Brieg (Schlesien)

 Der im Gefolge der mittelalterlichen Ostkolonisation gegründete Ort Brieg - zwischen Breslau und Oppeln gelegen - war seit 1742 preußisch (Ausschnitt aus hist. Landkarte). Nach 1945 kam Brieg zunächst unter polnische Verwaltung und erhielt den neuen Namen ‚Brzeg’; heute ist Brzeg eine Stadt mit ca. 36.000 Einwohnern in der Woiwodschaft Opole (Oppeln).

Bereits im frühen 14.Jahrhundert hat es in der Stadt Brieg eine jüdische Gemeinde gegeben, deren Angehörige meist als Geldverleiher tätig waren. Schon zu dieser Zeit gab es hier einen jüdischen Friedhof und eine Synagoge, die aber zu Beginn des 16.Jahrhundert abbrannte. Trotz antijüdischer Ausschreitungen im Jahre 1362, in deren Verlauf auch einige Juden getötet wurden, blieb die jüdische Gemeinde bestehen. Den Judenschutz übernahmen nun die Stadtbehörden, auch wenn die Schutzgelder weiterhin an die Herzöge gezahlt werden mussten. Gegen zusätzliche Zahlungen gestatteten die Landesherren einzelnen Juden, im Gebiet des gesamten Herzogtums Handel zu treiben. Im Zusammenhang mit der „Capistrano-Verfolgung“ von 1453 in Breslau verloren auch die in Brieg lebenden Juden alle fürstlichen und städtischen Privilegien und wurden gezwungen, die Region zu verlassen; damit endete die jüdisch-mittelalterliche Geschichte Briegs.

In den folgenden beiden Jahrhunderten hielten sich nur kurzzeitig Juden in Brieg auf, um auf den hiesigen Messen Geschäfte zu machen. Aus diesen zunächst nur unregelmäßigen Messe-Teilnahmen entwickelte sich dann gegen Mitte des 18.Jahrhunderts eine neue jüdische Gemeinde in Brieg. Die Stadtbehörden stellten sich einer dauerhaften jüdischen Ansiedlung dann nicht in den Weg, wenn von ihnen Handel mit ganz speziellen Waren, wie Altmessing und Weißzeug oder Altkleider, betrieben wurde. Die in Brieg ansässige Münze bediente sich, wie allgemein üblich, jüdischer Lieferanten. Die „legale“ Niederlassung von Juden wurde dann im Schlesischen Kriege von den preußischen Behörden ermöglicht.

Ansicht von Brieg - Lithographie von Heinrich Wilhelm Teichgräber, um 1840 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Zuzüge jüdischer Familien aus Zülz - wirtschaftliche Gründe waren hier wohl wieder ausschlaggebend - ließen die Zahl der Gemeindemitglieder anwachsen. Die jüdische Gemeinde in Brieg war ein Konglomerat aus Juden verschiedener Orte: Neben der Landjudenschaft gehörten auch Mitglieder der Zülzer Gemeinde zu Brieg. Unter der Brieger Judenschaft gab es einige sehr wohlhabende Familien.

Da an hohen religiösen Feiertagen nicht nur die in Brieg ansässigen Juden zum Gottesdienst erschienen, wurde es notwendig, eine neue, größere Synagoge zu errichten; dies geschah im Jahre 1799 an der Langen Straße; es war ein im Stil des Klassizismus errichtetes Gebäude.

Ab 1816 besaß die Gemeinde in Brieg dann auch einen eigenen Rabbiner.

                                                              Synagoge in Brieg (hist. Aufn., um 1930)

Obwohl in Brieg eine vom Kantor der Gemeinde geleitete jüdische Elementarschule bestand, schickten nicht alle Familienväter ihre Kinder dorthin, sondern lieber auf christliche Schulen und Privatschulen.

Etwa zur gleichen Zeit (um 1800) konnte die Brieger Gemeinde ein Gelände an der Schüsselndorfer Straße erwerben und hier einen Friedhof anlegen. Bis dahin hatten Verstorbene entweder nach Breslau oder nach Zülz zur Bestattung überführt werden müssen.

