Burghaslach (Mittelfranken/Bayern)

Datei:Burghaslach in NEA.svg Burghaslach ist ein Markt im Kreis Neustadt a.d. Aisch mit derzeit ca. 2.500 Einwohnern (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Eine jüdische Ansiedlung in Burghaslach und Umgebung - die Region unterstand bis 1806 dem Bistum Würzburg, danach dem Königreich Bayern - erfolgte im beginnenden 16.Jahrhundert; erstmalig namentlich erwähnt wurde im Ort lebende Juden 1541 bzw. 1548. Eine Gemeinde bildete sich zu Beginn des 17.Jahrhunderts; die unter dem Schutz der Freiherren von Münster-Lisberg bzw. der Freiherren von Vestenberg stehenden Familien hatten jährlich eine stattliche Abgabe zu leisten. Diese Zahlungen setzten sich auch fort, als nach 1687 Burghaslach drei Herrschaften unterstand. Beschwerden der christlichen Burghaslacher, den jüdischen Bevölkerungsanteil zu senken, wurden von den Obrigkeiten abschlägig beschieden, da diese um ihre sicheren Einnahmequellen fürchteten. Bis ins beginnende 19.Jahrhundert blieb der jüdische Bevölkerungsanteil nahezu konstant (ca. 25%).

In den 1760er Jahren wurde eine bestehende „Judenschule“ durch einen Neubau ersetzt. Nach der Erneuerung der Inneneinrichtung 1739 erfolgte eine Wiedereinweihung des Gebäudes. Die Zeitschrift „Der Israelit“ berichtete in ihrer Ausgabe vom 26. Oktober 1839 darüber:

Burghaslach, 13. Sept. (Privatmitth.). Durch eine in der, allerhöchsten Orts bestätigten Synagogen-Ordnung für den Kreis Mittelfranken in Baiern, nach der sämmtlich Stände in der Synagoge gegen Morgen (Anm. gen Osten) zu richten seien, sah die hiesige Gemeinde sich bewogen, ganz neue Subsellien, so wie auch eine schöne Kanzel aufzustellen. Die außerdem noch mit manchem neuen Schmucke versehene Synagoge wurde nun am ersten Abend des Neu-Jahrs mit Gesängen und einer trefflichen Predigt des Distriktsrabbinen Herrn Selz zu Uhlfeld, von Neuem feierlich eingeweiht. Der hierdurch gewonnene Eindruck auf die Gemüther der Zuhörer wurde dann am folgende Tage durch eine begeisternde Festpredigt desselben Redners noch erhöht, so daß der Nachklang dieser erhebenden Feier uns diese kurze, aber innige Anerkennung im Namen unserer Gemeinde, gern abnöthigte. 

Ein Jahrhundert nach der Ersteinweihung war das Gebäude baufällig geworden, sodass die Gemeinde sich genötigt sah, Abhilfe zu schaffen; so entschloss man sich zu einem Synagogenneubau, dessen Finanzierung durch zahlreiche Kollekten und Spenden gesichert wurde. Über den Zustand der jüdischen Gemeindeeinrichtungen liegt ein Bericht des Burghaslacher Lehrers, Moritz Marschütz, aus dem Jahr 1870 vor:

„ ... Die hiesige israelitische Cultusgemeinde beschloss im Jahre 1858 nach dem Tode des ehemaligen Religionslehrers Simon Hamburger ... die Gründung einer Elementarschule. Als Schulzimmer wurde in Ermangelung eines besseren die seitherige Wohnung des verstorbenen Lehrers eingerichtet ... Allein im Laufe der Jahre zeigten sich bei obengedachtem Schullokale sowohl hinsichtlich der Beleuchtung der Räumlichkeit, als auch der Ansprüche, die man in sanitärischer Beziehung an solche Lokale zu machen gewöhnt ist, große Fehler und Mängel. ...  Nicht weniger schlimm sah es mit der alten Synagoge aus. Abgesehen davon, dass sie schon ein sehr altes, höchst unansehnliches, baufälliges Gebäude an und für sich war, befand sie sich in erster Etage. Man war daher im Winter von großer Kälte sehr belästigt, bei starkem Regenwetter mußte man es sich gefallen lassen, einen See zu durchwaten.  Noch größere Schattenseiten hatte aber die Frauen-Synagoge. Dieselbe war sehr klein, eng und die Folge dessen namentlich an hohen Feiertagen für die Besucherinnen wegen Mangel an gehörigen Plätzen äußerst belästigend, gesundheitswidrig und nichts weniger als andachtserweckend.  Schon lange stand es im Projekte der Gemeinde, eine neue Synagoge zu erbauen, und zwar wurde schon im Jahre 1855 ein eigener Fond gegründet, der sich durch Abgabe von einem Prozent der eingebrachten Mitgift bei Verehelichungen zum Teile fundierte. ...“

(aus: Johann Fleischmann, Mesusa 2 - Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach, S. 136/137)

1869 wurde der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt, und ein Jahr später konnte unter Leitung des Distriktsrabbiners aus Uehlfeld die Einweihung des Gebäudes begangen werden. Der Stein aus der Portalinschrift der alten Synagoge mit dem Hinweis auf das Baujahr (5526, d.h. 1765/66) wurde im Nachfolgebau eingefügt und ist bis heute erhalten. Über die Synagogeneinweihung wird berichtet:

„ ... Das Weihefest der Synagoge wurde am Freitag, dem 10.Juni 1870 begangen. Schon am Tage vor dem eigentlichen Feste war in den Straßen und Gassen unseres friedlichen Marktes ein ungewöhnliches Leben und Treiben zu beobachten. Eine Menge fremder, meist von hier stammender Israeliten, sowie eingeladener Gäste fanden sich selbst von weitester Ferne bei ihren Verwandten ein. Am Festtage konnte man vor dem großen Fremdenandrang von Israeliten als auch Nichtisraeliten kaum die Straße passieren. Die Feier begann am Nachmittag um 3 Uhr in der alten Synagoge mit dem Vortrag des Mincha-Gebetes*. Hierauf bestieg Herr Distrikt-Rabbiner Selz zu Uehlfeld die Kanzel und hielt eine ergreifende Ansprache an die versammelte Menge. Die Thorarollen wurden herausgenommen und je drei und drei wurden unter Baldachinen dem Festzuge eingereiht. ... Es war ein erhebender Anblick, diesen langen stattlichen Zug mitanzusehen. Hunderte von Nichtisraeliten aus der ganzen Gegend betrachteten diese seltsame Feier mit größtem Interesse. So bewegte sich der Zug bis zur Treppe der neuen Synagoge. ... und unter dem Rufe: ” Tut mir auf die Pforten!” öffneten sich die Pforten des neuen Tempels.Die ganze Schar strömte hinein. Unvergesslich blieb der erhabene Eindruck, den diese großartige, glänzende Versammlung in dem herrlichen, festlich beleuchteten Gotteshause hervorrief. Es wurden dann... von einem trefflich geschulten achtstimmigen Chore mit Streichquartett aufs Exakteste ausgeführt, der dreimalige Umzug mit der Tora gehalten, dann letztere unter Sang und Klang dem neuen Heiligtums übergeben. In der hierauf folgenden Rede sprach der Rabbiner von der Bedeutung des Gotteshauses (Text 1. Mose 28,18). Außer dieser religiösen Feier wurden noch am Abend des Festtages zur Ehre der Festgäste Harmonie-Musik im Schlee'schen Garten und Samstag und Sonntag Festbälle im Beer'schen und Schlee'schen abgehalten.“

* zweites Gebet am Tage

(Textbeitrag aus: Johann Fleischmann, Mesusa 2 - Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach, S. 139/140 u. S. 142 - 148)

           http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2089/Burghaslach%20Israelit%2001091921.jpg

Synagoge in Burghaslach (hist. Ansicht, um 1920, aus: J. Fleischmann, Mesusa 2)  -  Stellenausschreibung aus dem Jahre 1921

1929 wurde die Synagoge renoviert und erneut eingeweiht. 

