Borgentreich (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Borgentreich in HX.svg Borgentreich – in der Warburger Börde zwischen Weser und Eggegebirge - ist heute eine ostwestfälische Kleinstadt im Kreis Höxter - ca. 35 Kilometer nordwestlich von Paderborn gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erste gesicherte Hinweise, dass Juden in Borgentreich gelebt haben, stammen aus der Mitte des 17.Jahrhunderts. In den Folgejahrzehnten bildete sich hier eine kleine jüdische Gemeinde.

Ihre Angehörigen bestritten ihren Lebensunterhalt vorwiegend mit dem Handel, der Schlachterei und mit Geldgeschäften.

Bis zum Bau einer kleinen Synagoge im Jahre 1753, die an ein Wohngebäude an der Ecke Lehmtor-/Gossenstraße angebaut war, hielten die wenigen Juden des Ortes ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte in Privaträumen ab.

Nachdem 1806 ein großer Stadtbrand das Gebäude völlig eingeäschert hatte, wurde an gleicher Stelle, nun aber freistehend, eine neue Synagoge erbaut.

Ab Mitte des 19.Jahrhunderts gehörte Borgentreich als Filialgemeinde zum nahen Borgholz. Mehrere Versuche, sich selbstständig zu machen, scheiterten zunächst; erst 1929 wurde Borgentreich nun Hauptgemeinde, der sich Borgholz und Körbecke unterordnen mussten. Auch die Orte Bühne und Fronhausen gehörten zur Borgentreicher Synagogengemeinde.

Eine Begräbnisstätte „Im Judenhagen“, die Teil der alten Wallanlage war, nutzte die Borgentreicher Judenschaft bis Anfang der 1880er Jahre, danach wurde ein neues Beerdigungsgelände hinter dem Rathaus belegt. Auf dem alten Friedhof gibt es heute keine Grabsteine mehr; die letzten zwölf Steine verbrachte man auf das Gelände des neuen Friedhofs, so dass hier insgesamt ca. 45 stehen.

Juden in Borgentreich:

    --- um 1650 ........................   5 jüdische Familien,

    --- 1681 ...........................   8     “       “    ,

    --- 1704 ...........................   8     “       “    ,

    --- 1800 ...........................  14     “       “    ,

    --- 1840 ........................... 104 Juden,

    --- 1861 ...........................  74   “  ,

    --- 1885 ...........................  54   “  ,

    --- 1905 ...........................  23   “  ,

    --- 1933 ...........................  19   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Detmold, S. 178

und                Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938, S. 606 (Anhang)

Während des Pogroms im November 1938 wurde die gesamte Inneneinrichtung der Synagoge zerschlagen, aus dem Gebäude geschleppt und anschließend verbrannt. Das Gebäude selbst blieb baulich erhalten, da eine Brandlegung die Nachbargebäude gefährdet hätte. Im Sommer 1939 wurde das Synagogengebäude an einen Privatmann veräußert, der es nun als Abstellraum nutzte. Ende der 1950er Jahre riss man das Gebäude ab, um einer Straßenerweiterung Platz zu machen.

In einem Bericht des Borgentreicher Bürgermeisters vom 17.11.1938 hieß es:

„ ... Die Bevölkerung hat die Aktion vielfach nicht verstanden, oder besser, sie wollte sie nicht verstehen. Die Juden wurden auch bemitleidet. Insbesondere darüber, daß ihnen Schaden an ihrem Hab und Gut zugefügt wurde und daß die männlichen Juden einem Konzentrationslager zugeführt wurden. Diese Stimmung der Bevölkerung war gewiß nicht allgemein, aber ich schätze, daß hierzulande wenigstens 60% der Bevölkerung so dachte. ...”

In den anderen Stadtteilen von Borgentreich gab es ebenfalls kleine jüdische Gemeinschaften, so in Borgholz, Großeneder, Körbecke und Bühne.

                           Juden in Borgholz                              Juden in Körbecke                               Juden in Bühne

                     --- 1803 ........... 64 Juden

           --- 1843 ........... 88   “            .......... 58 Juden         .......... 64 Juden,

           --- 1888 ........... 47   “            .......... 18   “           .......... 28   “  ,

           --- 1895 ........... 34   “            .......... 13   “           .......... 28   “  ,

           --- 1909 ........... 18   “            .......... 10   “           .......... 13   “  ,

           --- 1925 ...........  7   “            .......... 16   “           ........... 8   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil III: Reg.bezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 172 - 177 (Borgholz), S. 180 (Großeneder) und S. 180 - 182 (Körbecke u. Bühne)

Seit dem 17.Jahrhundert hielten sich Juden im Dorfe Großeneder auf. In den Steuerlisten aus dem Jahr 1787 waren vier jüdische Familien vermerkt. Ihren personellen Höchststand erreicht die hiesige Judenschaft in den 1840er Jahren mit ca. 40 Personen. Die Synagoge von Großeneder, in deren Einzugsbereich auch die Juden aus Dössel, Eissen, Hohenwepel und Lütgeneder gehörten, wurde im Jahre 1824 als Anbau an ein bestehendes Haus errichtet und vermutlich bis in die 1920er Jahre genutzt. An den Gottesdiensten beteiligten sich auch die Juden aus Dössel, Eissen und Lütgeneder, später auch aus Hohenwepel. Mitte der 1850er Jahre wurde die Gemeinde Großeneder der von Peckelsheim eingegliedert.

