Bischheim (Elsass)

Datei:Umgebung von Strassburg 1883.jpg Das im Unterelsass gelegene Bischheim mit derzeit ca. 17.000 Einwohnern - nur wenige Kilometer nördlich der Innenstadt von Straßburg gelegen  - trägt heute den gleichlautenden französischen Ortsnamen (hist. Karte von 1883, Abb. aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die Gemeinde von Bischheim war eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden im Unterelsass. Ihre Entstehung geht vermutlich ins 16.Jahrhundert zurück. Besonders in der Zeit vor der Französischen Revolution besaß Bischheim mit seinen jüdischen Bewohnern einen großen Einfluss auf die Belange der elsässischen Judenschaft; so war die Kleinstadt Sitz eines Rabbinats und zeitweise auch Wohnort des Oberhauptes der Juden im Elsass.

Zu den bekanntesten Persönlichkeiten Bischheims gehörten Herz Cerf-Berr (1730-1793) und sein Schwiegersohn Josef David Sintzheim, der 1808 erster Oberrabiner Frankreichs war.

Aus einem Artikel der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 30. Juni 1884:

Rabbi Herz Cerfberr. Cerfberr gehört zu denjenigen Männern, die sich in hervorragender Weise um ihre Glaubensbrüder verdient gemacht haben. – Er war zu Bischheim bei Straßburg gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts geboren und entstammte einer frommen und reichen Familie. Cerfberr zählte zu den ersten, denen sich wieder die Tore der alten Stadt Straßburg öffneten, die Jahrhunderte hindurch den Juden verschlossen geblieben waren. Seine rastlose Tätigkeit, die besonders dem Wohle der Juden des Elsasses galt, entfaltete sich hauptsächlich während der Regierungszeit Ludwigs XVI. – Die namenlose Verschwendung an den französischen Höfen hatte nicht selten große Geldnot zur Folge, und aus dieser musste oft der Jude der Retter sein. ... – Vereint mit den reichen Juden des Landes, besonders mit der ihm verwandten, aus Regensburg stammenden vornehmen Familie Ratisbonne hatte Cerfberr manches drohende Unglück durch große Summen Geldes von den Juden seines Landes abgewendet. Er erlebte aber auch noch das Glück, die Morgenröte der Humanität, die so manches Schattenbild verscheuchte, aufbrechen zu sehen. – Auf dem großen Friedhofe zu Rosenwiller im Elsass ruhen die Gebeine dieses ausgezeichneten Mannes.

Eine um 1780 erbaute Synagoge, die einen in einem Privathaus untergebrachten Betsaal ablöste, wurde ca. 60 Jahre später durch eine neue ersetzt, deren Bau die Gemeinde finanziell fast überfordert hat.

In einem Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 3.Aug. 1839 hieß es:

Bischheim (bei Straßburg). 24. Juni (Privatmitth.) Wiederum ein Beweis des wahrhaft liberalen Systems unserer Regierung! Die israelitische Gemeinde von Bischheim, fast ausschließlich aus Armen bestehend, hat seit einem Jahre dahin zu gelangen gesucht, eine neue Synagoge zu bauen. Denken Sie, welchen Opfern diese Israeliten ausgesetzt waren, und welchen Entziehungen sie sich zu diesem Zwecke unterwerfen mußten. Siehe da, ein Schreiben des Präfekten an unser Konsistorium, welches dies letztere uns mitgetheilt, zeigt an, daß der Minister des Inneren unserer Gemeinde als Unterstützung zum Bau eines Tempels eine Summe vom 1.000 Fr. bewilligt hat. Das Munizipal-Conseille hat außerdem schon vor einem Jahre eine fast gleiche Summe für den gedachten Zweck votirt.

  Ehem. Synagoge von Bischheim (hist. Abb., aus: alemannia-judaica.de)

1835 öffnete eine jüdische Elementarschule ihre Pforten; auf Grund der hohen Schülerzahl wurde 1848 ein neues Schulgebäude errichtet.

Der heute mitten im Stadtgebiet gelegene Friedhof stammt aus dem Jahre 1797. Zuvor hatte man Verstorbene auf den jüdischen Friedhöfen in Ettendorf und Rosenweiler/Rosenwiller begraben. 

