Biebesheim (Hessen)

Datei:Municipalities in GG.svg Biebesheim am Rhein ist eine Kommune mit derzeit ca. 6.500 Einwohnern im südhessischen Kreis Groß-Gerau – kaum 20 Kilometer südwestlich von Darmstadt gelegen (Kreiskarte von Groß-Gerau, Hagar, 2009, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.5).

Die erste urkundliche Erwähnung von in Biebesheim lebenden Juden stammt aus der Mitte des 16.Jahrhundert, wonach einem gewissen Juden Gumbrecht im Jahre 1557 vom Landgrafen Philipp das Wohnrecht im Dorf gewährt wurde. Im Laufe des 17.Jahrhundert ließen sich weitere jüdische Familien im Dorf nieder. Das Wohnrecht der wenigen jüdischen Familien war durch Schutzbriefe garantiert.

  Schutzbrief

Aus der Kirchenchronik der Evang. Gemeinde Biebesheim von 1736:Itzo 1736, den 22.August, bestanden mit dem Rathhaus, Pfarr- und Schulhaus 115 Gebäude und Personen alt und junge 725 und mit den 4 Judenfamilien 752 Personen. Gott laß uns den Wachsthum mit Dank erkennen, und bekehre die Juden, oder tilge sie aus unserem Ort, weil sie der Gemeinde das edelste Blut aussaugen ...Ihren kärglichen Lebensunterhalt bestritten die meisten jüdischen Familien im 18.Jahrhundert mit Klein- und Trödelhandel, nur sehr wenige hatten als Viehhändler und Metzger ein besseres Auskommen. Die Biebesheimer Juden bekannten sich zur orthodox-religiösen Tradition, was auch ihre Zugehörigkeit zum Rabbinat Darmstadt II bestätigte. Zusammen mit den religiös-liberal eingestellten Juden aus dem benachbarten Stockstadt bildeten sie eine gemeinsame Kultusgemeinde. Von 1730 bis 1937/1938 gab es in Biebesheim drei Gebäude, der den hiesigen Juden als „Schul“ bzw. Synagoge dienten; erstmals wurde eine „Judenschul“ 1736 erwähnt. (Anm.: Laut Kirchenchronik soll ein Betraum bereits in den 1720er Jahren bestanden haben.) Die dritte Synagoge wurde nach Abriss des alten Gebäudes vermutlich am gleichen Standort in der Odenwaldgasse gebaut und im Jahre 1867 unter großer Beteiligung der einheimischen Bevölkerung und vieler auswärtiger Juden vom Landesrabbiner Landsberger eingeweiht worden.

                  In der Chronik der Evangelischen Kirchengemeinde hieß es dazu:

„Am 22. November 1867 wurde die in der Odenwaldgasse erbaute Synagoge durch den Rabbiner Dr. Landsberger unter Anwohnung einer großen Einwohnerzahl von hier und vieler auswärtiger Israeliten im Beisein der Großherzoglichen Kirchrats Dr. Böckmann Groß-Gerau und des hiesigen Kirchenvorstandes eingeweiht. Die Israeliten zogen in einem geschlossenen Zuge, voran der erwähnte Großherzogliche Kirchrat, der Ortsvorstand, der Rabbiner etc. etc. vom Hause des israelitischen Vorstehers Salomon Wachenheimer nach der Synagoge, worauf die Einweihung stattfand. Darauf fand ein Festessen bei Metzger Wirthwein statt, an dem sich viele Ortseinwohner beteiligten, am folgenden Tag ein sogenannter Ball von Seiten der Israeliten.

Die Straßenfront des Synagogenneubaus besaß drei hohe, buntverglaste Rundbogenfenster, die sich - wie der Innenraum - über zwei Stockwerke erstreckten.

 

 Bauzeichnungen der Biebesheimer Synagoge von 1867 (Skizzen aus: biebesheim.de)

Eine an die Synagoge angebaute Mikwe wurde bis ins beginnende 20.Jahrhundert genutzt.

Für die Verrichtung rituell-religiöser Aufgaben hatte die Gemeinde einen Lehrer angestellt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2090/Biebesheim%20Israelit%2003011877.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20270/Biebesheim%20Israelit%2015071901.jpg

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 3.Jan.1877 und vom 15.Juli 1901

Ihre Verstorbenen beerdigte die Biebesheimer Judenschaft auf dem jüdischen Friedhof in Alsbach-Hähnlein, später auch auf dem von Groß-Gerau.

Die jüdische Gemeinde Biebesheim gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II.

Juden in Biebesheim:

        --- um 1735 .........................  4 jüdische Familien (27 Pers.),

    --- um 1770 .........................  4     “       “    ,

    --- 1830 ............................ 41 Juden,

    --- 1858 ............................ 46   “  ,

    --- 1871 ............................ 67   “  ,

    --- 1885 ............................ 30   “  ,

    --- 1905 ............................ 38   “  ,

    --- 1919 ............................ 26   “  ,

    --- 1933 ............................ 24   “  (in 5 Familien),

    --- 1938 (Nov.) .....................  5   “  ,

    --- 1939 (Jan.) .....................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 70

und                Kirchenchronik der Evang. Gemeinde Biebesheim

Ab Mitte des 19.Jahrhunderts waren die Juden Biebesheims als Ortsbürger allgemein akzeptiert. Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Biebesheim 24 Bewohner jüdischen Glaubens.

