Arnswalde (Neumark/Brandenburg)

 Die ostbrandenburgische Stadt Arnswalde in der Neumark (Reg. bez. Frankfurt/O.) kam mit der 1938 in Kraft gesetzten Gebietsreform verwaltungstechnisch zum Reg. bez. Schneidemühl (auch genannt „Grenzmark Posen-Westpreußen“).

Im südöstlich von Stargard gelegenen Arnswalde (poln. Choszczno) wird erstmals 1321 eine jüdische Gemeinschaft erwähnt; sie verfügte damals über eine Synagoge und einen Friedhof („Judenkiewer“ auf dem „Jodenberg“), den ältesten in der Mark Brandenburg. Die Juden der Stadt sollen derzeit von allen städtischen Abgaben und sonstigen Lasten befreit gewesen sein. In den 1570er Jahren wurden sie aus Arnswalde ausgewiesen.

Danach fehlen über ein Jahrhundert jegliche Hinweise auf jüdisches Leben in der Stadt. Erst etwa drei Jahrzehnte nach Ende des Dreißigjährigen Krieges setzt die Überlieferung wieder ein, als jüdische Familien in der fast völlig zerstörten Stadt wieder ansässig wurden. Die Wurze einer neuzeitlichen Gemeinde liegen also vermutlich im beginnenden 18. Jahrhundert. Im Laufe der Zeit nahm die Zahl der Gemeindemitglieder langsam, aber stetig zu und erreichte um 1880 mit immerhin mehr als 200 Angehörigen ihren höchsten Stand.

Zeigte sich die Gemeinde anfänglich liberalen Tendenzen aufgeschlossen, so kehrte sie – beeinflusst von Abraham Berliner (er war hier von 1859-1865 als Lehrer tätig) – wieder zur Orthodoxie zurück. Fast ein halbes Jahrhundert (von 1886 bis ca. 1933) war dann Abraham Altmann für die religiös-rituellen Belange der Gemeinde zuständig. Die Synagoge befand sich in der Judenstraße 7; deren Giebelwand war mit zwei farbigen Glasfenstern versehen und hob sich von umstehenden Gebäuden durch die großen Rundbogenfenster deutlich ab. In der Klosterstraße besaß die Gemeinde ein zweischossiges Haus, in dem die Schule und die Lehrerwohnung untergebracht war.

Im frühen 19.Jahrhundert erfolgte die Anlage eines Friedhofs.

          Jüdischer Friedhof von Arnswalde (Gemälde von Hans Salewsky, aus: sztetl.org.pl)

Juden in Arnswalde:

--- um 1690 ......................   8 jüdische Familien,

--- 1801 .........................  66 Juden,

--- 1853 .........................  89   “  ,

--- um 1880 .................. ca. 200   “  ,

--- 1890 ......................... 191   “  ,

--- um 1900 .................. ca. 175   “  ,

--- 1905 ......................... 164   “  ,

--- 1921 ......................... 116   “  ,

--- 1925 .........................  97   “  ,

--- 1933 ......................... 121   “  ,

--- 1939 .........................  12   “  .

Angaben aus: Choszczno, in: sztetl.org.pl

 Ortsansicht von Arnswalde (hist. Postkarte um 1900)

Der um sich greifende Antisemitismus, der einen angeblichen Ritualmord zu seinen Zwecken nutzte, führte in den 1890er Jahren in Arnswalde zu ersten antijüdischen Exzessen, die die jahrhundertelange gute christlich-jüdische Nachbarschaft erstlich störten.

Die von der Marienkirche aus durch die Stadt führende Hauptgeschäftsstraße hieß Judenstraße. Auf dem Marktplatz befand sich eines steinerner Brunnen mit der Figur eines Schnitters – ein Geschenk eines jüdisches Kaufmanns an seine Mitbürger.

                                Steintorstraße in Arnswalde (hist. Ansichtskarte, um 1910)

Die jüdischen Familien Arnswaldes „prägten das friedliche Leben einer Kleinstadt mit. Am offensichtlichsten wurde dies, wenn sie Arbeitswoche sich dem Ende zuneigte. Dann öffneten sich die Türen ihrer Häuser und sie strebten im Festgewand die Judenstraße hinunter der Synagoge zu, dem Gottesdienst unter dem Rabbiner Altmann.“ (aus: Friedel Manthey, Die Arnswalder Geschichte, in: No. 158/1977, S. 4)

Ein Jahr nach der NS-Machtübernahme - zu dieser Zeit lebten knapp 120 Juden in der Kleinstadt - kam es erneut zu antisemitischen Ausschreitungen, die von SA-Angehörigen getragen wurden; so wurde u.a. die Synagoge entweiht. Während der „Kristallnacht“ im November 1938 wurde das Gotteshaus niedergebrannt.

