Bromberg (Posen)

   http://www.preussenweb.de/provinz/westpreussen.jpg Das aus einer Grenzfeste hervorgegangene Bromberg (‚Kunigesburg’) - zwischen Thorn und Schneidemühl gelegen - erhielt die Stadtrechte gegen Mitte des 14. Jahrhunderts. Infolge der 1. Teilung Polens (1772) kam Bromberg unter preußische Herrschaft; bis 1919 war es die Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirkes der preußischen Provinz Posen, danach gehörte die Stadt zu Polen (poln. Bydgoszcz, derzeit ca. 350.000 Einw.) und ist heute Hauptstadt der gleichnamigen Woiwodschaft (Ausschnitte aus hist. Landkarten, aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

Über die Zeit der ersten Niederlassung von Juden in Bromberg gibt es keine urkundlichen Belege. Vermutlich haben sich Juden hier - dauerhaft und in größerer Zahl - während der Regentschaft Kasimir d. Gr. (1333-1370) angesiedelt, als dieser neben der Burg eine neue Stadt gründete und auf eine einträgliche jüdische Handelstätigkeit setzte. Ein weiterer Zuzug jüdischer Familien wurde von den christlichen Bewohnern, die Konkurrenz fürchteten, mit Missfallen und Neid verfolgt. Um den Handel der Bromberger Juden zu schmälern, erreichte die christliche Kaufmannschaft, dass das Abhalten der Wochenmärkte auf den Samstag (!) gelegt wurde. Dennoch muss es die kleine Bromberger Judenschaft zu erheblichem Wohlstand gebracht haben.

1555 wurde ein königliches Ausweisungsdekret für die Bromberger Juden erlassen, in dem es hieß:

„ ... Die Juden aber pflegen Sachen, die gestohlen sind, ungestraft und offenbar zu kaufen, und deshalb wird die Zahl der Diebe von Tag zu Tag größer und vermehrt sich. Deshalb wollen wir unsere Bromberger Bürgerschaft von diesem Uebel und dessen Folgen befreien, indem wir wünschen, daß die Juden sich dauernd von dieser Stadt und deren Umgebung abwenden ...”

Die aus Bromberg vertriebenen Juden ließen sich dann größtenteils in der Nachbarstadt Fordon nieder, wo sie bald die Hälfte der Bevölkerung stellten. Trotz königlichen Dekrets hielten sich jüdische Händler aber tagsüber innerhalb der Mauern Brombergs auf.

Bromberg - Kupferstich von Erik Jonsson Graf von Dahlberg, um 1660 (Suecia antiqua et hodierna, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Gegen Mitte des 17.Jahrhunderts konnten sich dann erneut einzelne jüdische Familien in Bromberg niederlassen. Erst unter der preußischen Herrschaft setzte nach 1772 ein vermehrter Zuzug ein, allerdings zum Unwillen der christlichen Stadtbevölkerung. Es bildete sich bald eine kleine jüdische Gemeinschaft.

Während des 18.Jahrhunderts trieben die Juden Brombergs einen ausgedehnten Handel mit Seidenwaren und Kattun, der aber durch ein Regierungsdekret gestoppt wurde und 1804 in christliche Hand überging.

Einen Synagogenbau, ein verputztes Fachwerkgebäude, ließ die Bromberger Judenschaft in den Jahren 1832/1834 erstellen; zuvor hatte eine Betstube diesem Zwecke gedient. Mit dem Neubau verschuldete sich die Gemeinde, und damit einher gingen Streitigkeiten zwischen ihren Angehörigen. Fast gleichzeitig konstituierte sich offiziell die jüdische Gemeinde Bromberg; deren Angehörigenzahl war allerdings (bis 1847) begrenzt.

Die Sitzplätze der Synagoge - ca. 140 Männer- und fast ebenso viele Frauensitze - wurden versteigert, um den Bau zu finanzieren. Einige Jahre später führte ein Rabbiner die jüdische Gemeinde, doch auch die Ernennung eines dafür geeigneten Mannes hatte wieder zu Streitigkeiten unter den Gemeindemitgliedern geführt.

