Bad Ems (Rheinland-Pfalz)

Rhein-Lahn-Kreis Karte Bad Ems ist eine verbandsangehörige Stadt an der unteren Lahn mit derzeit ca. 8.500 Einwohnern und Sitz der Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises - knapp 20 Kilometer von Koblenz gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/rheinland-pfalz/rhein-lahn-kreis).

Bad Ems – „Badeort der Fürsten und Vornehmen“ - wurde bereits ab dem 17./18.Jahrhundert auch von reichen Juden aus Deutschland und anderen europäischen Ländern besucht. Eine dauerhafte Ansiedlung jüdischer Familien erfolgte aber zunächst nur zögerlich. Doch im Laufe des 19.Jahrhunderts stieg die Zahl der jüdischen Einwohnerschaft auf fast 200 Personen an. Nach anfänglicher Nutzung verschiedener Beträume wurde 1837 eine neue Synagoge in der Römerstraße eingeweiht. Einen erheblichen finanziellen Zuschuss zu ihrem Bau hatte das Bankhaus Rothschild aus Frankfurt/M. geleistet.

 

      Synagoge in Bad Ems (Skizze um 1850, aus: wikipedia.org, CCO)

Nachdem sich die Synagoge als zu klein erwiesen hatte, wurde das Innere umgestaltet und mehr Sitzplätze geschaffen. Zum 50.Jahrestag ihrer Errichtung wurde das erweiterte Synagogengebäude im Beisein der Honoratioren der Stadt wieder feierlich eingeweiht.

Bad Ems war seit den 1850er Jahren Sitz eines Bezirksrabbinats.

aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 6. Juni 1889 

1890 wurde die Rabbinerstelle dann mit Dr. Laser Weingarten (geb. 1863 in Felsberg/Hessen) besetzt.

Laser Weingarten machte nach dem Abitur seine Ausbildung an der Rabbinerschule und der Universität in Berlin, abgeschlossen mit seiner Promotion an der Universität Halle/Saale (1888). Nach einem mehrjährigen Studienaufenthalt in Russland übernahm er 1890 das Bezirksrabbinat in Bad Ems und Nassau, später dann auch noch den Rabbinatsbezirk Weilburg. Nach mehr als 40 Jahren seines Wirkens trat er in den Ruhestand (1931). Sechs Jahre später verstarb er in Bad Ems.

Der letzte, seit 1932 in Bad Ems amtierende Rabbiner war Dr. Friedrich Elias Laupheimer.

Friedrich Elias Laupheimer; er stammte aus Laupheim, wo er 1890 als Sohn des Rabbiners Jonas Laupheimer geboren wurde. Sein Jura-Studium in Heidelberg schloss er 1913 mit seiner Dissertation ab und arbeitete zunächst als Ökonom an einer Bank. Von 1928 bis 1931 besuchte er das Rabbinerseminar in Breslau, um danach das Amt des orthodoxen Distriktrabbinats Bad Ems - Weilburg zu übernehmen. Im Gefolge des Novemberpogroms wurde er ins KZ Dachau eingewiesen; seine Entlassung erreichte er, nachdem er seine Ausreise aus Deutschland zugesagt hatte. Via Holland u. Frankreich erreichte er mit seiner Familie Palästina. Von 1940 bis 1961 war Dr. Friedrich Laupheimer Leiter des Allgemeinen Altersheims in Jerusalem. Er verstarb 1965 in Jerusalem.

Zur Verrichtung religiöser Aufgaben der Gemeinde war neben dem Rabbiner ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter tätig war.

 Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Jan. 1869

Zu Beginn der 1890er Jahre wurden in Bad Ems ein Israelitisches Waisenhaus und Mädchenheim gegründet; daneben gab es ein Erholungs- und Altersheim für ehemalige jüdische Lehrer und Kantoren.

Verstorbene Juden wurden zunächst auf einem um 1800 angelegten Gelände begraben, später stand ebenfalls im Emsbachtal ein neuer jüdischer Friedhof - als Teil des städtischen Friedhofs - zur Verfügung. Hier fanden auch verstorbene Kurgäste ihre letzte Ruhe.

Juden in Bad Ems:

        --- um 1665 ......................... eine jüdische Familie,

    --- 1738 ............................   8      “    Familien,

    --- 1799 ............................   9      “        “   ,

    --- 1843 ............................  78 Juden,

    --- 1853 ............................ 104   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1871 ............................ 173   “  ,

    --- 1900/05 ......................... 189   “  ,

    --- 1910 ............................ 156   “  ,

    --- 1925 ............................ 108   “  ,

    --- 1927 ............................ 156   “  (ca. 2,5% d. Bevölk.),

    --- 1932 ........................ ca. 100   “  ,

    --- 1938 (Jan.) ..................... 105   “  ,

             (Dez.) .....................  65   “  ,

    --- 1939 (Sept.) ....................  25   “  ,

    --- 1940 ............................  20   “  ,

    --- 1942 (Okt.) .....................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 159 f.

und                 Hubertus Seibert, Verlauf und Auswirkungen der “Reichskristallnacht” im Raum Bad Ems ..., S. 16

Blick auf Bad Ems um 1900 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bis zu Beginn der 1930er Jahre spielten die in Bad Ems beheimateten jüdischen Familien im Wirtschaftsleben des Kurortes eine nicht unbedeutende Rolle: Neben alteingesessenen Firmen wie dem Bankhaus Kirchberger, dem Juwelier Bernstein und dem Textilhaus Königsberger gab es weitere 13 Geschäfte in jüdischem Besitz, zudem zwei Hotels mit jüdischen Eigentümern.