Jüdische Männer wurden inhaftiert, die meisten von Arnswalde aus ins KZ Sachsenhausen verbracht. In der Lokalzeitung wurde vermeldet, nun sei die Zeit gekommen, „dass die Juden von Arnswalde den Staub von ihren Schuhen schütteln müssen“. Nach Monaten wurden die jüdischen Männer aus dem KZ entlassen; einigen gelang es zu emigrieren; andere verließen Arnswalde, um in der Anonymität der Großstadt Berlin „abzutauchen“.

Über das weitere Schicksal der vor Kriegsbeginn noch hier lebenden ca. 40 jüdischen Bewohner ist – bis auf wenige Ausnahmen - kaum etwas bekannt.

Außer spärlichen Relikten des jüdischen Friedhofs (heute eine Grünanlage) erinnert nichts mehr an die einstige jüdische Bevölkerungsminderheit in der Kleinstadt.

Der Marion-Samuel-Preis – gestiftet im Jahre 1999 - wird an Institutionen und Personen verliehen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der von Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen wenden.

Anm.: Marion Samuel wurde 1931 in Arnswalde geboren und lebte 1939 im Bezirk Prenzlauer Berg (Berlin). Im März 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und gilt seither als verschollen. Nach dem Wunsch der Stifter des Preises, eines Lindauer Unternehmer-Ehepaares, steht das junge Mädchen Marion Samuel stellvertretend für alle die vielen unbekannten Menschen, die ihr Schicksal in der NS-Zeit teilten. Erster Preisträger war der amerikanische Historiker Raul Hilberg.

In Neuwedell (poln. Drawno) – einer Kleinstadt im Kreis Arnswalde – war ebenfalls eine israelitische Gemeinde existent. [vgl. Neuwedell (brandenb. Neumark)]

Weitere Informationen:

Friedel Manthey, Die Arnswalder Geschichte, in: Heimatrundbrief No. 158/1977, S. 4/5

Winfried Maas, Ein deutsches Trauerspiel, in STERN-Magazin 10/1980 (über die Familie L. Jachmann aus Arnswalde)

Erika Herzfeld, Juden in Hinterpommern: Vom Beginn der kurbrandenburgischen Herrschaft um 1650 bis zum Generaljudenreglement von 1730, in: POMMERN 1991, S. 144 – 153

Fritz Mörke/Wolfgang Palm, Jüdisches Leben in Arnswalde. Ein lebendiges Bild aus dem Leben einer ostdeutschen Kleinstadt zwischen 1850 und 1945, in: Heimatrundbrief 223, 224 und 225 von 1993 (online zugänglich unter: past-present-screw-scrip.de/mementor/Erzwungene%20Wanderschaft/J%FCdische%20Familien.html)

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1, S. 55/56

Götz Aly, “Das unbekannte Mädchen”. Marion Samuel, in: “Berliner Zeitung” vom 10.711.5.2003

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Götz Aly, Eine von so vielen. Das kurze Leben der Marion Samuel 1931 – 1943, Kindle edition (Taschenbuch), 2011

Choszczno, in: sztetl.org

Zu Biographien jüdischer Familien von Arnswalde (Neumark) sind die vierteljährlich erschienenen „ Heimatgruß-Rundbriefe aus den ehemaligen Kirchengemeinden im Kreis Arnswalde (Neumark)“ sehr brauchbare Quellen:

--- Friedel Manthey, Die Arnswalder Geschichte, in: No. 158, Juli-Sept. 1977, S. 4 – 5

--- Willy Drews (Wilhelmshaven), Das Brot der Juden, in: No. 162, Juli-Sept. 1978, S. 14 - 15

--- Fritz Mörke/Wolfgang Palm, Jüdische Familien in Arnswalde, in: No. 223, Okt.-Dez. 1993, S. 41 – 44

--- diess., Jüdische Familien in Arnswalde, in: No. 224, Jan.-März 1994, S. 10 - 11

--- diess., Jüdische Familien in Arnswalde, in: No. 225, April-Juni 1994, S. 25 – 27

--- Hans Salewsky, Gemälde des jüdischen Friedhof von Arnswalde, in: No. 250/2000 (Deckblatt)

--- Götz Aly, „Samuel-Preis“ - Heimatgruß an die Arnswalder Juden, in No. 265, April-Juni 2004