Anrath (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Willich Stadtteile.png Anrath ist eine Ortschaft mit derzeit ca. 11.500 Einwohnern am linken Niederrhein (nordöstlich der Niers) - seit 1970 einer der vier Ortsteile von Willich; die drei anderen Stadtteile sind Willich, Neersen und Schiefbahn (Karte der Stadtteile von Willich, M., 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Urkundliche Nachweise über die Anwesenheit von Juden in Anrath liegen seit Mitte des 17.Jahrhunderts vor. Im 19.Jahrhundert wohnten die jüdischen Familien zumeist im Ortskern nahe der Kirche; ihren Lebenserwerb bestritten sie überwiegend mit dem Vieh- und Kleinhandel.

Eine bereits Ende des 18.Jahrhunderts bestehende Betstube wurde zu Beginn des 19.Jahrhunderts durch einen kleinen Neubau in der Straße „Am Burggraben“ ersetzt; im Kellergeschoss war eine Mikwe untergebracht. Ein später erfolgter Anbau diente als Schule und Lehrerwohnung. Ende der 1870er Jahre entstand in der Hindenburgstraße eine neue Synagoge

                             Synagoge/jüdische Schule in Anrath (hist. Aufn.)

Der jüdische Friedhof in Anrath, auf dem auch die verstorbenen Neerser Juden beerdigt wurden, bestand bereits vor 1800; er war in einem Waldstück vor dem Ort gelegen.

Die Anrather Juden gehörten, wie auch die aus Neersen und Schiefbahn, seit ca. 1850 als Filialgemeinde zum Gladbacher Synagogenbezirk und ab Mitte der 1920er Jahre zur Synagogengemeinde Krefeld.

Juden in Anrath:

         --- 1748 .........................   8 jüdische Familien (ca. 60 Pers.),

    --- 1824 .........................  90 Juden,

    --- 1836 .........................  87   “  ,

    --- 1852 ......................... 116   “  ,

    --- 1861 ......................... 100   “  ,

    --- um 1930 .................. ca.  40   “  (in 15 Familien),

    --- 1942 .........................   ?   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil II: Reg.bez. Düsseldorf, S. 563/564

und                 G. Rehm, Geschichte der Juden im Kreis Viersen, Schriftenreihe des Krs. Viersen 38/1991, S. 109/110

Ab Mitte des 18.Jahrhunderts nahm die Zahl der in Anrath lebenden Juden stetig ab; die schlechte wirtschaftliche Lage der Region ließ vor allem junge Leute in die aufstrebenden größeren Städte abwandern. Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Anrath noch ca. 15 jüdische Familien.

Bereits einige Jahre vor der NS-Machtübernahme hatten Unbekannte den jüdischen Betraum demoliert. Während des Novemberpogroms entging die Synagoge einer Verwüstung bzw. Brandlegung; bereits einen Monat später wurde das Gebäude veräußert. 1939/1940 diente es als Unterkunft für polnische Kriegsgefangene, nach 1945 als Lagerraum und nach einem Umbau als Wohngebäude. Anfang der 1960er Jahre erfolgte der Abriss. Während der NS-Zeit ging das jüdische Friedhofsgelände in kommunale Hand über; zahlreiche Grabsteine wurden als Baumaterial benutzt. Aus Anrath wurden 13 jüdische Bewohner deportiert; keiner von ihnen hat überlebt.

 

Auf dem lange Zeit in Vergessenheit geratenen Friedhof, der versteckt in einer Waldparzelle (der "Zisdonk") liegt und seit 1988 in die Denkmalliste der Stadt Willich eingetragen ist, befinden sich noch neun Grabsteine. 2011 wurde am Eingang des Begräbnisgeländes eine Gedenktafel angebracht.

  Gräberreihe (Aufn. K. u. B. Limburg, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit 2012 beteiligt sich die Kommune Willich am sog. „Stolperstein“-Projekt, das hier von Schüler/innen des St. Bernhard-Gymnasiums initiiert wurde. Zu den bislang im gesamten Stadtgebiet Willichs verlegten 25 Steinen sollen in den kommenden Jahren weitere 20 folgen. In den Straßen Anraths wurden 2013 an fünf Standorten insgesamt 17 Steine verlegt; die meisten erinnern an die in Anrath lebende Großfamilie Servos – so z.B. an Ella und Meta Servos, die am Kirchplatz bei ihren Eltern gewohnt hatten und denen 1939 die Flucht nach England gelungen war.

 

Stolpersteine für Angehörige der Familie Servos (Aufn. R., 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0) 

An den jüdischen Viehhändler und Metzger Abraham Lion erinnert seit 2012 eine Gedenktafel auf dem Schützenplatz; dieses ehemals als Viehweide genutzte Gelände war in dessen Besitz gewesen. Sechs Jahre später wurde eine kleine Straße neben dem Willicher Friedhof nach der Familie Lion benannt.

 

Im Willicher Ortsteil Schiefbahn existierte seit Ende des 18.Jahrhunderts ebenfalls eine kleine jüdische Gemeinde. Wenige Jahrzehnte später richtete man einen Betraum in einem Privathaus in der Hochstraße ein, in dem auch ein Schulzimmer zur Verfügung stand. Um 1900 lebten in Schiefbahn 14 jüdische Familien. Um 1890 erbaute die kleine jüdische Gemeinschaft „Am Tömp“ ein neues Bethaus. Mitte der 1830er Jahre wurde am Ort, im Knickelsdorf, auch ein Beerdigungsgelände angelegt; 1913 ersetzte dieses ein neuer Friedhof am Bertzweg; es stand auch Verstorbenen aus Willich zur Verfügung.

