Bösingfeld (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Extertal in LIP.svg Seit der Gebietsreform (1975) ist Bösingfeld - derzeit ca. 4.400 Einwohner zählend - der größte Ort und gleichzeitig der Verwaltungssitz der Kommune Extertal (Kreis Lippe) am Rande des Weserberglandes - im äußersten Nordosten von Nordrhein-Westfalen in Grenzlage zum Bundesland Niedersachsen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Anfang des 17.Jahrhunderts muss bereits eine jüdische Familie in Bösingfeld gelebt haben; denn um 1610 sind Auseinandersetzungen zwischen ihr und christlichen Bewohnern überliefert. Einige Jahrzehnte nach Ende des Dreißigjährigen Krieges ließen sich auf dem Territorium der heutigen Kommune Extertal weitere jüdische Familien nieder - so auch in Bösingfeld, aber auch in Silixen und Almena. Die hier - unter Aufsicht des Amtes Sternberg - wohnenden Juden lebten in äußerst bescheidenen Verhältnissen, da der von ihnen betriebene Hausierhandel, manchmal auch kleiner Kredithandel, nur wenig einbrachte. Immer wieder kam es zwischen den jüdischen Kleinhändlern und Nichtjuden zu Streitigkeiten in Bezug auf getätigte (manchmal verbotene) Handelsgeschäfte, die zuweilen mit Bußgeldzahlungen bereinigt wurden.

Ab 1824 verfügte die kleine Gemeinde über ein eigenes Synagogengebäude in der heutigen Südstraße. Damit gehörte der bis dahin genutzte provisorische Betraum in einem Privathaus der Vergangenheit an. 1903 konnte dann die kleiner gewordene Gemeinde an gleicher Stelle ihren Synagogenneubau einweihen, nachdem das alte Gebäude im Herbst 1901 völlig niedergebrannt war. In dem Haus war auch die jüdische Schule untergebracht.

                Programm zur Synagogeneinweihung (Archiv Extertal)

Bösingfeld mit Synagoge, hinten links (um 1910)   -   Synagoge, Bildmitte (Aufn. aus: judenimextertal.mwbweb.de)

In den 1880er Jahren gehörte Bösingfeld – zusammen mit Hohenhausen, Silixen und Varenholz – einem Schulverbund an, der einen „Wanderlehrer“ beschäftigte.

Ihre Verstorbenen begrub die Gemeinde auf dem jüdischen Friedhof in Asmissen/Bösingfeld.

Zur Synagogengemeinde Bösingfeld gehörten auch die Juden aus Silixen (seit ca. 1885) und zeitweilig auch die aus Alverdissen (seit ca. 1920). 1937/1938 bestand für kurze Zeit die „Synagogengemeinde Bösingfeld-Barntrup“.

Juden in Bösingfeld:

        --- um 1735 ...........................  7 jüdische Familien,

    --- um 1780 ...........................  7     "        "   ,

    --- um 1810 ........................... 10     “       “    ,

    --- 1858 .............................. 42 Juden,

    --- 1872 .............................. 60   "  ,*   * Mitglieder der Synagogengemeinde

    --- 1890 .............................. 35   “  ,*

    --- 1911 .............................. 41   "  ,*

    --- 1933 (Mai) ........................ 25   “   ,

    --- 1940 ..............................  ?  

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Detmold, S. 312

Die wenigen jüdischen Familien in Bösingfeld bestritten ihren Lebensunterhalt als Händler und Kleinkaufleute. Seit Mitte der 1920er Jahre sah sich die kleine Gemeinde mit wachsender antisemitischer Propaganda konfrontiert; so erschien im „Lippischen Kurier“ 1930 ein diffamierender Artikel, in dem Bösingfeld als „Klein-Palästina“ bezeichnet wurde. Gegen die Hetze aus rechten Kreisen setzte sich der Vorstand der jüdischen Gemeinde von Bösingfeld vehement zur Wehr, indem er eine Anzeige mit dem Ziel veröffentlichte, alle Mitbürger aufzuklären. Diese endete mit den Worten: „Erkennt Ihr nunmehr, wie in dem antisemitischen Flugblatt die Tatsachen auf den Kopf gestellt werden, um die Verhetzung aufs höchste zu steigern und um Zwietracht zu säen zwischen dem guten Einvernehmen der Bösingfelder Bürger.”

