf, 2016

Maria Adrian (Red.), Neue Stolpersteine für 18 Nazi-Opfer in Bollendorf, in: volksfreund.de vom 28.3.2017

Auflistung der Stolpersteine in Bollendorf, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bollendorf

Sybille Schönhofen (Red.), Bollendorfer gedenken Verfolgten, in: „Wochenspiegel“ vom 6.4.2017

Wolfgang Schmitt-Kölzer (Red.), Die Lebensgeschichte von Daniel Levy, in: „Tageblatt (Luxemburg)“ vom 12.8.2019 (ebenfalls erschienen im Heimatkalender des Eifelkreises Bitburg-Prüm, 2019)

Christina Bents (Red.), Das schwere Schicksal der Familie Levy aus Bollendorf, in: Serie "Jüdische Friedhöfe im Eifelkreis", volksfreund.de vom 12.1.2021