Juden in Brieg:

        --- 1741 ........................   5 jüdische Familien,

    --- 1776 ........................  43 Juden (zehn Familien),

    --- 1782 ........................ 140 Juden (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1791 ........................ 198   “  ,

    --- 1810 ........................ 305   “   (4,3% d. Bevölk.),

    --- 1840 ........................ 392   “  ,

    --- 1871 ........................ 380   “  ,

    --- 1882 ........................ 426   “   (4,5% d. Bevölk.),

    --- 1913 ........................ 282   “  ,

    --- 1925 ........................ 271   “  ,

    --- 1924 ........................ 250   “  ,

    --- 1933 ........................ 255   “  ,

    --- 1936 ........................ 173   “  ,

    --- 1938 ........................ 160   “  ,

    --- 1939 ........................ 123   “  .

Angaben aus: Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, S. 54

und                Stadt Goslar (Hrg.), Brieg. Stadt und Landkreis, Goslar 1964

In den 1820er Jahren bestritten die Brieger Juden ihren Lebensunterhalt als Kaufleute (13), Wollhändler (6), Destillateure (4), Schnittwarenhändler (4), Makler (3), Buchhändler (2) und Handelsleute (2). Im Laufe des Jahrhunderts vergrößerte sich die Zahl der Kaufleute; einige brachten es dabei zu erheblichen Vermögen, die sie auch zur Förderung allgemein kultureller und sozialer Belange einsetzten. Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten Briegs war der Fabrikant Cohn, der in den 1920er Jahren dem Magistrat angehörte und dort eine führende Position innehatte. Seine Gegner sollen ihn den „ungekrönten König von Brieg“ genannt haben. Dabei schuf sich Cohn eine gewisse Gegnerschaft im lokalen Bürgertum, welche der deutsch-völkischen Partei in Brieg Auftrieb gab.

http://static2.akpool.de/images/cards/44/447451.jpg Stadtzentrum Brieg (hist. Postkarte, um 1910)

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Brieg noch etwa 250 Bewohner jüdischen Glaubens. Wie überall in Deutschland führte auch in Brieg die NS-Propaganda dazu, dass immer mehr jüdische Familien ihre Heimatstadt verließen und emigrierten. Während des Pogroms mussten die noch ca. 150 in Brieg lebenden Juden mit ansehen, wie ihr Eigentum zerschlagen und die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört wurde. Wie in allen Städten Schlesiens fand auch in Brieg in den Folgejahren die jüdische Gemeinde ein gewaltsames Ende, und wem nicht mehr die Emigration ins Ausland gelang, der wurde Opfer der Shoa.

 

In der im Februar 1945 durch die Kriegsereignisse schwer zerstörten Stadt ist das Synagogengebäude ohne größere Schäden erhalten geblieben; allerdings wies es bis in die jüngste Vergangenheit einen schlechten baulichen Zustand auf und kann – wegen der Umbauten - nicht mehr als ehemalige Synagoge erkannt werden; 2011 erfolgte eine Sanierung des Gebäudes.

   File:Synagoga, Brzeg ul.Długa 61, II,acm.jpg

Ehem. Synagogengebäude vor und nach der Sanierung (Aufn. 2007 und A. Cyfka, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Ca. 150 Grabsteine des jüdischen Friedhofs haben die Zeiten überdauert.

Brzeg-cmentarz-zydowski.jpg Brzeg-cmentarz-zydowski-2.jpg

Jüdischer Friedhof in Brzeg (Aufn. Maciej Ròg, 2007, aus: commons.wikimedia.org)

 

Weitere Informationen:

Max Strecker, Die Juden zu Brieg, Brieg 1938 (Anm.: stark antisemitisch gefärbt !)

Stadt Goslar (Hrg.), Brieg. Stadt und Landkreis, Goslar 1964

Bernhard Brilling, Die jüdischen Gemeinden Mittelschlesiens - Entstehung und Geschichte, in: "Studia Delitzschiana", Band 14, Verlag Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz, 1972, S. 45 ff.

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 169 - 171

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 198/199

Brzeg, in: sztetl.org.pl

Małgorzata Frąckowiak (Red.), Brzeg, in: kirkuty.xip.pl