Borgholzhausen (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Borgholzhausen in GT.svg Borgholzhausen ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 8.500 Einwohnern im Kreis Gütersloh – ca. 25 Kilometer nordwestlich von Bielefeld gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die erste Erwähnung einer jüdischen Familie in Borgholzhausen stammt aus der Zeit um 1690.

Im Jahre 1822 konnte die kleine jüdische Gemeinschaft im Klingenhagen ihre neue Synagoge mit einem ‚Schulzimmer’ einweihen. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Borgholzhausener Judenschaft wegen ihrer geringen Persosnenzahl nicht in der Lage gewesen, eine Synagoge zu unterhalten.

Über den Zustand der jüdischen Schule berichtete der Bürgermeister 1824 an den Landrat: „ ... Ein Schulzimmer ist hier vorhanden, und zwar im Vor-Local des Israelitischen Tempels (sic) hierselbst. Es wird darin auch (wenn ein Lehrer frei ist) im Sommer unterrichtet, im Winter aber, da steht er bald an einen Ofen, bald an der dazu nöthigen Feuerung und muß dann oft die Schule Wochen ja Monate ausgesetzt werden. ... Um diesen Mangel abzustellen, gab man später den Synagogen-Schulraum zu Gunsten eines angemieteten Schullokals auf. Häufige Lehrerwechsel an der Borgholzhauser Schule waren typisch. Zwischen 1839 und 1860 verfügte die kleine Gemeinde über einen eigenen Lehrer; später konnte er nicht mehr bezahlt werden.

Der um 1750 angelegte Friedhof „Auf der Nollheide“ wurde gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde Versmold genutzt. Die Begräbnisstätte gilt damit nach Preußisch-Oldendorf als der zweitälteste jüdische Friedhof in Minden-Ravensberg.

Seit der Konstituierung der Synagogengemeinde im Jahre 1856 zählten auch die wenigen Juden aus Bad Rothenfelde zur Borgholzhausener Gemeinde.

Juden in Borgholzhausen:

        --- um 1690 ...................... eine jüdische Familie,

    --- um 1820 .......................   13     “       “   n,

    --- 1831 ..........................   73 Juden (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1841/43 .......................   76   “  ,

    --- 1858 ..........................   52   “   (in 8 Familien),

    --- 1875 ...................... ca.   30   "  ,

    --- 1885 ..........................   33   “  ,

    --- 1914 ..........................   14   “  ,

    --- um 1930 .......................   10   “   (in 3 Familien),

    --- 1937 (Dez.) ...................   keine.

Angaben aus: Volker Beckmann, Die jüdische Bevölkerung der Landkreise Lübbecke und Halle i.W., S. 23

Ihren Lebenserwerb bestritten die Juden Borgholzhausens zu Beginn des 19.Jahrhunderts mit dem Hausier-, Altwaren- und Pferdehandel und dem Metzgergewerbe. Der Rückgang der jüdischen Bevölkerung war - neben Überalterung und fehlender Zuzüge - auch durch Auswanderung nach Nordamerika bedingt. Regelmäßige Gottesdienste konnten nun in Borgholzhausen wegen des Fehlens eines Minjans nicht mehr abgehalten werden. Spätestens ab 1905 fanden diese nur noch an hohen Feiertagen statt, zu denen auswärtige Glaubensgenossen eingeladen wurden.

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts besaßen jüdische Familien in Borgholzhausen zwei Eisen- und Metallwarenhandlungen, drei Glas- und Porzellanwarengeschäfte und fünf Manufakturwarenhandlungen; zudem gab es drei Fleischer, zwei Pferdehändler und auch einige Honigbäcker. Als die jüdische Gemeinde nicht mehr lebensfähig war, wurde Anfang der 1930er Jahre das inzwischen baufällig gewordene Synagogengebäude verkauft, wobei sich aber der private Käufer verpflichten musste, das Gebäude nicht als Stall oder Scheune zu nutzen. Die Thora-Rollen wurden dem Bielefelder Rabbiner in Verwahrung gegeben.