Die Boykott-Aktion in Bösingfeld verlief wenig spektakulär, da die heimische Bevölkerung willkürliche Übergriffe und Zwangsmaßnahmen nicht guthieß; selbst der hiesige NSDAP-Ortsgruppenleiter soll sich gegen jedwede Gewalt ausgesprochen haben. Während des Novemberpogroms wurde die gesamte Inneneinrichtung der Synagoge zerstört. Aus einem Bericht der NSDAP-Kreisleitung Lippe vom 11.11.1938:

... In Bösingfeld wurden Fensterscheiben des Juden Frankenstein und die Räumlichkeiten, soweit sie für die Lederhandlung des Juden benutzt worden, zertrümmert. Außerdem wurde die Einrichtung der Synagoge vollkommen demoliert; ein Brand ist hier nicht ausgebrochen. ... In Alverdissen wurden die Fensterscheiben in der Wohnung des Juden Ahrensberg zertrümmert und auch die Einrichtung z.T. demoliert. In Silixen sind in 3 jüdischen Geschäften, es handelt sich um Viehhändler namens Katz, die Wohnungen z.T. zertrümmert. ...

teilzerstörte Synagoge (Aufn. Nov. 1938, aus: getaclick.eu/jie/fotoarchivArchiv)  

Nur zwei Monate später wurde das Synagogengebäude verkauft und diente, nach einem Umbau, in den Folgejahrzehnten als Wohn- und Geschäftshaus. 1988 wurde es dann abgerissen. Vermutlich mindestens 28 jüdische Bewohner aus Bösingfeld und Silixen wurden Opfer der Shoa.

Auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge wurde im November 2003 ein von Schülern entworfenes Denkmal eingeweiht, das an die einstige jüdische Gemeinde des Ortes erinnert. Die Inschrift lautet:

Wir vergessen nicht das Schicksal unserer jüdischen Mitbürger im Extertal,

die unserer Mitte Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurden.

Ihr Schicksal ist uns Mahnung einzutreten für eine Welt ohne Intoleranz und Gewalt.

Der jüdische Friedhof an der Bahnhofstraße weist derzeit noch ca. 30 – 35 Grabsteine auf; der älteste Stein datiert von 1849.

 Friedhof Bösingfeld (Aufn. Grugerio 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Silixen – heute ebenfalls ein Ortsteil von Extertal – existierte eine winzige jüdische Gemeinschaft, deren Anfänge in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts liegen; eine eigene selbstständige Gemeinde gab es hier zu keiner Zeit, seit 1859 bestand nur die Doppelgemeinde „Varenholz-Silixen“. Im 19. Jahrhundert erreichte die Zahl der jüdischen Bewohner Silixens kaum 25 bis 30 Personen.

Vom jüdischen Friedhof – er wurde von ca. 1890 bis 1929 belegt - sind heute noch 14 Grabsteine vorhanden.

Friedhof in Silixen (Aufn. Grugerio, 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) 

 

Weitere Informationen:

Bericht aus Bösingfeld über die Einweihung der Synagoge im August 1924, in: "Fürstlich Lippische Intelligenzblätter", No. 36/1824

Julius Budde, Die Juden haben es schwer. Aus der Geschichte Bösingfelds, in: "Freie Presse", No. 94/1966

Imke Tappe, Die Juden im Spannungsfeld von Toleranz und Intoleranz, in: Gemeinde Extertal (Hrg.), Extertal. Die Geschichte einer Gemeinde, Extertal 1988, S. 579 - 604

Imke Tappe, 50 Jahre nach der Schreckensnacht, die die Kristallnacht genannt wurde, in: "Extertaler Jahresheft. Beiträge zur Geschichte u. Volkskunde der Gemeinde Extertal", No.5/1988, S. 10 - 29

Dina van Fassen/Jürgen Hartmann, “ ... dennoch Menschen von Gott geschaffen” - Die jüdische Minderheit in Lippe von den Anfängen bis zur Vernichtung, Bielefeld 1991, S. 83

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 311 - 313

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 55/56

Zur Geschichte der Juden in Extertal - Eine Ausstellung der Realschule Extertal (2003/04) aus Anlass der Einweihung der Gedenkstätte, 2004

Jürgen Scheffler, „Juden betreten diese Ortschaft auf eigene Gefahr“. Jüdischer Alltag auf dem Lande in der NS-Zeit: Lippe 1933 – 1945, in: S.Baumeier/H.Stiewe (Hrg.), Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, Bielefeld 2006, S. 263 – 279

Ursula Olschewski (Bearb.), Extertal-Bösingfeld, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 378 – 386

Willy Gerking (Bearb.), Extertal-Silixen, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 387 - 390