Bischofsheim (Hessen)

 Bildergebnis für landkreis Groß Gerau ortsdienst.deDie Kommune Bischofsheim mit derzeit ca. 12.500 Einwohnern gehört zum Kreis Groß-Gerau und liegt nur wenige Kilometer westlich von Rüsselsheim nahe der Mündung des Main in den Rhein (Landkreiskarte aus: ortsdienst.de/Hessen/gross-gerau).

Jüdische Bewohner in Bischofsheim sind seit dem 18.Jahrhundert urkundlich nachweisbar; doch vermutlich gab es hier bereits zu einem früheren Zeitpunkt eine kleine jüdische Gemeinschaft, da sich ältere Thorarollen im Besitz der Gemeinde befunden haben. Offiziell gegründet wurde die Kultusgemeinde erst um 1825. Die wenigen Juden bestritten ihren Lebensunterhalt mit dem Kleinhandel, vor allem mit Landesprodukten wie Öl, Wolle und Vieh.

Um 1850 errichteten die Bischofsheimer Juden in der Frankfurter Straße ihre Synagoge. Sie wurde in den 1870er Jahren baulich verändert. Die Gemeinde beschäftigte auch einen eigenen Religionslehrer, der zugleich die Aufgaben des Vorbeters und Schächters übernahm. Die Stellenbesetzung war einem häufigen Wechsel unterworfen.

 (1862) (1864)     (1871) (1884)

Verstorbene wurden auf dem israelitischen Friedhof in Groß-Gerau beerdigt.

Die Gemeinde, der auch die wenigen jüdischen Familien im benachbarten Ginsheim angeschlossen waren, unterstand dem orthodoxen Rabbinat Darmstadt II.

Juden in Bischofsheim:

        --- um 1770 ......................   3 jüdische Familien,

    --- 1815 .........................   6     „       „    ,

--- 1830 .........................  48 Juden (ca. 7% d. Bevölk.),

--- 1861 .........................  71   “  ,

    --- 1873 .........................  60   “  ,

    --- 1880 .........................  64   "   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1895 .........................  63   “  ,

    --- 1905 .........................  68   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1910 .........................  46   "   (ca. 1% d. Bevölk.),

    --- 1924 .........................  32   "  ,

    --- 1933 .........................  40   “  ,*   * andere Angabe: 22 Pers.

    --- 1942 (März) ..................  16   “  ,

             (Dez.) ..................  keine.

Angaben aus: Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen ..., S. 67

und                Bischofsheim (mit Ginsheim), in: alemannia-judaica.de

Die jüdischen Familien in Bischofsheim lebten ursprünglich vom Handel mit Vieh und Landesprodukten; seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten sie auch Gewerbebetriebe und Läden am Ort aufgemacht. Mitte der 1920er Jahre – im Ort lebten damals etwa 30 jüdische Personen - sind die folgenden in jüdischem Besitz stehenden Gewerbebetriebe bekannt: Metzgerei Berthold Kahn (Spelzengasse), Textil- u. Lebensmittelgeschäft Hugo Kahn (Gartenstraße 1), Textilgeschäft u. Metzgerei Hartwig Kahn (Frankfurter Straße), Futtermittel- und Getreidehandel Sigmund Selig Söhne (Spelzengasse), Metzgerei und Kleinviehhandel Max Blumenberg (Taunusstraße) und Geschäft von Heinrich Hirsch (Bahnhofstraße).

In der Pogromnacht wurden die Synagoge und das nahe liegende jüdische Geschäft der Familie Kahn schwer beschädigt. Da das Synagogengebäude bereits in Privathand übergegangen war, konnte die neue Besitzerin eine Brandlegung verhindern.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20384/Bischofsheim%20KK%20MZ%20Hirsch%20Heinrich.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20384/Bischofsheim%20KK%20MZ%20Kahn%20Hugo.jpg

Zwei J-Kennkarten gebürtiger Bischofsheimer Juden - ausgestellt 1939 in Mainz

Wenig später verließen einige jüdische Einwohner Bischofsheim; die zurückgebliebenen wurden zwangsweise in zwei „Judenhäuser“ eingewiesen und von hier im Laufe des Jahres 1942 in die Ghettos/Lager im besetzten Polen deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden nachweislich 24 gebürtige bzw. längere Zeit im Ort ansässig gewesene jüdische Bewohner Opfer des Holocaust; aus Ginsheim waren es drei Personen (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/bischofsheim_gg_synagoge.htm).

