Bosen (Saarland)

Datei:Nohfelden in WND.svg Bosen-Eckelhausen ist heute ein Gemeindebezirk der Kommune Nohfelden im Norden des saarländischen Kreises St. Wendel (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Siedlungsschwerpunkte der jüdischen Bevölkerung im heutigen Kreis St.Wendel waren im 18.Jahrhundert die Dörfer Sötern, Bosen und Gonnesweiler.

Erste jüdische Familien haben sich hier vermutlich gegen Ende des 17.Jahrhunderts angesiedelt, und im Laufe des folgenden Jahrhunderts kamen weitere, die unter der Herrschaft der Grafen von Dürckheim standen und diesen zu Schutzgeldzahlungen verpflichtet waren.

01_2Liste der Juden von 1790

Auflistung der jüdischen Familien in Sötern und Bosen aus dem Jahre 1790 (Abb. aus: juedischeslebennohfelden.wordpress.com)

Als Bosen - wie auch Sötern und Gonnesweiler - ab 1817 zum Fürstentum Birkenfeld, einem Landesteil des Großherzogtums Oldenburg, gehörte, brach sich hier eine liberalere Judenpolitik Bahn, die weitere Ansiedlungen nach sich zog. Der in Bosen am häufigsten auftretenden Familienname war „Baum“. Zunächst bestimmten Vieh- und hausierender Kleinhandel das berufliche Bild. Die meisten Juden lebten im 19.Jahrhundert aber am Rande des Existenzminimums. Ab dem ausgehenden 19.Jahrhundert dominierten dann kaufmännische Berufe bzw. der Einzelhandel.

Die Errichtung eines Synagogengebäudes erfolgte zu Beginn der 1880er Jahre. Im Untergeschoss waren der Schulraum und die Lehrerwohnung untergebracht, im Obergeschoss befand sich der Betsaal.

          Synagoge in Bosen, Bildmitte (hist Aufn., um 1925, Landesamt) 

Zuvor hatte für mehr als 100 Jahre ein an gleicher Stelle stehendes, von der Judenschaft um 1770 erworbenes Privathaus gottesdienstlichen Zwecken gedient. In dieser „mit Stroh gedeckten Hütte” befand sich in den Kellerräumen die Mikwe, die 1841 (?) durch ein neues Badehaus ersetzt wurde. Dieses erhaltengebliebene Badehäuschen steht seit 1988 unter Denkmalschutz.

Kurzzeitig gab es hier Ende der 1820er Jahre auch eine jüdische Schule. Da aber die in recht ärmlichen Verhältnissen lebenden Bosener Juden sich kein Schulhaus leisten konnten, fand der Unterricht abwechselnd in Privathäusern statt. Ansonsten besuchten die jüdischen Kinder die christliche Dorfschule. Im Jahre 1844 erfolgte die Neugründung der jüdischen Elementarschule, sie war im Erdgeschoss der Synagoge untergebracht. Acht Jahre später besuchten wieder alle Kinder des Dorfes gemeinsam die Dorfschule, und nur der Religionsunterricht wurde getrennt erteilt. Um 1870 existierte dann für nur wenige Jahre erneut die jüdische Elementarschule, die dann unwiderruflich wegen zu geringer Schülerzahl geschlossen wurde.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20190/Bosen%20Israelit%2011041889.jpg

Anzeigen aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 18. Aug. 1874 und der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11.April 1889

Gemeinsam mit den Söterner Juden legte die Bosener Judenschaft um 1650 einen großfächigen Friedhof an, der auf einer Anhöhe an den Gemarkungsgrenzen sich befindet und als älteste jüdische Begräbnisstätte im Saarland gilt. Heute sind noch etwa 200 Grabsteine erhalten geblieben; nach Schätzungen haben in denn vergangenen Jahrhunderten hier insgesamt 500 bis 600 Bestattungen stattgefunden.

[vgl. Sötern (Saarland)]

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Blick auf das Begräbnisgelände und ältere Grabstelen (beide Aufn. J. Hahn, 2004)

Zur Synagogengemeinde Bosen gehörten Ende der 1920er Jahre auch die Ortschaften Eckelhausen, Eiweiler, Gonnesweiler, Mosberg-Richweiler, Neunkirchen, Selbach, Steinberg-Deckenhardt und Walhausen.

Die Gemeinde war dem Bezirk des Landrabbinates Hoppstädten-Birkenfeld zugehörig.

Juden in Bosen:

        --- um 1770 .......................... eine jüdische Familie,

    --- 1799 .............................    5 jüdische Familien,

    --- 1808 .............................   44 Juden,

    --- 1817 .............................   59   “  ,

    --- 1827 .............................   76   "  ,

    --- 1838 .............................   21 jüdische Familien,

    --- 1849 .............................  143 Juden,

    --- 1858 .............................  112   “   (ca. 15% d. Dorfbev.),

    --- 1890/1900 ........................   66   “  ,

    --- 1923 .............................   48   “  ,

    --- 1933 ......................... ca.   40   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ......................   keine.

