Burgau/Schwaben (Bayern)

Datei:Burgau in GZ.svg Burgau ist eine an der Mindel gelegene Kleinstadt mit derzeit ca. 7.500 Einwohnern im schwäbischen Landkreis Günzburg – knapp 40 Kilometer westlich von Augsburg (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

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Burgau um 1550 – Bayerische Staatsbibliothek (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

In der seit 1559 unter vorderösterreichischer Herrschaft stehenden Markgrafschaft Burgau haben seit dem hohen Mittelalter Juden gelebt. Auf Grund ihrer Lage an einer bedeutenden Handelsstraße hatten sich in den beiden Landstädten Burgau und Günzburg jüdische Händler niedergelassen. Vom Pestpogrom waren auch die in Burgau lebenden Juden betroffen: Sie wurden aus der Stadt vertrieben. Doch Jahrzehnte später ließen sich erneut jüdische Familien hier nieder, und im 16.Jahrhundert erreichte die jüdische Gemeinde ihren personellen Höchststand. Neben Günzburg, das während des 16.Jahrhunderts Sitz der schwäbischen Rabbiner war und eine Heimstatt für berühmte Gelehrte bot, zählte die Burgauer Judengemeinde zu den geistigen Zentren im süddeutschen Raum. Die jüdische Geschichte in Burgau ist in erster Linie mit Schimon ben Elieser Ulmo (geb.1506 in Günzburg, gest. 1585) verknüpft; er wuchs in Burgau auf und war hier Rabbiner und Leiter eines talmudischen Lehrhauses.

Eine der ältesten jüdischen Begräbnisstätten in der Markgrafschaft Burgau war die in Burgau selbst; hier fanden verstorbene Juden der gesamten Markgrafschaft - gegen Entrichtung einer Wegzollabgabe - ihre letzte Ruhe. Im Laufe des 17.Jahrhunderts wurden dann fünf weitere Friedhöfe in der Markgrafschaft angelegt, wobei der Judenfriedhof von Kriegshaber den größten Einzugsbereich besaß.

Eine „Judenordnung“ regelte ab 1534 die Rechte und Pflichten der in der Markgrafschaft Burgau lebenden Juden. Aus dem habsburgischen Burgau - so auch aus Günzburg - wurden 1617 (nach anderen Angaben 1634/1635) die jüdischen Bewohner durch den Markgrafen Karl vertrieben, und dieses Verbot jüdischer Ansiedlung blieb bis ins 19.Jahrhundert bestehen. Die vertriebenen Familien siedelten sich dann in Dörfern der Region an, so in Binswangen, Buttenwiesen, Fischach, Kriegshaber u.a. Der Landesherr unterstützte diese Ansiedlungen aus finanziellen Gründen - aber oft gegen den Willen der Dorfherrschaft. 1660 wurde in Burgau die „Judenschuel als öde Hofstatt“ verkauft und der Friedhof aufgelassen.

Noch bis auf den heutigen Tag weisen Flur- und Wegbezeichnungen wie etwa „Am Judenbegräbnis“ darauf hin, dass einst in Burgau Juden gelebt haben. Vom ehemaligen Judenfriedhof sind heute aber keine Relikte mehr vorhanden.

 

1944/1945 befand sich in Burgau ein Arbeitslager für die Messerschmidt-AG, die im sogenannten „Kuno-Werk I“ im Scheppacher Forst Düsenjäger produzierte. In 14 Baracken waren hier mehr als 1.100 Menschen untergebracht, darunter befanden sich ca. 500 jüdische Frauen aus Ungarn und Polen. Nach der Räumung des Lagers kamen auf einem Todesmarsch ca. 60 Menschen ums Leben. 2011 wurde ein Mahnmal, mit dem die Stadt der Menschen gedenken möchte, die im Zangsarbeitslager gelitten haben, feierlich eingeweiht. Namentlich sind 18 jüdische Häftlinge bekannt, die in Burgau starben.

 

Auch in dem wenige Kilometer südlich von Burgau gelegenen Dorf Scheppach hat es bis unmittelbar vor dem Dreißigjährigen Krieg eine jüdische Gemeinde gegeben. Die damals bestehende Synagoge soll 1617 nach der Vertreibung der jüdischen Bewohner abgerissen worden sein.

 

Weitere Informationen:

Helmut Veitshans, Die Judenansiedlungen der schwäbischen Reichsstädte und württembergischen Landstädte im Mittelalter nebst kartographischer Darstellung, Arbeiten zum Historischen Atlas von Südwestdeutschland, Heft 5/6, Stuttgart 1970

Israel Schwierz, Steinern Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 253

Stefan Rohrbacher, Medinat Schwaben. Jüdisches Leben in einer süddeutschen Landschaft der Frühneuzeit, in: Rolf Kießling (Hrg.), Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches, Berlin 1995, S. 80 - 109

Susanne Braun, ‘Von gemainer Judischhait in Schwaben’. Der rechtliche Rahmen für das Leben der Juden in der Markgrafschaft Burgau, untersucht an den Beispielen Ichenhausen und Fischach, Zulassungsarbeit, Augsburg 1991

Sabine Ullmann, Nachbarschaft und Konkurrenz: Juden und Christen in Dörfern der Markgrafschaft Burgau 1650 bis 1750, Dissertation Göttingen 1997 (veröffentlicht: Max-Planck-Institut für Geschichte 151/Göttingen 1999)

Rosemarie Mix, Die Judenordnung der Markgrafschaft Burgau, in: R.Kießling/S.Ullmann (Hrg.), Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit, Berlin 1999, S. 23 - 58

Katia Guth-Dreyfus, Eine süddeutsche jüdische Textilie aus dem frühen 17.Jahrhundert, in: R.Kießling/S.Ullmann (Hrg.), Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit, Berlin 1999, S. 220 – 233

Eva Langley-Dános, Zug ins Verderben. Von Ravensbrück nach Burgau, Daimon-Verlag, 2000

Zdenek Zofka, … erinnert nichts mehr an diese Geschichte. Das KZ-Außenlager Burgau, Hrg. Landeszentrale für Politische Bildung Bayern, München 2000

N.N. (Red.), Auf den Spuren jüdischen Lebens in Burgau, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 28.3.2008

E.Brugger/M.Keil/A.Lichtblau/Chr.Lind/B.Staudinger, Geschichte der Juden in Österreich, Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2013, S. 242 ff. und S. 303 ff.