       

Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 31.Juli 1878 und vom 17.Juni 1891

       Hotel Löwenstein (hist. Postkarte) 

    aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 23.7.1879 u. Anzeige von 1901

Innerhalb der kleinstädtischen Gesellschaft waren die Emser Juden weitestgehend integriert, dies verdeutlicht ihre Mitgliedschaft in verschiedenen lokalen Vereinen und ihr Engagement in politischen und sozialen Organisationen. Schon die ersten Jahre der NS-Zeit beendeten dieses einträchtige Zusammenleben. Wie überall in Deutschland, wurde auch in Bad Ems am 1.April 1933 ein Boykott gegen jüdische Geschäfte geführt. Zwei Jahre später versuchte die Emser Stadtverwaltung, alle „arischen“ Firmen des Ortes schriftlich zu verpflichten, keine wirtschaftlichen Kontakte mehr mit Juden zu unterhalten.

Vorläufiger gewaltsamer Höhepunkt der Judenpolitik waren auch in Bad Ems die Vorgänge des Novembers 1938. Am Abend des 10.November begann die „Aktion“ - organisiert und angeführt von SA-Angehörigen. Sie richtete sich zunächst gegen das jüdische Altersheim, dessen Inventar total demoliert und dessen verängstigte Bewohner im Keller eingesperrt wurden. Andere SA-Trupps drangen in Wohnungen und Geschäftsräume jüdischer Bürger ein, zerstörten und plünderten die Inneneinrichtung und machten auch vor tätlichen Angriffen nicht halt. Dabei geriet der marodierende Mob, darunter zahlreiche Jugendliche, bald so außer Kontrolle, dass sich die Verantwortlichen gezwungen sahen, Plünderer durch Aufstellen von Wachposten vor den jüdischen Geschäften abzuhalten.

Auch die Emser Synagoge in der Römerstraße entging nicht dem Zerstörungswerk: Das Gebäude wurde gewaltsam aufgebrochen, Kultgeräte und die demolierten Einrichtungsgegenstände auf die Straße geworfen. Ein Anzünden des Gebäudes unterblieb aber wegen der Gefahr für die Nachbarhäuser. Der dort angetroffene Bezirksrabbiner Dr. Fritz Elijahu Laupheimer wurde unter Schlägen auf die Straße getrieben, wo man ihm seinen Bart abschnitt.

Aus der „Emser Zeitung” vom 11.11.1938:

“ ... Die Empörung des deutschen Volkes über den jüdischen Meuchelmord in Paris ist auch hier in Bad Ems wie anderwärts zum Ausbruch gekommen und hat den letzten noch verbliebenen Angehörigen des Judentums deutlich zum Bewußtsein gebracht, daß der zum Meuchelmord gesteigerte Haß des Weltjudentums gegen alles Deutsche ihr weiteres Verbleiben unerträglich macht.”

Nach dem Novemberpogrom verließen die meisten der hier noch lebenden jüdischen Bürger ihren Heimatort und verzogen nach Köln oder Frankfurt. Die noch etwa 20 verbliebenen Juden wurden 1940/1941 zwangsweise in einem Haus neben der Synagoge zusammengelegt und von hier aus im Laufe des Jahres 1942 über Frankfurt/M. deportiert. Ihre Spuren verlieren sich in Theresienstadt, Minsk, Riga und Sobibor. Mindestens 39 ehemalige Emser Juden wurden Opfer des Holocaust.

Anfang der 1950er Jahre verkaufte die Stadt Ems das Synagogengebäude an einen einheimischen Geschäftsmann, der es kurz darauf für einen Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses abreißen ließ.

Der am Hang des Emsbachtales (in der Arzbacher Straße) liegende jüdische Friedhof besteht aus einem älteren Teil, auf dem sich noch ca. 40 Grabsteine befinden; auf dem jüngeren Areal stehen ca. 140 Steine; die letzte Bestattung fand hier 1960 statt.

alter Friedhofsteil (Aufn. Warburg, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Jüngerer Friedhofsteil mit Trauerhalle (Aufn. J. Hahn, 2006)

Anlässlich des 50.Jahrestages der „Reichskristallnacht“ wurden an der Kapelle des jüdischen Friedhofs mehrere Gedenktafeln mit den Namen der in der NS-Zeit umgekommenen 39 Juden aus Bad Ems angebracht. Umrahmt von einem Davidstern und einer Menora, trägt eine dieser Tafeln den Schriftzug:

Die Bürger der Stadt Bad Ems gedenken in Ehrfurcht und Trauer ihrer jüdischen Mitbürger,

die in den Jahren 1933 - 1945 Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden.