Angaben aus: Eva Tigmann, Jüdische Gemeinden in Sötern, Bosen, Gonnesweiler

und                H.Jochum/J.P.Lüth (Hrg.), Jüdische Friedhöfe im Saarland. Informationen zu Orten jüdischer Kultur, S. 7

Im Zuge der nach 1850 einsetzenden allgemeinen Landflucht ging auch die Zahl der jüdischen Dorfbewohner Bosens deutlich zurück. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten dann noch ca. 40 jüdische Bewohner im Dorf.

Die ‚Aktionen’ während des Novemberpogroms wurden in Bosen - wie in den anderen Synagogengemeinden des Landkreises Birkenfeld - vom NSDAP-Kreisleiter Diedenhofen befohlen und organisiert. An den gewalttätigen Ausschreitungen waren neben SA-Angehörigen aus Nohfelden und Idar-Oberstein auch hiesige NSDAP-Anhänger beteiligt. Da wegen der dichten Bebauung eine Brandlegung an der Synagoge die Nachbargebäude gefährdet hätte, ‚begnügte’ man sich mit der Zerstörung des Synagogeninnern. Jüdische Bewohner Bosens wurden gezwungen, eigenhändig mit Äxten die Inneneinrichtung ihrer Synagoge zu zerschlagen; anschließend wurden die Trümmer auf den Sportplatz transportiert und dort verbrannt. - Nach der „Kristallnacht“ durften die wenigen jüdischen Kinder in Bosen die öffentliche Schule nicht mehr besuchen. Im Frühjahr 1942 wurden die letzten jüdischen Einwohner Bosens deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem sollen mehr als 60 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort ansässig gewesenen jüdische Personen Opfer des Holocaust geworden sein (namentliche Nennung der Opfer siehe: alemannia-judaica.de/bosen_synagoge.htm).

 

Das ehemalige Synagogengebäude befindet sich heute in Privatbesitz und wird zu Wohnzwecken genutzt.

2012 wurden in Bosen vier sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige der jüdischen Familie Lion erinnern.  

Abb. M. Wagner-Krill, aus: institut-aktuelle-kunst.de

Am Bostalsee - im Bezirk Gonnesweiler auf Nohfeldener Gemeindegebiet - steht seit 1980 an der sog. "Skulpturenstraße" ein steinernes Mahnmal, das der Bildhauer Shlomo Seliger* geschaffen hat und mit "Requiem für die Juden" betitelt ist.

 Holocaust-Mahnmal ("Reqiem für die Juden") am Bostalsee (Aufn. Shlomo Seliger)

* Selinger (geb. 1928) war im Alter von 13 Jahren deportiert worden und hat neun Konzentrationslager überlebt, bevor er 1945 befreit wurde. Seine internationale künstlerische Karriere begann 1960 in New York. Er schuf im Laufe seines Lebens zahlreiche Skulpturen und Denkmäler, so in Yad Vashem/Israel das "Denkmal für die Gerechten unter den Völkern" und in Luxemburg das Holocaust-Mahnmal, das 2018 aufgerichtet wurde.

Auf Initiative von Schüler/innen der Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle wurden 2019 acht Stelen geschaffen, auf denen Informationen zur jüdischen Geschichte der unmittelbaren Region abgelesen werden können. Bereits seit 2012 beschäftigt sich die Schule - in Zusammenarbeit mit dem Adolf Bender Zentrum St. Wendel - mit dem Projekt „Multimediale und inklusive Erinnerungsarbeit – Jüdisches Leben in der Gemeinde Nohfelden“.

 

In Gonnesweiler, dem anderen Ortsteil Nohfeldens, begann jüdisches Leben im 18.Jahrhundert; allerdings waren es zu keiner Zeit mehr als fünf Familien, die hier ansässig waren. Trotz ihrer geringen Anzahl verfügten die orthodoxen Gonnesweiler Juden auch über eigene gemeindliche Einrichtungen wie Betraum, Mikwe und Friedhof.

                         Juden in Gonnesweiler

--- um 1750/1780 ............. drei jüdische Familien,

--- 1808 ..................... 24 Juden,

--- 1817 ..................... 18   “  (in 3 Familien),

--- 1841 .....................  6 jüdische Familien,

--- 1900 ..................... 16 Juden,

--- 1923 ..................... 22   “  ,

--- 1933 .....................  8   “  ,

--- 1942 (Ende) ..............  keine.

