Bibra (Thüringen)

Lage des Grabfelds: früher war es etwa das Gebiet der Karte im Dreieck Bayern−Hessen−Thüringen, heute nur der hell markierte Bereich im bayerisch-thüringischen GrenzgebietKarte Bibra ist ein Dorf im Landkreis Schmalkalden-Meiningen im fränkisch geprägten südlichen Thüringen; es gehört seit 2007 zur Verwaltungsgemeinschaft Grabfeld – zwischen Suhl (im NO) und Neustadt a.d. Saale (im SW) gelegen (topografische Karte des Grabfeldes, Lencer, aus: wikipedia.org. CC BY-SA 3.0  und  Kartenskizze 'Verwaltungsgemeinschaft Grabfeld', Metilsteiner 2010, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0).

 

Im späten Mittelalter lebten vermutlich einige wenige jüdische Familien in Bibra. In der Folgezeit sollen sie mehrfach aus dem Ort vertrieben worden sein bzw. durch Plünderungen materielle Schäden erlitten haben. Erste urkundliche Hinweise auf die Anwesenheit dreier Schutzjuden-Familien stammen aus dem Jahre 1658. Diese Familien wohnten in herrschaftlichen Gebäuden. Schutzgelder mussten die Juden zunächst an die hiesige Gutsherrschaft, die Reichsritter von Bibra, und später - bis 1848 - an die Landesherrschaft von Meiningen entrichten.

Im 17./18.Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinschaft nur sehr langsam, das lag auch an Reglementierungen ihres Alltagslebens. So durften sie z.B. ihr Trinkwasser nur aus dem „Judenbrunnen“ schöpfen und zur Kirchzeit bestimmte Tätigkeiten nicht ausüben. Noch im 18.Jahrhundert mussten alle Juden des Ortes im „Judenbau“, einem alten Gasthause, wohnen. Hier hatten sie ihren Betraum und später auch einen Schulraum. Erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts war ihnen der Erwerb eigener Häuser gestattet. Um 1845 konnte die jüdische Gemeinde ihre neue Synagoge in der Hauptstraße, in der Nähe des „Judentores“, einweihen, deren Bau zwar bereits 1839/1840 begonnen, aber wegen finanzieller Schwierigkeiten zeitweise eingestellt worden war. Das Gebäude diente nun zugleich als Lehrerwohnung und Schulraum. 1835 wurde die jüdische Religionsschule in eine Elementarschule umgewandelt, die in dieser Form etwa 40 Jahre bestanden hat. Danach besuchten alle Kinder die allgemeine Dorfschule; nur der Religionsunterricht fand getrennt statt.

                   Anzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 12.Nov. 1879

Ein eigenes Friedhofsgelände besaß die Bibraer Judenschaft nicht, sie beerdigte ihre Toten auf dem jüdischen Friedhof in Bauerbach.

Juden in Bibra:

         --- 1658 ..............................   3 jüdische Familien,

    --- 1678 ..............................   8     “       “    ,

    --- 1720 ..............................  12     “       “    ,

    --- um 1740 ...........................  18     “       “    ,

    --- 1795 ..............................  14     “       “   (ca. 80 Pers.),

    --- 1833 ..............................  27     “       “   (ca. 110 Pers.),

    --- 1875 .............................. 118 Juden (ca. 20% d. Dorfbev.),

    --- 1885 .............................. 134   “  ,

    --- 1892 .............................. 115   “  ,

    --- um 1900 ........................... 195   “  ,*     * diese Angabe ist mehr als fraglich.

    --- 1910 ..............................  72   “  ,

    --- 1925 ..............................  57   “  ,

    --- 1933 .......................... ca.  50   “  ,

    --- 1943 ..............................  keine.

