Datteln (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Datteln in RE.svg Die Stadt Datteln mit derzeit ca. 36.000 Einwohnern liegt im nördlichen Ruhrgebiet und gehört dem Kreis Recklinghausen an (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia, CC BY-SA 3.0).

Erst im Jahre 1814 ließen sich in Datteln - es gehörte damals zum Großherzogtum Berg - zwei jüdische Familien nieder; nur langsam wuchs ihre Zahl im Laufe des 19.Jahrhunderts und erreichte um 1900 ihren Höchststand. Ab den 1830er Jahren trafen sich die jüdischen Bewohner, auch die aus dem benachbarten Ahsen und Horneburg in einem Betraum eines Privathauses, und zwar im Hause der Familie Salomon Mendel-Hecht (S. Mendel-Hecht war von 1831 bis 1860 Vorsteher der Gemeinde). Im Laufe des Jahrhunderts wechselte der Betsaal wiederholt seinen Standort. 1912 erwarb die Gemeinde ein Baugrundstück an der Ecke Marktstraße/Türkenstraße (heute: Am Türkenort) und errichtete dort 17 Jahre später ein kleines schlichtes Synagogengebäude. Der ca. 40 Personen fassende Bau wurde im Dezember 1929 durch den Bezirksrabbiner Dr. Julius Max Steinthal (aus Münster) eingeweiht.

In Datteln war für zwei Jahrzehnte für die wenigen Kinder eine jüdische Privatschule existent, die auch von Kindern aus Waltrop besucht wurde. 1844 wurde diese geschlossen; fortan suchten jüdische Kinder christliche Schulen auf.

Kurz nach der Ansiedlung der ersten Familien war bereits ein kleines Beerdigungsareal an der Düppelstraße angelegt worden.

Seit 1855 gehörte Datteln zusammen mit Ahsen, Herten, Horneburg und Waltrop zum Synagogenbezirk Recklinghausen.

Juden in Datteln:

        --- 1814 .........................  2 jüdische Familien,

    --- 1836 .........................  2     “        “   ,

    --- 1847 .........................  3     “        “   ,

    --- 1871 ......................... 31 Juden,

    --- 1880 .........................  5 jüdische Familien,

    --- 1900 ......................... 56 Juden,

    --- 1910 ......................... 38   “  ,

    --- 1925 ......................... 38   “  ,

    --- 1933 ......................... 33   “  ,

               --- 1937 ......................... 21   “  ,                       

    --- 1939 (Dez.) .................. 19   "  ,

    --- 1942 .........................  ?   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Reg.bez. Münster, S. 286

und                G.Möllenhoff/R.Schlautmann-Overmeyer (Bearb.), Datteln, in Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen ..., S. 277/278

Zu Beginn der 1930er Jahre lebten ca. zehn jüdische Familien im Ort; ihren Lebensunterhalt verdienten sie im Manufaktur- und Einzelwarenhandel, zwei Familien waren im Viehhandel tätig und besaßen eine Metzgerei.

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Textil-Kaufhaus der Familie Hecht links im Bild (hist. Postkarte u. hist. Aufn., aus: datteln.de)

Auf Grund zunehmender Repressionen gaben noch im Jahre 1933 drei jüdische Geschäftsleute ihren Betrieb auf; die beiden Textilgeschäfte von David Goldberg und Sophie Hecht mussten zwei Jahre später diesen Schritt tun. Jüdischen Händlern auf dem Dattelner Wochenmarkt wurde eine von den übrigen Marktbeschickern getrennte Verkaufsfläche zugewiesen; später dann sogar das Betreten des Marktes verboten. Mit der „Arisierung“ der letzten zum Kleinhandel geschrumpften jüdischen Geschäfte verschwanden Ende 1938 auch diese aus dem Stadtbild.

Ob das kleine Synagogengebäude, in dem Ende Oktober 1938 der letzte Gottesdienst stattfand, während des Novemberpogroms im Innern demoliert wurde, ist nicht eindeutig belegt. Denn das Gebäude war bereits Monate zuvor für eine Kaufsumme von 1.700,- RM in den Besitz des benachbarten Bäcker übergegangen; die jüdische Gemeinde durfte aber das Gebäude noch einige Zeit nutzen: Am 23.Oktober 1938 wurde hier der letzte Gottesdienst gefeiert.

