Bleicherode (Thüringen)

Nordhausen (Landkreis) Karte Bleicherode ist eine Kleinstadt mit derzeit mehr als 6.000 Einwohnern im thüringischen Landkreis Nordhausen – ca. 15 Kilometer südwestlich der Kreisstadt gelegen (Karte: ortsdienst.de/thueringen/nordhausen).

Gegen Ende des 13.Jahrhunderts sollen sich erstmals Juden in Bleicherode aufgehalten haben. Sie waren vermutlich aus Italien und Frankreich zugewandert und unterstanden als sog. „Kammerknechte“ Kaiser Rudolf I. Von Ausweisungen und Verfolgungen sollen sie hier lange Zeit verschont geblieben sein. Um 1590 erreichten die ihnen feindlich gesonnenen Bleicheroder Bürger, dass die wenigen jüdischen Familien ausgewiesen wurden. Ein Ausweisungsedikt des Grafen vertrieb daraufhin alle Juden aus der Grafschaft Hohnstein. Erst 100 Jahre später ließen sich vereinzelt Juden hier nieder, ab den 1720er Jahren folgte dann - mit dem Aufblühen der Textilindustrie in Bleicherode - ein verstärkter Zuzug, und innerhalb von nur vier Jahren verdoppelte sich die Zahl der hier lebenden jüdischen Bewohner.

Im Gründungsjahr ihrer Gemeinde (1728) erwarb die Bleicheroder Judenschaft an der Schustergasse ein Gelände, auf dem sie ihren Friedhof anlegte. Für dessen Nutzung musste eine jährliche Abgabe geleistet werden. Die terrassenförmig angelegten Grabstätten weisen zunächst hebräische, später dann deutsche Beschriftungen auf.

Ab 1725 besaßen die Juden Bleicherodes einen Betraum im Obergeschoss eines angemieteten Hauses, der sog. „Alten Kanzlei“. In einem Vertrag von 1791 konnte sich die jüdische Gemeinde die Nutzung der Räumlichkeiten dauerhaft sichern, als die neue Eigentümerin Gräfin von Hagen zusicherte, „der Judenschaft zu Bleicherode einen Beweis einer gegen sie als Mitmenschen hegenden moralischen guten Gesinnung zu geben.“ Zwei Räume in der „Alten Kanzlei“ wurde bis 1882 als Synagoge genutzt.

  „Alte Kanzlei“ – Ehem. Sitz der alten Synagoge (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Im Jahre 1880 wurde der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt, die Finanzierung des Baues wurde durch freiwillige Spenden erbracht. Nach zweijähriger Bauzeit konnte der Neubau - entworfen vom hannoverschen Architekten Edwin Oppler - in der Obergebraer Straße/Gartenstraße am 1.Juni 1882 bezogen werden. Nach einem Abschiedsgottesdienst in der alten Synagoge begaben sich die Gemeindemitglieder in einem Festzug zur neuen, deren feierliche Einweihung der Rabbiner Dr. Leimdörfer aus Nordhausen vornahm; anwesend war auch der aus Bleicherode stammende Landesrabbiner Prof. Heidenheim.

   

Entwurfszeichnungen: Neue Synagoge in Bleicherode - Lithographien (Stadtarchiv/Stadtarchiv Hannover)

Zur religiösen Unterweisung der jüdischen Kinder und zur Besorgung ritueller gemeindlicher Aufgaben war ein Lehrer angestellt.

Juden in Bleicherode:

        --- um 1590 .........................   6 jüdische Familien,

    --- um 1600 ......................... keine,

    --- 1701 ............................   8     “       “    ,

    --- 1725 ............................  86 Juden,

    --- 1729 ............................ 155   “  ,

    --- 1746 ............................ 177   “  (ca. 30 Familien),

    --- 1786 ............................  21 jüdische Familien,

--- 1816 ............................ 121 Juden,

--- 1847 ............................ 169   “  ,

    --- 1858 ............................ 108   “  ,

    --- 1890 ............................ 144   “  ,

    --- um 1900 ......................... 147   “  ,   

    --- 1910 ............................ 165   “  ,

    --- 1925 ............................ 107   “  (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1933 ........................ ca. 100   “  ,

    --- 1937 ............................  77   “  ,

--- 1939 ........................ ca.  30   “  ,

--- 1942 (Dez.) .....................  keine.

Angaben aus: Hans-Joachim Diedrich, Zur historischen Entwicklung der Stadt Bleicherode

und                Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band II, S. 818 f.

Die Mehrzahl der Juden in Bleicherode verdiente im 18.Jahrhundert ihren Lebensunterhalt als Krämer, Hausierer und Pferdehändler. Für die wirtschaftliche Entwicklung Bleicherodes hatten die jüdischen Einwohner eine große Bedeutung, denn der Übergang von der Hand- zur mechanischen Weberei wurde besonders von jüdischen Fabrikanten betrieben; zu den von ihnen geführten Textilbetrieben gehörten diejenigen von Schoenheim's Wwe. (vertreten durch Carl Beyth), Philipp Schlesinger, Carl Helft, Carl Michaelis, Gebrüder Michaelis, Gebrüder Katz. In ihren Unternehmen fanden viele Menschen Arbeit.