Der außerhalb der Ortschaft liegende jüdische Friedhof, dessen Anlage um die Mitte des 19.Jahrhunderts erfolgte und der bis ca. 1930 belegt wurde, weist heute knapp 30 Grabsteine auf.

 

Zur Borgholzer Gemeinde zählten mehrere Dörfer des Umlandes, so u.a. Borgentreich, Bühne, Manrode, Muddenhagen, Natzungen, Fronhausen und Natingen. Eine erste Nennung jüdischer Einwohner in Borgholz datiert ins Jahr 1622; 1688 sind sieben männliche Juden archivalisch nachgewiesen.

Seit 1838 nutzte die Gemeinde ein eingeschossiges Fachwerkgebäude als Synagoge, dessen Finanzierung durch verschiedene Stiftungen von Gemeindemitgliedern zustande gekommen war; über eine Wendeltreppe konnte die Frauen-Empore erreicht werden. Spätestens ab 1910 konnte - wegen des fehlenden Minjans - in Borgholz kein Gottesdienst mehr gefeiert werden; knapp 20 Jahre später wurde der Sitz der Synagogengemeinde nach Borgentreich verlegt.

                              Ehem. Synagogengebäude (Aufn. aus: „Warburg zum Sonntag“, 2009)

1936/1937 wurde das Synagogengebäude verwüstet und im November 1938 der Innenraum zerstört; kurz darauf ging das Haus in den Besitz eines ortsansässigen Gastwirts über. Ende der 1990er Jahre erfolgte eine Sanierung des ehemaligen, inzwischen denkmalgeschützten Synagogengebäudes. 1999 wurde das Haus als soziokulturelle Begegnungsstätte eröffnet.

Der jüdische Friedhof im städtischen „Hagen“ zu Borgholz ist 1988 in die Denkmalliste eingetragen.

Außerhalb der Ortschaft Bühne gibt es inmitten von Feldern einen jüdischen Friedhof, der vermutlich gegen Mitte des 19.Jahrhunderts angelegt wurde; die hier noch befindlichen ca. 15 Grabsteine stehen aber nicht mehr auf ihrem angestammten Platz, da das Begräbnisgelände in der NS-Zeit stark verwüstet worden war.

           Gedenkstein auf dem Friedhofsgelände bei Körbecke am Möhnesee (Aufn. aus: moehneradweg.de, 2014)

 

Im Dorf Rösebeck – heute ebenfalls Ortsteil von Borgentreich - gab es im 19.Jahrhundert eine aus nur wenigen Familien bestehende jüdische Gemeinschaft; zusammen mit Glaubensgenossen aus Daseburg bildeten sie eine Filialgemeinde der Kultusgemeinde Warburg. Bis ca. 1850 begingen Rösebecker Juden die Gottesdienste im Bethaus in Daseburg. Danach verfügten sie über eine eigene Synagoge, die aber auf Grund des fehlenden Minjan bald aufgegeben werden musste. Anfang der 1930er Jahre lebten noch sieben jüdische Personen im Ort.

 

Weitere Informationen:

Rudolf Muhs, Die jüdische Gemeinde in Borgentreich 1646 - 1941, in: Franz Mürmann (Hrg), Stadt Borgentreich 1280 - 1980, Borgentreich 1980, S. 221 - 252

Karl Hengst/u.a., Piun-Bühne. Kulturgeschichte eines Dorfes in Ostwestfalen. Festschrift zur 1100 Jahrfeier des Ortes Bühne, Paderborn 1990 (hier ist die Skizze der Borgentreicher Synagoge enthalten)

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil III: Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 177 ff.

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen u. Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 151/152

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 62/63 Borgentreich), S. 64 – 66 (Borgholz) und S. 308 (Körbecke)

Dina van Faassen, “Das Geleit ist kündbar”. Quellen und Aufsätze zum jüdischen Leben im Hochstift Paderborn von der Mitte des 17.Jahrhunderts bis 1802, in: "Historische Schriften des Kreismuseums Wewelsburg", Band 3, Klartext-Verlag, Essen 1999, S. 117 - 119 und S. 161/162

Marcus Moors, Körbecke - eine Geschichte des Dorfes, hrg. von der Stadt Borgentreich 1999

Juden in Großeneder, in: grosseneder.de/historisches/juden

Kathrin Brüggenthiess (Bearb.), Borgentreich, in: "Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold", Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 290 – 303 (incl. Borgholz)

Karl Hengst (Bearb.), Borgentreich-Bühne, in: "Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold", Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 303 – 307 und S. 317 – 319 (Borgentreich-Natzungen)

Ursula Olschewski (Bearb.), Borgentreich-Großeneder und Borgentreich-Körbecke, in: "Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold", Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 307 - 317 und S. 320 – 322 (Borgentreich-Rösebeck)