Bereits gegen Ende der 1920er Jahre hatte sich in Biebesheim eine antisemitische Stimmung bemerkbar gemacht, die aber zunächst noch keine Wirkung auf die Gesamtbevölkerung hatte; dies sollte sich jedoch bald nach der NS-Machtübernahme ändern. Ausgrenzung und Diffamierung führten dazu, dass 1935/1936 eine Abwanderung der jüdischen Ortsbewohner einsetzte; im November 1938 lebten dann nur noch fünf Juden in Biebesheim. Da das Synagogengebäude bereits im Frühjahr 1938 in „arische“ Hände übergegangen war und nun als Wohn- und Geschäftshaus diente, blieb es von einer Zerstörung während des Novemberpogroms verschont. Zwei jüdische Männer wurden am 9.November in Schutzhaft genommen und im Biebesheimer Rathaus eingesperrt und später ins KZ Buchenwald gebracht. Derweilen demolierten SA-Angehörige deren Wohnungen. Nach dem Pogrom verließen die letzten beiden jüdischen Familien ihren Heimatort. Von den 24 jüdischen Bewohnern, die 1933 in Biebesheim gelebt hatten, gelang fast allen ihre Emigration, zumeist in die USA, aber auch nach Südafrika.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden sieben gebürtige Biebesheimer Juden Opfer der „Endlösung(namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/biebesheim_synagoge.htm).

 

Am Standort eines von der jüdischen Familie Wachenheimer bewohnten Hauses in der Rheinstraße - inzwischen längst abgerissen - legte die Kommune eine kleine Grünanlage an, in der seit Herbst 2000 ein Gedenkstein an die einst in Biebesheim lebenden Juden erinnert.

1933

ERINNERUNG IST DAS GEHEIMNIS DER VERSÖHNUNG

Die Gemeinde Biebesheim gedenkt ihrer heimatvertriebenen jüdischen Mitbürger.

1945

Im Biebenheimer Heimatmuseum gibt es eine Abteilung, die der jüdischen Lokalgeschichte gewidmet ist. Verschiedene Kult- und Einrichtungsgegenständeaus der ehemaligen Biebesheimer Synagoge - u.a. Wandleuchter, Deckenleuchter, Bücher - wurden mehr als ein halbes Jahrhundert lang in London von Max Wachenheimer aufbewahrt; diese wurden von ihm zur Ausstellung in der ehemaligen Synagoge in Erfelden gestiftet. Auch zwei Thoraschrein-Vorhänge sind erhalten geblieben.

Einer der beiden erhaltenen Thoraschrein-Vorhänge  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2090/Biebesheim%20Synagoge%20102.jpg Abb. Heimatmuseum Biebesheim

Anm.: Die Stifterinschrift von 1877 lautet: "Unsere Krone ist die Thora. Dies wurde gestiftet durch Jona, Sohn des Michael und seiner Frau Ester, Tochter des Chaim von Biebesheim im Jahr 5637 und wurde restauriert durch ihre Kinder, als ihr Vater starb im Jahr 5668"

Das Heimatmuseum Biebesheim verfügt über eine kleine „jüdische Abteilung“, in der einzelne Objekte, die im Besitz der ehemaligen jüdischen Gemeinde waren, ausgestellt sind (siehe: Heimatmuseum Biebesheim).

Eine Initiative der „Aktiven Frauen Biebesheim“ machte sich für eine Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ stark; doch eine Mehrheit im Stadtrat votierte bislang dagegen (Stand 2017).

 

Im wenige Kilometer rheinabwärts gelegenen Stockstadt gab es im 18./19.Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinschaft, die nur aus wenigen Familien bestand; um 1870 lebten im Ort ca. 70 Einwohner mosaischen Glaubens. Eine Synagoge hat es in Stockstadt nicht gegeben; zu Gottesdiensten suchte man das Biebesheimer Bethaus auf. Auch ein eigenes Begräbnisareal war nicht vorhanden; Verstorbene wurden auf dem Friedhof in Groß-Gerau begraben. Anfang der 1930er Jahre lebten in Stockstadt nur noch zehn Personen jüdischen Glaubens; mindestens sechs gelang es zu emigrieren.

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 70 und Bd. 2, S. 299/300

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945 ?, Königstein/Taunus 1988, S. 136

Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn. Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, Groß-Gerau 1990, S. 59 und S. 282

M.Kaufmann, Zur letzten Geschichte der hessischen Landjuden. 30.Januar 1933 - 9.November 1938, Hungen 1991

Förderverein Jüdische Geschichte u. Kultur im Kreis Groß-Gerau e.V. (Hrg.), Die Geschichte der Juden in Biebesheim, in: "Erfelder Heft", No.1, Forum-Verlag, Riedstadt 1997 (auch online abrufbar unter: juden-in-biebesheim.de)

Thomas Schell: Familienbuch der Biebesheimer Juden, aus: "Biebesheimer Geschichtsblätter", hrg. vom Heimat- und Geschichtsverein Biebesheim e.V., Heft No. 5, Biebesheim 2003 

Biebesheim, in: alemannia-judaica.de (mit Text- und Bildbeiträgen zur jüdischen Ortshistorie)

Timo Kolb, Jüdisches Leben in Biebesheim, hrg. vom Heimat- u. Geschichtsverein Biebesheim e.V., 2017

Ute Sebastian (Red.), Aktive Frauen Biebesheim setzen sich für Stolperstein-Initiative ein, in: „Main-Spitze“ vom 20.2.2017

N.N. (Red.), Biebesheim: Zweiter Anlauf für Stolpersteine, in: „Echo“ vom 18.4.2017

Dirk Winter (Red.), Keine Stolpersteine in Biebesheim, in: „Main-Spitze“ vom 11.5.2017