Arnstein (Unterfranken/Bayern)

Datei:Arnstein in MSP.svg Arnstein ist eine Kleinstadt mit derzeit etwa 8.000 Einwohnern im östlichsten Zipfel des unterfränkischen Landkreis Main-Spessart – ca. 25 Kilometer südwestlich der Stadt Schweinfurt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In dem Städtchen Arnstein gab es bereits im Hochmittelalter eine jüdische Gemeinde, die bis zur ersten Hälfte des 14.Jahrhunderts bestanden hat. Die Anfänge einer neuzeitlichen Gemeinde stammen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges; dabei handelte es sich vermutlich um den Zuzug jüdischer Familien, die aus Landgemeinden hierher geflohen waren. 1652 lebten fünf jüdische Familien in Arnstein; zwei von ihnen waren so arm, dass sie das jährliche Schutzgeld nicht aufbringen konnten. Sie bewohnten mehrheitlich die parallel zur Stadtmauer verlaufende Goldgasse, früher „Judengasse“ genannt. Ihren schmalen Lebensunterhalt bestritten sie durch Handel mit Pferden und Kleinvieh sowie durch Hausierhandel.

Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 sind für Arnstein 20 Familienvorstände aufgeführt.

Eine Betstube war möglicherweise bereits schon gegen Ende des 17.Jahrhunderts vorhanden. Dass auch in der Folgezeit Gebetsräume existiert haben müssen, darauf weisen alte Ritualien hin, die der Arnsteiner Gemeinde zugeschrieben werden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2086/Arnstein%20Synagoge%20011.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2086/Arnstein%20Synagoge%20010.jpg Thora-Schmuck aus dem 18.Jahrhundert (Aufn. aus: Th. Harburger, um 1930)

Im Jahre 1819 weihte die jüdische Gemeinde ihre im Stile des Klassizismus erbaute Synagoge in der Goldgasse ein; um 1905 wurde das Gebäude im Jugendstil renoviert.

Auch das jüdische Schulhaus mit der Mikwe befand sich ganz in der Nähe des Synagogengebäudes. Zur Besorgung der religiös-rituellen Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt.

Verstorbene Gemeindemitglieder wurden auf dem jüdischen Friedhof in Schwanfeld und auf dem in Euerbach beerdigt.

Ab Mitte der 1860er Jahre war die Arnsteiner Kultusgemeinde dem Distriktrabbinat Schweinfurt zugeteilt.

Juden in Arnstein:

        --- 1675 ........................  4 jüdische Familien,

    --- 1699 ........................ 35 Juden,

    --- 1720 ........................  6 jüdische Familien,

    --- um 1740 .....................  7     "        "   ,

    --- 1801 ........................ 11     "        "   ,

    --- um 1820 ..................... 18     "        "   ,

    --- 1839 ........................ 19     "        "   (57 Pers.),

    --- 1859 ........................ 12     "        "   (65 Pers.),

    --- 1871 ........................ 70 Juden (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1900 ........................ 57   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1910 ........................ 47   “  ,

    --- 1925 ........................ 32   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1933 ........................ 29   “  ,

    --- 1939 ........................ keine.

Angaben aus: Leonard Scherg, Jüdisches Leben im Main-Spessart-Kreis. Orte, Schauplätze, Spuren, S. 12

und                Synagogengedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), "Mehr als Steine ...", S. 150

             Panorama von Arnstein (Unterfranken), 1912 Arnstein um 1910 (hist. Karte aus: nailizakon.com/a/02-by/arnstein-bay)

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts lebten die hiesigen jüdischen Familien fast ausschließlich vom Handel mit Waren und Vieh; ab Mitte des 19. Jahrhunderts eröffneten einige von ihnen auch Gewerbebetriebe.

Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe um 1900 (aus: "Der Israelit"):

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20256/Arnstein%20Israelit%2005091898.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20159/Arnstein%20Israelit%2013061900.jpghttp://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20240/Arnstein%20Israelit%2015041901.jpg

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20304/Arnstein%20PK%20040.jpg Zentrum von Arnstein (hist. Postkarte, aus: Sammlung K.P.Müller)

Anm.: Das zweite Haus links ist das Manufakturwaren-, Kurzwaren- und Schuhgeschäft von Salomon Bauer, der in den 1930er Jahren als Gemeindevorsteher fungierte.