Zur Bromberger Gemeinde zählten zeitweise auch die Orte Adlershorst, Groß Bartelsee, Groß Neudorf und Ossowitz.

Als in den 1860er Jahren das Bedürfnis nach einem Synagogenneubau aufkam, erwarb man ein Grundstück, auf dem 15 Jahre später - nach zweijähriger Bauzeit - im September 1884 das neue Gotteshaus eingeweiht wurde. In der neuen, monumentalen Synagoge, die sich am Rande der Altstadt weithin sichtbar erhob und fast 900 Sitzplätze besaß, wurde von nun an der Gottesdienst nach einer „neuen Gebetsordnung“ abgehalten.

   Synagoge in Bromberg um 1925 (Aufn. unbekannt, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In der Nähe der Synagoge wurden bis Ende der 1890er Jahre mehrere Kultuseinrichtungen erstellt, so ein Gemeindeamt, eine jüdische Schule und einen rituellen Schlachthof.

Ihre Verstorbenen begrub die jüdische Gemeinschaft zunächst auf dem Friedhof in Fordon. Erst nach 1816 gab es eine behördliche Genehmigung für einen eigenen Begräbnisplatz (auf dem Wissmann-Hügel); eine Beerdigungsbruderschaft (Chewra Kadischa) war seit 1850 existent.

Im Jahre 1874 wurde der ‚neue’ Friedhof in Nutzung genommen.

Juden in Bromberg:

    --- 1772 ............................    4 jüdische Familien,

    --- 1788 ............................    41 Juden,

    --- 1804 ......................... ca.   40   "  ,

    --- um 1812 ..................... ca.   230   “  ,

    --- 1829 ........................ ca.   260   “  ,

    --- 1837 ............................   420   “  ,

    --- 1843 ............................   683   “  (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1846 ............................   490   “  ,

    --- 1849 ............................   747   “  ,

    --- 1852 ........................ ca.   660   “  ,

    --- 1861 ........................ ca. 1.350   “  (ca. 300 Familien),

    --- 1871 ............................ 1.963   “  (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1880 ............................ 1.889   “  ,

    --- 1890 ............................ 1.428   “  ,

    --- 1900 ............................ 1.519   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1910 ............................ 1.345   "  (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1924 ........................ ca. 1.000   “  ,

--- 1930 ........................ ca. 1.600   “  ,

--- 1939 ........................ ca. 2.050   “  .

Angaben aus: J.Herzberg, Geschichte der Juden in Bromberg. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte ..., S. 106

Ein Großteil der Bromberger Juden war um die Mitte des 19.Jahrhunderts in Handwerksberufen tätig. So etwa gab es allein 40 Schneider, und erst danach rangierten Kaufmanns- und Händlerberufe. Die Juden Brombergs nahmen um die Jahrhundertwende regen Anteil am öffentlichen Leben, zahlreiche Gemeindemitglieder bekleideten kommunale Ämter. Während sie nun kaum noch im Handwerk vertreten waren, stellten sie als Eigentümer von industriellen Großbetrieben der Stadt einen erheblichen Anteil; auch in den freien Berufen waren Juden überproportional stark vertreten.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/Bydgoszcz016.jpg  http://static3.akpool.de/images/cards/8/88628.jpg 

  Bromberg, Theaterplatz (aus: wikipedia.org, gemeinfrei)  und Danziger Straße (hist. Postkarte)

Nach der Angliederung Brombergs an Polen im Jahre 1920 war die Zahl der Juden stark rückläufig; zusammen mit der deutschen Bevölkerungsgruppe verließen viele jüdische Familien Bromberg in Richtung Berlin und machten so aus ihrer pro-deutschen Einstellung kein Geheimnis; fast gleichzeitig erfolgte aber der Zuzug polnischer Juden in die Stadt.