Angaben aus: Gonnesweiler, in: alemannia-judaica.de

Die jüdischen Einwohner Gonnesweilers waren zwar offiziell der Bosener Kultusgemeinde angeschlossen, hatten aber auch Kontakte zur Gemeinde Sötern. Diejenigen, die während der NS-Zeit im Ort geblieben waren, wurden 1940 nach Sötern transportiert und dort in „Judenhäusern“ zusammengepfercht. Im Laufe des Jahres 1942 wurden sie deportiert. Der NS-Herrschaft sollen zehn Gonnesweiler Juden zum Opfer gefallen sein.

Auf dem ca. 850 m² großen jüdischen Friedhofsgelände in Gonnesweiler befinden sich heute nur noch 21 Grabsteine; die Mehrzahl der Steine "verschwand" in der NS-Zeit. Seit 1980 erinnert ein Gedenkstein an die verstorbenen Gemeindeangehörigen.

 Jüdischer Friedhof Gonnesweiler.JPG

Friedhof in Gonnesweiler (Aufn. L.Sieht, 2008, aus: wikipedia-org, CC BY-SA 3.0)

Auch in Gonnesweiler wurden mehrere sog. "Stolpersteine" verlegt.

Abb. M. Wagner-Krill, aus: institut-aktuelle-kunst.de

 

Weitere Informationen:

Karl-Josef Rumpel, Juden in Bosen, Gonnesweiler und Sötern, in: Heimatkalender von 1970 des Landeskreises Birkenfeld, Birkenfeld 1970, S. 131 ff.

Edgar Mais, Die Verfolgung der Juden in den Landkreisen Bad Kreuznach und Birkenfeld 1933 - 1945. Eine Dokumentation-, in: Heimatkundliche Schriftenreihe des Landkreises Bad Kreuznach, Band 24, Bad Kreuznach 1988, S. S. 213 - 217 und S. 288 - 292

Eva Tigmann, Jüdische Gemeinden in Sötern, Bosen, Gonnesweiler (Maschinenmanuskript)

H.Jochum/J.P.Lüth (Hrg.), Jüdische Friedhöfe im Saarland. Informationen zu Orten jüdischer Kultur, Ausstellungsführer, Saarbrücken 1992, S. 7/8 und S. 11/12

Eva Tigmann, Was geschah am 9.November 1938 ? - Eine Dokumentation über die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung im Saarland im November 1938, Hrg. Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel 1998

Die Skulptur "Requiem für die Juden", online abrufbar unter: gonnesweiler.de/geschichte/die-jüdische-gemeinde-von-gonnesweiler

Hans-Georg Treib, “Jetz krien die Juden Schläh !” - Die ‘Reichskristallnacht’ 1938 im Saarland , o.O. o.J.

S. Fischbach/I. Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 438/439

Bosen (Saarland), in: alemannia-judaica.de

Michael Landau/Eva Tigmann, Unsere vergessenen Nachbarn. Jüdisches Gemeindeleben auf dem Land. Familien und ihre Schicksale am Beispiel der Synagogengemeinden der Gemeinde Nohfelden, Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2010

Reiner Schmitt, Gedenkbuch - Die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung aus den Orten des Birkenfelder Landes 1933-1945, o.O. 2011 (Anm.: nicht im Druck erschienen, sondern nur als Handexemplar in der Stadtbibliothek Trier und im Landeshauptarchiv Koblenz zugänglich.)

Reiner Schmitt, Die ehemaligen Synagogen in Bosen. 1769-1881 und 1882-1938, o.O. 2012

N.N. (Red.), Steine wider das Vergessen – Schüler unterstützen des Kunstprojekt, in: „Saarbrücker Zeitung“ vom 17.11.2012

Jüdisches Leben in der Gemeinde Nohfelden – Projekt der Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle/Nonnweiler-Primstal in Zusammenarbeit mit dem Adolf-Bender-Zentrum St.Wendel, 2012/2013, online abrufbar unter: juedischeslebennohfelden.wordpress.com

Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Sötern, in: epidat – epigrafische Datenbank des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts

Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Gonnesweiler, in: epidat – epigrafische Datenbank des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts

N.N. (Red.), Sötern/Türkismühle: Gegen das Vergessen - „Wege der Erinnerung“ wurden eingeweiht, in: „St. Wendeler Land Nachrichten“ vom 24.8.2018

N.N. (Red.), Nohfelden-Türkismühle: Stolperstein AG ist Preisträger im bundesweiten Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“, in: „St. Wendeler Land Nachrichten“ vom 13.5.2019

Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle (Hrg.), Courage-Projektbericht der Stolperstein AG: Wege der Erinnerung, online abrufbar unter: schule-ohne-rassismus.saarland/aktuelles-termine/detail/courage-projektbericht-der-stolperstein-ag-wege-der-erinnerung vom 17.1.2020