Ab den 1870er Jahren setzte eine Abwanderung jüdischer Bewohner ein, und zu Beginn der 1930er Jahre wohnten in Arnstein nur noch ca. 30 Juden. Auf Grund zunehmender Repressalien verließen bereits in den ersten Jahren der NS-Zeit alle jüdischen Bewohner ihren Heimatort Arnstein; 1938 wurde die jüdische Gemeinde für aufgelöst erklärt. Die der Schweinfurter Gemeinde überlassenen, z.T. wertvollen Ritualien wurden während der Novembertage 1938 vernichtet. Unmittelbar nach dem Pogrom verließen die letzten beiden jüdischen Einwohnerinnen ihren Heimatort. Der NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister Leonhard Herbst berichtete dem Bezirksamt: „Ich melde hiermit den heute erfolgten Wegzug der letzten hier ansässig gewesenen jüdischen Familie. … Arnstein ist somit ab heute judenrein.“ Der Verkauf des demolierten Synagogengebäudes erfolgte im April 1939 für den Preis von 500 RM! (Anm.: Nach 1945 wurde das Gebäude mehrere Jahre als Lager bzw. Gewerbebetrieb benutzt.)

Nachweislich wurden 21 in Arnstein geborene bzw. länger am Ort ansässige Juden Opfer der Shoa.

In den 1990er Jahren erwarb die Kommune das in der Zwischenzeit für unterschiedliche Zwecke genutzte ehemalige Synagogengebäude, um es zu restaurieren; dabei sollten auch die noch sichtbaren Malereien im Gebäudeinnern, die aus dem frühen 19.Jahrhundert stammen, erhalten werden.

Ehem. Synagoge vor/nach der Sanierung (2009/2011, Aufn. J. Hahn)

Der 2005 gegründete Förderkreis „Alte Synagoge Arnstein e.V.” bemühte sich erfolgreich, die finanziellen Mittel bereitzustellen, um das marode Gebäude künftig einer kulturellen Nutzung zuzuführen. Das Konzept beinhaltet auch eine Ausstellung zum jüdischen Leben der Region („Landjudentum in Unterfranken“). Die umfangreichen kostenintensiven Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten wurden im Jahre 2012 abgeschlossen. Hauptanziehungspunkt für Besucher ist das Tonnengewölbe des Gebäudes mit dem dort angebrachten Sternenhimmel.

                   Innenraum der ehem. Synagoge in Arnstein (Aufn. Gabi Rudolf, 2011)

Die Stadt Arnstein wird sich am Mahnmal-Projekt "DenkOrt Aumühle" mit einer eigenen Installation beteiligen. (Anm. Zum Mahnmal-Projekt siehe: Würzburg/Unterfranken)

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 254/255

Stefan Reis, “ ... auf höhere Weisung abgewandert “ . Juden im Main-Spessart (VI): Im Sinngrund bestand eine eigenständige Gemeindekultur, in: “Main-Echo”, Ausgabe Main-Spessart-Kreis, 12.11.1988

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 34/35

Israel Schwierz, Die einstige Synagoge von Arnstein – Zeichen des Patriotismus der 'Deutschen Juden', in: Frankenland N.F. 45/1993, S. 361 f.

Ilse Lauer, Die Synagoge in Arnstein, in: Jahrbuch des Arnsteiner Heimatkunde-Vereins 5/1994, S. 187 - 202

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, Band 2: Adelsdorf - Leutershausen, S. 18 - 20, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaiitach, Fürth 1998

Leonard Scherg, Jüdisches Leben im Main-Spessart-Kreis. Orte, Schauplätze, Spuren, Hrg. Förderkreis Synagoge Urspringen e.V., Haigerloch 2000, S. 12/13

Arnstein, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Günther Liepert, „Juden werden hier nicht bedient“. Die Arnsteiner Juden im Dritten Reich, in: Jahrbuch des Arnsteiner Heimatkunde-Vereins 13/2002

Ottmar Seuffert, Spuren jüdischen Lebens in Arnstein, in: Jahrbuch des Arnsteiner Heimatkunde-Vereins 18/2007, S. 46 - 64

Biographien zu einzelnen jüdischen Personen aus Arnstein, in: Jahrbücher des Arnsteiner Heimatkundevereins (versch. Jahrgänge)

Martina Amkreutz-Götz (Red.), So lebten die Juden auf dem Land – Die ehemalige Synagoge in Arnstein soll Dokumeentationszentrum werden, in: „Main-Post“ vom 10.3.2010

N.N. (Red.), „Himmel über Arnstein“ - Ehemalige Synagoge wird am 8.Juni wieder eröffnet, in: „Main-Post“ vom 2.6.2012

Förderkreis “Alte Synagoge Arnstein” e.V., Ehemalige Synagoge, online abrufbar unter: alte-synagoge-arnstein.de/ehemalige-synagoge.html

Axel Töllner/Hans-Christof Haas (Bearb.), Arnstein, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 135 - 154

Förderkreis "Alte Synagoge Arnstein" e.V. (Hrg.), Ehemalige Synagoge u.a., online abrufbar unter: alte-synagoge-arnstein.de/ehemalige-synagoge.html

Günter Roth (Red.), Arnstein beteiligt sich am DenkOrt Aumühle, in: “Main-Post” vom 11.3.2018

Israel Schwierz (Red.), 200 Jahre Synagoge Arnstein, in: haGalil.com vom 2.3.2019