In der Nähe des ehemaligen jüdischen Altenheims erinnert eine Tafel:

Während der Pogrome am 9./10. Nov. 1938 wurden auch in Bad Ems jüdische Mitbürger terrorisiert, die Synagoge geschändet. Hier an der Stelle des jüdischen Altenheims gedenken wir in Trauer der Opfer von Gewalt, Verblendung und Gleichgültigkeit! Sie mahnen uns zur Wachsamkeit.

Bürgerinnen und Bürger von Bad Ems.

Im Jahre 2009 wurden die ersten sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen findet man mehr als 50 dieser in die Gehwegpflasterung eingelassenen Gedenktäfelchen (Stand 2017).

verlegt in der Schulstraße (Aufn. D., 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

http://www.swr.de/-/id=12511628/property=thumbnail/pubVersion=3/width=316/1lvv8fm/index.jpg  Eugen und Lina Goldfisch hatten in Bad Ems ein koscheres Hotel geführt. Nach 1933 verzogen sie nach Köln; von hier wurden beide nach Theresienstadt deportiert (1942), wo sie verstarben.

 

In Seelbach – einer heute zur Verbandsgemeinde Bad Ems-Nassau zugehörigen Ortsgemeide im Rhein-Lahn-Kreis – erinnert derzeit noch ein seit gegen Ende des 19.Jahrhunderts belegter Friedhof mit vier Grabsteinen an Verstorbene jüdische Bewohner aus Seelbach. Im 18.Jahrhundert lebten wenige jüdische Familien im Ort; sie gehörten der jüdischen Gemeinde in Kördorf (Rabbinatsbezirk Ems an. Zu Beginn der NS-Zeit lebten im Dorf zwei jüdische Familien.

vgl. Kördorf (Rheinland-Pfalz

 

Weitere Informationen:

Jakob Höxter, Das Erholungs- und Altersheim für jüdische Lehrer und Kantoren in Bad Ems e.V., in: „Der Israelit“ vom 24.9.1931 (Beilage)

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 159 - 161

Dokumente zur Machtergreifung in Bad Ems 1933, in: Emser Hefte 30/1984

Hans-Jürgen Sarholz, Die Synagoge von Bad Ems, in: Vereinsnachrichten des Vereins für Geschichte/Denkmal- und Landschaftspflege e.V. Bad Ems, Bad Ems 47/1987, S. 5 - 18

Edith Dietz, Freiheit am Ende des Weges. Erinnerungen einer Emser Jüdin 1933 - 1942, Bad Emser Hefte 36/1988

Gedenktafel wurde enthüllt, in: Rhein-Lahn-Zeitung, Ausgabe Bad Ems/Nassau vom 10.11.1988

Hans-Jürgen Sarholz, Holocaust und die Juden von Bad Ems, in: Vereinsnachrichten des Vereins für Geschichte/Denkmal- und Landschaftspflege e.V. Bad Ems, Bad Ems 1988, S. 3 - 18

Hubertus Seibert, Verlauf und Auswirkungen der “Reichskristallnacht” im Raum Bad Ems am 9./10.November 1938 (Vortrag), in: Bad Emser Hefte 74/1989

Maren Heyne, Stille Gärten - beredte Steine. Jüdische Friedhöfe im Rheinland, Bonn 1994, S. 119 - 122

Hans-Jürgen Sarholz, Geschichte der Stadt Bad Ems, hrg. vom Verein für Geschichte, Denkmal- und Landschaftspflege e. V.,Bad Ems 1994, S. 129 f., S. 409 ff. und S. 507 f.

Elmar Ries, Vom Leben und Leiden der Fanny Königsberger aus Bad Ems, in: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz Heft 4. Jg., Ausgabe 3/1994, Heft Nr. 8, S. 48 - 58

Hans-Jürgen Sarholz, Geschichte der Stadt Bad Ems, hrg. vom Verein für Geschichte, Denkmal- und Landschaftspflege e.V. Bad Ems, Bad Ems 1996

Franz Gölzenleuchter, Die verbrannten alle Gotteshäuser im Lande. Jüdische Spuren im Rhein-Lahn-Kreis. Jahrzehnte danach, o.O. 1997

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), „ und dies ist die Pforte des Himmels.“ Synagogen Rheinland-Pfalz und Saarland, Mainz 2005, S. 86/87

Hans-Jürgen Sarholz, Jüdisches Leben in Bad Ems. Mit einem Anhang: Stolpersteine – Bad Emser Opfer des Nationalsozialismus, Bad Ems 2011

www.swr.de/swr2/stolpersteine/orte/akustische-stolpersteine-badems

Auflistung der Stolpersteine in Bad Ems, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bad_Ems

Bad Ems, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Wilfried Dieterichs, 1938; Judenverfolgung - Emser „Kristallnacht“, in: ders., Die Stadt Bad Ems. 1914 – 1964. Herrenjahre in der Provinz, 2013

Dekanat Nassauer Land (Hrg.), Taharahaus soll wieder ein würdiger Ort werden, in: blick-aktuell.de vom 15.11.2019