   File:Cimetiere-juif-bischheim.jpg

 Jüdischer Friedhof in Bischheim (Aufn. Christophe Vigneron, 2008 u. Nicolas Target, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Juden in Bischheim:

        --- 1774 ............................  210 Juden (in 39 Familien),

    --- 1784 ............................  473   “   (in 79     “   ),

    --- 1807 ............................  604   “  ,

    --- 1846 ............................  746   “  ,

    --- 1861 ............................  720   “  ,

    --- 1870 ............................  673   “  ,

    --- um 1900 ..................... ca.  300   “  ,

    --- 1936 ............................  149   “  ,

    --- 1953 ............................  134   “  ,

    --- um 1960 ..................... ca.   50 jüdische Familien.

Angaben aus: Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, S. 40

Auberge du Cheval Blanc.jpg hist. Postkarte (Ville de Bischheim, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Gegen Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die Zahl der Juden in Bischheim mit ca. 750 Gemeindemitgliedern ihren Höchststand. Infolge der Abwanderung zahlreicher Familien - vor allem nach Straßburg - reduzierte sich diese Zahl jedoch innerhalb nur weniger Jahrzehnte um mehr als die Hälfte.

Nach dem deutschen Einmarsch ins Elsass im Jahre 1940 wurde die Bischheimer Synagoge geplündert und vier Jahre später durch Kriegseinwirkung fast völlig zerstört. Die noch in Bischheim verbliebenen jüdischen Bewohner wurden zunächst nach Südfrankreich und von dort in die Lager Osteuropas deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem wurden nachweislich 38 aus Bischheim stammende bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene jüdische Bewohner Opfer des Holocaust (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/bischheim_synagogue.htm).

 

Nach Kriegsende bildete sich in Bischheim eine neue jüdische Gemeinde, der um 1960 immerhin mehr als 50 Familien angehörten. Im Jahre 1959 hatte die Gemeinde eine neue Synagoge erbauen lassen.

http://judaisme.sdv.fr/synagog/basrhin/a-f/bischhei/pict/proces59.jpg  

Synagogeneinweihung (Aufn. Thiennot Klein, 1959)                                             neue Synagoge (Aufn. J. Hahn, 2004)

Einzigartig im Elsass ist die aus dem 16.Jahrhundert stammende, mit einer Wendeltreppe ausgestattete Mikwe in Bischheim; der hier eingerichtete „David-Sintzheim-Raum“ ist der jüdischen Ortsgeschichte gewidmet.

  David Sintzheim (geb. 1745 in Trier) war in den 1780er Jahren Rabbiner in Bischheim; er war seit 1806 Vorsitzender des Sanhedrin (des aus 71 jüdischen Notabeln bestehenden Hohen Rates), Rabbiner in Straßburg und erster Oberrabbiner in Frankreich. Er starb 1812 in Paris.

Abgang zur Mikwe (Aufn. Nicolas Target, 2010 in: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Schiltigheim – heute eine Stadt mit derzeit ca. 31.000 Einwohnern zwischen Straßburg und Bischheim gelegen – existierte im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert eine kleine israelitische Gemeinschaft, deren Angehörige der Straßburger oder der Bischheimer Gemeinde angehörten. Heute erinnert noch der jüdische Friedhof an die Vergangenheit.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Alsace%203/Schiltigheim%20Cimetiere%20105.jpgJüdischer Friedhof Schiltigheim (Aufn. J. Hahn, 2004)

 

Weitere Informationen:

Moïse Ginsburger, Histoire de la communauté de Bischheim-am-Saum, réédition de l’ouvrage paru en 1937

Charles Friedemann, Aus der Geschichte der (jüdischen) Gemeinschaft von Bischheim, in: Festschrift zur Einweihung der neuen Synagoge 1959

Robert Weyl, Das jüdische Bad in Bischheim, Aufsatz 1977

Simon Schwartzfuchs, Création de la Yeshiva de Bischheim, aus: " l’Almanach du kkl Strasbourg 1991"

Michel Rothé/Max Warschawski, Les synagogues d’Alsace et lieur histoire, Jerusalem 1992

Jean-Pierre Zeder, Présence juive à Bischheim - Catalogue d’exposition, 1998

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 152

Bischheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Schiltigheim, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Aufnahmen vom Friedhof)