Burgsinn (Unterfranken/Bayern)

Datei:Burgsinn in MSP.svg Burgsinn ist ein Markt mit derzeit ca. 2.500 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart - zwischen Fulda (im N) und Würzburg (im S) gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Auf der Grundlage eines Privilegs des Kaisers Wenzel von 1412, das den Herren von Thüngen zugestanden worden war, durften sich in Burgsinn, aber auch in Thüngen, Mittelsinn, Zeitlofs und anderen Ortschaften, jüdische Familien niederlassen. Gegen Zahlung von Schutzgeldern, die bis weit ins 19.Jahrhundert hinein geleistet werden mussten, genossen sie herrschaftlichen Schutz. Mit dem Übergang der Herrschaft an Bayern wurde 1816 das „Judenedikt“ in Kraft gesetzt, das auch Matrikelstellen für ca. 15 Familien in Burgsinn beinhaltete. Ihren Lebensunterhalt bestritten die damals hier ansässigen Familien als „Handelsmänner“, Viehhändler und Metzger, aber auch als Handwerker.

Die Synagoge aus dem Jahre 1780 wurde Mitte der 1860er Jahre baulich verändert. Der im Erdgeschoss liegende Gebetsraum für Männer bot 36 Plätze; die Frauen gelangten über eine Wendeltreppe auf eine Empore mit 24 Sitzen. Die Wände und Decken des auf einem Sandsteinsockel stehenden Fachwerkgebäudes waren mit Malereien verziert. In das Mauerwerk der Synagoge war eine aus Stein gemeißelte und mit den zehn Geboten versehene Gebetstafel eingelassen.

   Skizze der Synagoge (Kreisheimatpflege Landkreis Main-Spessart, Gemünden)  

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20356/Burgsinn%20Amts-Blatt%2020011863.jpg aus: "Kgl. Bayerisches Kreis-Amtsblatt von Unterfranken u. Aschaffenburg" No. 149 vom 20.1.1863

Die jüdischen Kinder erhielten im 19.Jahrhundert ihren Elementarunterricht in der hiesigen protestantischen Schule, den Religionsunterricht erteilten oft wechselnde jüdische Lehrer. Seit dem Tod des letzten Lehrers in Rieneck (1872) stellten die in Burgsinn und Rieneck wohnhaften jüdischen Familien gemeinsam einen Lehrer an, der zugleich als Vorbeter und Schochet in den beiden Gemeinden tätig war

     

Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 5.Sept. 1889 und vom 3.Sept. 1908

Da kein eigener Begräbnisplatz für die jüdischen Einwohner Burgsinns vorhanden war, fanden Beerdigungen auf dem israelitischen Bezirksfriedhof in Altengronau statt. Hier wurden auch Verstorbene aus Rieneck und Mittelsinn sowie zahlreichen weiteren Gemeinden beerdigt.

Juden in Burgsinn:

        --- 1812 .......................... 82 Juden (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1830 .......................... 72   “  ,

    --- 1867 .......................... 87   “   (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1885 .......................... 70   “  ,

    --- 1897 .......................... 61   “  ,

    --- 1900 .......................... 63   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1910 .......................... 43   “  ,

    --- 1933 .......................... 49   “   (2,5% d. Bevölk.),

    --- 1937 (Mai) .................... 29   “  ,

    --- 1939 ..........................  9   “  ,

    --- 1940 ..........................  3   “  ,

    --- 1942 (Sept.) ..................  2   “  .

Angaben aus: Rita u. Konrad Weigelt, Erinnerungen an die ehemalige Israel. Kultusgemeinde in Burgsinn, S. 401

gewerbliche Anzeigen (um 1900) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20297/Burgsinn%20Israelit%2014111901.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20209/Burgsinn%20Israelit%2031071902.jpg

Bis Anfang der 1930er Jahre sollen die jüdischen Familien ein fester Bestandteil der dörflichen Gemeinschaft gewesen sein. Dies änderte sich aber bald, und innerhalb weniger Jahre verließ der Großteil der jüdischen Bewohner sein Heimatdorf. Bereits 1937 konnte die Gemeinde in Burgsinn - ihr waren bereits die Juden Rienecks angeschlossen - keinen Minjan mehr stellen, sodass keine Gottesdienste mehr abgehalten werden konnten. Die wenigen jüdischen Kinder durften ab 1936 nicht mehr die Ortsschule besuchen und gingen nun auf die jüdische Schule im benachbarten Mittelsinn.