Seit Ende 1937 gab es in Borgholzhausen keine jüdischen Bewohner mehr; die letzte Familie (Fam. Weinberg) hatte sich polizeilich nach Hannover abgemeldet. Aus diesem Grunde ist es hier im November 1938 zu keinerlei Ausschreitungen gekommen.

Auf dem ca. 2.000 m² großen jüdischen Friedhofsgelände (an der Bahnhofstraße) - seit 1986 in die Denkmalsliste der Stadt eingetragen - sind heute noch etwa 130 Grabsteine vorhanden, davon einige, deren Inschriften wegen fortschreitender Verwitterung kaum mehr zu lesen sind.

JuedischerFriedhof 1.jpg

Jüdischer Friedhof in Borgholzhausen (Aufn. Sibrev, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

vgl. Versmold (Nordrhein-Westfalen)

Mit der Verlegung von sog. Stolpersteinen“ in der Kaiserstraße und Mittelstraße wird seit 2016 an die jüdischen Familien Hesse, Stern und Weinberg erinnert; zudem wurden zwei weitere Steine verlegt, die an zwei junge Menschen erinnern, denen im NS-Staat „Rassenschande“ vorgeworfen wurde (der betroffene junge Pole wurde öffentlich gehängt).

 

Weitere Informationen:

Wilhelm Dietrich Müller, Juden in Borgholzhausen, in: Unsere Heimat im Spiegel der Zeit. 100 Jahre Haller Kreisblatt, Halle 1982, S. 196/197

Käte u. Horst Uthe, “Um Deine Erziehung in den historischen Gebieten zu vergrößern”. Dokumentation und Erinnerungen. Ein Beitrag zur Geschichte jüdischer Familien in Versmold, hrg. vom Heimatverein Versmold, Versmold 1988 (jüdischer Friedhof Borgholzhausen)

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen: Band III: Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 57 - 60

Volker Beckmann, Jüdische Bürger im Amt Versmold. Deutsch-jüdische Geschichte im westlichen Ravensberger Land, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 1998

Volker Beckmann, Die jüdische Bevölkerung der Landkreise Lübbecke und Halle i.W. - Vom Vormärz bis zur Befreiung vom Faschismus (1815 - 1945), Dissertation Univ. Bielefeld 2000/2001 (2015 überarb. als PDF-Datei vorl. S. 99 - 109 u.a.)

Richard Sautmann, Blüte und Niedergang der jüdischen Gemeinde von Borgholzhausen, Borgholzhausen 2002

Richard Sautmann (Bearb.), Borgholzhausen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 322 - 327

Richard Sautmann (Red.), Die Opfer des Holocaust aus Borgholzhausen, online abrufbar unter: suite101.de/article/die-opfer-des-holocaust-aus-borgholzhausen 

Mark Hänsgen, Steinerne Zeugen helfen zu erinnern – Vor 80 Jahren forcierten die Nazis ihre Aktionen gegen die Juden – 1937 flüchtete die letzte Familie aus Pium, in: "Zeitung für Halle und Borgholzhausen" vom 4.4.2013

Martin Wernekenschnieder, Borgholzhausen im Nationalsozialismus. Eine Kleinstadt im Teutoburger Wald zwischen 1933 und 1945, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2014

Andreas Großpietsch (Red.), Stolperstein-Projekt weckt Erinnerungen, in: „Haller Kreisblatt“ vom 6.10.2016

Anke Schneider (Red.), Stolpersteine die bewegen, in: "Haller Kreisblatt" vom 11.10.2016

Stadt Borgholzhausen (Hrg.), Stolpersteine, online abrufbar unter: borgholzhausen.de/sv_borgholzhausen/Tourismus/Sehenswürdigkeiten/Stolpersteine/

Heiko Kaiser (Red.), Spannender Rückblick: Dieser Borgholzhausener war Arminia-Präsident, in: „Haller Kreisblatt“ vom 27.8.2019

Das Westfälische Amt für Denkmalpflege hat den jüdischen Friedhof fotografisch dokumentiert.