Börrstadt (Rheinland-Pfalz)

 Durch den Zusammenschluss der beiden nordpfälzischen Dörfer Nieder- und Oberbörrstadt entstand um 1790/1800 die politische Gemeinde Börrstadt; sie gehört heute mit ihren derzeit ca. 900 Einwohnern zur Verbandsgemeinde Winnweiler im Donnersbergkreis - ca. 25 Kilometer nordöstlich von Kaiserslautern gelegen (Karte aus: donnersberg-image.de).

Während vor 1795 in dem zur Grafschaft Falkenstein gehörenden Oberbörrstadt keine jüdische Ansiedlung existiert hat, lässt sich jüdisches Leben in Niederbörrstadt - es war zunächst im Besitz des Freiherrn von Sturmfeder und ab 1763 im Besitz der Fürsten von Nassau-Weilburg - spätestens seit den 1730er Jahren nachweisen. In der Ortschronik Börrstadts ist über die jüdischen Einwohner zu lesen: ... Das Recht zu schlachten und Fleisch zu verkaufen hatten in Niederbörrstadt die Juden um 1750 allein. Der christliche Untertan mußte sich des Schlachtens enthalten. Vor dem Jahre 1751 hatten die Juden, etwa 9 Familien, das ‘Metzelrecht’ gemeinsam. Um Streitigkeiten zu vermeiden, wurde dieses Recht im Jahre 1751 dem damaligen Judenvorsteher Abraham Mayer allein übertragen, der es dann anscheinend mit den übrigen Juden teilte. In der Schlachtordnung von 1750 wurde durch den damaligen Territorialherrn Freiherr von Sturmfeder bestimmt, daß nichts geschächtet werde, es sei denn vorher dem Eigentümer angezeigt worden und in ein Buch eingeschrieben. ... Für das Schlachten durften die Juden eine Gebühr (Ungelt, Accis) erheben. ... Von jedem Rindvieh ... mußte dem Schlächter die Zunge ausgeliefert werden. Für die Schlachtkonzession mußte der Judenvorsteher jährlich 10 Gulden an die Herrschaft zahlen und ein Dutzend geräucherte Zungen. ...”  (Anm.: Diese Schlachtkonzession bestand bis 1793.)

Nach stärkerer Zuwanderung in den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts erreichte die hier sich bildende Kultusgemeinde um 1830 ihren Höchststand. Um 1810 errichtete die Gemeinde nach dem Erwerb eines kleinen Grundstücks ihre ‚Judenschule’ bzw. Synagoge, die auch von den wenigen Juden aus Breunigweiler aufgesucht wurde. Zuvor hatten die jüdischen Familien über eine „Winkelsynagoge“ verfügt, einen Betraum, der sich in einem Privathaus befand.

„ ... Die Juden-Sinagoge zu Boerstadt steht ungefähr 8 Meter weit von der Straße in dem Mitten-Orte Boerstadt ab, und war früher mit einem alten Haus, welches der Judengemeinde eigenthümlich gehörte so zugebaut, daß man gar die Sinagoge von der Straße nicht sehen konnte, und durch den Zubau auch die Hellung in der Sinagoge verlohren ging. ... und die Juden erhielten durch den Abriß des alten Hauses einen schönen Eingang in die Sinagoge, woran es ihnen am mehrsten fehlte. ...”

                       (aus einem Schreiben von 1833)

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählte auch eine um 1835 eingerichtete Schule und ein eigenes Begräbnisareal „Im oberen Kirchthal“, das im Jahre 1840 eröffnet, aber nur wenige Jahrzehnte belegt wurde. Zuvor waren Verstorbene in Steinbach beerdigt worden. Auch die Schule hatte weniger als 20 Jahre Bestand.

Juden in Börrstadt:

        --- um 1775 .........................   9 jüdische Familien,

    --- 1802/04 .........................  27 Juden,

    --- 1828 ........................ ca. 110   “  (ca. 12% d. Dorfbev.),

    --- um 1850 .........................  65   “  (in 10 Familien),

    --- 1857 ............................  33   “  ,

    --- 1861 ............................  15   “  ,

    --- 1875 ............................   5   “  ,

    --- 1880 ............................   8   "  ,

    --- um 1885 .........................   keine.

Angaben aus: Bernhard Kukatzki, Die israelitische Kultusgemeinde Börrstadt, Landau 1995, S. 8

Mit der Abwanderung der jüdischen Bewohner nach 1850 löste sich die Gemeinde innerhalb nur weniger Jahre ganz auf, und die letzten Börrstädter Juden gehörten ab 1854 der benachbarten Kultusgemeinde Steinbach am Donnersberg an. [vgl. Steinbach (Rheinland-Pfalz)]

Als das Synagogengebäude nun nicht mehr genutzt wurde und zusehends verfiel, folgte schließlich um 1870 der Abriss. Ende der 1880er Jahre lebten dann keine Bewohner jüdischen Glaubens mehr im Dorf.

In einer „Aktion“ im Jahre 1937 machten Nationalsozialisten den auf einer leichten Anhöhe gelegenen jüdischen Friedhof Börrstadts dem Erdboden gleich. Die Grabsteinreste und die Steine der Friedhofsmauer sollen als Fundamente des neuerrichteten Börrstädter Arbeitsdienstlagers benutzt worden sein.

 

Seit 1964 erinnert eine von der Kommune Börrstadt errichtete Gedenkstele an den während der NS-Zeit völlig zerstörten jüdischen Friedhof; auf dem schmalen aufragenden Gedenkstein ist beiderseitig die folgende Beschriftung zu lesen:

Jüdischer Friedhof Börrstadt

zerstört 1937   -   wiederhergestellt 1964

So spricht der Herr zu Israel

Wer euch antastet der tastet meinen Augapfel an   Sacharja 2, 12

Gedenkstele (Aufn. aus: boerrstadt.de)

 

Weitere Informationen:

Alfons Hoffmann, Geschichte von Börrstadt, Ruppertsecken 1952

Werner Rasche, Die jüdischen Friedhöfe im Raume Winnweiler, in: "Nordpfälzer Geschichtsverein 1988", S. 31 f

Werner Rasche, Die jüdische Gemeinde und Synagoge von Börrstadt, Maschinenmanuskript, o.J.

Bernhard Kukatzki, Die israelitische Kultusgemeinde Börrstadt, Landau 1995

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 123

Otmar Weber, Die Synagogen in der Pfalz von 1800 bis heute unter besonderer Berücksichtigung der Synagogen in der Südwestpfalz, Hrg. Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Pfalz (Landau), Dahn 2005, S. 55/56

Börrstadt, in: alemannia-judaica.de