Einigen Dattelner Juden gelang noch vor Kriegsbeginn ihre Emigration. Bereits ab Februar 1939 wurden die noch in Datteln verbliebenen jüdischen Bewohner in drei „Judenhäusern“ ghettoisiert; gegen Ende 1941 mussten sie den Ort verlassen; vor ihrer Deportation waren sie in einer Baracke am Weser-Datteln-Kanal interniert.

 

Das ehemalige Synagogengebäude - im Krieg durch einen Bombentreffer beschädigt - wurde 1948 zum Wohnhaus umgebaut und seit den 1970er Jahren als Lagerraum/Garage benutzt; es wurde 1984 im Zuge von Straßenbaumaßnahmen abgerissen. Seit Beginn der 1990er Jahre befindet sich im Rathaus eine zweiteilige Gedenktafel mit der folgenden Inschrift:

        Aber dein Haus soll beständig sein. 2 Samuel 7,16

Zum Gedenken an die jüdische Gemeinde in Datteln, die in den Jahren von 1814 – 1942 das Leben der Einwohner mitgestaltet hat. Diese jüdischen Bürger erlitten durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft von 1933 – 1945 schweres Unrecht und unsagbares Leid. Wenige konnten durch Emigration ihr Leben retten. Für viele andere brachte der Pogrom Schmerz, Schmach und grausamen Tod.

Seit 2011 werden in Datteln sog. „Stolpersteine“ verlegt; inzwischen sind es ca. 20 Steine (Stand 2021), die Opfern der NS-Gewaltherrschaft gewidmet sind.

 Vier "Stolpersteine" in der Mittelstraße Stolperstein Datteln Mittelstraße 18 Hanna Rosenbaum Stolperstein Datteln Mittelstraße 18 Leopold Rosenbaum

Stolperstein Datteln Carl-Gastreich-Straße 5 David GoldbergStolperstein Datteln Carl-Gastreich-Straße 5 Hedwig GoldbergStolperstein Datteln Carl-Gastreich-Straße 5 Berta GoldbergStolperstein Datteln Carl-Gastreich-Straße 5 Hans GoldbergStolperstein Datteln Carl-Gastreich-Straße 5 Charlotte Goldberg

in der Carl-Gastreich-Straße  (alle Aufn. T., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Am Eingang des jüdischen Friedhofs ist eine Tafel angebracht, die die historischen Daten der jüdischen Gemeinde von Datteln aufzeigt. Das Begräbnisgelände, das während der Kriegshandlungen weitgehend zerstört worden war, weist heute noch acht Grabsteine auf. Eine dort angebrachte Tafel informiert den Besucher in chronologischer Abfolge über die jüdische Geschichte der ehemaligen kleinen Gemeinde.

           Bildergebnis für datteln jüdischer friedhof Aufn. aus: initiative-datteln.de/die-perlen-der-stadt

 

In Ahsen, einem Ortsteil von der Stadt Datteln, gibt es auch einen jüdischen Begräbnisplatz; der kleine am Heidgartenweg gelegene Friedhof (eröffnet 1824, geschlossen 1873) besaß nur fünf Grabstätten. Während der NS-Zeit wurde der Friedhof zerstört und die Grabsteine entfernt. Heute erinnert ein Gedenkstein an diesen Friedhof.

 

 

Seit 1855 bildeten die wenigen in Waltrop lebenden Juden eine Untergemeinde der Synagogengemeinde Recklinghausen. In den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts hatte sich eine aus nur wenigen Familien bestehende jüdische Gemeinschaft herausgebildet; 1816 waren drei Familien hierher gelangt; um 1840 zählte die Gemeinschaft knapp 30 Personen, die ihren Lebensunterhalt als „Handelsmänner“ bestritten, Jahrzehnte später als Geschäftsleute das Wirtschaftsleben im Ort maßgeblich mitbestimmten.

Im 19.Jahrhundert gab es in Waltrop einen jüdischen Betraum in einem Privathause; Pläne zur Errichtung eines Synagogengebäudes wurden nie verwirklicht. Zu Gottesdiensten suchte man später die Synagoge in Datteln auf. Seit ca. 1825 stand den Juden in Waltrop ein kleines Friedhofsgelände an der Hilberstraße zur Verfügung, das bis 1906 genutzt wurde; danach beerdigte man die Toten auf einem Gräberfeld des neu angelegten Kommunalfriedhofs.

