Bruck a. d. Leitha (Niederösterreich)

http://karten.plz-suche.org/at/f87f/Bruck_an_der_Leitha_Landkarte_Bezirk.png Bruck an der Leitha (ung. Lajtabruck) ist heute eine Kleinstadt mit derzeit ca. 7.700 Einwohnern nahe der Grenze zu Ungarn.

Zwar stammt die erste schriftliche Erwähnung von Juden im niederösterreichischen Bruck erst aus dem Jahre 1351, doch kann davon ausgegangen werden, dass bereits zuvor hier jüdische Bewohner anzutreffen waren. Historiker vermuten, dass schon in der Römerzeit in Bruck bzw. in einer älteren, während der Völkerwanderung aufgegebenen Siedlung Juden gelebt haben. 1363 wurde hier ein „Judengericht“ eingerichtet. In der Zeit zwischen 1385 und 1420 sind insgesamt zwölf erwachsene jüdische Männer bezeugt. Geld- und Darlehensgeschäfte – auch in der weiteren Region – waren zumeist Lebensgrundlage der hier lebenden Familien.

 Ansicht von Bruck (hist. Stich, um 1670)

Unter der Herrschaft des Herzogs Albrecht V. wurden 1421/1422 aus Bruck die jüdischen Bewohner vertrieben; denn der in finanzielle Schwierigkeiten geratene Herzog hatte die Juden seiner Herrschaft dem Mob als Sündenbock preisgegeben und konnte dann ihren Besitz konfiszieren. Den meisten gelang die Flucht nach Ungarn, wo sie vom König Sigismund freundlich aufgenommen wurden. Er setzte durch, dass die vertriebenen Familien sogar eine Entschädigung für ihren zurückgelassenen Besitz erhielten. Die in Bruck existierende „Schul“ bzw. Synagoge wurde mehr als ein Jahrhundert nach der Vertreibung der Juden zu einer christlichen Kapelle umfunktioniert. Die bislang geltende Vermutung, dass die St. Niklas-Kapelle am Hauptplatz früher das jüdische Gotteshaus war, scheint widerlegt, denn die Ruine dieser Kapelle wurde bereits im 17.Jahrhundert vollständig abgerissen.

Ein im Hinterhof der Schillerstraße 9 stehendes Gebäude aus Bruchsteinen ist aller Wahrscheinlichkeit nach das Relikt der mittelalterlichen Synagoge der Stadt; der Bau datiert vermutlich um 1300.

Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Chr. Michelides, 2016, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Das inzwischen von der Kommune angekaufte historische Gebäude soll in naher Zukunft eine Restaurierung erfahren.

http://static0.akpool.de/images/cards/34/347478.jpg Blick in das Landstädtchen (hist. Postkarte, um 1910)

Die jüdischen Familien von Bruck gehörten der Israelitischen Kultusgemeinde Mödling an, die 1892 offiziell gegründet worden war.

Im Jahre 1914 wurde im Norden Brucks ein Barackenlager errichtet, das jüdische Flüchtlinge aus Galizien aufnahm. Im Herbst 1915 hielten sich hier mehr als 3.000 Personen auf. Auf dem Gelände erstellte man für die hierher verschlagenen Juden auch ein aus Holz gefertigtes Synagogengebäude. 

                                                         "Barackensynagoge“ (Aufn. 1915)

Schon vor dem sog. „Anschluss“ (1938) existierte in Bruck a. d. Leitha keine jüdische Gemeinschaft mehr; der um 1915 eingerichtete Betraum in der Kapuzinergasse wurde Mitte der 1930er Jahre aufgegeben. Seit der zweiten Hälfte des Jahres 1944 gab es in der Region um Bruck a. d. Leitha Lager jüdischer Zwangsarbeiter aus Ungarn; sie wurden bei Schanzarbeiten am „Südostwall“ eingesetzt. Ende März/Anfang April 1945 wurden diese in Richtung Mauthausen - zumeist per Fußmarsch - ‚evakuiert’, viele starben an Entkräftung. Am Friedhof von Bruck/Leitha befindet sich über einem Massengrab ein Gedenkstein für 155 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter. Ein weiteres Massengrab ist auf dem Friedhof in Deutsch-Altenburg zu finden.

 

In Hainburg - heute eine Stadtgemeinde im niederösterreichischen Bezirk Bruck - erinnert ein aus dem 14.Jahrhundert stammendes Synagogengebäude daran, dass es hier einstmals eine jüdische Gemeinschaft gegeben haben muss. Das aus Bruchsteinen erstellte Gebäude auf einem Hofgelände in der Wiener Straße ist ein geschütztes Baudenkmal.

                        Ehem. Synagoge (Aufn. E.W., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Weitere Informationen:

Josef Christelbauer, Geschichte der Stadt Bruck an der Leitha, Bruck a.d. Leitha 1920

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 174/175

Andea Sonnleitner, Mittelalterliche Synagogen im ehemaligen Herzogtum Österreich, Magisterarbeit an der Universität Wien, Wien 1988, S. 80 ff.

Lucian Meysels, Absurde Rettung. Die verfallene St. Niklas-Kapelle in Bruck an der Leitha diente ursprünglich als Synagoge (Aufsatz)

Die mittelalterliche Synagoge in Bruck a.d.Leitha, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Dez. 1993

Die mittelalterlichen Synagogen im ehemaligen Herzogtum Österreich, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Dez. 1998

Simon Paulus/Karin Kessler, Religiöse Bauten jüdischer Gemeinden in Österreich. Zur Dokumentation eines vergessenen architektonischen Erbes, in: "DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 56 (Mai 2003)

Simon Paulus, Das Baujuwel im Hinterhof. Zur Rekonstruktion der mittelalterlichen Synagoge in Bruck an der Leitha, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 63 (Dez. 2004)

Petra Weiß/Irmtraut Karlsson, Die Toten von Bruck. Dokumente erzählen Geschichte, Kral Verlag, 2008

Bruck an der Leitha, in: Historischer Städteatlas, hrg. vom Wiener Stadt- u. Landesarchiv/Ludwig Boltzmann Institut für Stadtgeschichtsorschung, o.J.

Wolfgang Galler/Christof Habres, Jüdisches Niederösterreich, Metroverlag, Wien 2013

E.Brugger/M.Keil/A.Lichtblau/Chr.Lind/B.Staudinger, Geschichte der Juden in Österreich, Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2013, S. 18/19

René Kommer, Die Synagoge in Bruck an der Leitha – Diplomarbeit an der TU Wien, 2015

Susanne Müller (Red.), Erste Pläne für die Synagoge, in: „Niederösterreichische Nachrichten“ vom 11.11.2018