Noch vor Beginn der deutschen Besatzung soll mindestens die Hälfte der jüdischen Bevölkerung die Stadt verlassen haben. Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 5.9.1939 begann auch in Bromberg die Zeit des NS-Terrors. Davon betroffen waren - neben der jüdischen Bevölkerung - Tausende Bromberger Einwohner, die als „polnische Intellektuelle“ entweder sofort liquidiert oder in Arbeitslager verbracht wurden. Zwei Tage nach Beginn des deutschen Angriffs auf Polen wurden in Bromberg in einer Art antideutschem Pogrom Hunderte - andere Angaben nennen mehr als 1.000 Opfer - hier ansässige Deutsche von polnischen Milizen bzw. abziehenden polnischen Truppen getötet. Dieser sog. „Bromberger Blutsonntag“ wurde von den Nationalsozialisten instrumentalisiert und diente als Anlass für Vergeltungsmaßnahmen an Teilen der polnischen Bevölkerung, die von der SS-Führung als der Beginn einer „völkischen Flurbereinigung“ angesehen wurden. An diesem Septembertag des Jahres 1939 endete das jahrhundertelange friedliche Zusammenleben von Deutschen und Polen in einem Blutbad.

(Anm. Bis heute haben sich zwei gegensätzliche Darstellungen von den Vorgängen dieses „Bromberger Blutsonntages“ gehalten!)

DIESE STADT IST JUDENFREI“  -  Banner über dem Synagogenportal (Aufn. Mitte Sept. 1939)

Im Jahre 1940 wurde das Synagogenbauwerk abgebrochen.

  Abbruch der Synagoge (Aufn. 1940, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

                          In und um Bromberg gab es während der letzten Kriegsjahre drei Außenlager des KZ Stutthof, in denen mehrere tausend jüdische Häftlinge zu Zwangsarbeiten eingesetzt waren.

 

Nach Kriegsende erreichten mehrere hundert überlebende Juden die Stadt; 1946 hielten sich hier vorübergehend mehr als 1.000 Personen auf. Im Laufe der nächsten Jahre erfolgte zumeist deren Abwanderung, so dass Anfang der 1960er Jahre kaum mehr als 50 jüdische Bewohner in Bydgoszcz lebten. Laut der Volkszählung von 2002 waren nur elf Einwohner jüdischen Glaubens.

Mehrere Mahnmale erinnern heute in der Stadt an die zahlreichen Opfer der NS-Herrschaft.

Bildergebnis für Bromberg jüdisch Denkmal Eine monumentale Gedenkanlage des „Kampfes und des Martyriums“ befindet sich auf dem Alten Markt.

vgl. dazu auch: Fordon (Posen)

 

Im ca. 20 Kilometer nördlich von Bromberg gelegenen Crone a.d. Brahe (auch Krone, poln. Koronowo, derzeit ca. 11.000 Einw.) erinnern heute das Synagogengebäude von 1856 und ein von der Vegetation überwucherter Friedhof mit wenigen Grabsteinrelikten daran, dass die Stadt einst eine jüdische Gemeinde besessen hat; deren formelle Gründung erfolgte in den 1830er Jahren. Die Anfänge jüdischer Ansässigkeit lassen sich aber bereits gegen Ende des 16.Jahrhunderts nachweisen. Zu den rituellen Einrichtungen zählten ein 1797 eingerichtetes Bethaus (1856 durch einen Synagogenneubau ersetzt) und ein 1817 angelegter Friedhof; zuvor waren Verstorbene in Zempelburg beerdigt worden.

Juden in Crone:

    --- 1808 ..........................  54 Juden,

    --- 1831 .......................... 170   “  ,

    --- 1849 .......................... 308   “   (ca. 14% d. Bevölk.),

    --- 1861 .......................... 479   “  ,

    --- 1871 .......................... 620   “  ,

    --- 1885 .......................... 456   “   (ca. 12% d. Bevölk.),

    --- 1895 .......................... 305   “  ,

    --- 1910 .......................... 219   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

--- 1921 ..........................  56   “  ,

--- 1931 ..........................  16   “  .