Die Familie Samuel Frühberg baute das einzige private Bankgeschäft in der Stadt auf (1870). Dadurch gelangten jüdische Familien zu Ansehen und Wohlstand, und nicht zuletzt auch deshalb, weil sie städtische Projekte, wie z.B. den Bau eines Krankenhauses, durch großzügige finanzielle Zuwendungen unterstützten. Daneben gab es in Bleicherode auch kleinere Ladengeschäfte in jüdischem Besitz.

Lehrstellenangebote

Anzeigen aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 7.Aug. 1848 und vom 30.April 1849

Bis zum Beginn der NS-Zeit waren jüdische Bewohner im Stadtrat vertreten, und es ist auch ihrer Initiative zu verdanken, dass die Stadt für den Fremdenverkehr erschlossen wurde und als Luftkurort Anerkennung fand.

09271-Bleicherode-1907-Untere Hauptstraße-Brück & Sohn Kunstverlag.jpg09272-Bleicherode-1907-Hauptstraße-Brück & Sohn Kunstverlag.jpg

Hauptstraße in Bleicherode – hist. Postkarten, um 1910 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, CC0)

Anfang der 1930er Jahre befand sich die hiesige Textilindustrie - zu etwa 90% in jüdischem Besitz - auf Grund der Weltwirtschaftskrise in einer schwierigen Situation, in deren Folge es zu vorübergehenden Schließungen von Betrieben und Kurzarbeit kam. Ab 1935 setzte der Exodus Bleicheröder Juden vor allem in überseeische Länder ein; damit einher ging die Übernahme der Gewerbeeinrichtungen in „arische“ Hände. Der damalige Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter Dr. Arthur Schnell gehörte hier zu denjenigen Aktivisten, die den Prozess der „Arisierung“ vorantrieben.

In der Pogromnacht von 1938 fiel auch die Bleicheröder Synagoge einem Brandanschlag zum Opfer. Zwölf jüdische Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen. Alle sich noch am Orte befindlichen jüdischen Betriebe mussten bis Ende 1938/Anfang 1939 im Zuge der „Arisierung“ aufgegeben werden. Bis Kriegsbeginn hatten die meisten jüdischen Bewohner die Stadt verlassen. Der letzte jüdische Webereibesitzer am Ort, Felix Rothenberg, beging Selbstmord. 1942 wurden die wenigen noch in Bleicherode verbliebenen jüdischen Familien deportiert - „nach unbekannt verzogen“ hieß es dazu.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind nachweislich 51 gebürtige bzw. länger in Bleicherode wohnhaft gewesene jüdische Bürger Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden (namentliche Nennung der betreffenden Personen siehe: alemannia-judaica.de/bleicherode_synagoge.htm).

 

Kurz nach Kriegsende wurden die umgestürzten Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof Am Vogelberg/Schustergasse aufgerichtet und die Anlage wieder in einen würdigen Zustand versetzt; heute sind hier noch etwa 220 Grabstätten erhalten.

 Jewish cemetery Bleicherode 2.jpgJewish cemetery Bleicherode 19.jpg

Jewish cemetery Bleicherode 13.jpg Jewish cemetery Bleicherode 15.jpg Jewish cemetery Bleicherode 18.jpg

Jüdischer Friedhof in Bleicherode (Aufn. A., 2017, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Seit 1986 erinnert am Standort der zerstörten Synagoge - die Ruine wurde in den 1950er Jahren abgetragen - ein Gedenkstein mit der folgenden Inschrift an das einstige jüdische Gotteshaus:

Hier stand die Synagoge der jüdischen Gemeinde

Sie wurde in der Pogromnacht am 9.November 1938 von Faschisten niedergebrannt.

Von der Evangelischen Kirchengemeinde wurde am 50.Jahrestag der Pogromnacht eine Gedenktafel mit dem folgenden Text an einer Außenwand der hiesigen Marienkirche angebracht:

In unserer Stadt gab es eine Gemeinschaft

unserer älteren Geschwister im Glauben an Gott

die jüdische Gemeinde Bleicherode

Ihre Synagoge wurde am 9.November 1938 niedergebrannt

Die Menschen wurden verächtlich gemacht, gemieden, vertrieben

Viele wurden umgebracht und wir haben geschwiegen

Herr, hilf, daß wir nicht wieder schweigen

wenn neben uns Menschen verächtlich gemacht oder gemieden werden

Amen.

1988 - fünfzig Jahre danach.

Auf Privatinitiative hin konnte das Gebäude der „Alten Kanzlei“, in dem sich von 1725 bis 1882 die Synagoge befand, grundlegend saniert werden. Im Gebäude ist seit 2007 eine aus 50 Bildtafeln bestehende Dokumentation zur jüdischen Geschichte Bleicherodes untergebracht.