Eine jüdische Elementarschule gab es in Burghaslach ab 1859; sie hatte bis Mitte der 1920er Jahre Bestand. Das Schulzimmer befand sich zunächst in einem Privathaus, ehe 1869 ein eigenes Gebäude bezogen werden konnte. Wegen Schülermangels wurde die jüdische Volksschule Anfang der 1920er Jahre geschlossen.

Zunächst wurden verstorbene Juden in Aschbach oder Ullstadt (?) und Zeckern beerdigt, 1775 wurde am südwestlichen Dorfrand mit Erlaubis der Herrschaft Castell ein eigener Friedhof angelegt. Das Areal wurde auch von den Juden aus Fürstenforst und Vestenbergsreuth mitgenutzt.

      

jüdischer Friedhof links, Synagoge Bildmitte (Ausschnitt aus einer colorierten Darstellung von 1872, in: J. Fleischmann, Mesusa 4)

Juden in Burghaslach:

        --- um 1590 .....................  15 jüdische Familien,

    --- 1719 ........................ 207 Juden (ca. 27% d. Bevölk.),

    --- 1800 ........................  38 jüdische Familien,

    --- 1828 ........................ 242 Juden (ca. 25% d. Bevölk.),

    --- 1867 ........................ 174   “   (ca. 18% d. Bevölk.),

    --- 1890 ........................ 157   “   (ca. 16% d. Bevölk.),

    --- 1910 ........................  93   “  ,

    --- 1925 ........................  73   “  ,

    --- 1933 ........................  60   “  ,

    --- 1937 ........................  50   “  ,

    --- 1938 ........................   6 jüdische Familien,*   *andere Angabe: 13 Fam.

    --- 1939 (Jan.) .................  10 Juden,

    --- 1940 (Febr.) ................   keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 164

und                J. Fleischmann, Mesusa 2 - Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, ... S. 11 u.a.

              Handel mit Wein, Hopfen und anderen Landesprodukten bildeten die Lebensgrundlage der Burghaslacher Juden.

                                           Geschäftsanzeigen von 1891 und 1921

... und eine private Kleinanzeige des Sofer Isaak Kurzmann von 1893 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2089/Burghaslach%20Israelit%2023031893.jpg

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Burghaslach noch etwa zehn bis zwölf jüdische Familien. Auf Grund der zunehmenden Diskriminierung und offenen antisemitischen Stimmungsmache verließ bald ein Teil der eingeschüchterten Bewohner sein Heimatdorf.

Sichtbarer "Erfolg" der antisemitischen Stimmungsmache war eine bereits 1936 u. 1937 begangene Schändung des jüdischen Friedhofs, bei der mehrere Grabsteine zerstört wurden.

In den Morgenstunden des 10.November 1938 „entzündete sich” die Burghaslacher Synagoge und „dieses Feuer war ... auch für uns Burghaslacher der Schein des Morgenrots, unter dessen Leuchten die Kinder Israels begannen, auszuziehen aus unserem herrlichen Deutschland” - so der Wortlaut eines Aufsatzes des Propagandaleiters der Ortsgruppe Burghaslach. Bei den „Aktionen“ des Pogroms in Burghaslach waren zumeist auswärtige SA-Angehörige aktiv; ihre Anweisungen hatten sie zuvor vom Kreisleiter in Neustadt/Aisch erhalten. Bevor der Ortsgruppenleiter die Haslacher Synagoge in Brand setzen ließ, wurden die umliegenden Gebäude von der Feuerwehr nass gespritzt, um ein Übergreifen der Flammen zu verhindern. Das Synagogengebäude mitsamt der Inneneinrichtung brannte dann völlig aus. Tags darauf wurden alle jüdischen Dorfbewohner in dem Saal eines Gasthauses eingesperrt, währenddessen demolierten SA-Angehörige ihre Wohnungen und Läden. Nachdem sich die Eingesperrten verpflichtet hatten, ihren Besitz aufzulösen und aus Burghaslach wegzuziehen, wurden sie zwei Tage später wieder freigelassen. Schon im Dezember 1938 verließen die meisten jüdischen Einwohner den Ort, die letzten dann im Februar 1940.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind nachweislich 56 aus Burghaslach stammende bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene Juden Opfer der NS-Verfolgung geworden (namentliche Nennung der betreffenden Personen siehe: alemannia-judaica.de/burghasslach_synagoge.htm).