Zu ersten Gewalttätigkeiten gegenüber Burgsinner Juden kam es im März 1938, als Fenster der Synagoge und von Wohnhäusern eingeworfen wurden. Diese Feindseligkeiten nahmen im Laufe des Jahres zu und kulminierten im November 1938, als Gewalttäter in das Synagogengebäude eindrangen, Mobiliar zertrümmerten und Ritualgegenstände zerstörten. Einen bereits gelegten Brand am Gebäude konnte die Ortsfeuerwehr löschen. In die Wohnungen jüdischer Dörfler wurde ebenfalls eingedrungen, Möbel und Hausrat demoliert, auf die Straße geworfen und anschließend auf einem freien Gelände verbrannt. Sieben Männer kamen „in Schutzhaft“, fünf von ihnen wurden dem KZ Dachau überstellt. Innerhalb der folgenden Monate verließen - bis auf zwei Ausnahmen - die noch in Burgsinn verbliebenen jüdischen Bewohner ihr Heimatdorf.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ wurden nachweislich 21 aus Burgsinn stammende Juden Opfer der Shoa (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/burgsinn_synagoge.htm).

Ein gegen Beteiligte der Gewalttätigkeiten gegenüber jüdischen Bewohnern angestrengtes Verfahren wurde 1950 wegen „Beweisnot, fehlender Zeugen und mangelnden öffentlichen Interesse“ eingestellt.

 

Im Innenraum des Rathauses erinnert seit 1986 eine Gedenktafel daran, dass der Ort einst Sitz einer jüdischen Kultusgemeinde war; die Inschrift lautet:

In BURGSINN bestand bis 1940 eine Jüdische Kultusgemeinde,

Synagoge Fellener Straße 14,

die in der Pogromnacht 1938 geschändet wurde.

Der MARKT BURGSINN gedenkt seiner ehemaligen jüdischen Mitbürger.

Das ehemalige Synagogengebäude - in Privatbesitz und zu Wohnzwecken umgebaut - existiert bis heute; allerdings ist seine ursprüngliche Funktion nicht mehr zu erkennen.

   

Synagogengebäude vor und nach dem Umbau (links: Kreisheimatpflege Landkreis Main-Spessart, Gemünden - rechts: Aufn. J. Hanke, 2004)

(Aufn. Jürgen Hanke)    Die Gebotstafeln aus der Synagoge Burgsinn sind erhalten geblieben; sie werden im Stadtarchiv Würzburg aufbewahrt. 

Einen Hinweis auf ehemaliges jüdisches Leben in Burgsinn findet man heute noch an einem Haus in der Fellener Straße, das von der Metzger-/Viehhändlerfamilie Emanuel Stein bewohnt wurde. Über dem Türsturz des Eingangs – es war gleichzeitig der Durchgang zur dahinter liegende Synagoge – ist eine hebräische Inschrift angebracht.

hebräische Inschrift (Aufn. aus: sinngrundallianz.de)

Auch Burgsinn beteiligt sich am unterfränkischen Projekt „DenkOrt Deportationen 1941-1944“ (vgl. Würzburg) mit einer "Decken-Skulptur“

        Aufn. R. Ries, 2020, aus: denkort-deportationen.de

 

[vgl. Mittelsinn (Bayern)]

 

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 278 - 280

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 49

Leonard Scherg, Jüdisches Leben im Main-Spessart Kreis. Orte, Schauplätze, Spuren, Hrg. Förderkreis Synagoge Urspringen e.V., Haigerloch 2000, S. 13/14

Rita u. Konrad Weigelt, Erinnerungen an die ehemalige Israelitische Kultusgemeinde in Burgsinn, in: Markt Burgsinn (Hrg.), 1000 Jahre Burgsinn - Festschrift zur Milleniumsfeier der Marktgemeinde Burgsinn im Jahr 2001, Gemünden/M. 2001, S. 398 ff.

Burgsinn, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Roland Herget, Burgsinn: Die Perle des Sinngrunds. Geschichte, Geschichten, Gedichte, Burgsinn 2007

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: "Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg", Band 13, Würzburg 2008, S. 122/123

Hans Schlumberger/Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Burgsinn, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 155 - 166

Synagoge in Burgsinn, online abrufbar unter: sinngrundallianz.de