                         „Alte Kanzlei“ nach der Restaurierung (Aufn. Graf & Partner)

Im November 2008 wurde ein neuer Gedenkstein für die von den Nationalsozialisten zerstörte Bleicheröder Synagoge in der Obergebraer Straße aufgestellt.

                     neuer Gedenkstein für die zerstörte Synagoge (Aufn. Stadt Bleicherode) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20295/Bleicherode%20Synagoge%20153.jpg

                                                           Modell der Synagoge (Stadtarchiv Bleicherode)

2006 wurden in der Talstraße zwei sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an das jüdische Ehepaar Elly und Leopold Stein erinnern, das 1943 deportiert und ermordet wurde.

                     Stolperstein Talstraße 14, Bleicherode (Leopold Stein).jpg Stolperstein Talstraße 14, Bleicherode (Elly Stein).jpg Aufn. A., 2017, aus: wikipedia.org, CCO

 Aus Bleicherode stammte der spätere Rabbiner u. Gymnasialprofessor Philipp Heidenheim (geb. 1814). Seine erste Anstellung fand er nach bestandenem Lehrerexamen in Sondershausen, wo er ein Knabenpensionat gründete. Von hier führte sein Weg nach einer Rabbinerausbildung nach Schönlanke; von dort kam er 1845 zurück nach Sondershausen und wirkte nun im Amt des Landesrabbiners für Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Rudolstadt. Nach jahrzehntelanger Tätigkeit an der fürstlichen Realschule wurde Philipp Heidenheim zum Professor ernannt; 1886 ging er in den Ruhestand. 1906 verstarb er; sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Sondershausen.

 Schwarz-Weiß-Porträtfoto von Hans Beyth Nach Hans Beyth (geb. 1901 in Bleicherode), dem Bruder von Carl Beyth ( er vertrat die Handelsinteressen der Bleicheröder Weberei Schönheim‘s Witwe), wurde in Jerusalem eine große Durchgangsstraße („Shmu’el Bait“, auch „Hans Beyth Street“) benannt. Hans Beyth, der 1935 nach Palästina emigrierte, war engster Mitarbeiter von Henrietta Szold, einer führenden Zionistin. Ab 1945 übernahm Hans Beyth die Führung der jüdischen Kinder- u. Jugend-Alijah; durch seine langjährigen Aktivitäten hat er Hunderten von Kindern/Jugendlichen das Leben gerettet. Er wurde 1947 bei einem Feuergefecht in Palästina getötet.

 

Weitere Informationen:

David Leimdörfer, Die Hochziele des Gotteshauses: Festrede zur Einweihung der neuen Synagoge [zu Bleicherode] am 1. Juni 1882

Wilhelm Kolbe, "Heimatland – Illustrierte Heimatblätter für die südlichen Vorlande des Harzes", Sonderheft Bleicherode, Heft 1/1924

Hans-Joachim Diedrich, Zur historischen Entwicklung der Stadt Bleicherode, Teil 8: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde (1465 - 1945), o.O. 1967 (Anmerkung: sehr ausführliche Darstellung der Zeit vor 1850)

Hans-Joachim Diedrich, Zur 500jährigen Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bleicherode und Umgebung, in: "Nachrichtenblatt der jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin und des Verbandes der jüdischen Gemeinden in der DDR", mehrere Ausgaben der Jahre 1973 – 1975

Michael Krusche, Die jüdische Gemeinde in Bleicherode von 1900 - 1945, Manuskript (1988), Heimatmuseum Bleicherode

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band II, Dresden 1990, S. 818 f.

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 261 - 263

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 261 - 265

Monika Kahl, Denkmale jüdischer Kultur in Thüringen, Kulturgeschichtliche Reihe, Band 2, Hrg. Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege, Leipzig 1997, S. 53 f.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 805 f.

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Band 8 Thüringen, Frankfurt/M. 2003, S. 180/181 

Peter Kuhlbrodt, Verzeichnis der Nordhäuser jüdischen Familien zur Zeit des Neuanfanges im Jahre 1808, 1922 und 1829, veröffentlicht 2006, online abrufbar unter: lesser-stiftung.de. (Anm.: mit einer Zusammenstellung der in Bleicherode 1808 lebenden jüdischen Familien)

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Sömmerda 2007, S. 78 – 80

Anette Kanis, Puzzlearbeit. Ein pensionierter Banker erforscht die jüdische Geschichte von Bleicherode, in: "Jüdische Allgemeine" No. 9/2009, S. 20

Dirk Schmidt, Dokumentation zur jüdischen Geschichte Bleicherodes (50 Bildtafeln), Dauerausstellung in der Alten Kanzlei

Bleicherode, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie und zahlreichen Aufnahmen vom jüdischen Friedhof)

Auflistung der in Bleicherode verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bleicherode

Dirk Schmidt (Red.), Zur Synagogengeschichte von Bleicherode, in: „Nordhäuser Nachrichten – Südharzer Heimatblätter“, Band 27/2018, S. 4 - 6

Dirk Schmidt (Bearb.), Die Judenverfolgung in der Kleinstadt Bleicherode, in: "Nordhäuser Nachrichten - Südharzer Zeitung", Band 27/2018, S. 9 - 15