Zu Beginn der 1930er Jahre setzte sich die israelitische Gemeinde aus ca. 20 Angehörigen zusammen; als Inhaber von Textil- oder Lebensmittelgeschäften waren die jüdischen Familien Rosenthal, Baum, Stern und Spanier fest integriert im Waltroper Alltag. Die letzte Familie soll Waltrop im November 1938 verlassen haben. Mehrere aus Waltrop stammende Juden wurden Opfer der „Endlösung“.

Während der NS-Zeit (oder bereits früher) wurden die Grabsteine des jüdischen Friedhof an der Hilberstraße vollständig beseitigt und vermutlich zum Wegebau zweckentfremdet. 1982 wurde auf dem einstigen Friedhofsgelände ein Gedenkstein aufgestellt.

Gedenkstein auf dem jüd. Friedhof Waltrop (Aufn. Dagmar Hojtzyk, 2011 )

In der Innenstadt von Waltrop findet man derzeit 16 sog. „Stolpersteine“, die an Angehörige jüdischer Familien erinnern, die in der Stadt lebten und in der NS-Zeit verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. So erinnern seit 2022 an vier Standorten derartige messingfarbene Steine an die Familien Baum, Rosenblum, Rosenthal und Spanier.

Auf dem ehemaligen von 1823 bis 1906 genutzten jüdischen Friedhof sucht man heute vergebens Grabsteine; sie sind alle „verschwunden“. Nur ein Gedenkstein erinnert hier an die kleine jüdische Gemeinschaft von Waltrop.

 

 

 Weitere Informationen:

Adolf Hunke, Geschichte der Juden in Datteln (Maschinenmanuskript), Datteln 1935

Heinz Reuter (Bearb.), Die Juden im Vest Recklinghausen. Ihre gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, unter besonderer Berücksichtigung der Synagogengemeinde Recklinghausen, in: "Vestische Zeitschrift - Zeitschrift der Vereine für Orts- und Heimatkunde im Vest Recklinghausen", Hefte 77/78 (1978/79), S. 19 ff.

Sigrid Schäfer, Das Volk leidet unter Verfolgung: Ausgewählte Schicksale aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt Datteln, (unveröffentlichte) Examensarbeit, Dortmund 1985

Werner Schneider, Die jüdische Gemeinde in Datteln, in: 50 Jahre Stadt Datteln 1936 - 1986. Beiträge zur Vergangenheit und Gegenwart, Datteln 1986, S. 321 - 326

Theodor Beckmann/Thomas Mertens, Juden in Datteln. Bilder, Dokumente und Berichte zur Verfolgung und Vernichtung der Dattelner Juden 1933 - 1945, Datteln 1988

Jürgen Moers, Jüdische Friedhöfe im Vest, in: "Vestischer Kalender", No. 67/1996, S. 210 f.

Günter Birkmann/Hartmut Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 95/96

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Reg.bezirk Münster, J.P.Bachem Verlag, Köln 2002, S. 286 – 289

G.Möllenhoff/R.Schlautmann-Overmeyer (Bearb.), Datteln, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Münster, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XLV, Ardey-Verlag, München 2008, S. 272 – 282

Dattelner Stolpersteine rufen großes Echo hervor, in: lokalcompass.de vom 14.12.2011

Auflistung der in Datteln verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Datteln

Initiative Datteln (Hrg.), Stolpersteine erinnern an NS-Opfer, online abrufbar unter: nitiative-datteln.de/die-perlen-der-stadt/stolpersteine-in-datteln/  (Anm. mit Personendaten und Abbildungen der Stolpersteine)

Sebastian Balint (Red.), Reichspogrom kam in Datteln einen Tag später, in: „Dattelner Morgenpost“ vom 9.11.2018 (online abrufbar unter: "Initiative Datteln")

Eva u. Eugen Holtkamp (Red.), Waltrops Juden im Dritten Reich Wie aus angesehenen Bürgern Verfemte wurden , online abrufbar unter: seniorenbeirat-waltrop.de (2019)

Pascal Buddäus (Red.), Jusos gedenken der Opfer des Nationalsozialismus – Stolpersteine erinnern an jüdische MitbürgerInnen, in: lokalkompass.de vom 26.1.2022

Markus Weßling (Red.), „Ein Stein, ein Name, ein Mensch“ - Waltrop hat jetzt 16 „Stolpersteine“, in: „WZ – Waltroper Zeitung“ vom 13.6.2022