Bickenbach (Hessen)

Datei:Municipalities in DA (district).svg Bickenbach mit derzeit ca. 5.500 Einwohnern ist eine Kommune im äußersten SW des südhessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg – knapp 20 Kilometer südlich von Darmstadt gelegen (Karte des Landkreises Darmstadt-Dieburg, Hagar, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.5).

Das südhessische Dorf Bickenbach hat zu keiner Zeit eine eigenständige jüdische Gemeinde besessen; die Juden des Ortes - nie mehr als 50 Personen - waren der kleinen Alsbacher Kultusgemeinde angeschlossen. Erst als um 1700 die Grafen von Erbach wegen hoher Verschuldung das in ihrem Besitz befindliche Amt Seeheim verpfänden mussten, wurde es jüdischen Familien gestattet, sich in Bickenbach niederzulassen. Die Bickenbacher Juden waren arme Leute, die als Hausierer und Trödler ihr Leben fristeten; später handelten sie auch mit Vieh.

Neben einer Mikwe besaßen die Juden bis 1927/1928 eine "Judenschule" (Betraum); zu Gottesdiensten soll aber zumeist die Alsbacher Synagoge aufgesucht worden sein. Zur Alsbacher Kultusgemeinde gehörten bis 1861 auch Zwingenberg, und bis 1866 Hähnlein, Jugenheim und Seeheim.

             http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/Alsbach%20Israelit%2007021889.jpg gemeindliche Ausschreibung in "Der Israelit" vom 7.2.1889

Der jüdische Friedhof Alsbach-Hähnlein - zu Beginn des 17.Jahrhunderts angelegt - war der größte jüdische Begräbnisplatz im früheren Großherzogtum Hessen; hier fanden verstorbene Juden aus 30 südhessischen Ortschaften ihre letzte Ruhestätte, so auch aus Bickenbach.

Juden in Bickenbach:

        --- 1701 ............................ eine jüdische Familie,

    --- 1774 ............................  8 Juden,

    --- 1829/30 ......................... 48   “  ,

    --- 1858 ............................ 38   “  ,

    --- 1871 ............................ 26   “  ,

    --- 1890 ............................ 19   “  ,

    --- 1905 ............................ 14   “  ,

    --- 1933 ............................ 11   “  ,

    --- 1938 (Jan.) .....................  3   “  ,

             (Mai) ......................  keine.

Angaben aus: Karl Schemel, Die Geschichte der Juden in Bickenbach und im südhessischen Raum, S. 14

Nach 1870 verringerte sich die Zahl der jüdischen Dorfbewohner noch mehr, denn die zunehmende Industrialisierung ließ sie in die Städte abwandern. Nach dem Ersten Weltkrieg lebte nur noch eine einzige jüdische Familie im Dorf. Da Bickenbach bereits seit April 1938 „judenfrei“ war, fanden hier im November 1938 keine ‚Aktionen’ statt. Hingegen wurde der in unmittelbarer Nähe liegende große jüdische Friedhof in Alsbach von SA-Angehörigen stark verwüstet und die Totenhalle zerstört.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind sieben aus Bickenbach stammende Personen mosaischen Glaubens der „Endlösungzum Opfer gefallen (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/alsbach_synagoge.htm).

 

Vor dem Wohnhaus an der Schulstraße 5 wurden 2012 drei sog. „Stolpersteine“ zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Bewohner Benno und Settchen Wolf und ihre Tochter Rosel verlegt. Die Familie Wolf war ins weißrussische Minsk verschleppt und dort ermordet worden. 

Zudem findet man einen Gedenkstein, der der Familie Wolf gewidmet ist.

Bickenbach, Mahnmal, Familie Benno Wolf.JPG Gedenkstein (Aufn. Karsten Ratzke, 2015, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

[vgl.  Alsbach (Hessen)]

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 28/31 (‘Alsbach’)

Karl Schemel, Die Geschichte der Juden in Bickenbach und im südhessischen Raum, in: Bickenbach uffm Sand - Ortschronik der Gemeinde Bickenbach, Band II, Matchball-Verlag Tomas Klang, Bickenbach 1993

Stolpersteine“ in Bickenbach, Ansprache von Prof. Dr. Stefan Rebenich anlässlich der feierlichen Verlegung der Gedenksteine für Benno, Settchen und Rosel Wolf, online unter: bickenbach-bergstrasse.de 

Stolpersteine als „moralischer Sieg“. Der Künstler Gunter Demnig erinnert in Bickenbach an das Schicksal der jüdischen Familie Wolf, in: „Echo“ vom 11.4.2012

Claudia Stehle (Red.), Geschichte der Bickenbacher Juden auf Englisch, in: „Echo“ vom 31.1.2018

Karl Schemel, A history of the Jews in Bickenbach and southern Hesse (Übersetzung der Publikation von 1993 in englischer Sprache)