Angaben aus: Koronowo, in: sztetl.org.pl

In den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts zählten mehr als 600 Personen zur Gemeinde. Nach Ende des Ersten Weltkrieges verließen die allermeisten jüdischen Bewohner die Stadt; 1921 waren nur noch knapp 60 Juden hier ansässig; 1940 lebten keine Juden mehr in der Kleinstadt.

Mit der Auflösung der Gemeinde wurde das Synagogengebäude an den Turnverein „Falcon“ veräußert; während der Kriegsjahre diente es der deutschen Wehrmacht als Magazin. Nach 1945 wurde das Gebäude zeitweilig als Kaufhaus bzw. als Kinosaal genutzt; es ist bis heute erhalten. 2010 ging des ungenutzte Gebäude in Kommunaleigentum über. Eine Gedenktafel informiert zur Erinnerung an die frühere Nutzung des Gebäudes mit der Inschrift in polnischer und hebräischer Sprache: "Synagoge in den Jahren 1856-1939"  

vgl. Crone a. d. Brahe (Posen)

 

In Schulitz an der Weichsel (poln. Solec Kujawski, derzeit ca. 15.500 Einw.) - wenige Kilometer östlich von Bromberg – sind nachweislich gegen Ende des 18. Jahrhunderts einige jüdische Familien ansässig geworden. In den 1830er Jahren bildete sich hier eine Gemeinde. Bis ins 20.Jahrhundert hinein war die Zahl ihrer Angehörigen aber stets überschaubar. Ein kleines Bethaus mit nur wenigen Plätzen und eine Begräbnisstätte gehörten zu den gemeindlichen Einrichtungen.

Juden in Schulitz:

    --- 1812 ..................... ca.  20 jüdische Familien,

    --- 1849 .........................  85 Juden,

    --- 1858 .........................  79   “  ,

    --- 1885 .........................  98   “  ,

    --- 1910 .........................  54   “  (ca. 1% d. Bevölk.),

--- 1924 .........................  10   “  .

Angaben aus: Solec Kujawski, in: sztetl.org.pl

In den 1920er Jahren schlossen sich die wenigen jüdischen Bewohner der Bromberger Gemeinde an. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die kleine Synagoge und der jüdische Friedhof zerstört. 

vgl. Schulitz (Posen)

 

Weitere Informationen:

Isaak Herzberg, Geschichte der Juden in Bromberg. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Juden des Landes Posen, Frankfurt a. M. 1903

A.Heppner/J.Herzberg, Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen, Koschmin - Bromberg 1909, S. 321 - 352

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 21 und S. 359, Teil 2, Abb. 8 und S. 274

Sophia Kemlein, Die Emanzipation der Juden im Großherzogtum Posen 1815 - 1848, Magisterarbeit an der Christian-Albrechts-Univ. Kiel 1987

Hugo Rasmus, Pomerellen Westpreußen 1919 - 1939, Berlin/München 1988 (Anm. zum „Bromberger Blutsonntag“ - aus deutscher Sicht)

Wlodzimierz Jastrzebski , Der Bromberger Blutsonntag - Legende und Wirklichkeit, Poznan 1990 (Anm. zum „Bromberger Blutsonntag“ - aus polnischer Sicht)

Alfred Cohn, Erinnerungen an Bromberg (Wspomnienia o Bydgoszczy), Torun (Thorn), 2002

The Jewish Community of Bydgoszcz, hrg. von Beit Hatfutsot – The Museum of the Jewish People, online abrufbar unter: dbs.bh.org.il/place/bydgoszcz

Bydgoszcz, in: sztetl.org.pl

Bydgoszcz (Fordon), in: kirkuty.xip.pl