Bruchhausen - Vilsen (Niedersachsen)

Datei:Bruchhausen-Vilsen in DH.svg Die 1974 gebildete Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen (Landkreis Diepholz) – in ihr sind fünf Ortschaften vereinigt – besitzt derzeit eine Einwohnerzahl von ca. 17.000 Personen – zwischen Bremen (im N) und Nienburg/Weser (im S) gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bruchhausen (Merian).jpg Alt-Bruchhausen, um 1660 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die ersten gesicherten Hinweise auf die Anwesenheit einzelner jüdischer Familien im Flecken Bruchhausen-Vilsen liegen für die erste Hälfte des 18.Jahrhunderts vor (doch vermutlich hat es bereits gegen Mitte des 17.Jahrhunderts eine allererste Ansiedlung gegeben). In der Folgezeit hat hier aber stets nur eine überschaubare Anzahl von Juden gelebt. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts bildeten sie dann eine eigene Gemeinde. Ihren Lebensunterhalt bestritten die jüdischen Familien im „Handeln mit sämmtlichen Artikeln der christlichen Kaufleute, imgleichen auch mit Vieh und Fleisch“. Dabei wurden sie lange Zeit von den einheimischen Kaufleuten als unerwünschte Konkurrenz angesehen. Neben zwei gutsituierten jüdischen Familien lebten die anderen im 19.Jahrhundert zumeist in großer Armut.

Während gottesdienstliche Treffen in der Regel in einem Privathaus stattfanden (nachweisbar seit 1767), suchte man an hohen Feiertagen die Synagoge in Hoya auf. Mehrere Jahrzehnte lang (hier aber mit Unterbrechungen) gab es im Marktflecken auch eine jüdische Schule, die Besetzung der Lehrerstelle war hier einem häufigen Wechsel unterworfen. Der zuletzt hier tätige Religionslehrer war nur als Privatlehrer beschäftigt, da er als öffentlicher Lehrer ungeeignet erschien.

Ihre Verstorbenen begrub die kleine Gemeinschaft auf dem jüdischen Friedhof „Am Kahlenberge“ in Hoyerhagen, der lange Zeit als Zentralfriedhof für die gesamte Region mit den Orten Hoya, Bücken, Thedinghausen, Verden und Walsrode diente.  

Jüdischer Friedhof Hoyerhagen 20090413 031.JPG

Friedhof in Hoyerhagen (Aufn. Oest, 2007, aus: wikipedia-.org, CC BY 3.0  und  S.F., 2009, aus: commons.wikimedia.org, GPL)

Zu der dem Landrabbinat Hannover unterstehenden Gemeinde - sie wurde 1932 der Kultusgemeinde Verden angeschlossen - zählten auch die wenigen Juden aus Moor.

Juden in Bruchhausen-Vilsen:

        --- um 1745 .....................  2 jüdische Familien,

    --- um 1805 .....................  5     “         "   ,

    --- 1814 ........................  5     "         "   ,

    --- 1848 ........................ 11     “         "    (ca. 50 Pers.),

    --- 1863 ........................ 11     “         "   ,

    --- 1885 ........................ 33 Juden,

    --- 1925 ........................ 17   “  ,

    --- 1933 ........................ 23   “  ,

    --- 1936 ........................  4 jüdische Familien,

    --- 1940 ........................  2 Juden,

    --- 1941 (Dez.) .................  keine.

Angaben aus: Manuskript von Heinrich Bomhoff

Miitte der 1930er Jahre lebten in Vilsen noch vier jüdische Familien mit insgesamt knapp 25 Personen. Bis 1938 hatten sie meist ihren Immobilienbesitz veräußert und wenig später den Ort verlassen, um in die Anonymität größerer Städte (Hannover) abzuwandern. Wenigen gelang noch ihre Emigration (z.B. vier Mitgliedern der Familie Lindenberg nach Argentinien bzw  zwei Personen.in die USA). Die wenigen verbliebenen wurden von ihren neuen Aufenthaltsorten „in den Osten“ deportiert und sind gewaltsam ums Leben gekommen bzw. gelten als "verschollen".

 

2020 wurde auf Initiative von Schüler/innen einer AG des hiesigen Gymnasiums mit der Verlegung von sog. „Stolpersteine“ begonnen. In Erinnerung an Angehörige jüdischer Familien, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft geworden sind, wurden an sechs Standorten (am Engelbergplatz, in der Braut-, Bahnhof- u. Bruchhöfener Straße) diese quadratischen Gedenktäfelchen in die Gehwegpflasterung eingefügt. Nach Abschluss des Projektes sollen dann insgesamt 23 Steine verlegt sein.

verlegt in der Bahnhofstraße (Aufn. aus: stolpersteine-brv.org/bahnhofstr)

Derzeit werden Überlegungen angestellt, den Platz vor dem ehemaligen Geschäft Bullenkamp in Vilsen nach der jüdischen Familie Lindenberg zu benennen, die dort über Generationen hinweg gelebt hat (Stand 2021).

 

Weitere Informationen:

Günter Schmidt-Bollmann, Aneignen und bewahren - Der jüdische Friedhof in Hoyerhagen, in: "Der Holznagel - Mitteilungsblatt für Mitglieder der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V.", No. 6/1988 und No.3/1989

Kerstin Kraatz/u.a., ‘ ... und nur die Toten sind noch da.’ Der alte Judenfriedhof in Hoyerhagen/Nienburg, hrg. vom Wissenschaftlichen Institut für Schulpraxis Bremen, Bremen 1994

Arbeitskreis Jüdische Heimatforschung im Landkreis Diepholz (Hrg.), “... eine Welt ging uns unter.” Materialübersicht über die Geschichte der Juden im Landkreis Diepholz, 2. neu bearb. Auflage, Diepholz 1998

Heinrich Bomhoff, Jüdische Spuren in der Grafschaft Hoya, Vortrag vom Jan. 2003 im Kreismuseum Syke

Nancy Kratochwill-Gertich (Bearb.), Bruchhausen, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Bd. 1, S. 359 - 363

Sozialausschuss von Bruchhausen-Vilsen sagt Unterstützung zu: Schüler wollen Stolpersteine verlegen lassen, in: „Weser-Kurier“ vom 26.5.2016

Anne Schmidtke (Red.), Gymnasiasten wollen Zeichen gegen Rechts setzen, in: kreiszeitung.de vom 9.1.2017 (betr. geplante Verlegung von Stolpersteinen)

Micha Bustian (Red.), Stolpersteine für Bruchhausen-Vilsen, in: „Syker Kurier“ vom 20.9.2019

Micha Bustian (Red.), Stolpersteine für Bruchhausen-Vilsen. Premiere für den Luftkurort, in: „ Weser-Kurier“ vom 24.6.2020

Anne-Katrin Schwarze (Red.), Bruchhausen-Vilsen gehört jetzt zum „Netz des Gedenkens“, in: kreiszeitung.de vom 25.6.2020

Stolpersteine Bruchhausen-Vilsen, online abrufbar unter: stolpersteine-brv.org

Anne-Katrin Schwarze (Red.), Platz mitten in Bruchhausen-Vilsen soll nach jüdischer Familie Lindenberg benannt werden, in: kreiszeitung.de vom 28.4.2021