 

Gegenüber dem ehemaligen Synagogengebäude ist seit 1988 eine Gedenktafel angebracht. Zudem erinnert ein Gedenkstein am Marienplatz an die jüdischen Bewohner Bischofsheims, die Opfer der NS-Vernichtungspolitik geworden sind.

Gedenkstein mit Namen der Opfer (Aufn. Albert Goessl)  

Eine bereits für 2011 geplante Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ - initiiert vom Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau e.V. - konnte bislang nicht realisiert werden (Stand 2019).

 

Im gleichnamigen Bischofsheim a.d. Rhön existierte vermutlich vom ausgehenden 14. bis gegen Mitte des 17.Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde; möglicherweise ist diese im Laufe des Dreißigjährigen Krieges aufgegeben worden.

Juden wurden in Bischofsheim erstmals 1336 erwähnt. 1401 wurde den hiesigen Juden eine besondere Steuer von je zehn Gulden an die fürstbischöfliche Kammer und an die Herren von Ebersberg auferlegt.

Aus der Mitte des 19.Jahrhunderts ist ein Bericht des Landrichter Eyßel überliefert, in dem es u.a. hieß: „Die in den alten Zeiten zu Bischofsheim befindlichen Juden mögen zur Zeit als die Edlen von Ebersberg, Haun, Rumrod in Bischofsheim Besitzungen und Wohnstätten hatten, dahin gekommen sein und Aufnahme gefunden haben. Deren Wohnungen befanden sich in der oberen Hofgasse, welche auch Judengasse genannt wurde. Von einzelnen Einwohnern Bischofsheims wird auf Zeugnis eines gewissen Johann Aschenbrücker, geboren 1732, welcher ein beinahe hundertjähriges Alter erreicht hatte, angegeben, daß noch in den 1750er Jahren in der Hofgasse Judenhäuschen standen, welche ein Brandunglück verschont hatte. Die Zahl der Judenschaft zu Bischofsheim mag nicht unbeträchtlich gewesen sein, denn sie hatten einen Tempel und großen Begräbnisplatz. Die Stelle, an welcher in der Hofgasse der Tempel gestanden, und an welcher noch die Fundamente zu erkennen sind, wurde später mit einer Scheune überbaut. Die Scheune wurde 1816 ein Raub der Flammen. Nach Angaben des damaligen Besitzers Johann Georg Eckert von Bischofsheim wurden an der Brandstätte Nachgrabungen angestellt und nebst vielem alten Eisen, welches auf einen großartigen Bau hindeutete, auch ein Teil einer alten Sabbatlampe von Messing ausgegraben, …“

Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert kam es in Bischofsheim nur zum vereinzelten Zuzug weniger jüdischer Personen, ohne dass hier eine autonome jüdische Gemeinde entstehen konnte.

 

Weitere Informationen:

Anton Schumm, Geschichte der Stadt Bischofsheim vor der Rhön, seinen Landsleuten und allen Freunden der Rhön, Würzburg 1875, S. 16

Paul Arnsberg, Die Jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 83

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 128/129 (Bischofsheim a.d.Rhön)

Thea Altaras, Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? , Königstein i.Ts. 1988, S. 137

Christine Hartwig-Thürmer, “Hier war’s schon schlimm ...” - Die jüdische Gemeinde in (Mainz)-Bischofsheim unterm Hakenkreuz, in: Anton Keim (Hrg.), Als die letzten Hoffnungen verbrannten - 9./10.November 1938. Mainzer Juden zwischen Integration und Vernichtung, Verlag Hermann Schmidt, Mainz 1988, S. 115 ff.

Christine Hartwig-Thürmer, Ginsheim - Gustavsburg - Bischofsheim 1933-1945. Die Mainspitze unterm Hakenkreis, Hrg. Gemeindevorstand Bischofsheim und Gemeindevorstand Ginsheim-Gustavsburg), 1989

Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, Hrg. vom Kreisausschuß des Kreises Groß-Gerau, Groß-Gerau 1990, S. 67 f. und S. 328

Thea Altaras, Das jüdische Rituelle Tauchbad und Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? Teil II., Königstein i. Ts. 1994, S. 116 (Neubearbeitung 2007)

Bischofsheim mit Ginsheim (Krs. Groß-Gerau), in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Bischofsheim a.d. Rhön, in: alemannia-judaica.de

Albert Goessl (Red.), Neuer Schwung in Sachen Stolpersteine, in: „Echo“ vom 13.11.2013