Anröchte (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Anröchte in SO.svg Das im Südosten des Kreises Soest liegende Anröchte mit seinen derzeit ca. 10.500 Einwohnern ist ca. 15 Kilometer von Lippstadt entfernt (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts wurde in Anröchte der Grundstock für eine jüdische Gemeinde gelegt. 1667 ließ sich der erste Jude hier nieder, ihm folgten um 1700 mehrere Familien nach. Ihren Lebenserwerb bestritten sie zumeist durch Handel mit Landesprodukten, Vieh und Fleisch.

In einem kleinen Fachwerkhaus an der Teichstraße befand sich der Synagogenraum, der bereits vor 1800 als solcher genutzt wurde; um 1855/1860 wurde die Synagoge durch einen Anbau erweitert, in dem auch der Schulraum untergebracht war. Diese jüdische Privatschule wurde im Jahre 1909 wegen Schülermangels endgültig geschlossen, bereits von 1876 bis 1886 hatte vorübergehend sie ihren Unterricht aus finanziellen Gründen einstellen müssen.

Ein relativ großes Beerdigungsgelände an der Pohlgartenstraße stand verstorbenen Anröchter Juden vermutlich bereits vor 1800 zur Verfügung.

Laut Statut von 1858 umfasste die Synagogengemeinde Anröchte/Rüthen auch alle jüdischen Familien aus den Ortschaften Altengeseke, Effeln und Mellrich und Altenrüthen.

Juden in Anröchte:

         --- 1672 .........................  eine jüdische Familie,

    --- um 1700 ......................    3     “       “   n,

    --- 1738 .........................    5     “       “   ,

    --- 1828 .........................   49 Juden,

    --- 1846 .........................   54   “  ,

    --- 1855 .........................   78   “  ,                          

    --- 1864 .........................   80   “  ,

    --- 1871 .........................   67   "  ,

    --- 1895 .........................   62   "  ,

    --- 1910 .........................   52   “  ,*   * Amt Anröchte

    --- 1925 .........................   48   “  ,

    --- 1932 .........................   53   “  ,

    --- 1935 ..................... ca.   15 jüdische Familien,

    --- 1942 (Sommer) ................   keine.

Angaben aus: Franz Blanke, Wachstum und Ende der Synagogengemeinde Anröchte, S. 157

und                 Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Reg.bez. Arnsberg, S. 531

Anm.: In den heutigen Ortsteilen Altengeseke, Mellrich und Effeln lebten im 19.Jahrhundert auch einige jüdische Familien.

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts lag der gesamte Vieh- u. Pferdehandel in den Händen von sieben jüdischen Familien; weitere vier Familien betrieben in Anröchte Manufakturwarengeschäfte.

Seit den 1860/70er Jahren begann eine kontinuierliche Abwanderung jüdischer Familien aus Anröchte.

Aus einer Beschreibung des in Anröchte geborenen Lehrers Max Fritzler: „ ... Anröchte hatte eine alte, typische Dorfgemeinde, die wie die Ortschaft selbst alte Ursprünge aufweist. ... Auf dem jüdischen Friedhof befand sich die Grabstätte eines alten, berühmten jüdischen Lehrers. Das jüdische Leben konzentrierte sich nach außen auf die schmucklose Synagoge und die jüdische Volksschule. Die Judenschaft, obwohl liberal eingestellt, fühlte sich an die alte jüdische Tradition auch im häuslichen Leben gebunden. Es hat in meiner Jugend kaum einen Juden in Anröchte gegeben, der regelmäßig Teffilin legte oder die vorgeschriebenen Gebete verrichtete; aber die Sabbathe, Fest- und Fasttage wurden gehalten. Natürlich durften die traditionellen Gerichte nicht fehlen, die Frauen entzündeten Lichter, kascherten zu Pessach und nahmen Challe*. Ein Mitglied der Gemeinde ... vollzog die Schechitah. ... Bis zur Nazizeit wurde am Sabbath nicht gearbeitet und es wurden keinerlei Geschäfte getätigt, ... Die katholische Bevölkerung respektierte sehr die religiöse Betätigung der Juden, die überall geachtet wurden und als gleichberechtigt am gesamten Dorfleben teilnahmen; sie hat sich auch während der Nazizeit fast durchweg anständig verhalten. ..."  *Challe: Brote zum Sabbath

Zu Beginn der 1930er Jahre zählte die jüdische Bevölkerung in Anröchte ca. 50 Personen.

Der Boykott jüdischer Geschäfte am 1.April 1933 erfolgte auch hier im Ort – getragen vor allem von auswärtigen SA-Angehörigen. Als der neue Amtsbürgermeister Reckhardt im Frühjahr 1934 sein Amt antrat, war sein Bestreben, „den Ort von den verhältnimäßig vielen Juden zu säubern“ und "die Hochburg der Juden zu zertrümmern“. Sein Bemühen wurde aber - wie Berichte an den Landrat zeigen - von einzelnen Landwirten unterlaufen, die weiterhin Handelsbeziehungen zu jüdischen Händlern unterhielten; insgesamt jedoch waren die Umsätze im Landhandel mit Juden nun stark rückläufig. 1936 vermeldete der Amtsbürgermeister: „Nach wie vor ist die Gemeinde Anröchte die Hochburg der Juden unter den Landorten des Kreises. Erleiden sie durch den Nationalsozialismus auch manche Schlappe, so ist trotzdem ihr Handel noch sehr einträglich.“ Noch zwei Jahre später wurde von ihm Klage darüber geführt, dass der Getreide- u. Futtermittelhandel der Juden „noch nicht zum Erliegen gekommen“ sei.