Im Januar 1948 fand vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth ein Prozess gegen 21 der an den Ausschreitungen im November 1938 Beteiligten statt. Während neun Angeklagte freigesprochen wurden, erhielten die anderen geringe Haftstrafen.

 

Das einstige Synagogengebäude, das nach 1938 zunächst zu einer Werkstatt ausgebaut worden war, dient heute Wohnzwecken. Seit Ende 2007 geben Informationstäfelchen den interessiertem Besucher Auskunft über den jüdischen Friedhof und die ehemalige Synagoge. Der von einer Mauer umgebene Friedhof mitsamt dem baufälligen Taharahaus zeugt von der jüdischen Geschichte des Ortes; auf dem Areal findet man heute noch ca. 200 Grabsteine.

JüdischerFriedhofBurghaslach.JPG   

  Friedhofseingang (Aufn. S. 2010, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0) und älterer Teil (Aufn. J. E. Loebe, 2011, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0) 

 

In Fürstenforst - heute ein Ortsteil von Burghaslach - gab es im 18./19.Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde, die über eine Synagoge, eine Schule und eine Mikwe verfügte. Hinweise auf deren Existenz finden sich in aus der Zeit um 1800 stammenden Urkunden im Fürstlich Castell´schen Archiv. Acht Matrikelstellen waren 1813 für jüdische Familien ausgewiesen. Verstorbene wurden anfänglich auf dem jüdischen Friedhof in Aschbach, später auf dem in Burghaslach beigesetzt. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts haben vermutlich keine Juden mehr im Dorf gelebt. Spärliche Überreste von hebräischen Inschriften sind nur noch in dem ehemals als Schule genutzten Gebäude erhalten geblieben, darüber hinaus gibt es keine Hinweise auf jüdisches Leben am Ort.

 

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 164 – 166

Robert Hofmann, Die jüdische Gemeinde von Fürstenforst, in: „Der Steigerwald“, Heft 8/1988, S. 585

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 155 und S. 168

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Burghaslach, in: "Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern", 11. Jg., No. 74/1997, S. 18

Johann Fleischmann, Mesusa 1 - Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach, Hrg. Arbeitskreis “Jüdische Landgemeinden an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach”, Selbstverlag J.Fleischmann, Mühlhausen 1998, S. 182 f.

Johann Fleischmann, Mesusa 2 - Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach, Hrg. Arbeitskreis “Jüdische Landgemeinden an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach” , Selbstverlag J.Fleischmann, Mühlhausen 2000, S. 136 ff.

Markt Burghaslach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Fürstenforst, in: alemannia-judaica.de

Jesko Graf zu Dohna, Geschichte der jüdischen Gemeinde Burghaslach, Vortragsmanuskript (2003)

Johann Fleischmann, Mesusa 4 - Lebensbeschreibungen und Schicksale. Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach, Hrg. Arbeitskreis “Jüdische Landgemeinden an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach”, Selbstverlag J.Fleischmann, Mühlhausen 2004 (mehrere Aufsätze zu Burghaslach)

Werner Thiele, Als die Synagoge in Burghaslach brannte. Zeitzeugen erinnern sich an das finsterste Kapitel ihrer Ortsgeschichte, in: "Evangelisches Sonntagsblatt in Bayern", Ausgabe 12/2006

B. Eberhardt/C. Berger-Dittscheid, Burghaslach, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 2, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2010, S. 130 - 145

Johann Fleischmann, Carl Marschütz aus Burghaslach, Gründer der Nürnberger HERCULES-Werke, in: "Mesusa", 9/2013