Juden in Schiefbahn:

    --- 1809 ........................ 20 Juden,

    --- 1836 ........................ 57   “  ,

    --- 1848 ........................ 12 jüdische Familien,

    --- 1897 ........................ 55 Juden,

    --- 1925 ........................ 37   “  ,

    --- 1942 ........................ keine.

Angaben aus: Klaus H.S. Schulte, Dokumentation zur Geschichte der Juden am linken Niederrhein ..., S. 128

Während des Novemberpogroms wurde das Synagogengebäude durch Brandstiftung völlig vernichtet.

Die letzten in Schiefbahn lebenden jüdischen Bewohner - ca. 20 Personen - mussten Ende 1941 den Weg in die Deportation antreten; nur zwei von ihnen sollen überlebt haben.

 

Als Ende der 1950er Jahre der Braunkohleabbau vorrückte, mussten die Friedhöfe in Grevenbroich-Frimmersdorf und Gustorf-Gindorf aufgegeben werden. Die Bestatteten und Grabsteine wurden auf den Schiefbahner Friedhof überführt, wo sie in gesonderten Abteilungen ihren Platz fanden.

 https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/15/72_J%C3%BCdischer_Friedhof%2C_Bertzweg_%28Schiefbahn%29.jpgBegräbnisfeld in Schiefbahn (Aufn. K. u. Bernd Limburg, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im Jahre 2012 wurden in der Schulstraße in Schiefbahn sieben sog. „Stolpersteine“ gelegt; sie sollen an die im Oktober 1941 nach Lodz deportierte jüdische Familie Kaufmann erinnern; weitere 23 Steine folgten, so auch für die Großfamilie Rübsteck, nach der in Schiefbahn auch eine Straße benannt wurde. 

https://www.stadt-willich.de/c12573af002ce5fe/files/stolperstein-bochum.jpg/$file/stolperstein-bochum.jpg?openelement ein „Stolperstein“ für Ella Sternberg, Schulstraße (Aufn. aus: stadt-willich.de)

 

In Neersen – dem kleinsten Ortsteil von Anrath – sind insgesamt acht sog. „Stolpersteine“ verlegt (Stand 2018); allein vier Steine erinnern an die Angehörigen der Familie Otto Salmons, die im Dorfe eine Manufakturwaren- und Viehhandlung betrieb und der die Emigration nach Argentinien gelang.

   verlegt in der Hauptstraße

und in der Kickenstraße (alle Aufn. R., 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)     

 

Weitere Informationen:

Klaus H.S. Schulte, Dokumentation zur Geschichte der Juden am linken Niederrhein seit dem 17.Jahrhundert, in: "Veröffentlichungen des Historischen Vereins für den Niederrhein ...", Band 12, Verlag L.Schwann, Düsseldorf 1972, S. 126 - 128

Klaus H.S. Schulte, Zur Geschichte der Juden in Neersen und Anrath, in: "Heimatbuch des Kreises Kempen-Krefeld" 25/1974, S. 240 - 250

Heinrich Joecken, Anrather Juden - was ist aus ihnen geworden ?, in: "Anrather Heimatbuch 1983", S. 41 - 44 (online abrufbar unter: buergerverein-anrath.de)

Gottfried Daum, Bilddokumentation zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Anrath, in: "Anrather Heimatbuch 1983", S. 35 f. und "Anrather Heimatbuch 1984", S. 38/39

Ludwig Hügen, Jüdische Gemeinden am Niederrhein, ihre Geschichte, ihr Schicksal. Willich-Anrath 1985

Ludwig Hügen, Jüdische Gemeinden in Anrath, Neersen, Schiefbahn und Willich, in: Gerhard Rehm, Geschichte der Juden im Kreis Viersen, Schriftenreihe des Kreises Viersen 38/1991, S. 429 ff.

Ludwig Hügen, Schiefbahn. Geschichte eines Dorfes am Niederrhein, Kleve 1997

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 478/479

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Teil II: Regierungsbezirk Düsseldorf, J.P.Bachem Verlag, Köln 2000, S. 563 - 567

Werner Dohmen (Red.), Geschichten jüdischer Familien: „Wir sollten nicht schweigen“, in: „Westdeutsche Zeitung“ vom 9.11.2012

Werner Dohmen (Red.), 17 neue Stolpersteine der Erinnerung, in: „Westdeutsche Zeitung“ vom 9.12.2013

Willi Schöfer (Red.), Elf weitere Steine gegen das Vergessen, in: rp-online vom 3.6.2014

Bernd-Dieter Röhrscheid, Dreiundzwanzig Stolpersteine in Anrath gegen das Vergessen, in: „Anrather Heimatbuch 2014", S. 71 - 77

Liste der Stolpersteine in Willich, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Willich

Bernd-Dieter Röhrscheid/Udo Holzenthal, Die Geschichte der Juden in Willich. Jüdisches Leben in den Gemeinden Anrath, Neersen, Schiefbahn und Alt-Willich von 1700 bis heute, Hrg. Heimat- u. Geschichtsfreunde Willich e.V., 2016

Werner Dohmen (Red.), Rätsel um die Gräber in der Zisdonk, in: „Niederrhein-Zeitung – Westdeutsche Zeitung“ vom 9.12.2016

Willi Schöfer (Red.), Straße erinnert an Familie Lion, in: „Niederrhein-Zeitung - Westdeutsche Zeitung“ vom 12.4.2018

Willy Schöfer (Red.), Neersen. Fünf Steine gegen das Vergessen, in: rp-online.de vom 26.11.2018