Im Frühjahr 1938 wurde die Anröchter Synagoge mehrfach von SA-Angehörigen entweiht, demoliert und geplündert. Nach einer notdürftigen Instandsetzung konnte das Gebäude im Sommer 1938 vorübergehend wieder für Gottesdienste genutzt werden. Einige Wochen vor der „Kristallnacht“ wurden die Fensterscheiben von Häusern mehrerer jüdischer Familien eingeworfen. In der Nacht vom 9./10.November 1938 verwüsteten dann SA- und SS-Angehörige aus Lippstadt die Innenräume des Gotteshauses, schleppten Einrichtungs- und Kultgegenstände aus dem Gebäude und setzten sie in Brand. Die zuvor in Sicherheit gebrachten alten Thorarollen wurden in die Emigration mitgenommen. Zwei befanden sich im Gepäck einer nach Argentinien emigrierten Familie, eine weitere gelangte nach Großbritannien, wo sie bis heute ihren Platz in einer Synagoge im Londoner Vorort Harrow hat.

Die in Anröchte verbliebenen jüdischen Bewohner, denen eine Emigration nicht gelang, wurden zwangsweise im „Judenhaus Fritzler“ in der Hauptstraße u. anderen Häusern untergebracht; die arbeitsfähigen Männer wurden im Straßen- bzw. Kanalbau und im Betrieb der Fa. Eduard Cremer eingesetzt.

Im Frühjahr 1942 erfolgte die Deportation der 34 jüdischen Bewohner von Anröchte zusammen mit 30 weiteren Leidensgenossen aus dem Kreis Lippstadt in den Bezirk Lublin. Das zurückgelassene bewegliche Hab und Gut wurde zu Beginn des Jahres 1943 öffentlich versteigert.

 

Nur drei Juden aus Anröchte kehrten nach 1945 zurück.

Nachdem das Synagogengrundstück in den Besitz der Kommune gelangt war, wurde das Gebäude bald abrissen. Seit 1985 erinnert an dieser Stelle ein Gedenkstein mit bronzener Inschriftenplatte an das einstige Gotteshaus der Anröchter Juden.

2015 wurden in der Marktstraße zwei sog. "Stolpersteine" verlegt.

Stolperstein Anröchte Marktstraße 23 Abraham Adolf Heinemann.jpg Stolperstein Anröchte Marktstraße 23 Rosa Heinemann.jpg beide Abb. T., 2017, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0

Auf dem ca. 2.200 m² großen jüdischen Friedhofsgelände an der Pohlgartenstraße (am östlichen Ortsrand), das in der NS-Zeit teilzerstört worden war und heute ca. 45 Grabsteine aufweist, wurde 1988 ein Mahnmal errichtet, das an die Opfer des Holocaust erinnert.

 Anröchte, jüdischer Friedhof-02.jpg

Jüdischer Friedhof in Anröchte (beide Aufn. Dominik Schäfer, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

[vgl. Rüthen (Nordrhein-Westfalen)]

 

Weitere Informationen:

Max Fritzler, Erinnerungen an Anröchte, in: G.H. Meyer (Hrg.), Aus Geschichte und Leben der Juden in Westfalen, Frankfurt/M. 1962, S. 111

Eduard Mühle, Anröchter Thorarolle in London 1939 im Auswanderungsgepäck, in: "Lippstädter Heimatblätter" 62/1982, Folge 13, S. 97 - 101

Franz Blanke, Wachstum und Ende der Synagogengemeinde Anröchte, in: "Lippstädter Heimatblätter" 69/1989, S. 157 – 159

Franz Blanke, Juden in Anröchte: eine Zusammenfassung unseres heutigen Wissens, Hrg. Heimatverein Anröchte e.V., 1991

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag Bochum 1999, S. 16

Wolfgang Knackstedt, Jüdische Mitbürger - die jüdische Gemeinde in Anröchte 1800 - 1933, in: W. Knackstedt, Anröchte im 19. u. 20.Jahrhundert II, Hrg. Gemeinde Anröchte, Anröchte 2003, S. 149 - 157

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 531 - 534

Anröchte/Soest – Aufzeichnungen zur jüdischen Geschichte von Anröchte (mit biografischen Daten ehem. jüdischer Bewohner), online abrufbar unter: tenhumbergreinhard.de/taeter-und-mitlaeufer/staedte-1933-1945/anroechte--soest

Wolfgang Knackstedt (Bearb.), Anröchte, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 121 - 127

Auflistung der in Anröchte verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Anröchte