Angaben aus: Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band II, S. 932 f.

und                 Dimitrana u. Hartwig Floßmann, Bibra (ein Rückblick auf 300 Jahre jüdischen Lebens), S. 139

 

Insgesamt lebten die Angehörigen der Bibraer jüdischen Gemeinde in recht ärmlichen Verhältnissen - mit Ausnahme von zwei Familien. Um 1900 bestrittern die Juden Bibras ihren Lebensunterhalt als Kleinhändler und Handwerker, aber auch als Viehhändler und Metzger.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Bibra noch knapp 50 Juden. Während der Novembertage des Jahres 1938 schrieben NSDAP-Angehörige mit roter Farbe „Hier ist der Sitz der Judenverbrecher! Hängt sie auf!“ an die Außenwand des Synagogengebäudes; Zerstörungen und Gewalttätigkeiten gegen jüdische Bewohner waren in Bibra aber nicht zu verzeichnen. Die männlichen Juden wurden festgenommen und ins KZ Buchenwald verschlepp, nach einigen Wochen wieder freigelassent.

Kurz nach Kriegsbeginn gab die stark geschrumpfte jüdische Gemeinde ihre Synagoge auf. Das Gebäude wurde 1940 von der Kommune übernommen und anschließend als Wohnhaus genutzt. Etwa zur gleichen Zeit verübten NS-Angehörige Sachbeschädigungen am Eigentum der noch verbliebenen jüdischen Einwohner. 1942/1943 wurden die letzten jüdischen Einwohner aus Bibra deportiert; einen Teil verschleppte man ins Ghetto Belzyce bei Lublin, den anderen nach Theresienstadt.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden nachweislich 36 aus Bibra stammende bzw. hier längere Zeit ansässig gewesene jüdische Bewohner Opfer der "Endlösung" (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/bibra_synagoge.htm).

 

Nach dem letzten Deportationsopfer wurde im Jahr 1992 der Platz an der Linde - unweit des Schlosses - in „Oskar-Meyer-Platz“ umbenannt.

Fünf Jahre später wurde am ehemaligen Synagogengebäude eine Gedenktafel „Gegen das Vergessen“ angebracht; sie erinnert daran, dass über Generationen hinweg jüdische Mitbürger Teil der Dorfgemeinschaft waren.

Im Jahre 2007 errichtete man ein Denkmal zur Erinnerung an die im Nationalsozialismus ermordeten Jüdinnen/Juden von Bibra.

              Aufn. Winfried Gänßler, 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

                Anlässlich des Schuljubiläums wurde am Gebäude der Hans-Hut-Oberschule eine Tafel zum Gedenken an den ermordeten Lehrer Aron Höxter (geb. 1892) angebracht.

 

 

 

Weitere Informationen:

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band II, S. 932 f.

Monika Kahl, Denkmale jüdischer Kultur in Thüringen - Kulturgeschichtliche Reihe, Band 2, Hrg. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege, Leipzig 1997

Joachim Hahn, Jüdisches Leben in Ludwigsburg. Geschichte, Quellen und Dokumentation, Karlsruhe 1998, S. 474 - 476 (u.a. Schicksal der aus Bibra stammenden Familie Sigmund Meyer)

Dimitrana u. Hartwig Floßmann, Bibra (ein Rückblick auf 300 Jahre jüdischen Lebens), in: Hans Nothnagel, Juden in Südthüringen, Band 3: Juden in der ehem. Residenzstadt Meiningen und deren Umfeld, Verlag Buchhaus, Suhl 1999, S. 135 - 177

Gabriele Olbrisch, Landrabbinate in Thüringen 1811 - 1871. Jüdische Schul- und Kulturreform unter staatlicher Regie, "Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen - Kleine Reihe", Band 9, Böhlau Verlag, Köln - Weimar - Wien 2003, S. 41

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Sömmerda 2007, S. 75 - 77

Bibra, in: alemannia-judaica.de

N.N. (Red.), Gegen das Vergessen. An der ehemaligen Synagoge in Bibra wurde jetzt eine Gedenktafel angebracht, in: „Südthüringer Zeitung“ vom 6.6.2012

Friedrich-Schiller-Universität Jena/Förderverein für jüdisch-israelitische Kultur in Thüringen e.V. (Hrg.), Bibra, in: Neun Jahrhunderte Jüdisches Leben in Thüringen, online abrufbar unter: juedisches-leben-thueringen.de/  (2023)  (Anm. mit biografischen Angaben zu den jüdischen Familien)